Lila Grün: Mein Online-Roman geht in die nächste Runde

Seit langem reift in mir die Idee für meinen nächsten Roman. Und da mit der Corona-Krise auch die Buchbranche ziemlich unter Druck geraten ist – viele Verlage und Agenturen nehmen momentan keine neuen Projekte an – habe ich mich entschlossen, mein nächstes Buch online zu veröffentlichen. Ein Fortsetzungsroman, der sich von Woche zu Woche entwickelt. Meine Figuren besitzen schon eine Biographie – nur mein wichtigster Charakter, ein streunender Hund, den alle nur Schnauze rufen, muss mir noch etwas mehr über sich erzählen hier geht es nun weiter mit der Geschichte!

LILA GRÜN, Kapitel 2

Der Anfang vom Ende

„Du brauchst einen Hund.“

Caro zieht an ihrem Strohhalm und saugt den letzten Rest ihres Gin Tonic aus dem Glas.

„Einen Hund? So ein Quatsch! Wieso einen Hund?“ Ich brülle gegen die Clubmusik an. Die Beats wummern in meinen Ohren. Längst bereue ich, Carolines Drängen nachgegeben zu haben, endlich mal wieder mit ihr tanzen zu gehen. Das war ein Fehler.

„Damit du über ihn hinwegkommst.“

„Ich habe ihn verlassen. Schon vergessen?“

Ich kippe den Cocktail, an dem ich mich nun schon eine ganze Weile festhalte, in einem Zug hinunter. Er sieht aus wie Saft und hat die Farbe von Blutorange, aber er brennt in meiner Kehle und sorgt umgehend dafür, dass mir heiß wird, also noch heißer, als mir vom Tanzen eh schon war.

„Wenn du meinst.“

„Du siehst es anders?“ Ich räuspere mich. Da sitzt etwas fest in meinem Hals, das der Alkohol nicht mit hinunter gespült hat. „Er ist nach Boston zurückgekehrt.“

„Immerhin. Er hat gefragt, ob du mitkommen möchtest.“

Dass Caro immer wieder darauf herumreiten muss! Ich deute auf den Ausgang. Ich kann nicht atmen zwischen all den schwitzenden Körpern. Meine Lungen sind darauf nicht trainiert. Caro sträubt sich. Sie möchte tanzen, sich bewegen, noch mehr schwitzen und da ist auch noch dieser Typ mit den dunklen Locken. Er beobachtet sie und wartet nur darauf, dass Caro wieder auf die Tanzfläche kommt. Aber das ist mir egal. Ich bahne mir einen Weg durch die Menge. Caro folgt mir widerwillig. Draußen stehen ein paar Raucher. Ein Pärchen, das laut streitet. Die Frau schubst den Mann. Er torkelt auf die Straße. Ein vorbeifahrendes Auto hupt.

Ich atme tief ein. Es ist kalt und regenfeucht, so als könne ich die Luft greifen und dann in Gläser abfüllen, um sie mit nach Hause zu nehmen. „Tanz in den Mai“ stünde auf dem Etikett. Und wenn mir danach ist, schraube ich den Deckel ab und nehme eine Brise. Und mit dem Geruch fällt mir dieser Abend wieder ein: Caro und ich in einem Club. Mein Körper spielt mit, aber mein Herz ist nicht dabei. Es wohnt schon lange nicht mehr bei mir. Mein Herz steckt in dem Glas mit der Aufschrift: Abschied. Und die Luft riecht nach Kerosin. Vor einem Jahr habe ich einer Langstreckenmaschine beim Starten zugesehen, nicht weil Flugzeuge mein Fetisch sind oder mich das Fernweh packte. Er saß darin. Und ich hätte den Platz neben ihm einnehmen können. Reihe 19. Ein Fensterplatz.

„Du meinst also, ich habe einen Fehler gemacht? Ich hätte mitgehen sollen? Ich habe so lange darüber nachgedacht …“

„…und du denkst immer noch darüber nach. Komisch, oder?“

„Willst du mich etwa loswerden? Hätte ich mit ihm gehen sollen?“

„Okay, ist schon gut. Ich lege nur gern den Finger in die Wunde. – Ich kann verstehen, warum ihr nicht mehr zusammen seid. Er konnte an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne hineinzusehen. Klar, er hatte ein markantes Gesicht, männlich und so, breite Schultern, die Muskeln, wo sie hingehören …“

„Hörst du mal auf damit?“

„… aber Aussehen ist ja nicht alles.“

„Eben. Und trotzdem bin ich in deinen Augen eine arme, schwer vermittelbare Freundin, ein Klotz an deinem Partybein, eine, die keinen mehr abkriegt, gerade noch gut genug für einen Hund?“

„He! Zieh mal die Notbremse! Ich will nur dein Bestes!“ Caro spielt die Beleidigte.

„Wenn du es nicht bemerkt hast: Ich ziehe gerade die Notbremse. Du willst mich mit einem Hund verkuppeln.“

„Du sollst ihn nicht heiraten. Aber du brauchst Gesellschaft. Eine Aufgabe. Einen Freund.“

„Ich habe dich, oder etwa nicht?“

„Aber ich möchte nicht bei dir einziehen. Ich bin froh, dass die WG-Zeiten Geschichte sind, glaub mir. Und du willst das auch nicht … Außerdem hast du einen schlechten Musikgeschmack.“

Ich lasse mich jetzt nicht auf das Musikding ein – darüber geraten wir immer in Streit. Dafür kenne ich Caros Achillesverse. „Und ich hätte keinen Platz für deine Turnschuhsammlung.“

„Sneaker!“

Caro besitzt einen eigenen Raum für Turnschuhe. Es sind so viele, dass ich die Zahl nur überschlagen kann. Zählen wäre mir zu mühsam. Die Schuhe stapeln sich in ihren Kartons in extra angefertigten Regalen, die vom Boden bis zur Decke reichen.

„Siehst du, Lila! Und da kommt der Hund ins Spiel. Ein Hund ist viel pflegeleichter als ein Zweibeiner.“

„Ich soll mein Leben damit verbringen, Hundehaufen aufzusammeln?“

„Du gehst die Sache völlig falsch an. Überleg doch mal! Ein Hund ist der beste Freunde des Menschen, oder nicht?“

„Das ist ein Klischee.“

„Das ist eine Tatsache. Denkst du nicht manchmal noch an Foxie, Lenas quirligen Jack Russel Terrier?“

„Der mich gebissen hat?“

„Er war noch ganz jung und hat dich geknufft, weil du ihm ein Puppenkleidchen anziehen wolltest.“

„Ich war auch noch jung. Fünf Jahre alt. Höchstens.“

„Ah, du erinnerst dich. Dann weißt du auch noch, wie wir Lena immer beneidet haben? Als sie mit vierzehn die Windpocken bekam, wich Foxie nicht von ihrer Seite.“

„Warum hatte sie damals eigentlich die Windpocken? Ist das nicht eine Kinderkrankheit?“

„Das ist doch jetzt völlig nebensächlich. Also, wenn sie krank war, hat Foxie an ihrem Bett Wache gehalten …“

„Ich bin topfit.“

„Körperlich vielleicht. – Als ihre Großmutter starb …“

„Elli?“ An sie erinnere ich mich gut. Sie hat nur ein paar Häuser weiter gewohnt. Mein Blick folgt der grellbunten Leuchtreklame, die sich in einer riesigen Regenpfütze spiegelt. Magenta. Das Puppenkleid. Es besaß pinke Volants und Rüschen.

„Kein Kirschkuchen mehr“, Caro beschwört weitere Bilder unserer gemeinsamen Kindheit, „keine Regentage mit Kakao und Wolldecken in Tante Ellis Schuppen. Und wer hat uns da auf andere Gedanken gebracht? Na? Soll ich dir auf die Sprünge helfen? Klein, weiß mit braunen Flecken und einem Blick, der Eisberge zum Schmelzen bringt?“

„Pah!“

„Foxie. Und wir haben ihm diese Kunststückchen beigebracht.“

„Du und Lena.“

„Wenn du jetzt behauptest, du wüsstest nicht mehr, dass er sich auf dein Kommando hin auf den Boden fallen ließ und sich tot gestellt hat, dann …“

„Ich erinnere mich nicht.“

„Du hast ein Gedächtnis wie ein Goldfisch. Oder bist du wirklich ein Haustierhasser?“

„Ich mag Schildkröten.“

„Lebt Speedy noch?“

„Kann sein.“

„Nein.“ Caro schüttelt energisch den Kopf. „Du bist nicht der Schildkrötentyp. Das war mir früher schon schleierhaft. Warum schafft man sich ein Tier an, das das halbe Jahr im Kühlschrank verbringt?“

„Fünf Monate. Maximal.“

„Du brauchst einen Vierbeiner, den du auch mal drücken kannst oder der sich an dich anschmiegt, flauschig und weich und warm. Jemand der ein Freudentänzchen aufführt, wenn du nach Hause kommst. Jemand der dir das Stöckchen auch nach dem zehnten Mal mit Freude zurückbringt, egal, ob das Sinn macht oder nicht. Der dich mit großen Augen ansieht und für den du das tollste Lebewesen auf diesem Planeten bist.“

„Weil ich eine Dose öffnen kann?“

„Wie kann man nur so stur sein! Lila, ich meine es doch nur gut.“

„Für Ben brauchte ich nie Stöckchen werfen.“

„Ne, für diesen Kerl bist du dafür über jedes Stöckchen gesprungen, das er dir hingehalten hat. Ich bin eigentlich ganz froh, dass jetzt ein großer Ozean zwischen euch liegt.“

„Dann sind wir uns ja wenigsten in einem Punkt einig.“

„Lass uns reingehen!“, drängelt Caro. Aber Lila ist noch nicht so weit. Ein Pärchen kommt aus dem Club, ihre Körper haben sich ineinander verschlungen. Der Mann drängt die Frau an die Hauswand, sie küssen sich. Neben ihnen ziert die Fratze von Gollum mit blutunterlaufenden Augen die ausgewaschene Hauswand. Gollum betrachtet etwas in seiner offenen Hand. Aber was es ist, ein Ring oder eine Rolle Klopapier, wird von dem Pärchen verdeckt. Einen Schatz …

„Wenn du Hunde so toll findest, warum hast du dann noch keinen?“, drehe ich den Spieß um. Aber Caro geht darauf nicht ein. „Du sagst ja gar nichts. Wenn du keinen Hund möchtest, warum sollte ich dann einen wollen?“

Caros seufzt. „Vielleicht weil du nicht merkst, dass dich den ganzen Abend dieser niedliche Typ mit den dunklen anschmachtet? Ich meine, wer sowas nicht mitkriegt …“

„… ist reif für einen Hund?“

„Bis du für Zweibeiner wieder empfänglich bist.“

 „Nur, dass das klar ist“, mein Ton ist ungewohnt scharf, „ich hasse Hunde.“

„Dann lass uns bitte endlich wieder tanzen gehen, du wirst bestimmt schon vermisst!“ Ein Auto braust die Straße entlang, erwischt die Pfütze. Caro und ich schreien gleichzeitig auf. Dann lachen wir und fallen uns in die Arme. Caro ist schon ziemlich verrückt. Fast so verrückt wie ich.

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