Lila Grün

  • Ich bin ein visueller Mensch. Wenn ich ein neues Buchprojekt beginne, dann stelle ich mir meist schon das spätere Cover vor. Natürlich kann sich das Bild noch einmal im Laufe des Schreibens wandeln, aber es ist ein Anker für mich. Es greift die Stimmung auf, in der sich meine Figur befindet – wie dieses gezeichnete Cover. Lila wirkt beschwingt, fröhlich – ich stelle mir vor, dass eine Last von ihr gefallen ist. Welche das ist? Das hat sich letzte Woche am Beginn des Romans schon angedeutet, kommt aber bald ausführlich zur Sprache. Denn Lila Grün ist eine sympathische Frau mit vielen Talenten, deren Leben allerdings in eine Sackgasse geraten ist. Lebst du das Leben, das du leben willst? Oder fühlt sich dein Leben falsch an? Diese Fragen muss sich Lila ganz ehrlich beantworten.

Heute stelle ich Euch Lila erst einmal etwas besser vor. Das erste Kapitel. Jeden Sonntag folgt hier auf diesem Blog ein neues Kapitel … Ihr könnt also miterleben, wie meine Geschichte wächst und wächst und hoffentlich auch ihr Ende findet, irgenwann.

Lila Grün

Ich bin Lila. Lila Grün. Ich weiß. Wie kann man nur darauf kommen, zwei Farben in einem Namen miteinander zu kombinieren? Meine Eltern können das. Es gibt nichts, was sie nicht können – oder was sie sich nicht trauen. Meine Mutter Iris lief meinem Vater Hajo auf einer Demo über den Weg, wobei es das nicht wirklich trifft: Sie wurde ihm von einem Wasserwerfer vor die Füße gespült. Er half ihr auf und zog sie aus der Schusslinie. Ich sehe sie vor mir: Beide mit zotteligen langen Haaren und nass bis auf die Haut. Mein Vater mit seiner runden Nickelbrille und ein Stirnband, um seine Mähne zu bändigen, meine Mutter in ihrem gebatikten Lieblingsshirt, das ihr am Körper klebte. Mehr Durchsicht kann es bei einem ersten Date nicht geben. Bis heute verzichtet meine Mutter auf das Tragen eines BH`s. Meine Mutter sah ihrem Retter in die Augen, vergaß ihre Blessuren und die blauen Flecken, die sie davontragen würde, und auch die Pershing II Raketen. Die Liebe hatte sie getroffen. Und zwar mitten ins Herz. Iris Schmidt und Hajo Grün entschieden sich füreinander, aber gegen das Heiraten. Der klangvolle Doppelname Grün-Schmidt blieb uns erspart. An Grün ging aber kein Weg vorbei. Ein Jahr nach der Demo erblickte Viola das Licht der Welt. Sie hatte Glück. Viola klingt wenigstens nach einem echten Vornamen. Ihr erkennt das Muster? Iris. Viola. Lila. Meine Mutter liebt Farben im Allgemeinen und eine Farbe im Besonderen. Sie hat Kunst studiert. Viola quasi auch, denn sie wurde schon als Baby im Tragetuch in jedes Seminar geschleppt, das meine Mutter besuchen musste, um am Ende irgendwie einen Schein zu bekommen. Ich wurde geboren, als sie gerade ihr zweites Staatsexamen bestanden hatte. Hochschwanger absolvierte sie die Prüfung. Noch heute legt man es mir als Freude über ihr Bestehen aus, dass ich danach keine Lust mehr hatte, länger in ihrem Bauch zu bleiben. Und meine Geburt nach 48 Stunden Wehen sah man als das schönste Examensgeschenk an, das man ihr machen konnte.

Mittlerweile sitzt meine Mutter nicht mehr vor pubertierenden Schülern, sondern für die Grünen im Stadtparlament. Sie sagt, dass sei kein großer Unterschied. Ein Haufen Selbstdarsteller ohne Plan, die auf ihre Handys starren. Da bleibt dann eben auch für meine Mutter genug Raum, um sich zu entfalten und ihre Akzente zu setzen. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass vor wichtigen Sitzungen ein Körbchen herumgeht und alle Handys eingesammelt und in den Nebenraum gebracht werden. Sie hat sich für das Projekt „Grüner Daumen“ an Schulen stark gemacht: Schülerinnen und Schüler gärtnern jetzt am Nachmittag, jäten Unkraut und ernten – wenn es gut läuft – Miniaturtomaten und rosinenbombergroße Zucchinis. Nicht zu vergessen auf der Liste ihrer Erfolge sind die kostenfreien Hundekotbeutel, die es nun überall an Straßen, größeren Plätzen und in Parks gibt. Und die Müllkörbe werben mit der Aufschrift: Yeah! Gib’s mir! Das ist meine Mutter.

„Die Welt veränderst du nur im Kleinen“, sagt sie. Und der Satz passt so ziemlich zu allen Lebenslagen. Meine Familie hat sich dem Projekt Weltverbesserung mit Haut und Haaren verschrieben. Und das meine ich wörtlich. Mein Vater ist Chemielehrer. Zahnpasta, Shampoo, Seife, Fugenreiniger – egal was, er stellt es her: umweltschonend und biologisch abbaubar. Dass ich von seiner Fettcreme Pickel bekomme, liegt natürlich an meiner Haut, nicht an seiner Rezeptur. Meine Eltern wollen die Welt retten. Darunter tun sie es nicht. Und wenigstens Viola schlägt ganz nach ihnen. Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich mit den dreien verwandt bin. Als Fünfjährige habe ich gedacht, ich sei ein Pflegekind. Als Fünzehnjährige war ich mir sicher, dass ich bei der Geburt vertauscht wurde. Mit Dreißig habe ich es eingesehen: Ich bin Teil dieser Familie. Nur etwas anders. Wie anders ich bin, kann ich schwer in Worte fassen. Leichter ist es, die anderen zu beschreiben. Viola zum Beispiel. Sie wusste schon immer, zumindest so lange ich denken kann, dass sie Ärztin werden wollte. Sie operierte all unsere Stofftiere, schnitt sie auf, sortierte ihr Innenleben und nähte sie wieder zu. Wenn ich mich mal verletzt habe und das Blut lief – ein aufgeschlagenes Knie, ein Schnitt in den Finger – dann habe ich die Augen zugekniffen und sie hat mich verarztet und ein Pflaster auf die Wunde geklebt. Blut ist für sie kein Problem. Und sie zögert keine Sekunde, wenn es darum geht, das Richtige zu tun. Als ich Siebzehn war und sie eine junge Medizinstudentin, gerieten wir auf der Landstraße in einen Unfall. Er war gerade erst geschehen. Viola stieg aus, rannte zu dem schwer verletzten Motorradfahrer, nicht ohne vorher den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Auto gegriffen zu haben, von dem ich gar nicht wusste, dass er existierte. Schon von weitem sah ich, dass sich unter ihm eine Blutlache auf der Fahrbahn ausbreitete. Ich blieb, wo ich war, während Viola erst sehr behutsam den Helm abnahm und überprüfte, ob der Mann bei Bewusstsein war. Danach band sie die Wunde am Oberschenkel ab und lagerte das Bein hoch. Irgendwann hörte ich das Martinshorn und atmete auf. Schnell weg von hier. Noch heute wäre es für mich ein Albtraum, in einen Unfall zu geraten und nicht zu wissen, wie ich mich dann verhalten soll. Im Gegensatz zu Viola habe ich im Erste-Hilfe-Kurs gepennt. Und jeder weiß, dass man in solchen Situationen auch genau das Falsche tun kann.

Seit Viola für Ärzte ohne Grenzen in Uganda arbeitet, nennt sie sich: Green. Viola Green. Und ja, auch ich denke bei ihr manchmal an Eva Green, die im gleichen Jahr wie meine Schwester geboren wurde. Sie könnten Zwillinge sein: Beide zählen zu den klassischen Schönheiten. Feingliedrig und schmal, blasser Teint, hohe Wangenknochen und Feuer in den dunklen Augen. Und ich? Ich tendiere eher zu ungelenk, Spaghettiärmchen und eine Körpermitte, die meine Großmutter als gebärfreudiges Becken bezeichnet. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass ich diese Eigenschaft nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen werde. Und das liegt nicht daran, dass ich über dreißig bin. Ich höre keine Uhr ticken.

Aber zurück zu mir. Was sind meine hervorstechendsten Merkmale? Würde die Polizei nach mir fahnden oder eine Vermisstenanzeige herausgeben, wäre klar, was dort stünde: Wir suchen eine durchschnittliche, blasse Frau mit den überdurchschnittlich roten Haaren und den Sommersprossen.

Kann man noch mehr vom Leben gepiesackt sein? Lila Grün, das Mädchen mit den roten Haaren. „Warum hast du keine grünen Haare?“ Wie oft habe ich den Spruch schon gehört? Ich habe aufgehört, darüber Buch zu führen. „Lila Grün. Orange. Rot. Bist du das Ampelmädchen?“ Meine Mitschüler bewiesen Kombinationsgabe. „Müsstest du nicht Rot Grün heißen?“ Später dann der Satz: „Tut mir leid, ich habe eine Rot-Grün-Schwäche.“ Die lustigen Wortspiele waren irgendwann aufgebraucht. Über keinen habe ich gelacht. Lustig finde ich das nicht. Nennt mich humorlos. Hat sich die Natur mit mir einen Spaß erlaubt? Oder haben die Gene meiner Eltern Scharade gespielt? Waren sie bekifft, haben sie Gras geraucht oder zu viele Räucherstäbchen abgebrannt? Mal im Ernst: Wie viele Menschen auf der Welt werden mit roten Haaren geboren? Zwei Prozent? Und ich gehöre dazu. Bingo. Und wie viele von den Rothaarigen heißen Lila? Genau. Ich schätze, es gibt nur eine Person auf diesem Planeten, auf die beides zutrifft. Als doppelt behindert hat mich die Klassenblondine bezeichnet. Zwanzig Jahre später weiß ich, dass ich sie wegen ihrer Ausdrucksweise drankriegen könnte, nicht gerade politisch korrekt, was sie da von sich gegeben hat, aber irgendwie doch auch sehr treffend: doppelt benachteiligt. So habe ich mich auf jeden Fall gefühlt. Und dann war da auch noch Frau Schiller, unsere Religionslehrerin. „Gott liebt alle Kinder, sogar die rothaarigen!“ Mit diesem Satz hat sie eindeutig den Vogel abgeschossen in der Reihe der unvergessenen Best-of-Lila-Sprüche. Gott liebt sogar jemanden wie mich. Sehr beunruhigend. Also stimmte es: Ich war anders als die anderen.

„Rote Haare sind ein Privileg“, sagt meine Mutter, „viele starke Frauen waren rothaarig.“ Und im Mittelalter wurden sie gern mal als Hexe verbrannt, aber davon will sie nichts hören. Sie selbst ist dunkelblond. Keine Ahnung, wer von meinen Ahnen mir das Rot vererbt hat. Statt Julia Roberts oder Nicole Kidman führt meine Mutter immer nur eine an: „Elizabeth I. war rothaarig!“ Aber mit dem englischen Königshaus sind wir wohl nicht verwandt.

Während ich mir die Herkunft meiner Haare nicht erklären kann, weiß ich eine Sache sicher: Männer stehen nicht darauf. Das sagt auch irgendeine Statistik, die ich gelesen habe. Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich gehörte zu den letzten Mädchen in meiner Klasse, die geküsst wurden. Und bis sich ein Junge in mich verliebt hat und ich mich in ihn, dauerte es noch einmal länger. Die Jungs kamen – und sie gingen. Und dann kam Ben. Er blieb. Seit Jahren töne ich mir meine Haare dunkler, um den Rotton zu dämpfen. Aber meine Haare waren wohl nicht das Problem in unserer Beziehung. Was war dann das Problem? Ich weiß es nicht. Aber ich hatte meine Gründe. Ich habe Ben verlassen. Das war vor einem Jahr. Fast auf den Tag genau.

Ich bin über ihn hinweg. Ganz ehrlich. Er fehlt mir nicht. Nichts feht mir. Niemand. Denke ich. Caro ruft an. Da muss ich rangehen. Sie will mit mir feiern. In einem Club. Wie lange war ich nicht mehr tanzen?

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