Home Sweet Home

Kapitel 5

Home Sweet Home

Von der Bellevuestraße biege ich in die Tiefgarage ab. Für einen Moment fühlt es sich so an, als wäre es ein stinknormaler Sonntag und ich komme von einem Ausflug nach Hause zurück. Aber es ist kein normaler Tag. Ich habe Hunger, Durst und eine Dusche ist überfällig. Und ich bin nicht allein im Auto. Da liegt ein Hund auf meiner Rückbank. Brownie. Während der Fahrt war er mucksmäuschenstill. Aber das wäre ich auch, wenn ich nur knapp dem Tod durch Gift entgangen wäre. Wobei ich den Verdacht hege, dass Brownie veganer Schokokuchen nichts anhaben kann. Nur die Behandlung durch Dr. K. hat ihm den Rest gegeben. Armer Hund! Armer Hund?

Die Erkenntnis trifft mich unvorbereitet: Hunde sind in meiner Wohnung nicht erlaubt. Die Vorschrift sagt: Vierbeiner müssen draußen bleiben. Was soll ich denn jetzt tun?

Ich lasse ihn hier. Er bleibt einfach im Wagen. Ist doch nur eine Nacht … oder? Ich steige aus und lasse die Tür zufallen. Brownie springt auf.

„Ich komme später und bringe dir Wasser.“ Brownie legt den Kopf schief. Ich ignoriere ihn und gehe weiter, drehe dann doch noch einmal um. „Und pinkel mir bloß nicht auf die Sitze!“ Mein erhobener Zeigefinger interessiert Brownie nicht. Es scheint, als versuche er in meinem Gesicht zu lesen, ob es mir ernst ist: Er soll bleiben, wo er ist und ich gehe? Mir ist es ernst. „Benimm dich, sonst klebe ich mir die Aufschrift ans Auto: Ich bremse nicht für Hunde!“

Große braune Hundeaugen sehen mich an. Geh nicht, flehen sie. Nimm mich mit! Humphrey Bogart. Ingrid Bergman. Schau mir in die Augen, Kleines! Ich kann Abschied nicht. Dies ist weder der Anfang noch das Ende einer wunderbaren Freundschaft.  

Ich wende mich ab und gehe schnell in Richtung Ausgang. Ich drehe mich nicht mehr um. Lass dich jetzt nicht einwickeln, sage ich mir. Brownie bellt. Er bellt! Na, toll! Ich bleibe stehen und schließe die Augen. Denk nach, Lila! Denk mal scharf nach! Aber ich will doch duschen, essen, schlafen. In dieser Reihenfolge. – – Aber da ist ein Hund in meinem Auto. Dort kann er nicht bleiben. Und er darf nicht in die Wohnung.

Also noch einmal von vorn. Es gibt ein Problem. Ich muss es lösen. Ich öffne die Augen und atme tief durch – und zwar warme abgasgeschwängerte Tiefgaragenluft. Sind das die Stickoxide, die mir das Gehirn vernebeln? Ich treffe eine Entscheidung. Pfeif auf die Regeln! Kaizen. Kleine Schritte. Wieder einmal versuche ich, mich nur auf den nächsten kleinen Schritt zu konzentrieren. Um das große Ganze kümmere ich mich später …

Da Brownie kein Halsband und keine Leine besitzt, muss ich den schweren Klops wohl oder übel bis zum Fahrstuhl tragen. Ich will nicht riskieren, dass er das Parkhaus erkundet, unter die Räder kommt oder Touristen erschreckt. Aber wenn uns nun jemand unterwegs sieht? Oder der Concierge uns auf dem Weg nach oben aufhält? In der Regel kann man hier nicht einfach so rein- und rausspazieren, wie man möchte.

Ich krame eine blaue IKEA-Tasche aus dem Kofferraum, die ich immer nur für Teelichter und Geschenkpapier benutze. Brownie lässt sich von mir dort hineinsetzen. Er scheint von seiner Kotzorgie – Entschuldigung! – noch etwas mitgenommen zu sein. Erst als ich die Tasche mit beiden Händen hochstemme und damit zum Fahrstuhl schwanke, versucht er sich zu befreien.

„Immer noch besser, als die Nacht im Auto zu verbringen, oder?“

Im Fahrstuhl springt Brownie aus der Tasche. Dass sich der Kasten bewegt, macht Brownie Angst. Er steht breitbeinig da und starrt unter sich.

„Bitte nicht noch einmal kotzen!“

Er würgt tatsächlich, aber es tropft nur etwas Speichel auf den polierten Boden. Im dritten Stock halten wir. Ich schnappe mir den Hund, damit er nicht wegläuft. Die Tür gleitet auf. Ein älteres Ehepaar möchte den Fahrstuhl betreten. Brownie bellt. Vielleicht bedeutet das: Guten Tag, schön Sie kennenzulernen! Oder aber: Zieht ab, das ist mein Territorium! Für mich hört sich sein Gebell eher nach Variante zwei an, aber ich bin nur Lila Grün. Von Hunden habe ich ungefähr so viel Ahnung wie von der Funktion eines Teilchenbeschleunigers oder einem Rezept für Schwarzwälder Kirschtorte.

„Nach oben?“, fragt der ältere Herr und ich nicke.

„Dann nehmen wir den nächsten. Wir wollen nach unten.“ Die beiden treten gleichzeitig zurück auf den Flur. Verstehe. Das ist auch besser so. Niemand will freiwillig auf kleinstem Raum mit einem kläffenden Köter eingesperrt sein. Pardon, Brownie, aber ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, wie ich zu haarigen Vierbeinern stehe …

Das Gebäude ist weitläufig. Ein kleiner Teil der Wohnungen steht leer oder kurz vor der Neuvermietung, so genau weiß ich das nicht. Ein großer Teil dient vermögenden Menschen aus allen Teilen der Welt als Zweitwohnsitz, manche werden als Ferienapartments vermietet. Und dann gibt es noch die Dauerbewohner. Von ihnen kenne ich nur Sam und Cleo, die eine Etage unter mir wohnen. Sam ist Musiker und Cleo leitet eine Kita in Moabit. Ich weiß, dass ich jederzeit auf einen Plausch mit Kaffee oder Wein nach unten gehen kann. Theoretisch zumindest. Denn wir erneuern regelmäßig unsere gegenseitigen Einladungen. Praktisch haben wir es in zwei Jahren vielleicht drei oder vier Mal geschafft, uns zu treffen. Aber wenn ich einsam bin, reicht mir die bloße Option, nach unten zu gehen, und ich fühle mich etwas getröstet.

Ich gebe zu, dass ich mich manchmal einsam fühle – trotz oder gerade wegen der riesigen Einkaufsmeilen und der XXL Kinosäle. Alles ist zu hoch, zu grell, zu bunt, zu laut, zu voll. So ist das eben, wenn man im Herzen einer Metropole lebt. Die einen lieben es, die anderen hassen es – und ich befinde mich irgendwo dazwischen.

Siebter Stock. Wir sind da. Die Aussicht ist, na ja, wie soll ich sagen: verbaut? Ich schaue anderen Menschen beim Arbeiten zu. Sollte ich mich tagsüber in diesem urbanen Loft aus Stahl und Glas aufhalten, kann ich beobachten, wie gegenüber geleckte Anzugträger mit ernster Miene Telefonate führen und sich dabei in der Nase bohren.

„Es gibt auch ganz hübsche Pinkelbäume, Brownie. Der Tiergarten ist nur einen Steinwurf entfernt.“

Brownie springt von meinem Arm und tobt durch die Wohnung. Seine Krallen schleifen übers Ahornparkett. Bens Parkett. Von uns beiden wurde es bisher nur in Socken oder barfuß betreten. Brownie dreht noch eine Runde.

„Gefällt dir die Wohnung?“

Eine Führung ist überflüssig. Innerhalb von Sekunden hat er jeden Winkel und jeden Bogen in meiner 60 Quadratmeter Wohnung erkundet. Obwohl ich hier seit drei Jahren wohne, kommt es mir immer noch so vor, als betrete ich eine großzügige  Hotelsuite: Boxspringbett, Pantryküche, Regenshowerdusche, Einbauschränke. Die Farben sind Sand, Beige und Braun. Insofern fügt sich Brownie hier wunderbar ins Inventar. Die bodentiefen Fenster dämpfen seinen jugendlichen Hundeübermut. Einen Meter vor der Scheibe bremst er ab und schmeißt sich flach auf den Boden. Ganz vorsichtig robbt er in Richtung Fenster, so als handele es sich um einen gefährlichen Felsvorsprung. Ich gehe neben ihm auf die Knie.

„Hast du Höhenangst, Kleiner?“ Ich streichle seine zottelige Seite. „Ich auch.“

Ben wollte diese Wohnung. Er wollte sie unbedingt. Ein gutes Investment, bekräftigte der Makler. Ben wollte nicht irgendwo wohnen. Er wollte im gepriesenen Hotspot wohnen. Einen Steinwurf von allem entfernt. Von allem? Der Philharmonie? Der Gemäldegalerie? Des Kunstgewerbemuseums?

Sicher nicht. Wir waren kein einziges Mal zusammen an einem dieser Orte. Ben genügte es, sich auf die Visitenkarte drucken zu lassen: Potsdamer Platz. Lena wohnt in Friedrichshain, Caro im Wedding. Aber für Ben kam nur Mitte in Frage. Um in die angesagten Clubs dieser Stadt zu gelangen, musste er sich dann trotzdem in die Bahn soder ins Taxi setzen.

„Gefällt es dir nicht?“

Brownie verharrt in seiner geduckten Haltung, auch sein Kopf ist gesenkt.

„Ich habe Hunger. Du auch?“

Brownie sieht mich aufmerksam an. Hundemenschen meinen ja immer, dass ihr Hund jedes Wort, das sie sagen, versteht. Tatsächlich kommt es mir auch so vor.

„Was hat Dr. K. noch einmal gesagt?“, frage ich ihn. Es fühlt sich übrigens besser an, mit einem Hund zu reden, als Selbstgespräche zu führen. Ich komme mir nur halb so verrückt vor.

„Der Doc hat gesagt: Du musst heute fasten.“

Brownie legt wieder den Kopf schief.

Ich bestelle indisches Huhn und Gemüse, Soße extra. Zwei Portionen, um auf den Mindestbestellwert zu kommen und den Lieferservice in Anspruch zu nehmen. Ich bestelle oft für zwei. Das ist wie Vorkochen. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Das Gericht muss ich nur in die Mikrowelle schieben und zack, fertig. Ich liebe es, die Dinge des täglichen Lebens so einfach wie möglich zu halten.

Meine Mutter versteht das nicht. „Hast du eine Ahnung, was die Strahlung mit dir macht? Die Mikrowelle tötet nicht nur alle Vitamine in deinem Essen – du kannst einen Tumor bekommen oder eine andere schlimme Krankheit! Ich hoffe, du hast die Mikrowelle nicht so hoch stehen – sonst wirkt die Strahlung direkt auf dein Gehirn.“

Die Mikrowellenverschwörung. Ein Thema von vielen, das meine Mutter immer wieder aufs Tapet bringt.

„Und wenn ich die Mikrowelle auf den Boden stelle, bekomme ich dann Fußkrebs?“

„Damit macht man nun wirklich keine Späße!“

Dabei weiß meine Mutter, dass sich die Mikrowelle über dem Backofen in etwa auf Augenhöhe befindet. Alles serienmäßige Einbauelemente. Da gibt es nichts zu verrücken. Wenn die Maschine läuft, kann ich dabei zusehen, wie das Hühnchen Chop Suey Kreise zieht. So ist das. Vor Jahren hat sie mich noch vor Handystrahlung gewarnt. Irgendwas ist eben immer. Und sterben muss jeder von uns. Irgendwann.

Wenn ich sterbe, wird man weder die fehlenden Vitamine noch die Mikrowelle dafür verantwortlich machen können.

„Lila, Lila! Irgendwann rächt sich das. So jung bist du auch nicht mehr, dass dein Körper dieses Gift, das du täglich in dich reinschaufelst, ausgleichen kann …“

Aber was weiß meine Mutter schon über mein Leben? Ich liebe Junk Food und alles, was man im Vorbeigehen mitnehmen und mit einer Hand essen kann. Ich gehöre nicht zu dieser kreativen Kochfraktion, die auf dem Wochenmarkt einen Korb voller Zutaten und Gemüse kauft, um dann stundenlang daran herumzuschnippeln, bis endlich irgendetwas Essbares auf den Tisch kommt. Bis dahin wäre ich verhungert oder hätte viel zu viel Wein getrunken – denn so viel weiß auch ich: Beim Kochen wird schon nebenher Alkohol getrunken. Sonst könnte man das gar nicht ertragen. Ich stehe dazu, dass in meinem Kühlschrank Ebbe herrscht. Ich mag es gern übersichtlich. Quark, Erdbeermarmelade, Knäckebrot. Nicht zu vergessen Müsli und Milch. Und um die Vitamine kümmern sich andere. Die Werbeagentur, in der ich als Layouterin arbeite, setzt alles daran, dass ihre Mitarbeiter gesund bleiben. Dort schwören sie auf frisches Obst aus brandenburgischen Biohöfen. Es gibt Smoothies aus Grünkohl und Spinat, abgeschmeckt mit einer ordentlichen Portion an frischem Ingwer. Und Ingwer hilft gegen alles. Gegen Erkältung, kalte Füße, schlechte Laune, sogar gegen Impotenz – habe ich gelesen, irgendwo. Sollte es den Heiligen Gral wirklich gegeben haben, diesen Kelch der ewigen Jugend, war er statt mit Wein mit Ingwerwasser gefüllt.

Brownie legt mir eine Pfote auf meinen Oberschenkel. Ich spüre Krallen, die sich in meine Haut bohren. „Du musst keine Angst haben.“ Ganz vorsichtig löse ich seine Pfote von meinem Knie. „Sorry, aber das tut weh.“ Er lässt sich auf den Boden fallen und streckt die Beine in die Höhe. Ich kraule seinen warmen, weichen Bauch. Es ist ein Reflex, ich weiß auch nicht, warum ich das tue. Brownie scheint es zu gefallen. Er macht sich ganz lang und schließt die Augen. Ich kraule ihn, was das Zeug hält. Sein Fell ist hier weniger dicht, dafür umso flauschiger. Es fühlt sich gut an. Das würde ich natürlich nie öffentlich zugegeben.

„So, Schluss!“ Brownie hebt den Kopf. Er könnte noch etwas länger … also gut, ich streichle weiter. Sofort plumpst sein Kopf zurück auf den Boden. Wenn er eine Katze wäre, würde er jetzt wahrscheinlich schnurren. „Das reicht aber wirklich!“

Bevor ich stehe, ist Brownie auf den Beinen und tänzelt um mich herum. Er wirkt ausgeruht und frisch und voller Tatendrang. Die Fenster hat er vergessen. Ganz sicher hegt er Erwartungen, die ich nicht erfüllen kann. Ich habe keine Ahnung, was er von mir will.

Allersdings weiß ich, was ich will: Diese Bluse endlich loswerden. Sie kommt direkt in den Müll. Diesen Fleck bekommt niemand mehr aus weißer Seide. Also ich zumindest nicht, mein Vater vermutlich schon. Den will ich aber nicht bitten müssen.

Brownie kratzt an der Tür.

„Lass das!“, brülle ich. Jetzt kommt auch noch lautes Winseln dazu. Wenn er so weiter macht, wird die Tür leiden.

„Mist!“ Auf spitzen Zehen hüpfe ich zur Tür. „Aber benimm dich!“, sage ich noch, doch Brownie ist schon an mir vorbei in die Dusche gesprungen. Er leckt das Wasser vom grauen Mosaikboden und fühlt sich pudelwohl. Pudel? Ja, vielleicht ist da auch etwas Pudel in ihm. Die kürzeren Fellhaare locken sich. Mir ist kalt. Ich friere. Schnell zurück unter die Dusch. „Raus aus der Dusche!“

Brownie mag Wasser. Er liebt es. Es macht ihm nichts aus, dass es von allen Seiten auf ihn herabprasselt. Er ist nass. Das Fell klebt an seinem Körper. Mit einem Mal wirkt er gar nicht mehr so riesig, eher feingliedrig und zart. Die Barthaare ziehen sich lang nach unten und geben den Blick auf eine schmale Hundeschnauze frei. Eine lange rosa Zunge schleckt mir über die Füße.

„Lass das!“

Kann dieser Tag noch seltsamer werden? Ich dusche mit einem Hund! Ich bin ganz unten angekommen. Meinte Caro das, als sie mir empfahl, mir einen Hund anzuschaffen? Nie mehr allein. Noch nicht einmal unter der Dusche? Brownie verweigert ein Handtuch. Er schüttelt sich im Bad. Er schüttelt sich im Flur. Er schüttelt sich auf meinem grauen Lounge-Sofa. Nasse Hundetatzen ziehen sich übers Parkett. Sollte ich ihn föhnen? Es klingelt. Die Türklingel lässt Brownie nicht nur wild durch das Apartment springen. Er bellt, als hinge sein Leben davon ab – und meins noch dazu. Der Bote mit meinem Fast Food ist einigermaßen eingeschüchtert. Ich öffne die Tür nur einen winzigen Spalt. Neben mir tobt der Höllenhund, der mit seiner Schnauze versucht, die Tür aufzudrücken.

„Der ist ganz lieb, ehrlich.“

„Das habe ich schon ein paar Mal zu oft gehört …“ Er schnappt sich das Geld und rennt in Richtung der Fahrstühle. Brownie legt noch einmal nach. Da geht noch etwas. Sein Bellen beschallt das gesamte Gebäude. „Psssst!“, zische ich. Und er verstummt. Aber nicht wegen meiner Intervention. Er bricht ab, weil etwas anderes seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da war ein Fremder an der Tür? Pah! Völlig uninteressant. Jetzt geht es um das, was er dagelassen hat. Wie das duftet! Brownie leckt sich über die Schnauze. Er sieht nicht mich an. Seine Augen ruhen auf dem Päckchen, das ich in die Küche trage. Sein Körper ist unter Strom. Sein Hals gereckt. Sein Blick folgt dem Pappkarton gerichtet. Seine Nase zittert vor Aufregung.

„Dr. K. hat gesagt, dass du heute fasten musst.“

Das hätte der Doc ihm mal lieber selber erklärt. Auf mich hört Brownie nicht. Soviel steht fest. Er hat Hunger.

„Das ist mein Essen!“, sage ich streng.

Erst will ich mich mit meinem Fast Food aufs Sofa lümmeln und das Fernsehen anstellen. Aber noch bevor ich sitze, springt Brownie aufs Sofa. Er ist immer noch nass. Ich sollte ihn wirklich fönen.

„Runter da.“ Brownie robbt näher an mich ran. Die Nase in Höhe des Essens. Er sabbert. Ich springe auf. Er hinterher. Im Stehen schlinge ich ein paar Gabeln Hühnchen mit Brokkoli hinunter. Aber der Geruch von nassem Hund – da vergeht mir glatt der Appetit. Ich muss ihn erst einmal trocken bekommen. Mit einem Stückchen Huhn locke ich ihn zurück ins Bad. Hühnchen findet er super, Föhnen findet er spooky, aber die Badezimmertür ist geschlossen. Es gibt kein Entkommen. Kopf und Vorderpfoten lässt er sich partout nicht trocknen. Aber der Rest von ihm verwandelt sich in ein samtweiches braunes Schäfchen.

Ich öffne die Tür. Fehler, denke ich noch. Denn Brownie hat nicht vergessen, dass da draußen auf dem Tisch neben dem Sofa etwas Essbares steht.

Zum zweiten Mal an einem Tag hat er das, was eigentlich für Zweibeiner gedacht war, aufgefuttert. Dürfen Hunde Huhn, Kokosmilch, Curry und Brokkoli? Rufe ich Dr. K. an? Muss ich noch einmal in die Notaufnahme? Hunde sind Allesfresser. Soviel ist sicher.

Ich schnappe mir die zweite Portion und verschlinge sie fast so schnell wie dieser verfressene Hund – und zwar im Stehen. Brownie schaut mir zu, als wolle er sagen: Lass mir noch etwas übrig, ich hatte noch nichts …

„Vergiss es!“

Auf meiner Liste sind duschen und essen abgehakt. Fehlt nur noch schlafen. Ich lasse mich in mein Bett fallen. Brownie springt neben mich. Ich stoße ihn vom Bett. Er springt wieder hoch. Ich werfe ich noch einmal runter. Er springt hoch. Ich stehe auf und zeige auf den Teppich vor meinem Bett: „Runter!“ Er hüpft vom Bett und kauert sich auf dem Teppich zusammen. Ich falle in die Kissen und schon bald träume ich. Nichts mit Tieren.

Bis mich eine Berührung an der Schulter weckt. Ich versuche, die Augen zu öffnen, aber meine Lider sind schwer wie Blei. Ich bin furchtbar müde. Feiern mit Caro reißt mich immer aus meinem gewohnten Rhythmus. Und durch mein Muttertagsausflug konnte ich mich nicht wirklich erholen. Etwas Feuchtwarmes schleckt mir übers Gesicht. Ich schrecke auf. Ein Hund! Der Hund! Brownie!

„Was ist?“

Draußen ist es stockdunkel. Was soviel heißt wie: Es ist zwar Nacht, aber trotzdem hell, anders hell. Die Nachtbeleuchtung des Bürokomplexes wirft ein schwachblaues Licht in meine Wohnung. Ich muss noch nicht einmal meine Nachttischleuchte bemühen. Brownie ist nicht zu übersehen. Er springt vom Bett und läuft zur Tür. Ich habe keine Ahnung, was er von mir will. Er kommt zurück, stupst mich an, läuft zur Tür.

„Willst du spielen? Mitten in der Nacht? Ach, nö!“

Ich lasse mich zurückfallen. Mit Kindern macht man das. Vielleicht. Mit sehr kleinen Kindern. Man liest ihnen vor, wenn sie nicht schlafen können. Oder man trägt sie im Arm durch die Wohnung. Oder man baut mit ihnen hohe Türmchen aus unbehandeltem, biozertifizierten Holzklötzen wie meine Freundin Lena mit ihrer Tochter Mathilda. Aber nicht mit einem Hund. Ich bin hier der Chef, also die Chefin. Und ich sage:

„Nein. Ich will schlafen, lass mich in Ruhe!“

Er springt mit Anlauf aufs Bett, seine Pfote landet unsanft auf meiner Brust. „Aua, das tut weh! Runter!“

Wieder rennt er zur Tür. Also wenn ich es nicht besser wüsste …

„Ich gehe nicht raus mit dir, nein, auf gar keinen Fall.“

Brownie kommt zurück, hockt sich auf den Teppich, den ich ihm als Schlafplatz zugewiesen habe. Er pullert. Ich kann es hören und riechen und schalte nun doch das Licht ein.  Der Teppich saugt sich sehr schnell mit Urin voll. Der Rest verteilt sich weiter bis zum Bettkasten.

„Scheiße!“ Oh nein, oh nein, wenn er jetzt auch noch sein großes Geschäft hier drin erledigen will?

Ich springe aus dem Bett. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt, nur dass ich nicht nass bin, sondern sehr munter. Darauf hätte ich kommen können. Hunde müssen zwischendurch mal ihr Bedürfnisse erledigen. Wieder ein Grund, warum ich keine Hunde mag. Man muss mit ihnen zur Unzeit raus auf die Straße.

Ich greife mir einen Gürtel, um ihn als Halsband mit Leine – einer sehr kurzen Leine – umzufunktionieren. Barfuß in Turnschuhen und nur mit einem Trenchcoat über meinem Schlafshirt bekleidet fahre ich mit Brownie nach unten. Es ist halb zwei Uhr nachts. Ich wähle den Weg durch die Tiefgarage. Ich möchte nicht dem Concierge begegnen. Es ist früher Montagmorgen. Ein Uhr, höchstens zwei. Ein Taxi, ein Sprinter, ein Motorroller. Fußgänger auf der andere Straßenseite. Ich biege in eine Seitenstraße. Auf keinen Fall werde ich jetzt nachts durch den Tiergarten latschen.

„Willst nen Wegbier?“

Da sitzt ein Typ auf einer Bank mit Dosenbier.

„Danke nein.“

„Wohl zu fein fürn Penner wie mir.“

Brownie schnüffelt an den Dosen.

„Juter Jeschmack, der Kleene!“ Die einen sagen so, die anderen so. Ich will weiter, aber Brownie stößt erst einmal eine Dose um und leckt die Bierreste vom Asphalt. „Dit is’n janzer Kerl!“

Scheint so. Ich würde ihn jetzt gern von der Bank wegziehen, aber ich habe angst, dass die Leine – ein ohnehin fragiles Konstrukt – das nicht mitmacht. Dann bleibt er eben hier. Was soll’s? Dieser Hund gehört mir nicht. „Nimm du ihn, Ihr passt besser zusammen …“ Ich lasse meine Gürtelleine fallen und gehe zurück. Ich bin müde. Ich will schlafen. Es dauert nur wenige Sekunden, bis Brownie mir nachläuft. Für mich lässt er das Bier Bier sein. Ein kleines bisschen fühle ich mich geschmeichelt …

„Leute wie dir sollten keene Tiere haben, Mannomann!“ – – Da muss ich ihm Recht geben!  

Nichts wie ab ins Bett, denke ich. Auf meinem Smartphone leuchtet eine Nachricht auf. Ben. Ich beschließe, sie später zu öffnen. Wenn ich sie jetzt lese, kann ich garantiert kein Auge mehr zumachen. Zeitverschiebung ist ihm egal. Seine Nachrichten erreichen mich in der Regel nachts. Und sollte ich mein Handy nicht lautlos gestellt haben, reißt mich der Signalton einer neuen Nachricht aus den schönsten Träumen. Und was will er dann von mir? Fragen, ob ich den Wasserzähler abgelesen habe. Ob es eine Stromnachzahlung gab. Wie man Spaghetti Carbonara kocht. Woher soll ich das wissen? Ben muss warten. – – Ich auch. Brownie pullert alle paar Meter. Ich dachte, Hunde heben ihr Bein. Brownie nicht. Er hockt sich hin. Vielleicht ist er sich zu fein dafür? Falls er Klopapier benötigt, ich habe keins dabei. Und da sehe ich es. Im gelben Licht der Straßenlaterne seilt Brownie eine Wurst ab. Sie ist riesig und sie liegt mitten auf dem Gehweg, gar nicht weit vom Eingang zu unserem Wohnkomplex. Ich schaue mich verstohlen um. Ich weiß, dass man Hundehaufen wegmachen muss. Schließlich sind das genau die Themen, über die sich Berliner immer aufregen können. Wie macht man den Haufen weg? Ich fasse nicht auch noch fremde Hundescheiße an. Es reicht schon, dass dieser ungezogene Hund vor mein Bett gepinkelt hat. „Abmarsch!“

Ich gehe voran und hoffe, dass er folgt. Nein, eigentlich hoffe ich, dass er sich in Luft auflöst. Aber Brownie ist der erste an der Tür und der erste von uns beiden, der Kamil, unserem Concierge, direkt in die Arme läuft.

„Ein Hund?“ Er sieht mich an.

„Er gehört mir nicht.“

„Hunde sind ja hier auch nicht erlaubt.“

Ich muss furchtbar aussehen, denn Kamils Gesichtsausdruck schwankt zwischen Mitleid und Belustigung. Meine roten Haare stehen wirr vom Kopf ab. Meine nackten Beine, der nachlässig geschlossene Trenchcoat … „Wenn du mir zeigst, was du unter dem Mantel trägst, habe ich Euch beide nicht gesehen.“

Kamil ist immer für Überraschungen gut. Und ja, seitdem ich hier wohne, duzen wir uns. Warum auch nicht? Jeder duzt sich in Berlin – und ich bin schließlich kein Snob! Trotzdem ist mir Kamils Ton doch etwas zu vertraulich. Andererseits. Da ist dieser Hund.

„Versprochen? Du sagst nichts?“

Er nickt und grinst.

Ich öffne den Mantel. Exhibitionistenfeeling.

„Schon gut!“ Er hält sich mit einer übertriebenen Geste die Hand vor die Augen. Und lacht. Er lacht mich aus.

„Gefällt dir mein Micky Mouse Shirt?“

„Gute Nacht, Lila, und vergiss den Hund nicht. Er riecht etwas streng.“

„Das kann gar nicht sein, er hat vorhin geduscht.“

Aber im Fahrstuhl merke ich es dann doch. Ein Aroma von frischer Kacke liegt in der Luft. Brownie hat den Gürtel einmal durch seinen Haufen gezogen.

Wie gut, dass das nicht mein Lieblingsgürtel von Gucci … natürlich war er das. Im Halbschlaf habe ich das gegriffen, was gerade greifbar war. Mit spitzen Fingern sammle ich ihn vom Boden auf. Pech gehabt! Good-bye-Gucci!

Wie war das nochmal mit der Aufschrift: Ich bremse nicht für Hunde? Ich hätte mir eine Menge erspart.

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