Hundeschule

Heute gibt es so viele kluge Hunde. Das Helikopterfrauchen meldet sich nämlich umgehend mit ihrem Welpen zur Hundeschule an. Nur warum habe ich oft das Gefühl, die Dumme am anderen Ende der Leine zu sein?

„Das ist ein ganz schlauer“, sagte die Tierärztin zu mir, als ich mit dem vier Monate alten Lagotto Welpen zum ersten Mal bei ihr war. Woran ihr das klar wurde? Ich weiß es nicht. Ich antwortete, dass ich ihn, vielmehr uns, bereits zur Vorschule angemeldet habe. Sie lachte. „Der macht bestimmt mal Abitur!“

Ein halbes Jahr später bin ich mir da nicht mehr sicher. Nicht nur das Abitur (?!) ist in weite Ferne gerückt. Nachdem Boomer tatsächlich als der Streber seiner Klasse begonnen hatte, gab es zwischendurch eine Phase, in der er wie ein Esel stur und starr auf dem Trainingsplatz stand und nicht bereit war, auch nur eine Pfote krumm zu machen. Sitz? Fehlanzeige. Komm? Von wegen. Während die einen dies mit Hinweis auf die Pubertät – ich habe tatsächlich ein PuberTIER zur Hause…. – zu rechtfertigen versuchten, sagte eine hinzugezogene Hundeexpertin: „Ne, der ist einfach eigensinnig. Und der hat längst raus, dass er damit bei dir durchkommt.“

Verstanden. Es ist mit Hunden so wie mit der Kindererziehung – läuft etwas falsch, sind immer die Eltern schuld. Also, sage ich mir, jetzt reiß dich mal zusammen und zeig ihm, wo es langgeht!

Hundeführerschein

Hundeführerschein??? Bis vor wenigen Monaten hatte ich keinen blassen Schimmer davon, dass Hunde auch einen Führerschein brauchen. Nein, schon falsch. Sie brauchen auch gar keinen Führerschein, das andere Ende der Leine braucht ihn, um nachzuweisen, dass das Hund-Mensch-Team zusammen gut funktioniert. Darum, also, nun, mal los!

Seit Anfang des Jahres gilt in Berlin Leinenzwang. Nur wer die Prüfung zum Hundeführerschein besteht und den Nachweis erbringt, dass der Hund auf wichtige Kommandos hört und keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt, ist in manchen Situationen und Orten davon befreit (es gibt nur wenig Ausnahmen, aber na ja…), nachzulesen in der Berliner Zeitung.

Gut, ich bin angemeldet zu einem Hundekurs, der genau darauf vorbereitet:

in zehn Stunden zum Hundeführerschein! Yippieh! – – Zehn Stunden sind lang. Mit den Stunden ist es ja nicht getan. In den Stunden wird angerissen, was dann später bei der Prüfung klappen sollte. Das Einüben findet im Alltag statt. In der ersten Stunde ging es darum, das BLEIB (ich sage WARTE) zu üben und zeitlich auszudehnen. Klappt bei uns in Übungssituationen schon ganz gut, zu Hause nicht. Sage ich WARTE und gehe, läuft Boomer mir nach. Zu Hause sind wir beide Meister im Synchron-die-Treppe-hochgehen. Das ist aber leider nicht prüfungsrelevant. Also üben, üben, üben.

Ganz beliebt ist die Übung: der Umorientierungspfiff. Der Hund stromert und schnüffelt irgendwo. Ich pfeife (langgezogen, nicht den kurzen Rückrufspfiff), er schaut auf und wird belohnt.

Dann das Zehn-Leckerli-Spiel (ich hasse dieses Spiel, ehrlich, was ich da an Futter raushaue, Augenrollen…): Zehn Leckerli vor der Nase des Hundes in die Hand abzählen, dann eins wegwerfen, er holt es sich, wenn er aufsieht, Markerwort, neues Leckerli werfen. Das ganze 10mal. Wenn es blöd läuft, heißt es: Und noch eine Wiederholung bitte.

Dazwischen gibt es immer wieder die sogenannte ISO-Übung. Klingt wie eine deutsche Qualitätsnorm? Ist es auch, irgendwie, denn diese Übung machen wir schon seit der ersten Stunde Vorschule. Der Hund sitzt auf seiner Decke. Man legt ihm die Hand auf die Schulter, Markerwort, Belohnung, dann die Hand wechseln. Auf jeder Seite ca. 5 Durchgänge. Für Boomer bedeutet es eine echte Anstrengung, so lange auf der (verhassten) Decke zu sitzen und nichts passiert, da verlieren sogar die Belohnungen langsam an Bedeutung. Aber beim Wort Schulter reagiert er mittlerweile auch in Alltagssituationen, auch ohne Decke und Leckerli, einfach auf Stimme und Berührung, sollte wohl auch der Effekt sein, ich weiß….

Auf dem Weg zum Hundeführerschein

Theorieprüfung

Oje, auf den letzten Metern vor dem Test habe ich dann doch noch Panik!!! Ich hatte die Sachkundeprüfung auf die lockre Schulter genommen und mir keine großen Gedanken gemacht. Dann erhielt ich mittwochs eine Mail mit dem Hinweis, dass am Samstag, als drei Tage später, die Prüfung stattfindet. Ich also ran an den Lernstoff – und lade mir erst einmal eine App auf mein Handy, um die ca. 250 Fragen zu üben: multiple choice, also halb so wild, oder? Nein? Nein. Denn die App bot mir 5 mögliche Antworten, aber nur eine davon war richtig. Allein mit gesundem Menschenverstand (und Ausschlußverfahren) ist dieser Test zu bestehen. Freitagabend, kurz vor Mitternacht, lese ich mir noch einmal ein Buch zum Hundeführerschein durch. Hier wird nach einer anderen Methode gefragt, die so lese ich auf der Homepage der Hundeschule (!) auch in der Prüfung verwendet wird: Von 5 Antworten können auch bis zu 5 mögliche richtige Antworten dabei sein!!! Das macht die Sache doch schon erheblich komplizierter. Nach der Methode falle ich durch, denn ich übersehe fast bei jeder Aufgabe, dass mehr als eine Antwort zutreffend ist. Am Samstag um 12 Uhr – high noon – sitzen acht Prüflinge bei Sonnenschein, aber ordentlich Wind auf Bierbänken vor der Hundeschule. Es gibt drei verschiedene Prüfungsbögen, damit wir auch ja nicht voneinander abkupfern. Und gleich der erste Fragenblock kommt mir ziemlich unbekannt vor: Alles Fragen rund um Hunde aus Tierheimen und Tierschutzorganisationen. Dazu hat mir die App keine einzige Frage gestellt, mimimimi… Dürfen solcche Tiere am Flughafen von ihren zukünftigen Besitzern abgeholt werden? Bleiben sie zur Probe in den neuen Familien? Ich weiß es nicht. Ist das so wichtig für den Hundeführerschein? Schließlich sind wir doch hier, weil wir schon längst die Hund zu Hause haben… mit oder ohne Flughafen-Shuttle-Service! – – Ich kreuze an, was mir hier „logisch“ erscheint und mir mein nettes Gegenüber zurät. Wir flüstern an unserem Tisch miteinander wie vor 30 Jahren, als schrieben wir eine wichtige Klassenarbeit, bei einer nicht ganz so strengen Lehrerin. Wie in der Schule ist hier auch einer dabei, der nach ca. 10 Minuten mit den viele Seiten umfassenden Bogen fertig ist und einfach geht – Streber! Ich bin die letzte, die abgibt. Nicht nur ich bin mir unsicher, ob das gereicht hat. Man besteht, wenn mindstens 70% richtige Antworten angekreuzt wurden. Noch weiß ich nicht, wie viele Punkte ich erzielt habe, Dass ich bestanden habe, hat mir die Trainerin gestern gesagt. Schwein gehabt!

Dieses Buch ist super zur Vorbereitung – hätte ich mich nur von Anfang an daran gehalten!!!: Der Hundeführerschein. Das Original. Sachkunde – Basiswissen und Fragebogen, von Celina del Amo u.a.

Geschafft! Aber fast vergeigt …

Mittlerweile ist Gras über die Sache gewachsen. Boomer und ich haben die praktische Prüfung bestanden. Worum ging es dabei? Rückruf, auch unter Ablenkung, um die Kommandos Sitz, Bleib und Platz, Aus, Hygienekontrolle mit Pfoten, Ohren und Nase, das Einsteigen aus dem Auto und ins Auto mit den gebührenden Sicherheitsregeln. Dann ging es mit Leine in die Stadt. Wie verhält sich der Hund beim Kontakt mit anderen Menschen? Wie reagiert er auf andere Hunde? Seitenwechsel auf dem Bürgersteig, das Überqueren einer Straße – so etwas eben. Der Hund musste nicht (so war es bei uns) akkurat bei Fuß laufen. Es reicht aus, dass er entspannt „neben“ einem läuft und nicht den Leinenrambo gibt.

Die Herauforderungen für uns waren:

Ich sitze auf einer Parkbank, Boomer liegt im Platz oder sitzt, und es kommt eine weitere Person dazu, die sich neben uns auf die Bank setzt. Der Hund sollte im besten Fall liegenbleiben, natürlich nicht bellen und kein Theater machen. Der Hund dürfte – wenn der andere das erlaubt – schnüffeln und die fremde Person nach Absprache begrüßen, ohne dabei zu aufdringlich zu sein. Was macht Boomer? Kaum kommt eine Person auf uns zu und setzt sich neben mich, springt Boomer auf und wedelt mit dem Schwänzchen. – – In der Prüfung hat das mit dem Sitzenbleiben nur geklappt, weil ich ihn ordentlich dazu aufgefordert hatte und sofort mit Leckerli belohnt habe. Das war harte Arbeit für uns. Boomer springt niemanden an und bellt auch nicht einfach, aber begrüßen möchte er Menschen schon. Es gab Zeiten, da fand er Zweibeiner wesentlich spannender als Vierbeiner…

Aber warum hätten wir es fast vergeigt?

Weil ich doofe Kuh, vor der Prüfung noch im Hundeauslaufgebiet war. Einfach entspannt und ohne Leine eine kleine Runde drehen, damit Boomer vor der Prüfung nicht so aufgedreht ist. Das Gegenteil war der Fall. Kurz vor Verlassen des Hundeauslaufgebietes – ich halte die Leine schon bereit! – kommt ein American Shepherd auf uns zu und Boomer ist von einer auf die andere Sekunde ein anderer Hund! Die beiden Hunde stürmen davon, toben, jagen, lassen Menschen links liegen, hören auf kein Kommando. Als ich Boomer endlich separiert habe und die Autotür aufmache, springt der Shepherd, der noch weniger zu hören scheint, vor Boomer in unser Auto (!) und dann wieder hinaus, Boomer reißt sich los und die Jagd beginnt von vorn. Langsam rückt unser Prüfungstermin näher. Ich werde mehr als nervös – oder ist das schon Panik? Die Hunde haben ein Schlammloch entdeckt und darin wälzen sie sich. Boomer, der in seinen Papieren unter Fellfarbe mit „weiß“ geführt wird, ist jetzt wildschweinbraun. Ich flippe völlig aus, kralle mir den Hund, zerre ihn von dem Shepherd weg – sehr selbst aus wie ein Wildschwein – und breche im Auto (Türen verriegelt) in Tränen aus. So können wir doch nicht zur Prüfung gehen? Ich rase nach Hause. Die Familie spritzt den Hund im Garten mit der Gartendusche ab. Ich ziehe mich um – sehe trotzdem noch wie durch den Wind aus.

Ich erreiche den Prüfungsplatz gerade noch pünktlich. Boomerls lockiges Fell ist klatschnass – wie ein begossener Pudel, ähm, Lagotto! Die ersten Übungen auf dem Platz gelingen uns nicht so gut. Normalerweise war Boomer sonst der Streber seiner Klasse. Zum Beispiel weigert er sich plötzlich, in den Platz zu gehen. Dann unterbreche ich und mache mit ihm die „Schulterübung“ (oben erklärt) und wir beide fahren runter.

Am Ende heißt es bestanden – mich hat es Nerven gekostet. Hätte ich eine stinknormale Gassirunde an diesem Tag gewählt, wäre mir und Boomer einiges erspart geblieben. Tut mir echt leid, Fellnase!!!

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