Blue Monday

Nach einem doppelten Espresso sehe ich die Welt schon wieder klarer. Heute ist Montag. Ich liebe Montage. Meinen Kalender führe ich immer noch nicht digital sondern auf Papier. Montage sind darin blütenweiße Blätter, die erst noch beschrieben werden wollen. Ich öffne mein Instagram Profil und scrolle mich durch die Montagsbilder. Von mir gibt es hier das Übliche: mal Tee oder Kaffee, häufig Blumen, selten Urlaubsbilder. An diesem Montagmorgen ist es mir ein Bedürfnis, die Flagge der Normalität zu hissen. Ich poste das Foto meiner Espressotasse auf Instagram und wünsche allen meinen Followern einen #gutenstartindiewoche.

Jetzt muss ich nur noch meine Haare in den Griff bekommen. Brownie liegt zufrieden vor meinen Füßen. Bevor er einen weiteren Teppich ruiniert, war ich mit ihm bereits draußen. Er hat sein Geschäft erledigt und getan, was Hunde eben so tun: pinkeln und schnüffeln – und zwar bevor Kamil von Piotr abgelöst wird. Er würde sofort Alarm schlagen, da bin ich mir sicher. Und ich trage auch nicht mehr mein ausgeleiertes Mickey-Mouse-Schlafshirt, mit dem ich irgendjemanden betören oder mit einem Lachanfall bezwingen könnte.

Zurück zu den Haaren. Vielleicht sind Haare nützlich. Im Sommer schützen sie meinen Schädel vor Sonnenbrand. Im Winter wärmen sie mich. Ob sie eine Zierde sind?  Darüber lässt sich streiten. Eigentlich übernehmen sie die Aufgabe eines Seismographen, der die kleinen und größeren Erschütterungen meiner inneren Verfassung sichtbar macht. Bad Hair Days sind ganz einfach bad days. Das ist wie mit der Henne und dem Ei. Man kann nicht sagen, was zuerst da war: Mieses Karma oder miese Frisur? Für mich gehört beides zusammen.

An schlechten Tagen kräuseln sich meine Haare an den unmöglichsten Stellen – über dem Ohr oder im Nacken, sie stehen am Hinterkopf ab oder verwirren sich zu einem Nest, in dem Vögel nisten könnten. Gestern war so ein Tag: Chaos auf und in meinem Kopf. Aber heute ist Montag.

Dies ist der Beginn einer fabelhaften Woche. Ich beende mein Softdrinkprojekt – den lustigen Cartoon um eine sprechende Limoflasche. Ich werde mich mal wieder mit Lena zum Sport treffen. Ich werde shoppen. Wie wäre es mit einem neuen Sommerkleid? Ach ja, und ich entledige mich dieses Hundes … Und darum bearbeite ich nun jede einzelne Strähne mit dem Glätteisen. Ich sortiere meine Haare – und ich sortiere mich. Nur gegen das Rot, das am Ansatz hervorblitzt, kann ich nichts tun, zumindest nicht auf die Schnelle. Warum ich gerade heute diese Sorgfalt an den Tag lege? Weil irgendetwas in der Luft liegt – und ich meine nicht den Geruch nach Hund. Die Agenturleitung hat alle Mitarbeiter einbestellt. Es klang wichtig. Und deshalb gehe ich erst einmal ins Büro, dann bringe ich Brownie zur Tierfangstation.

„So“, sage ich zu meinem Gast „sei schön brav. Ich bin bald zurück.“

Tief in mir drin, spüre ich, dass es falsch ist, Brownie in der Wohnung allein zu lassen. Aber habe ich eine Wahl? Ich nehme die Fußgängerunterführung, biege am Kino in eine Seitenstraße und lasse den Potsdamer Platz links liegen. Unterwegs kaufe ich mir ein Hörnchen. Es ist noch warm und duftet nach Hefe und Milch. Beim Verlassen des Ladens schweift mein Blick über das süße Konfekt, die feinen Törtchen und Cremeschnitten. An den dick mit Schokolade überzogenen Brownies bleibe ich kleben. Ich werde nie wieder Schokoladenkuchen genießen können, ohne an einen Hund zu denken – an den Hund. Und an den braunen Schwall Erbrochenes im Hof der tierärztlichen Notzentrale. Ich seufze und halte mich an mein Montagsgefühl: Schau nach vorn. Das, was war, kannst du nicht mehr ändern, aber das was kommt, liegt in deiner Hand.

Noch um die nächste Ecke, dann bin ich da. Der kurze Fußweg zur Arbeit sprach damals für den Kauf der Wohnung. In den ersten Wochen, nachdem Ben und ich das schicke Loft bezogen hatten, sind wir mittags immer nach Hause gelaufen. Wir haben nichts gegessen. Kein Wort geredet. Nur gevögelt. Genau wie in diesen Hollywoodfilmen, wo es lange zwischen den Hauptdarstellern knistert, bis endlich irgendwo hinter ihnen eine Tür zugeht und sie übereinander herfallen und ihre Kleidung in der ganze Wohnung – wahlweise Hotelzimmer – verteilen. Genauso war es bei uns. Am Anfang ist die Anziehung groß, nutzt sich dann aber mit der Zeit ab. Das Besondere wird gewöhnlich. Und irgendwann rennt man nicht mehr faunisch lüsternd die 800 Meter ins gemeinsame Liebesnest, sondern erledigt in der halben Stunde Mittagspause die Dinge, für die sonst keine Zeit ist, meistens machte ich Besorgungen und den Einkauf – und ja, auch ein Wrap oder Sandwich auf die Hand wird irgendwann einer schnellen Nummer zwischendurch vorgezogen. Ein Paar, das die ersten Liebesmonate hinter sich hat, lebt nicht mehr nur im Hier und Jetzt, sondern auf die Zukunft hin: Man besitzt alle Zeit der Welt, glaubt man. So verschiebt sich der Sex auf den Feierabend, dann aufs Wochenende, bis das gemeinsame Liebesspiel auf ein unbestimmtes Später verschoben wird … Sex. Was ist das, fragt eine gehässige kleine Stimme in mir. Und wie um Himmels willen bin ich denn nur bei diesem Thema gelandet? Das ist kein Thema für Montagmorgende, oder doch? Die Fahrstuhltüren gleiten auf. Ein Mann stellt sich neben mich. Er drückt die dritte Etage, meine Etage. Wäre das ein Mann, mit dem du ins Bett gehen würdest, Lila? Ich trete einen Schritt nach hinten, damit er nicht sieht, dass ich ihn von oben bis unten scanne. Silbergraue Fäden durchziehen sein dunkles Haar. Aber er wirkt noch nicht alt. Oder hat er sich nur sehr gut gehalten? Sportliche Statur, vielleicht ein Läufer. Seine Haupt ist gebräunt, sein Gesicht glatt rasiert. Er  trägt einen dunklen Anzug, dazu kein Hemd, sondern ein schwarzes T-Shirt. Die rechte Hand steckt lässig in der Anzugstasche, in der linken hält er sein Telefon. Ich kann nicht erkennen, ob er einen Ring am Finger hat. Aber die Zeiten, dass man an diesem Detail etwas über den Beziehungsstatus ablesen konnte, sind wohl lange vorbei. Dafür könnten vermutlich Google und Facebook darüber Auskunft geben. Gesehen habe ich den Typ hier noch nie. Ein Geschäftskunde vielleicht. Als ob er Gedanken lesen kann, dreht er sich kurz zu mir um. Ich lächle und er nickt freundlich. In diesem Moment spielt mein Handy die Melodie von Waterloo. Mist! Normalerweise stelle ich den Ton immer aus. Mein Musikgeschmack ist speziell, das weiß ich. Unter normalen Umständen, im Lautlosmodus, wäre ich nicht drangegangen. So aber nehme ich das Gespräch an, damit Agnetha und Anni-Frid endlich schweigen. Waterloo finally facing my Waterloo.

„Hi, Mom.“

Sie mag es nicht, wenn ich in Anglizismen rede. Und sie mag nicht, wenn ich sie „Mama“ nenne.

„Und?“, fragt sie, „wie geht’s?“

„Gut.“

„Und dem Hund?“

„Gut.“

„Schade, dass es gestern alles so ein Durcheinander war.“ Ihr Ton klingt weich und versöhnlich. Ich spüre sofort, dass sie mir eigentlich etwas Ernstes mitteilen will. Und es fällt nicht in die Kategorie gesundes Essen und Lebensführung.

„Was ist los?“

„Nichts.“

„Natürlich, du klingst so komisch.“

„Wann kommst du uns das nächste Mal besuchen?“

Weihnachten möchte ich antworten, verkneife es mir aber. Bis Weihnachten sind es schließlich noch 7 Monate.

„Keine Ahnung. Soll ich denn vorbeikommen?“

„Ich würde mich freuen.“

Spätestens jetzt ist klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

„Nun sag schon, was ist los? Geht es um den Hund? Keine Sorgen. Den bringe ich heute ins Tierheim. Ihr werdet ihn nicht wiedersehen.“

„Bring ihn mit, wenn es unbedingt sein muss.“

Hat sie mir nicht zugehört?

„Passt es dir um acht?“

Das war keine Frage. Um acht also. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Wollen sich meine Eltern trennen? Wollen sie mich enterben? Wollen sie in ein Hippie-Kollektiv ziehen oder selbst eine Öko-Kommune gründen? Ich halte nichts davon für abwegig, nur das mit der Trennung klingt unrealistisch.

Gedankenversunken verlasse ich den Fahrstuhl und folge dem Anzugträger. Sein Weg führt zu WebAd – meiner auch. Er hält mir die Tür auf. Lounge steht in einer weißen, serifenlosen Schrift an der Glastür. Brain Lounge nennen wir es, denn hier kommen wir zusammen,  um unsere Gedanken zu neuen Projekten auszutauschen. WebAd hält eine ganze Etage in dem futuristisch anmutenden Kasten, der aus vielen kleinen Glaskästen besteht. Kreativzellen nennt es die Geschäftsleitung. Legebatterie nenne ich es. Wir können uns gegenseitig beim Arbeiten beobachten, hören uns aber nicht. Wenn ich in einem Projekt vertieft bin, stört es mich nicht, in einem Glaskasten zu sitzen. Sollen die anderen ruhig mitbekommen, dass ich im workflow bin, keine Zeit für Pausen, zu beschäftigt, um verträumt in die Gegend zu starren oder zwischen Kaffeebar und Lounge herumzuscharwenzeln. Wenn ich konzentriert arbeite, arbeite ich. Nur wenn mir keine Einfälle kommen wollen, mir partout kein Bild zu einem Slogan, keine Farbe zu einer Emotion, keine Geschichte zu einer Marke einfällt, fühle ich mich wie unter einer hermetisch abgeriegelten Glasgocke: Jeder Einfall wird im Keim erstickt. Und das sonst so dezente Hintergrundticken der Uhr erscheint mir raumfüllend.

Heute geht es nicht um ein neues Projekt. Es geht um die richtige Weichenstellung, damit das Unternehmen auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt. So oder ähnlich stand es in der E-Mail. Es ist kein Geheimnis, dass Tore, unser Chef, Rat und Hilfe bei einer Unternehmensberatung gesucht hat. Ich habe das nur mit einem Ohr verfolgt. Ich hatte anderes zu tun, zum Beispiel singende und tanzende Limoflaschen zu zeichnen. Wenn das nicht wichtiger ist, dann weiß ich auch nicht …

Fast alle sind bereits da. Zwei Dutzend Mitarbeiter. Texter, Grafiker, Informatiker und ein Produktdesigner. In der Mitte steht ein überdimensionierter Esstisch. Das warme Eichenholz setzt einen Gegenakzent zur nüchternen Architektur der Nullerjahre. Ein üppiges Stillleben aus Äpfeln, Birnen und Weintrauben auf dem Tisch. Dazu laden Obst- und Gemüsesäfte ein, den Tag mit einer Portion Vitamin C und Co zu beginnen. Vielleicht steigert das die Arbeit der grauen Zellen?

„Du solltest weniger Weizenpampe zu dir nehmen, Lila.“ Der Tipp kommt ungefragt von Doreen. Ich bin mir nicht sicher, wie sie das gemeint hat – zieht sie mich bloß auf oder meint sie das ernst? Was kümmert es sie, was ich esse? Oder findet sie, ich lasse mich gehen? Vorsichtshalber lasse ich die Bäckertüte mit meinem halb aufgegessenen Hörnchen in meiner Handtasche versinken und greife mir eine Handvoll Trauben und einen grünen Smoothie.

„Hier ist noch ein Platz frei!“ Simon winkt mich zu sich rüber. Simon, seufze ich stumm. Also gut, dann eben Simon, unser IT-Experte. Das ganze Jahr über trägt Simon karierte Hemden mit kurzen Ärmeln, darunter immer ein weißes, hochgeschlossenes T-Shirt. Ich kann Simon einfach nicht ernst nehmen, von den Karos will ich jetzt gar nicht anfangen. Seitdem Ben das Unternehmen verlassen hat, rechnet sich Simon Chancen bei mir aus. Dabei gebe ich ihm keinen Anlass, sich Hoffnung zu machen. Trotzdem setze ich mich auf den freien Stuhl rechts neben ihn. Er lächelt mich an. Umständlich schäle ich mich aus meinem Trenchcoat. Der Fahrstuhlmann spricht leise mit Tore.

„Können wir beginnen?“, fragt Tore in die Runde.

Niemand antwortet. Manche sehen sich fragend an. Ich stecke mir die Trauben in den Mund und drehe die Glasflasche auf. Plopp! Tore sieht kurz zu mir her. Was ist denn heute nur los? Erst will mich meine Mutter sprechen und nun setzt auch noch die Geschäftsleitung eine ernste Miene auf. Alle wollen reden. Aber was ist denn nun so wichtig?

Die Agentur WebAd gibt es seit 2008. Sie ist gesund. Aufträge gibt es genug. Ich arbeite gerne hier. Nach dem Studium habe ich mich mit befristeten Stellen über Wasser gehalten, bis ich bei WebAd unterkam. Erst als Freelancer, dann in Festanstellung. Dank dieser Cornflakes-Werbung, für die ich den kleinen Mister Knusper erfunden habe. Mister Knusper erklärt einfach, aber etwas tollpatschig, was für megatolle und gesunde Dinge in so einer Cornflakespackung zu finden sind. Er stolpert über Dinkelpops, pustet Amaranthstaub in die Luft und bleibt an Honigklecksen kleben. Eine Miniaturfigur von Mister Knusper liegt mittlerweile jeder Cornflakespackung bei. Es gibt ihn in unterschiedlichen Farben und mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken. Eine Sammeledition. Seit Jahren ist Mister Knusper der Renner unter den Frühstücksflocken. Und ich bin intern zur Mrs. Knusper aufgestiegen. Manche nennen mich auch so. Ich bin mir sicher, dass mein Erfolg einigen Kollegen oder vielmehr Kolleginnen – und Doreen zähle ich dazu – ein Dorn im Auge ist.

Mein Smartphone leuchtet auf: Vergiss es nicht. Iris. Meine Mutter unterschreibt nie mit „Mama“, immer mit ihrem Namen. Schließlich definiert sie sich nicht über ihr Muttersein. „Ich bin doch keine Mutterkuh. Ich bin ein Mensch mit einem Namen!“

Ob es ihr passt oder nicht: Ich nenne sie „Mama“, meistens. Nur wenn ich über sie rede, sage ich nicht „meine Mutter“, sondern „Iris“. Das klingt irgendwie cool, oder? So als wären wir beide beste Freundinnen. Das ist natürlich Quatsch. Wenn es eins nicht gibt, dann das: Dass Mütter und Töchter Freundinnen sein könnten. Das geht nicht. Das hat die Natur nicht vorgesehen. Stattdessen arbeiten sie sich aneinander ab. Unter der Nachricht meiner Mutter wird immer noch Bens Nachricht angezeigt, die ich schon aus Prinzip nie sofort lese. Ben muss man etwas zappeln lassen. Ich entsperre das Telefon und will gerade seine Mitteilung öffnen, als ein Stichwort mich aufhorchen lässt.

„Wir werden einige Bereiche unserer Firma outsourcen.“

Outsourcing ist ein Begriff, der mich in Alarmbereitschaft versetzt. Wenn es darum geht, Bereiche auszulagern, bedeutet das nicht auch, dass einige Mitarbeiter überflüssig werden?

„Lorenz Beck wird Euch erklären, wohin die Reise für WebAd geht. Bitte.“ Mit einer großen Geste überlässt er dem Anzugträger das Wort. Tore sucht sich einen Platz inmitten der Kollegen. Er wirkt wie einer von uns. Er sieht nicht aus wie ein Chef. Jeans, ein T-Shirt mit den Firmenbuchstaben, lange Haare, die er zu einem Dutt zusammengebunden hat. Sein Spleen, also neben seiner Frisur: Er campt hin und wieder vor Pop-Up-Stores, um einen begehrten Turnschuh in einer limitierten Auflage zu ergattern. Tausend Euro für ein Paar Schuhe sind da bereits ein Schnäppchen.

Tore ist keiner von uns. Er kann entscheiden, Bereiche auszulagern, welche auch immer das sind, und er muss hier niemanden in der Runde um Erlaubnis fragen.

„Das, was wir Ihnen hier vorstellen, ist in den letzten Monaten gereift. Es war nötig, einmal jeden Bereich der Agentur in Augenschein zu nehmen – nennen Sie es Hausputz. Und wie beim Hausputz schaut man sich auch den Keller und den Dachboden an. Manches, was man dort findet, wird nicht mehr gebraucht. Davon müssen wir uns trennen. Mit Marie Kondo nenne ich das: Magic Cleaning für Unternehmen. Nur so kann die kreative Kraft, der flow, wieder Fahrt aufnehmen.“

„Wir machen jetzt in Sperrmüll?“, flüstert Simon mir ins Ohr, „und für den Tipp wird er bezahlt?“

Darauf bleibe ich eine Erwiderung schuldig. Was soll ich auch sagen? Machen wir eben Sperrmüll. Mir ist das schnuppe, viel interessanter sind die Nachrichten, die jetzt in schneller Abfolge auf dem Display meines Smartphones aufleuchten:

„Geht`s dir gut?“ Sam. Mein Nachbar. „Räumst du um?“ Sam hat mir noch nie eine Nachricht geschrieben, wenn dann war es Cleo, mit der ich kommuniziert habe. „Was ist in deiner Wohnung los?“

„Wieso?“

„Weil ich ständig Geräusche über mir höre und eben einen lauten Knall, so als wäre etwas umgefallen.“

„Fuck!“ Das wollte ich nicht laut sagen. Zu spät. Lorenz Beck sieht mich verwirrt an. „Haben Sie dazu eine Frage?“

„Entschuldigung“, beeile ich mich, „das ist mir nur so rausgerutscht. Ich habe nur gerade eine …“ Ich schwenke mein Handy. „Egal.“

„Wieder Ihre Mutter?“ Er grinst.

Das ist unfair – jetzt, hier in dieser Runde meine Mutter zu erwähnen! Ich spüre, dass die Hitze in meine Wangen kriecht. Tore beobachtet mich missbilligend. Lorenz Beck fährt fort und ich bekomme die nächsten Nachrichten.

„Ist da ein Hund in deiner Wohnung?“

„Warum?“ Als könnte ich nur noch in Fragewörtern antworten. Wieso, weshalb, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm. Er antwortet sofort. „Weil da ein Hund über uns bellt. Das kommt aus deiner Wohnung.“

Brownie. Hunde sind etwas Wunderbares. Sie bereichern das Leben so ungemein. Caro hat ja keine Ahnung!

„Ja. Da ist ein Hund, sorry, aber nur bis heute Mittag.“

„Immer wenn ich Klavier spiele, fängt er an zu bellen. Ich kann so nicht üben.“

„Verstehe.“

„Außerdem hört es sich an, als springe er über Tisch und Bänke.“

Tore erhebt sich und bedeutet mir durch Zeichen, dass ich ihm nach draußen folgen soll. Das ist nicht der Montag, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Ein bellender Hund in meiner Wohnung, ein erzürnter Nachbar, ein Chef, dessen Miene nichts Gutes erahnen lässt und eine Mutter, die mich zu sich einbestellt.

Mantel und Tasche unterm Arm folge ich Tore in sein Büro.

„Was ist denn heute mit dir los, Lila?“

Ich zucke mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich war doch nur kurz abgelenkt.“

„Du nimmst das nicht ernst.“

„Doch, doch“, versichere ich.

Er seufzt übertrieben laut. Dann bietet er mir einen Platz auf einem Sessel vor seinem Schreibtisch an. Er selbst setzt sich lässig mit einer Backe auf die Tischkante. Mein Blick fällt auf seine Turnschuhe mit den neongrünen Streifen. Sie sehen aus, als hätte er sie eben erst aus der Verpackung genommen. Das Weiß ist weißer als jedes Weiß, das ich kenne. Wie eine Lichtquelle strahlen sie mich an.

„Dabei wäre es gerade für dich, Lila, wichtig gewesen, erst einmal die Überlegungen zu kennen, die nachher zu bestimmten Entscheidungen geführt haben.“

Mein Blick geht von den Schuhen zu Tores Gesicht. „Welche Entscheidungen?“

„Ich hätte dich sowieso später noch zu einem Gespräch gebeten, aber wir können das genauso gut auch sofort erledigen.“

„Schaff den Hund aus deiner Wohnung.“ Eine Nachricht von Kamil. „Das ältere Ehepaar aus dem dritten Stock hat die Hausverwaltung angerufen.“

Oje! Ojeojeoje. Der Hund muss weg. Sofort.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“ Tore kann kaum noch an sich halten.

„Können wir das später besprechen?“ Ich lächle, was das Zeug hält, und denke: Bitte, bitte, Tore …

„Du bist freigesetzt.“

Was ist denn das für ein Wort? Freigesetzt?

„Du machst es mir wirklich einfach, Lila, das muss ich schon sagen, mit deinem Benehmen heute hätte ich so nicht gerechnet. Die Abteilung Grafikdesign wird verkleinert. Wir möchten deinen Arbeitsvertrag aufheben. Du bekommst eine Abfindung. Gerne kannst du weiter als Freelancer für uns arbeiten.“

„Lila?“, schreibt jetzt Cleo. „Sam hat schon mehrmals bei mir in der Kita angerufen. Du hast einen Hund in der Wohnung? Sam wird verrückt bei dem Lärm, er kann nicht arbeiten. Kannst du dich mal melden? Bitte.“

Sam. Kamil. Cleo. Die drei müssen einen Moment warten.

„Und was ist mit Mister Knusper?“

„Was soll damit sein?“

Tore macht einen auf schwer von Begriff.

„Läuft weiter wie bisher.“

„Das Projekt betreue ich dann als Selbständige?“

„Nein“, er räuspert sich, „es gibt da ein paar neue Überlegungen. Mister Knusper muss sich auch etwas verändern. Wir erzählen die Geschichte weiter. Mister Knusper trifft auf Miss Pop, die beiden verlieben sich unsterblich und bekommen eine Menge kleine Knusperpoppies.“

„Im Ernst? Miss Pop?“

„Ja, also Mrs. Knusper-Pop nach der Hochzeit.“

„Wie soll ich das umsetzen, wenn niemand mit mir redet?“

„Wer hat gesagt, dass du dafür verantwortlich sein wirst?“

Ein Schlag ins Gesicht. Langsam verstehe ich. Wie konnte ich bloß so naiv sein? Seit ein paar Wochen hat Doreen die alten Kampagnen durchforstet. Jetzt ist mir schlagartig klar, warum sie das getan hat.

„Doreen?“

Er nickt.

„Sie bleibt und ich muss gehen?“

Er zeigt ein schiefes Lächeln. „Seit Ben nicht mehr da ist …“

„Was hat das mit Ben zu tun?“

„Ihr ward zusammen ein Dreamteam. Unschlagbar. Ihr habt vor Energie nur so gesprüht.“

Der nächste Schlag: Dreamteam. Das tut weh. Ben und ich. Ja, wir waren gut.

„Und alleine bin ich nichts wert?“

„Das habe ich nicht gesagt, du kannst weiter für uns arbeiten. Diese Limo-Geschichte, die ist super.“

„Wenn Ben noch hier wäre, müsste ich nicht gehen?“

Er wirkt gequält, aber ich suche jetzt seinen Blick, lasse nicht locker.

„Seit er weg ist, fehlt dir die Inspiration.“

„Sagt wer?“ Ich springe auf. Keine Sekunde länger kann ich ruhig in diesem Sessel sitzen.

„Ich.“

Die nächste Nachricht von Cleo. Und nun ein Anruf. Hausverwaltung steht da auf dem Display.

„Ich muss jetzt los“, sage ich.

„Du musst los“, wiederholt Tore meine Worte und sieht mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Habe ich ja vielleicht auch.

„Hier.“ Er reicht mir ein Schriftstück. „Lies es dir durch. Das ist unser Angebot.“

Ich reiße ihm das Papier aus der Hand und stürme aus dem Büro, ohne die Tür hinter mir zu schließen.

Als ich meine Wohnungstür zehn Minuten später aufschließe, springt Brownie an mir hoch und führt ein Freudentänzchen auf. Die Freude ist jedoch sehr einseitig. Ich folge dem aufgeregten Hund ins Wohnzimmer. Brownie hat den Inhalt eines Kissens über den Boden verteilt. Es hat geschneit. Überall liegen Federn. Dazwischen mischen sich Papierfetzen. Offensichtlich hat er sich an ein paar Büchern und Zeitschriften zu schaffen gemacht. Eine Vase liegt zerbrochen neben dem Sofatisch. Auf dem Sofa fällt mir sofort der feuchte dunkle Fleck auf. Brownie hat sich offenbar erleichtert. Auf meinem Lieblingssofa? Meiner abendlichen Festung? Nie wieder werde ich mich darauf gemütlich ausstrecken und die halbe Nacht lang Mrs Maisel oder Agatha Raisin sehen.

Ich schließe die Augen und besinne mich erst einmal aufs Atmen. Einatmen. Ausatmen. Beruhige dich. Ganz ruhig. Denke nur an den nächsten kleinen Schritt. Denk in Gänsefüßen! Was ist das nächste, das du tun musst – was du unaufschiebbar als nächstes tun musst?

Die Sache ist klar wie dicke Tinte: Brownie muss verschwinden. Jetzt. Sofort. Brownie ahnt nichts von meinen Gedanken. Er folgt mir bereitwillig in die Tiefgarage. Jippie, wir machen einen Ausflug, wird er denken. Denken Hunde? Wie denken Hunde? Und was denken sie sich dabei, wenn sie fremder Leute Wohnung verwüsten?

Ich rufe unterwegs in der Tierfangstation an und werde an das zuständige Tierheim verwiesen. Ich bin zu allem entschlossen, als ich dort ankomme. Augen zu und durch, sage ich mir. Ich trage Brownie auf dem Arm und lasse ihn erst drinnen runter, als die Tür hinter uns zufällt, damit er es sich nicht noch anderes überlegen kann.

„Hallo, ich bin Marina.“ Die Frau vom Tierheim ist hager, trägt eine beige Outdoorhose mit Taschen an der Seite und auf dem nackten Unterarm windet sich das Tattoo einer Schlange. Sie lächelt mich freundlich an und geht vor Brownie in die Knie. „Na, wer bist du denn?“ Ich mag sie auf Anhieb.

Marina nimmt unseren Fall auf und hält Brownie ein Gerät an den Hals. Er dreht ein paar Mal seinen Kopf weg, bis er stillhält und Marina zufrieden ist. Zur Belohnung bekommt er einen kleinen Hundekeks.

„Der Hund ist gechipt“, sagt Marina.

„Das bedeutet?“

„Er hat einen Mikrochip unter der Haut. Darauf ist eine Nummer. Daran kann man ihn identifizieren. Das ist wie ein Personalausweis.“

„Super“, sage ich. Jetzt wird alles gut. Brownie kommt zurück zu Herrchen oder Frauchen. Ich bin ihn los. Ihm geht es gut.

„Leider ist die Nummer in keinem Tierregister verzeichnet. Nur so lässt sich der Halter ausfindig machen. Eine Vermisstenmeldung ist auch noch nicht reingekommen.“

Ich nicke, ohne wirklich zu verstehen, was das bedeutet.

„Da können wir nur abwarten.“

Ich nicke wieder.

„Weißt du, was das für eine Rasse ist?“, fragt Marina.

„Ich dachte, du könntest mir das sagen?“

„Mmh, er ist noch jung, er hat was von einem Franzosen. Vielleicht ist da aber auch ein portugiesischer Wasserhund mit drin.“

„Nie gehört“, sage ich.

„Na, der Obama Hund. Der berühmteste Hund im Oval Office. Echt noch nie gehört?“

Keine Ahnung. Wirklich nicht.

„In Ordnung“, sagt Marina und schaut auf Brownie, der irgendwie den Braten riecht. Denn er schleicht zur Ausgangstür und setzt sich genau davor.

„Und wenn er nicht hierbleiben möchte?“ Ich bin etwas verunsichert. Da sitzt er. Das braune Fellmonster, das meine Wohnung verwüstet hat. Aber es trägt auch einen Namen. Dieser Name ist unsere gemeinsame Geschichte. Mit dem Namen beginnt die Vermenschlichung, höre ich die Stimme meiner Großmutter. Das ist der Anfang vom Ende.

„Hat er eine Wahl?“ Marina sieht mich an.

„Nein, oder?“ Ich klinge, als ob ich meinen Worten selbst nicht ganz traue.

„Erst einmal hast du alles richtig gemacht. Das ist kein Straßenhund. Er ist gepflegt, gut genährt, gesund. Ein entlaufener Hund zählt vor dem Gesetz zu den Fundstücken. Dies ist also ein Fundhund. Können wir den Halter nicht ermitteln, hast du nach sechs Monaten die Möglichkeit, ihn zu adoptieren.“

„Um Himmels willen!“, bricht es aus mir heraus, jetzt klinge ich gar nicht mehr unsicher. Ich möchte keinen Hund adoptieren. Ich möchte nur mein Leben zurück. „Na, dann …“ Marina nimmt Leine und Halsband und legt es Brownie an. Dabei ruhen seine dunklen Augen auf mir. Er sieht aus, als verstehe er ganz genau, was hier vor sich geht. Und es gefällt ihm nicht.

„Wo bringst du ihn hin?“

„Wir sind bis auf den letzten Platz belegt. Er kommt in einen Übergangszwinger. Vielleicht versteht er sich auch mit Balu, aber wir werden sehen.“

Ich folge Marina raus auf den Hof und hin zu den Gehegen. Eine lange Reihe besetzter Zwinger. Ein Labrador. Ein Golden Retriever. Ein kleiner wilder Hund, der locker in meine Handtasche passen würde, keine Ahnung, welche Rasse das ist. Die wenigstens Hunde kann ich eindeutig zuordnen – Hunde gehören eben nicht zu meinem Spezialgebiet. Ein großes Begrüßungsbellen bricht los. Brownie hat den Schwanz eingezogen. Er sieht sich immer wieder nach mir um. Ich hätte längst gehen sollen. Aber wenn ich sehe, wo er untergebracht ist, dann kann ich beruhigt nach Hause fahren. Dann weiß ich, es geht ihm gut. Jemand wird sich melden. Bestimmt.

Brownie will nicht in sein neues Zuhause – und ich kann es ihm nicht verdenken. Marina gibt sich Mühe. Sie zieht nicht an der Leine. Sie redet nicht auf ihn ein. Sie lässt ihm Zeit. „Möchtest du dich eine Weile zu ihm setzen? Dann fühlt er sich vielleicht wohler …“

In dem Moment kann ich nicht anders: Ich drehe mich um und laufe über den Hof zurück nach draußen. Bloß weg von hier. Keine Sekunde länger ertrage ich diesen traurigen Hundeblick. Ich höre sein tiefes, aufgeregtes Bellen unter all den anderen Hundestimmen heraus. Ich spüre, wie mir eine Träne über die Wange läuft. Jetzt nur nicht heulen, sage ich mir, nicht heulen! Und da stürzen die Tränen über meine Wangen, als wäre ein Damm gebrochen. Im Auto lege ich mein tränennasses Gesicht auf das Lenkrad und schließe die Augen.

Alles richtig gemacht, hat Marina gesagt. Warum fühlt es sich dann so falsch an?

Ich möchte nicht in die Wohnung zurück. Und auf keinen Fall gehe ich zurück ins Büro. Für den Besuch bei meinen Eltern ist es noch zu früh, aber was soll’s?

Stadtauswärts sind die Straßen frei. Ich fahre ohne Eile. Ich unterschreite jedes Tempolimit. Das sieht mir gar nicht ähnlich. Ich wurde heute gekündigt, aber ich denke nur daran, ob es dem Hund gutgeht!

Déjà-vu. Am zweiten Tag in Folge parke ich auf dem Kiesweg vor dem Haus meiner Eltern. Genau hier stand ich gestern auch, nur dass ich heute keinen Hund im Auto befördere und auch niemand an der Tür auf mich wartet. Meine Eltern sind nicht da. Natürlich. Es ist noch zu früh. Mein Vater triezt seine Chemieklassen und meine Mutter wird in einer Sitzung stecken. Ich gehe ums Haus und setze mich im Garten auf eine Bank. Um nicht an Brownie zu denken, spiele ich mit meinem Smartphone. Irgendein Promipaar hat sich getrennt. Eine namhafte Modekette meldet Insolvenz an. Der amerikanische Präsident hat wieder einmal einen hohen Beamten entlassen und feuert eine Twittersalve an Schmähungen ab. Alles, wie gehabt. Ich scrolle weiter durch die Nachrichten, aber nirgendwo bleibe ich hängen. Schließlich öffne ich mein Email-Postfach. Werbung. Die Erinnerung meines Frisörs, dass ich bald einen Termin habe und ihn nicht vergessen möge – als wäre mir so etwas je passiert. Die Einladung zu einer Einweihungsparty. Eine Kollegin, Marlen. Sie hat geheiratet, irgendwo in der Pampa ein Haus gekauft und ist im sechsten Monat schwanger. Ob sie auch freigesetzt wird? Und da ist eine Nachricht von Doreen. Diese falsche Schlange! Sie bittet mich um ein Gespräch. Da kann sie lange warten. Bens Nachricht hätte ich fast vergessen. Mittlerweile sind es drei: Hi Lila, habe dich nicht erreicht. Es geht um die Wohnung. Bitte melde dich.

Die zweite: Warum meldest du dich nicht? Es ist wichtig.

Die dritte: Also übermorgen kommt ein Makler. Er will sich die Wohnung ansehen. Ich möchte sie verkaufen. Das hätte ich dir gern persönlich gesagt, aber wenn du dich nicht meldest. Typisch Lila!

Er will die Wohnung verkaufen? Hat sich denn die ganze Welt heute gegen mich verschworen?! Dieser Montag setzt alles daran, der schwärzeste Montag meines Lebens zu werden.

„Hallo, Liebes!“, ruft mein Vater.

Etwas länger als sonst erwidere ich seine Umarmung. Und auch die Begrüßung meiner Mutter fällt herzlicher aus.

„Müssen wir uns Sorgen machen?“, scherzt sie. Ich weiß nicht, ob sie damit auf die lange Umarmung anspielt oder darauf, dass ich viel früher, als verabredet, hier aufkreuze. Beides sieht mir nicht ähnlich.

„Musst du heute nicht arbeiten?“, fragt mein Vater besorgt.

„Das könnte ich dich auch fragen.“

„Ich hatte nur zwei Stunden.“ Mein Vater sieht verlegen zu meiner Mutter. Hier stimmt doch was nicht. Die beiden haben ein Geheimnis vor mir. Ich denke an die Trennungsoption …

„Ich setze einen Tee auf.“

„Grünen“, sagt meine Mutter und verschwindet nach oben, um sich umzuziehen.

Jedes Teil in diesem Haus ist mir vertraut. Nichts davon bedeutet mir so viel, dass ich es vermissen würde, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre, aber die großen und die kleinen Dinge gehören zu meinen Eltern, zu diesem Ort und in das Haus, in dem wir zusammen viele Jahre verbracht haben. Mein Vater nimmt eine bauchige Steingutkanne aus dem offenen Holzregal. Sie hat blaue Tupfen und einen lang geschwungenen blauen Hals. Wir haben sie auf einem holländischen Markt erstanden. Und weil das Auto auf der Rückfahrt voll bepackt war, lag die Kanne, in Zeitungspapier gewickelt, zwischen mir und Viola. Mit der bloßen Hand greift mein Vater in die verbeulte Blechdose, greift sich ein paar Teeblätter und stopft sie in ein Papierbeutel. „Nun sag schon, Lila! Was ist los?“

„Ich wurde gefeuert.“

Mein Vater versteht nicht.

„Ich bin freigesetzt oder wie das heißt.“ Ich krame in meiner Handtasche nach dem Schriftstück. „Hier“, ich reiche es ihm. Ich selbst habe es mir noch gar nicht angesehen.

Mein Vater fingert seine Lesebrille aus der Brusttasche seines Hemdes und geht nach draußen auf die Terrasse. Ich folge mit dem Teetablett. Während ich die Tassen verteile, beobachte ich meinen Vater. In meiner Erinnerung hat er schon immer lichtes schütteres Haar gehabt. Aber wann ist er so grau geworden? Schließlich lässt er das Papier auf den Tisch sinken und streicht es glatt. Die Adern auf seinen Handrücken treten deutlich hervor. Nur Haut und Knochen. Das ist mein Vater. Mit spitzen Fingern fische ich den Beutel aus der Kanne.

„Das ist ein Witz!“, bricht es aus ihm heraus. „Lila, darauf gehst du nicht ein. Du bist jetzt wie viele Jahre dort?“

„Acht“, ruft meine Mutter, die aus dem Haus tritt. Sie trägt wieder den schillernden Schal, den Viola ihr geschenkt hat. Ihr Gesicht wirkt blass neben all den bunten Farben.

„Fast“, korrigiere ich.

„Das ist eine lange Zeit.“ Mein Vater schüttelt den Kopf. „Da können sie dich nicht mit drei läppischen Monatsgehältern abspeisen.“

„Drei nur?“, wirft meine Mutter ein. „Das geht ja gar nicht!“

Ich wiederhole, was Tore mir angeboten hat, dass ich als Selbständige weiter für WebAd arbeiten könne. „Aber nicht für den bisherigen Preis. Da reden wir dann über ganz andere Summen.“

Meine Mutter sagt „wir“ – ich schmunzle, fühle mich aber auch ein wenig vereinnahmt.

„Als Selbständige hast du viel mehr Kosten. Und dann die Steuern, deine Altersvorsorge, nicht zu vergessen, deine Krankenversicherung.“

Meine Eltern werfen sich einen vielsagenden Blick zu. Nur ich scheine nichts darin lesen zu können.

„Du wirst schließlich nicht jünger.“

„Vielen Dank auch!“

„Jetzt sei nicht so eine Mimose, Lilalein!“ Meine Mutter versucht es mit ihrer berühmten Doppeltaktik: Erst teilt sie aus und dann will sie mich mit der Verniedlichung meines Namens milde stimmen. Aber ich bin kein kleines Kind mehr.

„Was mache ich denn jetzt?“

„Kämpfen!“ Meine Mutter, so friedensbewegt ihr Herz auch sein mag, so martialisch ist ihre Wortwahl.

„Kennst du einen guten Anwalt?“ Mein Vater geht die Sache zum Glück anders an. Aber woher sollte ich einen Anwalt kennen? Ich brauchte bisher nie einen. Wozu auch? Ich schüttle den Kopf und sinniere über meiner Teetasse. Und dann wäre da ja auch noch Ben. „Ich muss aus der Wohnung ausziehen.“

„Gott sei Dank!“, schießt es aus meiner Mutter heraus, „diese seelenlose Schickimickebutze. Sei froh, dass du sie los bist!“

„Du hast leicht reden! Aber ich mochte die Wohnung und ich mochte mein Leben. Und finde mal in Berlin so schnell etwas anderes – etwas, das ich mir ohne Job leisten kann!“

„Ohne Job wirst du dir gar nichts leisten können. Dein Vater hat recht: Such dir einen Anwalt.“

„Trotzdem will Ben so schnell wie möglich die Wohnung verkaufen.“

„Ich will ja nicht schon wieder damit anfangen, Lila …“

„Dann lass es!“

„Aber ich habe damals schon gesagt: Kauft die Wohnung gemeinsam. Lass dich in den Vertrag mit aufnehmen. Aber nein, Lila wusste es besser. Lila muss nicht an die Zukunft denken. Lila lebt nur einmal. – – Wie spießig wir doch sind, Holger, oder?“

„Jetzt streitet doch nicht schon wieder!“ Mein Vater versucht zu vermitteln.

Betreten nippen wir alle an unserem Tee. Er schmeckt bitter. Ich habe die Blätter zu lange ziehen lassen. „Was macht der Hund?“ Mein Vater wechselt das Thema. Nicht gut, überhaupt nicht gut, denn ich spüre, wie sich meine Augen schon wieder mit Tränen füllen. Nicht die Kündigung des Jobs oder der Wohnung, nein, es reicht der Gedanke an Brownie, dass mein Herz butterweich wird.  Brownie sitzt mutterseelenallein in einem Käfig, den er nicht mag, mit Hunden, die er nicht kennt. Er ist nun ein Fundstück. Nur, dass ihn niemand verloren zu haben scheint.

Ich habe gar kein Foto von ihm. Kein einziges Foto von Brownie. Ich blinzle die Tränen weg, aber es kommen immer wieder neue nach. Was für ein Tag!

Meine Mutter hat sich wortlos erhoben und ist ins Haus gegangen. Irgendwann schallt laute Musik in den Garten. „Montag ist ein Misttag. Montag ist kein Tag. Montag ist nur eine helle Nacht“, singen Bots. Sie hat doch tatsächlich auf ihrem alten Plattenspieler eine ihrer verkratzten Vinyl-Scheibe aufgelegt. Ich schaue auf und sie sieht mich lächelnd an. Immer noch kämpferisch sagt sie: „Lass dich nicht unterkriegen, Lila!“

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