Muttertag

Heute ist Muttertag. Wie verbringt Ihr diesen Tag? Besucht Ihr Eure Mutter? Zu Zeiten von Corona ist das nicht so selbstverständlich. Ich sitze zu Hause und schreibe. Schließlich muss es eine Fortsetzung von Lila Grün geben, oder? Das dritte Kapitel, bitteschön!

Lila gibt Gas

Mein Magen ist etwas in Unordnung geraten. Und das liegt nicht nur an dem Cocktail, den mir Caro gestern abend unbedingt noch spendieren wollte. Etwas rumort in mir. Noch keine fünfzehn Minuten auf der Autobahn und schon fahre ich rechts raus. Ich brauche Koffein. Ich brauche Wasser. Ich brauche noch etwas Zeit. Sonst bin ich in einer weiteren Viertelstunde bei meinen Eltern. Und es ist noch nicht einmal Kaffeezeit. Dabei trinken meine Eltern gar keinen Kaffee. Meine Zunge klebt mir am Gaumen. Also dann. Ich rücke meine Sonnenbrille auf der Nase zurecht und quäle mich aus meinem kleinen Auto. Vor dem Eingang der Tankstelle greife ich mir noch einen dieser 08/15 Blumensträuße. Schließlich ist heute Muttertag. Wieder einmal habe ich es nicht geschafft, mir irgendetwas Persönliches auszudenken: eine Karte zu gestalten, ein Gedicht zu schreiben oder ein Foto von mir und meiner Mutter einzurahmen. Aber schließlich bin ich auch kein Kind mehr. Und ich fange jetzt nicht noch an, in meiner Freizeit kreativ zu werden. Meine Ideen brauche ich für meinen Job. Mit meinen Einfällen muss ich haushalten. Sie verbrauchen sich. Wenn ich nicht aufpasse, dann ist da nichts mehr. Das ist wie bei Milch und Müsli. Ich achte darauf, immer einen kleinen Vorrat davon zu Hause zu haben. Und wenn ich doch einmal vergesse, Milch zu kaufen und morgens ins Leere greife? Dann lasse ich das Frühstück ausfallen und gehe später einkaufen. Wenn ich in meinem Oberstübchen ins Leere greife – in welchen Supermarkt muss ich gehen, um ein paar Geistesblitze nachzulegen? Was wenn sich meine neuronalen Netze untereinander nicht mehr grün sind – kleines Wortspiel, sorry – wenn sie nicht mehr kooperieren? Wenn sie eine Pause brauchen und mich hängenlassen? Gestalte ich dann in Zukunft nur noch die Geiz-ist-geil-Sonderangebote von Discountmärkten?

Ich werfe die Blumen auf den Rücksitz. Der Pappbecher ist heiß. Ich lasse ihn in die Halterung in der Mittelkonsole gleiten. Gut, dass das meine Eltern nicht sehen. Denn sie haben sich Gedanken gemacht. Ich liebe Kaffee. Sie lieben es, Gutes zu tun. Also gab es für mich zu Weihnachten einen Coffee-to-go-Becher. Aus Porzellan. Mit Thermoschutz. Das Problem: Er passt nicht in die Getränkehalterung meines Autos. Der Becher jst zu bauchig. Er passt in kaum eine Handtasche, die ich besitze. Und er wiegt schwer. Fast so schwer wie ein Kaffeeservice. Er passt einfach nicht in mein Leben. Es gibt viele Dinge, die ich besitze, aber nie benutze. Und warum? Weil die Chemie zwischen uns nicht stimmt. Aber ich schaffe es auch nicht, mich von ihnen zu trennen. Und so steht der Porzellanbecher irgendwo in meinem Küchenschrank ganz hinten. Aus den Augen, aus dem Sinn? Mitnichten. Er schafft es, sich regelmäßig ins Gedächtnis zu rufen.

„Unglaublich!“ Ich wundere mich nur kurz darüber, dass ich mit mir selbst rede. Ob das erste Anzeichen dafür sind, dass ich schon zu lange allein lebe? Aber vom Coffee-to-go jetzt auf meinen Beziehungsstatuts zu verfallen? „Schluss damit!“ Ich habe es schon wieder getan. Na, wenn das nicht zu einer schlechten Gewohnheit wird.

Ich beschleunige. Und zwar richtig. Ich trete das Gaspedal durch und in meinem Übermut, andere nennen es Leichtsinn oder Selbstüberschätzung, keine Ahnung, greife ich mir den Pappbecher. Großer Cappuccino mit extra Shot und Zimtpulver. Ich nippe daran. Lila, sage ich mir, alles wird gut, du machst jetzt einen schönen Ausflug. Eine Landpartie. Einen Tag Ferien von der großen Stadt. Das wird toll! Toll?, hakt da sofort mein auf Krawall gebürsteter Persönlichkeitsanteil nach. Das Wörtchen „toll“ ist was für Menschen, die sonst keine Wörter im Angebot haben. Doch. Es wird toll. Aber vielleicht wird es toll im Sinne von verrückt?

Dass ich mit dieser Einschätzung ziemlich nah an der Realität landen würde, war mir nicht klar. Noch bevor ich den Blinker setze, um mich auf die A111 einzugliedern, gehe ich voll in die Eisen. Dabei kippe ich mir den immer noch recht warmen Kaffee über die Bluse. „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Der Wagen schlingert. Die Bremsen quietschen. Die Leitplanke kommt auf mich zu gerast. Ich reiße das Lenkrad zur Seite. Die rot lackierte Karosserie meines Wagens touchiert die Stahlkante. Der Wagen steht. Irgendwann. Ich springe aus dem Auto. Die kaffeebraune Bluse klebt mir auf der Brust. Ich sehe mich um. Zum Glück war niemand hinter mir, sonst hätte ich einen ordentlichen Unfall produziert. Wo ist das Tier, das auf die Fahrbahn gesprungen ist? Ich habe es überfahren! Ganz bestimmt. „Oh, Gott!“ Ich gehe auf die Knie, um unter dem Auto nachzusehen. Da ist nichts. Und auch sonst: kein Tier weit und breit. Das ist doch schon einmal eine gute Nachricht. Ich gehe um das Auto herum. Die schlechte Nachricht: Die Leitplanke hat einen häßlich grauen Balken in die rote Farbe gezogen – und zwar von vorn bis hinten. Wie kann man nur so blöd sein? Warum bin ich nicht im Bett geblieben? Warum?! Ich bin so unfassbar wütend! Und ohne noch länger über meine Dummheit nachzudenken, schreie ich sie lieber hinaus – die Wut auf mich selbst! Ich schreie so laut ich kann. Dabei balle ich die Fäuste und kneife die Augen zu. Shit happens! Mein „Ist-doch-nur-halb-so-wild“ Motivations-Ich übernimmt das Kommando. Also, weiter.

Mit knapp 80 km/h zuckle ich über die Autobahn. Nicht weil das Auto beschädigt wäre. Ich fühle mich beschädigt. Ich trauere um meinen Kaffee und finde das Gefühl von nasser Viskose auf nackter Haut ziemlich eklig. Als ich in einen höheren Gang schalte, stößt mein Ellenbogen an etwas, das sich zwischen den Vordersitzen befindet. Dieses Etwas gibt einen Laut von sich. Ich werfe einen Blick nach hinten. Dieses Mal bin ich weniger schreckhaft. Ich fahre rechts auf den Standstreifen, nehme meine Sonnenbrille ab. Da kauert es, im Fußraum vor dem Rücksitz: das Tier, das mich zu einer Vollbremsung gebracht hat und dem ich den Zustand meines Wagens zu verdanken habe. Ein Hund. Soweit ich das beurteilen kann. Überall sehe ich nur Fell, keine Augen, keine Ohren. Dafür schnüffelt seine feuchte Nase an meiner Hand. Er fährt eine lange rosa Zunge aus, schleckt mir über den Handrücken, um sie dann in den fast leeren Pappbecher einzutauchen, der zwischen uns in dem Getränkehalter steht. Mögen Hunde Kaffee?

Ich versuche, mich zu beruhigen. Aber meine Gedanken fahren Achterbahn. Was mache ich denn jetzt? Steht dazu etwas im Handbuch für sonderbare Zwischenfälle auf Autobahnen und Raststätten? Kann ich das googeln? Hilfe, in meinem Auto sitzt ein Tier? Wen kann ich anrufen? Die Polizei?

Als erstes recherchiere ich die Telefonnummer der Auotbahnraststätte. Nein, dort wurde kein Hund als vermisst gemeldet. Ich rufe die Polizei an. Nein, kein entlaufender Hund vermisst. Für den Fall, dass sich der Besitzer meldet, soll ich den Hund beschreiben.

„Hat er eine Marke?“

„Nein.“

„Welche Rasse?“

„Keine Ahnung.“

„Wie groß?“

„Das ist relativ, oder? Für mich ist er klein.“

„So klein wie ein Chihuahua?“

„Ist das der aus dem Film Natürlich blond?“

„Keine Ahnung.“

„Also er ist deutlich zu groß für die Handtasche.“

„Kniehoch?“

„Kleiner.“

„Farbe?“

„Rehbraun.“

„Aber es ist ein Hund, der ihnen vors Auto gelaufen ist?“

„Er hat längeres, leicht gelocktes Haar und seine Augen sind kaum zu sehen. Er sollte definitiv mal zum Frisör.“

„Danke. Das reicht uns erst einmal an Fakten. Ich gebe ihnen die Nummer der Berliner Tiersammelstelle.“

„Bringe ich ihn dort hin?“

„Melden Sie sich dort.“

Weiter geht’s zur Rufnummer der Tiersammelstelle. Nein, ein mittelgroßer, mittelbrauner Hund unbestimmter Rasse wurde nicht als vermisst gemeldet. „Niemand, der dich vermisst“, sage ich zu meinem blinden Passagier, der sich wie aufs Kommando zwischen den Sitzen hindurch nach vorne schiebt und es sich auf meinem Schoß bequem macht.

„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich ihn. „Wie soll ich so weiterfahren?“ Der Hund regt sich keinen Millimeter mehr vom Fleck. „Leg dich wenigstens auf den Beifahrersitz!“ Anscheinend spricht er meine Sprache nicht. Ich versuche, ihn von meinem Schoss herunterzuschieben. Er stupst mich mit seiner Nase an. Spitze Zähnchen streifen meine Hand, dann ruckelt er sich wieder auf mir zurecht. Ich traue mich nicht, ihn rabiat herunterzuwerfen. Oder ihn zu packen. Wie fasst man einen Hund an? Ich habe keine Ahnung. Und wenn ich etwas falsch mache? Oder wenn beißt? Hunde besitzen doch ein Raubtiergebiss, oder?

Nun gut. Er wirkt nicht wie ein gefährliches Raubtier. Eher wie ein Kuschelkätzchen. Ich fahre weiter. Das Fellknäuel bleibt, wo es ist, bis ich vor dem Haus meiner Eltern ankomme. Darüber, wie es jetzt weitergeht, hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Seitdem ich meine Stadtwohnung hinter mir gelassen habe, versuche ich nur auf das reagieren, was sich mir gerade in den Weg stellt. Eins nach dem anderen. Die Kunst der kleinen Schritte. So hieß das doch in dem Führungskräfteseminar unserer Agentur, das ich vor einiger Zeit besucht habe. Kaizen. Das mache ich jetzt:

Ich öffne die Tür. Das kleine Fellmonster erwacht aus seinem Schlaf und springt aus dem Auto. Meine Eltern, die mittlerweile beide an der offenen Eingangstür stehen und warten, dass ich aus dem Auto steige, blicken verdutzt auf das, was da zu ihnen den Gartenpfad hinauf hüpft. Meine Mutter lässt ihre Hand, mit der sie eben noch fröhlich gewunken hat, sinken. Was ist das für ein Ausdruck in ihrem Gesicht? Den zeigt sie nur sehr selten. Etwas zwischen Überraschung und Entsetzen.

„Was ist das?“, ruft Iris.

Dabei ist es ja offensichtlich, was da wedelnd auf sie zustürmt.

„Mein Muttertagsgeschenk!“, rufe ich.

Ihre Miene verdunkelt sich. Das erkenne ich sogar auf diese Entfernung.

Aber Apropos Geschenk! Wo sind denn die Blumen? Ich laufe zum Auto zurück. Bei den Blumen muss ich noch etwas Hand anlegen. Es fehlt die persönliche Note. Das wollte ich eigentlich vorher erledigen. Aber jetzt ist auch alles egal. Ich reiße die Folie herunter, ziehe das Blumenband, das den Strauß zusammenhält, ab und pflücke diesen häßlichen Miniaturfarn von den Rändern. Schnittgrün, das aussieht wie in einer Fabrik gestanzt. Wer denkt sich so etwas aus? Lila lässt den Strauss einmal auf die Erde fallen. Das, was sie vom Boden liest, könnte als ihr Werk durchgehen: cremfarbene Rosen, orange Gerbera und lila Freesien. Hat sie die nicht gestern beim Blumenhändler ihres Vertrauens selbst so zusammengestellt? Nein, bitte binden sie ihn nicht. Meine Mütter liebt es ganz natürlich.

„Lila!“, brüllt Iris. „Ist das dein Ernst?“

Sie schreit, obwohl sie die Blumen noch gar nicht gesehen hat.

„Du schenkst mir einen Hund? Ein Lebewesen verschenkt man nicht so leichtfertig.“ Als hätte er bemerkt, dass er hier nicht willkommen ist, dreht der Hund um und prescht den Weg zurück auf mich zu. Er springt an mir hoch, umkreist mich und sein Hinterteil wackelt. Kurz blitzen seine bernsteinfarbenen Augen auf. Er führt sich auf, als hätte er mich ewig nicht gesehen. Dabei lag er vor einer Minute noch im Auto auf meinen Knien. Im Schoß einer ihm unbekannten Person! Entweder ist er sehr dumm oder …

„Was ist mit deiner Bluse passiert?“

Die hatte ich ganz vergessen, mittlerweile ist sie fast trocken.

„Seit wann hast du einen Hund, Lila?“ Die Stimme meines Vaters klingt weniger panisch. Er klärt erst einmal die Fakten ab.

„Seit einer halben Stunde“, antworte ich und drücke meiner Mutter den Strauß in die Hand. Wir umarmen uns flüchtig. „Vielen Dank“, presst sie hervor, „das ist lieb, aber hätte wirklich nicht sein müssen. Du weißt, was ich vom Muttertag halte.“

„Ja, ich weiß. Und trotzdem. Herzlichen Glückwunsch!“

„Wie lange will der Muttertag noch weiter alte Rollenschklischees festschreiben?“ Sie trägt die Blumen durch die geräumige Diele in die große Wohnküche des alten Bauernhauses. „Ich meine, wir leben im Jahr 2020, aber in mancherlei Hinsicht könnte es immer noch 1950 sein.“

Auf diese Steilvorlage werde ich nicht eingehen. Vielleicht sind Mütter eine aussterbende Spezies und verdienen deshalb, an einem Tag im Jahr besonders geehrt zu werden? Weder ich noch Viola haben Kinder. Dafür haben wir eine Ausbildung. Wir stehen auf eigenen Beinen. Kein Mann in Sicht – zumindest, was mich betrifft. Noch mehr gelebter Feminismus geht wohl kaum …

„Dann hast du ihn eben erst abgeholt. Aus dem Tierheim?“, nimmt Holger den Faden wieder auf, „wie heißt er denn? Ist es ein er oder eine sie?“

„Er ist mir zugelaufen. Er hat keinen Namen. Und wenn ich raten müsste – „, ich sehe mir das zottelige Etwas an, „würde ich auf eine Hündin tippen.“

„Zugelaufen?“ Iris zieht eine Augenbraue nach oben und sieht mich über ihre Gleitsichtbrille hinweg an.

„Er ist mir vors Auto gelaufen, um genau zu sein.“

„Und da nimmst du ihn einfach mit?“

„Hätte ich ihn auf der Autobahn zurücklassen sollen?“

Das kleine Fellmonster sieht von mir zu meiner Mutter und wieder zurück. Die Haare vor seinen Augen haben sich geteilt. Es hat jetzt einen Pony. Wenn die Haare noch länger werden, kann ich daraus Zöpfe flechten.

„Wir können das ja im Garten besprechen“, schlägt Holger vor, „der Tee ist fertig.“

Der Hund findet den Garten wunderbar. Er hockt sich neben den Zitronenthymian und pinkelt.

„Das darf er nicht! Oder sie, der Hund eben“, ruft Iris. „Lila, tu was!“

„Sag ihm, dass er das nicht machen darf. Vielleicht hört er auf dich.“

Er schnüffelt sich tiefer ins Kräuterbeet hinein und läuft dann bis ans andere Ende des Grundstückes, wo er ganz offensichtlich unter den Apfelbaum kackt.

Meine Mutter atmet tief durch und nippt an ihrem grünen Tee. Ich erzähle, wie ich auf den Hund gekommen bin. Die Situation entspannt sich.

„Sicher vermisst ihn schon jemand“, gibt Holger zu bedenken.

„Bringst du ihn morgen ins Tierheim?“, fragt Iris.

„Ja.“

Sie niest. „Ich glaube, ich habe eine Hundeallergie.“ Um die These zu untermauern, niest sie noch einmal.

„Vielleicht ist dir auch einfach etwas kühl“, sagt Holger und reicht ihr einen Schal, der in allen Farben dieser Erde leuchtet. Sie lächelt und legt ihn sich wie eine Stola über die Schultern.

„Ist der neu?“

„Viola hat ihn geschickt.“

Sie sagt nichts weiter dazu. Aber ich bin mir sicher: Es handelt sich um ein Muttertagsgeschenk. Offenbar sind Muttertage doch nicht so antiqiert und überflüssig.

„Willst du dich nicht lieber umziehen?“, fragt Iris. Vielleicht möchte sie von Violas Geschenk ablenken. Vielleicht hat sie aber auch einfach nur Mitleid mit mir: Ich bin ziemlich durch den Wind aus – und so sehe ich auch aus mit den braunen Flecken auf der Brust.

„Jetzt haben wir schon die erste Tasse Tee getrunken, aber das Wichtigste fehlt noch!“

Meine Mutter springt auf. „Bleib sitzen, Holger, ich hole die Brownies. Du hast sie gebacken. Da kann ich auch etwas tun. Und dir Lila, bringe ich ein neues Shirt mit!“

Ich sehe ihr nach. Es duftet nach Flieder und in den Blumenkübeln leuchten Hortensien und Margeriten. Es ist schon schön hier draußen.

„Sie meint es nicht so.“ Mein Vater nimmt sie immer in Schutz. Das ist sein Job. Aber mein Job ist es, Tochter zu sein – und zwar die aufmüpfige. Wir beide, meine Mutter und ich, spielen seit Jahren unsere Rolle: Sie behauptet zu wissen, was gut für mich ist. Ich aber weiß es besser. Sie hält nicht hinterm Berg mit ihren Ratschlägen. Aber ich verweigere mich konsequent dem Mutter-Tochter-Coaching. Sie fühlt sich nicht geschätzt. Ich fühle mich nicht verstanden. Sie vertritt eine Meinung. Ich gehe in Opposition. Ping Pong. Hü hott. Schwarz weiß.

Aus der Küche dringt der gellende Schrei meiner Mutter. Ich springe auf und laufe ins Haus, gefolgt von meinem Vater. Auf dem Tisch steht das Fellmonster. Vor ihm die zerkrümmelten Reste der Brownies.

„Wie hat der Hund es auf den Tisch geschafft?“

„Tatsache ist, dass er es geschafft hat“, jammert Iris. „Das ist der Grund, warum ich keine Hunde mag!“

Nach dem ungeschriebenen Gesetz unserer Tochter-Mutter-Beziehung müsste ich jetzt eigentlich Partei ergreifen – und zwar für den Hund. Wenn sie Hunde nicht mag, dann muss ich den Part der Hundefreundin übernehmen. Fun fact: Ich hasse Hunde. Ich selbst habe das gesagt. Vor nicht einmal 24 Stunden. Ich atme tief durch.

„Das tut mir wirklich leid. Morgen bringe ich den Hund ins Tierheim.“

„Aber vielleicht solltest du vorher noch zum Tierarzt“, sagt mein Vater, „wenn ich mich nicht irre, ist Schokolade für Hunde giftig.“

Mein Vater irrt sich nie. Und so endet mein Muttertagsbesuch vorzeitig. Ich springe ins Auto, der Hund folgt mir unaufgefordert. Im Rückspiegel sehe ich, dass meine Mutter etwas zu meinem Vater sagt. Sehr viel später wird sie mir erzählen, was ihr an diesem Nachmittag bereits klar war: „Die beiden sind füreinander bestimmt.“ Das waren ihre Worte. Ich bin so froh, dass ich sie nicht gehört habe. Mein Dickkopf hätte das zum Anlass genommen, mich schnellstmöglich von meinem ungebetenen Gast zu befreien. So aber habe ich in diesem Moment nur den nächsten Schritt vor Augen: Den tierärztlichen Notdienst. Ich gebe Gas.

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