The Day After

Dieses Mal klingelt Ben sie aus dem Schlaf. Er sendet keine Sprachnachrichten oder E-Mails. Für ihn ist es zu früh, um ins Bett zu gehen und zu spät, um noch etwas zu unternehmen. Also ruft er mich an. Aber warum kann er einfach nicht rechnen? Plus sechs Stunden. Was ist daran so schwer? Mein Telefon zeigt vier Uhr morgens, ich möchte schlafen, einfach mal wieder eine Nacht durchschlafen. Obwohl ich weiß, dass meine Probleme am nächsten Morgen immer noch da sein werden, bin ich dann wenigstens nicht mehr so hundemüde. Hund. Da war er wieder, der Gedanke, der sich wie ein Virus in meinem Hirn festgesetzt hat. Wie es Brownie wohl gerade geht?

„Kannst du dich nicht einfach mal zurückmelden? Nur zwei Worte: In Ordnung. Okay. Warum schaffst du das nicht?“

Die zwei Worte, die mir auf der Zunge liegen, kann ich gerade noch zurückhalten. Fuck you, denke ich höchstens, aber ich spreche sie nicht aus, niemals. Und ich tue das nicht, um meiner Mutter einen Gefallen zu tun – wegen der verhassten Anglizismen und so. Wer sich zu einem unbedachten fuck you hinreißen lässt, hat die Kontrolle verloren. Immer schön höflich bleiben. Das ist die Regel.

„Du Arsch, weißt du, wie spät es ist?“

Ich richte mich im Bett etwas auf und rücke mir das Kissen im Rücken zurecht.

„Dann melde dich doch einfach, Lila, was ist so schwer daran?!“

Das Leben im Großen und Ganzen, gebe ich mir selbst die Antwort, dabei will Benn gar keine Rechtfertigung hören. Beinahunfälle, Findelhunde, Kündigungen – auf meiner inneren Rückrufliste steht der Ex ziemlich weit hinten.

„Lila, bist du noch dran?“

„Ja“, murmele ich.

„Du hast meine Nachricht gelesen?“

„Ja.“

„Der Makler kommt um elf.“

„Ja.“

„Hast du mich verstanden?“

„Ja.“

„Gut.“

Was? Ich rapple mich noch ein bisschen mehr auf und reibe mir die Augen. Der Makler kommt. Das wusste ich ja bereits.

„Wann kommt er?“

„Um elf.“

„Meiner Zeit?“

Er lacht gequält.

„Um elf.“

„Morgen?“

„In sieben Stunden.“ Ben beweist, dass er doch rechnen kann.

„Fuck!“ Da ist es: das Wort! Ich springe aus dem Bett. „Ist das ein Scherz? Was habe ich dir getan?“

Also, außer dass ich ihn im allerletzten Moment versetzt habe, als es darum ging, in ein Flugzeug zu steigen und ein neues Leben zu beginnen …

„Warum muss das alles jetzt so schnell gehen?“

Falsche Frage. Das ist mir sofort klar, als ich sie ausspreche.

„Ich werde heiraten.“

Tatata! Überrascht mich das? Er ist jetzt ein Jahr in Boston. Und er hat die Frau zum Heiraten gefunden? Wie viele Jahre haben wir zusammengelebt?! Ich schlucke. Mein Hals ist trocken. Ich gehe ins Bad und trinke direkt unter dem laufenden Wasserhahn.

„Was hat deine Heirat mit der Wohnung zu tun?“

Wieder eine überflüssige Frage, denn ich ahne die Antwort bereits.

„Ich brauche das Geld. Wir möchten ein Haus kaufen. Jackie ist schwanger.“

Wie Jackie Kennedy? Ich tigere durch die Wohnung und lehne meinen Kopf schließlich an die bodentiefe Fensterscheibe. Das ist angenehm kühl. Draußen regnet es. Ich drücke mir die Nase platt. Ben und Jackie. Klingt fast so wie dieses Eis, das ich im Kino nie auslasse. Salted Caramel Brownie ist meine Lieblingssorte. Brownie. Da ist er wieder, der Hundevirus.

„Lila?“

„Herzlichen Glückwunsch!“ Aber meine Stimme klingt belegt. Bin ich ein sehr schlechter Mensch, dass ich mich über diese Neuigkeit nicht freuen kann?

„Tut mir leid, dass ich dir das erst jetzt erzähle, aber für mich ist das auch noch ein ganz neuer Gedanke.“

Na ja, so neu kann er nicht sein, wenn er schon mit einem Makler über seine Berliner Immobilie gesprochen hat …

„Wie viel Zeit bleibt mir? Ich meine, bis ich hier raus muss?“

„Erst einmal macht der Makler, also es ist eine Maklerin, nur Fotos, dann stellt er die Wohnung ins Netz. Und dann schauen wir mal, was passiert. Das kann sich noch ein paar Monate hinziehen.“

Das klingt recht vage.

„Wie soll ich da planen können?“

„Sieh dich doch einfach schon mal nach einer anderen Wohnung um.“

Die Worte „einfach“ und „Wohnung“ bekomme ich nicht zusammen. Eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist in etwa so realistisch wie die Eröffnung des Berliner Flughafens. Stimmt nicht. Wird der nicht dieses Jahr endlich in Betrieb in genommen? Den Vergleich mit dem Pannen-Flughafen muss ich mir wohl langsam abgewöhnen.

„Du könntest die Maklerin fragen. Sie heißt Sonja Kladde. Vielleicht kann sie dir helfen.“

Das glaube ich nicht. Denn wie soll ich eine Wohnung mieten, wenn ich keinen Job mehr habe?

Dass ich meinen Job verliere, behalte ich für mich. Und Ben um Aufschub bitten – so tief sinke ich nicht. Ich muss meine Probleme selbst lösen. Was hatte ich mir denn gedacht? Dass ich hier ewig günstig zur Miete wohnen könnte?

„Um elf bin ich gar nicht zu Hause. Ich arbeite, falls du dich erinnerst.“ Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, ob ich jemals wieder einen Fuß in die Agentur setzen möchte, aber auch das ist allein meine Sache.

„Frag Tore, der hat bestimmt nichts dagegen. Du kannst doch mal kurz in die Wohnung laufen und Sonja reinlassen. Die paar Meter – wo ist das Problem? Du musst sicher nicht die ganze Zeit dabeibleiben.“

Sonja? Das wird ja immer vertraulicher … Und spricht er von den paar Metern, die wir früher zusammen gerannt sind, weil wir es eilig hatten, in unser Liebesnest zu kommen? Erinnerungen, die ich jetzt am allerwenigsten gebrauchen kann. Ben fragt noch nach der Agentur, nach Mr Knusper und lässt Tore schöne Grüße ausrichten. Das Gespräch tröpfelt dahin. Es ist alles gesagt. Ben wünscht mir eine gute Nacht und legt auf.

Die Beleuchtung von gegenüber wirft den üblichen bizarren Schein in mein Loft, das mir nicht gehört, und das in wenigen Stunden von Sonja in Augenschein genommen werden soll. Die Wohnung sieht aus, als hätte ein Einbruch stattgefunden. Die zerbrochene Vase, umgekippte Stühle und Sessel, Papierschnipsel und Federschnee. Es müffelt nach Hund und seinen Hinterlassenschaften. Und wenn ich die Deckenleuchte bemühen würde, könnte ich auch die Kratzspuren auf dem Ahornparkett sehen. Diese Wohnung ist nicht vorzeigbar.

Als erstes fülle ich frisches Wasser in die italienische Espressomaschine und warte vor dem Gerät, bis es aufgeheizt ist. Das dauert bestimmt zehn Minuten. Zeit, in der ich am Küchentresen stehe, das Kinn in die Hände gestützt, die Augen auf Halbmast. Ich kann mich nicht rühren. Fürs Bett ist es zu spät – oder zu früh, je nachdem, von welcher Warte ich meine Lage betrachte.

Ich könnte ein Foto von dem Chaos um mich herum auf Instagram posten: #mehrrealitätgehtnicht. Aber die Realität behalte ich lieber für mich. Ich schlürfe den heißen Kaffee und habe keinen Plan, wo ich jetzt anfangen soll. Dann überwinde ich meinen inneren Schweinehund. Hund? Hund! Ich sag doch …

Die nächsten zwei Stunden versuche ich das, was herumliegt, aufzusammeln und in Müllsäcke zu stopfen. Ein großer, reißfester Plastiksack wäre nötig, aber ich muss mich mit den normalen Größen eines Singlehaushalts abmühen. Als ich den ersten Sack in die kleine Kammer im Flur tragen will, reißt er. Die Scherben der Keramikvase schlagen ein zweites Mal aufs Parkett und hinterlassen die nächsten Spuren für die Ewigkeit. Ich beginne von vorn. Als nächstes rücke ich dem eingetrockneten Fleck auf dem Sofa mit heißem Wasser zu Leibe. Ich reibe das Polster so fest, dass die Wolle leidet. Die Stelle ist nun gar nicht mehr zu übersehen. Ich hole den Fön und versuche, den Stoff zu trocknen. Das dauert. Meine Gedanken schweifen ab. Die Müdigkeit kommt zurück. Und noch etwas. Brownie geistert durch meine Gedanken. Sein nasses Hundefell kringelte sich niedlich unter der warmen Luft. Den Kopf und die Pfoten durfte ich nicht trocken pusten, das war ihm unheimlich, aber am Körper ließ er es sich gefallen. Das Fell an seinem Bauch war hinterher samtweich. Es fühlte sich zart an und flauschig und roch sogar gut. Ich hätte mein Gesicht darin vergraben können … Der dunkle Umriss auf dem Sofa verschwindet nicht. Ich werfe das Handtuch. Hier kann ich nichts mehr tun. Stattdessen greife ich mir die Wolldecke, die auf dem Sessel liegt. Mir ist kalt und ich brauche eine Pause. Der Kaffee wirkt längst nicht mehr. Ich lasse mich auf den Sessel sinken, breite die Decke über mich und lege die Beine über die Lehne. Nur einen Moment.

Als ich die Augen öffne, spüre ich jeden einzelnen Knochen. Mit angezogenen Beinen kauere ich in Embryostellung auf dem Sessel. Ich werde mich nie wieder bewegen können. Alles tut weh. Die Türklingel bewirkt Wunder: Ich springe auf und sehe mich nach meinem Handy um. Es ist doch sicher noch nicht elf Uhr? Ein Blick zur Uhr bestätigt das. Es ist kurz nach zehn, aber die Maklerin steht trotzdem schon vor der Tür.

„Sonja Kladde.“ Sie reicht mir die Hand. Ihre Fingernägel glänzen mohnrot. Ich müsste auch mal wieder … die kreativsten Einfälle habe ich mit red revolution auf den Fingernägeln. An kreative Arbeit ist im Moment nicht zu denken. Und weder Nägel noch Frisur sind vorzeigbar. Aber hier stehe ich nun, ich armer Tor! Müsste das nicht Torin lauten? Wie denkt man Goethe-Zitate gendergerecht? Ich bin ein Strohkopf und muss meine Mutter dazu befragen. Und warum schlagen meine Gedanken Purzelbäume, während die Frau in weißen Jeans und dunkelblauem Blazer darauf wartet, dass ich sie hineinbitte?

Mein Aufzug lässt Sonja Kladde – wenn überhaupt, dann nur minimal zögern. „Ich habe Sie telefonisch nicht erreicht. Mein Zehn-Uhr-Termin hat kurzfristig abgesagt und ich war gerade in der Gegend. Wenn es Ihnen nicht passt …“ Sie lässt den Satz unvollendet und sieht mich fragend an. Ihr Blick wandert über mein Mickey-Mouse-Shirt bis hinunter zu meinen nackten Füßen. Memo an mich: neue Nachtwäsche kaufen, irgendetwas Seriöses. Ein hellblauer Pyjama mit Streifen oder so. Etwas, mit dem man notfalls auch nachts auf Straßen und tagsüber fremden Menschen die Haustür öffnen kann. Vielleicht werde ich bald nur noch Schlafanzüge brauchen? Die Businesskleidung der Arbeitslosen – zumindest in meinem Universum.

„Tja, also eigentlich …“ Wie formuliere ich das jetzt?  Gehen Sie weg und kommen Sie nie wieder? Scheren Sie sich zum Teufel – und nehmen Sie Ihren Auftraggeber gleich mit?

„Vielleicht kann ich mir erst einmal einen Eindruck verschaffen?“

„Aber es ist nicht aufgeräumt“, sage ich und gebe trotzdem den Weg in die Wohnung frei.  

Sonja Kladde lässt sich nichts anmerken. Sie übersieht die Federn am Boden, die meiner Aufmerksamkeit beim Saubermachen entgangen sind, sie stutzt nicht einmal beim Anblick des dunklen Flecks auf dem Sofa, steigt über die Decke am Boden, die ich auf dem Weg zur Tür habe fallenlassen und hat in wenigen Minuten ihren Rundgang durch die Wohnung beendet. Wir treffen uns am Küchentresen. Die Espressomaschine heizt gerade wieder an. Überall stehen benutzte Gläser und kleine Espressotassen mit schwarzen, eingetrockneten Rändern. Reste des indischen Essens gammeln vor sich hin.

„Möchten Sie Kaffee?“, raffe ich mich zu etwas mehr Höflichkeit auf. Aber Sonja Kladde schüttelt den Kopf. „Nein, danke.“

„Darf ich ein Foto des Wohnraums schießen?“ Sie holt eine Kamera aus ihrer schwarzen Businesshandtasche und wartet auf eine Antwort.

„Wie gesagt, ich habe nicht aufgeräumt.“

„Das ist nicht schlimm. Ein paar Handgriffe hier und da – und die anderen Bilder entnehme ich dem früheren Kaufexposé.“

Wer hält denn darauf das Copyright, denke ich, behalte meine Bedenken aber für mich. Was geht es mich an? Ich nicke, was Sonja Kladde als Blankovollmacht nimmt, um mal eben mein Wohnzimmer umzustellen und neu zu dekorieren. Den Sessel verrückt sie zur Seite. Die Decke wirft sie lässig über den Fleck. Die Monstera mit den ausladenden Zweigen – die einzige Pflanze, die ich besitze und es mit mir aushält – trägt sie aus dem Flur ins Wohnzimmer und stellt sie neben das Sofa. Den sandfarbenen Dekoschal am Fenster zieht sie ins Bild, nur noch ein paar Federn vom Boden zur Seite stieben und fertig. Sie knipst ihre Bilder und verabschiedet sich.

„Das war es schon?“ Ich bin angenehm überrascht.

„Ja, vielen Dank, Frau Grün.“

Bevor sie geht, dreht sie sich noch einmal zu mir um. Ungeachtet meines unseriösen Outfits traut sie mir offenbar eine gewisse Kreditwürdigkeit zu. „Sie wissen, dass Sie die Wohnung auch erwerben können? Falls Sie Interesse haben, lassen Sie es mich, so schnell es geht, wissen, bevor die übliche Besichtigungstour anfängt. Ich denke, für Herrn Foster wäre das kein Problem.“

Ich weiß gar nicht, über was ich mich mehr aufregen soll oder als erstes, denn in diesen drei Sätzen steckt Dynamit. Ich kann, also könnte, die Wohnung selbst kaufen. Daran hatte ich nicht gedacht. Aber der Gedanke macht mir Angst. In finanziellen Fragen denke ich nur im Rahmen meines monatlichen Gehalts, einen Kredit mit mehr als vier Nullen könnte ich nervlich nicht verkraften. Aber ohne Gehalt bleibt mir diese Option sowieso erspart. Sie sagte „schnell“? Sie setzt mich unter Druck! Was heißt hier schnell? Werden hier ab morgen Zeitfenster vergeben, um diese Wohnung zu besichtigen? Wäre das nicht auch etwas für Touristen? So wohnt man am Potsdamer Platz – jetzt buchen! Die Teilnehmerzahl pro Führung ist auf maximal sechs Personen begrenzt. Zum Abschluss der Tour gäbe es einen Espresso an der Loftbar mit Blick hinüber zum Tiergarten. Dass es diesen Blick gar nicht gibt, ist egal. Steht nur ein Gebäude zwischen dem Blick auf das angesagte Grün. Und, würde Sonja Kladde fragen, möchte irgendwer die Wohnung kaufen? Nein? Dann, vielen Dank, die nächsten bitte!

Ich habe zu viel Fantasie. Zurück zu den Tatsachen. Was hat sie eben gesagt? Für Herrn Foster wäre das kein Problem, das waren ihre Worte. Wie schön! Haben die beiden darüber diskutiert, ob ich als Kaufinteressentin in Frage käme? Nein, sie ist nicht solvent, hat Ben vielleicht zu Bedenken gegeben, vergessen Sie`s. Und Sonja: Woher wollen Sie das wissen? Vielleicht hat sie mittlerweile geerbt? Oder sie ist befördert worden? – Aber sie bekommt keinen Vorzugspreis, insistiert Ben. Wenn es ums Geld geht, hört die Freundschaft auf, das weiß doch jeder.

So könnte es gewesen sein. Die beiden haben über mich geredet. Da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht hat Ben aber sofort ausgeschlossen, dass ich die Wohnung kaufe. Und Sonja hat mir diesen Brocken nur hingeworfen, um mich zu demütigen, weil sie weiß, ich könnte mir diese Wohnung nie und nimmer leisten.

Wenn ich wollte, könnte ich mich den Rest des Tages in weiteren fiktiven Theorien versteigen. Ich bin so in Rage – ich kann mich kaum bremsen. Was Sonja Ben wohl jetzt berichten wird? Hängt sie schon am Telefon? Vermutlich nicht. In Boston ist es fünf Uhr morgens. Sie wird ihn nicht wecken wollen. Aber irgendwann werden sie telefonieren. Und sie wird ihm erzählen, wie ungepflegt die Wohnung ist – ein Abbild ihrer Bewohnerin, der Frau mit den roten Haaren und der Mickey Mouse.

Stopp. Ich rufe tatsächlich ein Stoppschild vor meinem inneren Auge auf. Ich bin ein visueller Mensch. Und dieses rote Schild mit der weißen Schrift und den acht Ecken holt mich auf den Boden zurück – das funktioniert immer.

Durchatmen. Jeden weiteren Gedanken an Ben verbiete ich mir. Tore, der Job, die Abfindung, meine Zukunft – das große Ganze muss warten. Viel wichtiger ist doch: Was ist der nächste kleine Schritt? Kaizen und so? In Gänseschritten voran – aber wohin? In welche Richtung?

Duschen wäre ein Anfang. Auf dem Weg ins Bad rufe ich nebenbei meine Nachrichten ab. Da ist eine von Tore. Hast du dir den Vertrag durchgelesen? – – Eine von Lena. Na, wie geht`s? Bist du abgetaucht oder im Zeugenschutzprogramm? – – Mein Vater: Lila, bitte ruf zurück. – – Noch einmal mein Vater, der mir die Telefonnummer eines Anwalts durchgibt. – – Und meine Mutter: Wie geht es dir heute? Von ihr nur diese Frage. Sie scheint sich tatsächlich Sorgen um mich zu machen. Sehr merkwürdig. Beide Eltern sprechen mir unabhängig voneinander eine Sprachnachricht auf … Was wollte meine Mutter gestern eigentlich von mir? Es ging nur um mich. Dabei hatte sie doch etwas auf dem Herzen.

Ich vereinbare einen Termin beim Anwalt. Ich verabrede mich mit Caro und Lena. Ich melde mich nicht bei Tore zurück. Ich gehe nicht zur Arbeit – stattdessen dusche ich endlich. Dann ziehe ich mir ein Kleid an. Ich bringe meine Haare in Form. Bevor ich gehe, lege ich Lippenstift auf. Ein letzter Blick in den Spiegel: Dass ich bald arbeitslos bin, sieht man mir nicht an. Ich sehe aus wie immer: Lila Grün, die Frau mit dem lustigen Namen und dem ernsten Gesicht, deren rote Haare unter einer schlechten Tönung überall hervorblitzen. Vergiss den Frisörtermin nicht, erinnert mich eine innere Stimme.

Der Regen hat aufgehört. Ein ganz passabler Frühlingstag mit Temperaturen im oberen zweistelligen Bereich. Dieser Tag verlangt danach, mit Freundinnen verbracht zu werden. Wir sitzen draußen in der Sonne unseres Lieblingscafes. Caro trinkt Weißwein. Ich bestelle grünen Tee. Lena schlägt über die Strenge, wie sie selbst sagt: Sie gönnt sich einen Kaffee. Als stillende Mutter verzichtet sie sonst auf Kaffee. Heute macht sie eine Ausnahme und freut sich wie ein Kind, als ihr Latte Macchiato serviert wird. Dazu gibt es ein Stück Käsekuchen. Sie trägt ein Wickelkleid mit Pünktchen und Leggings. Die paar Pfunde mehr auf den Hüften stehen ihr. Sie wirkt nicht mehr so knochig. Ihr Gesicht ist rosig. Die dunkelblonden Haare glänzen in der Sonne. Sie sieht sehr gesund aus. Ich bin etwas neidisch, das gebe ich zu.

„Ich bin gefeuert“, eröffne ich die Runde. Wozu lange um den heißen Brei reden.

„Du bist gefeuert?“ Caro ist sprachlos. Bei Lena bin ich mir nicht sicher, ob sie mir überhaupt richtig zugehört hat. Der fünf Monate alte Finn-Luca liegt in seinem Wagen und brummelt vor sich hin. Mit der linken schuckelt Lena ihn, in der rechten hält sie ihren Latte Macchiato. „Du findest bestimmt schnell etwas Neues“, sagt Lena, ohne ihren Blick vom Kinderwagen abzuwenden.

„Wie kommst du darauf?“ Ich finde es schon ein starkes Stück, wie lapidar sie darüber hinweggeht, dass ich meinen Job verliere. „So einfach ist das ja nun auch nicht.“

„Jetzt verkauf dich mal nicht unter Wert“, erwidert Lena. Ihre Stimme klingt leicht genervt. „Du hast doch einiges vorzuweisen.“

„Ich bin aber noch in der Trauerphase“, antworte ich patzig.

„Da bist du noch nicht“, Caro schlägt die Beine übereinander. Obwohl es erst Mai ist, sind sie braun gebrannt und Caro setzt sie in kurzen Shorts perfekt in Szene. „Noch hast du den Job doch, oder?“

Ich erzähle ihnen von Tores Angebot.

„Jetzt kannst du entweder kämpfen“, fasst Caro die Möglichkeiten, die mir bleiben, zusammen, „um eine gute Abfindung zum Beispiel, oder du akzeptierst die Sache mit der Selbständigkeit und arbeitest erst einmal für WebAd weiter, bis du dir vielleicht neue Kunden erschlossen hast. Oder es gibt einen harten Bruch. Du gehst zum Arbeitsamt. Dann beginnt das Trauern um deine altes Leben – vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Was ist, wenn du am Ende froh bist, den Job los zu sein?“

„So ein Bullshit!“, rutscht es mir heraus.

„Oder“, mischt sich Lena ein, „du bewirbst dich noch heute auf andere Stellen.“ Finn-Luca erhebt sein Stimmchen und Lena springt auf, um ihn auf den Arm zu nehmen.

„Übertreibst du nicht ein wenig?“ Caro mal wieder. Nimmt kein Blatt vor den Mund. Dabei sind frisch gebackene Mütter wie rohe Eier zu behandeln.

„Krieg du erst einmal ein Kind. Bis es soweit ist, halt einfach die Klappe.“

„Apropos“, Caro grinst, „hast du über die Hundesache nachgedacht?“ Sie sieht mich an. Und ich dachte, sie hätte neulich in unserem Gespräch auf der Straße einen Scherz gemacht.

„Ein Hund kommt mir nicht ins Haus“, sage ich. Aber das klingt entschiedener, als ich es meine.

Lena setzt sich mit Finn-Luca wieder und sieht mich groß an. „Hast du etwa überlegt, dir einen Hund anzuschaffen?“ Sie ist ganz aus dem Häuschen.

„Stell dir vor, sie konnte sich noch nicht einmal mehr an Foxie erinnern!“

„Ich wollte nicht“, korrigiere ich Caro, bevor Lena mich ins Verhör nehmen kann.

„Natürlich erinnere ich mich an Foxie, den süßen kleinen Jack Russell Terrier.“

„Ja, gell!“ Ihr süddeutsche Klangfarbe schlägt mit einem Mal voll durch und ihre Augen leuchten. „Ich möchte unbedingt, dass Finn-Luca auch mit einem Hund aufwächst. So wie ich.“

Ich überlege, ob Brownie nicht ein Hund für Lena wäre, aber ich wage es nicht, von ihm zu sprechen, noch nicht. Überhaupt ist Brownie ja ein Findelhund, der jederzeit von seinem Besitzer abgeholt werden kann. Ich sollte Lena da keine falschen Hoffnungen machen.

„Ein Hund passt momentan überhaupt nicht in mein Leben“, überlege ich laut, „ich habe bald keinen Job mehr und keine Wohnung.“

„Obdachlose haben oft Hunde“, widerspricht mir Caro und grinst, „auf der Straße ist es, glaube ich, noch wichtiger, einen Gefährten zu haben.“

„Darüber macht man keine Scherze!“ Lenas Stimme klingt streng.

„Kriege ich jetzt einen Eintrag ins Hausaufgabenheft?“

Lena rollt genervt ihre Augen. Sie ist Lehrerin für Bio und Chemie in einer katholischen Privatschule. Und manchmal, also hin und wieder, schlägt es voll durch, das Lehrerinnen-Gen.

„Kann ich notfalls bei einer von Euch unterkommen?“, wechsle ich das Thema.

Caro sieht mich entsetzt an. Lena nestelt an Finn-Lucas Strampler. Das proppere Kerlchen füllt den Einteiler sehr gut aus. Da ist bald die nächste Größe fällig.

„Wir haben doch schon so wenig Platz“, sie schiebt die Unterlippe nach vorn und macht ein trauriges Gesicht.

„Aus dem WG Alter sind wir draußen“, wiederholt Caro nonchalant fast exakt die Worte, die sie vor ein paar Tagen schon einmal gebraucht hat. Da war die Lage aber noch rein hypothetisch.

„Bin ich zu alt für eine WG?“ So recht mag ich das nicht glauben.

„Wir sind zu alt“, antwortet Lena und zeigt auf sich und Caro. „Du kannst dich neu erfinden. Vielleicht musst du das sogar. – – Und du hast alle Freiheiten der Welt.“

Warum das für Caro nicht gelten soll, leuchtet mir nicht ein. Caro ist auch Single. Und das Alter kann sie doch nun wirklich nicht heranziehen? Wir sind alle in etwa gleich alt.

Mein Telefon meldet sich. Eine unbekannte Nummer. Ich nehme das Gespräch an. Vielleicht ist das der Anwalt?

„Hallo, hier ist Marina.“

Marina? Ich kenne keine Marina.

„Das Tierheim“, hilft sie mir auf die Sprünge.

Marina! Die patente Outdoor-Hunde-Marina.

„Es geht um Brownie.“

Sie sagt seinen Namen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Wenn Tiere Namen besitzen …

„Was ist mit ihm?“  

Lena und Caro schauen mich besorgt an. Caro formuliert ein lautloses: „WAS?“

Ich winke ab.

„Er frisst nicht. Er sucht keinen Anschluss. Er leidet. Es geht ihm nicht gut. Und es sah so aus, als hätten sie beide sich verstanden. Ich frage frei heraus: Können Sie sich vorstellen, Brownie zu sich zu nehmen, bis seine Besitzer sich bei uns melden?“

Als ich nicht antworte, übernimmt Marina das Reden.

„Ich weiß, das ist sehr viel verlangt. Aber auch nicht ungewöhnlich. Unsere Tierheime sind recht voll, unsere Kapazitäten begrenzt. Und es kommt vor, dass gefundene Tiere in privater Obhut verbleiben, bis sie an ihre rechtmäßigen Besitzer vermittelt werden können.“

„Und wenn sich niemand meldet?“

„Dann können Sie nach einem halben Jahr den Hund adoptieren.“

Eine Adoption? Allein das Wort beschert mir einen Schweißausbruch.

„Und wenn ich das nicht will?“

Marina seufzt. „Dann werden wir ihn aufnehmen oder ihn weitervermitteln.“

Wieder schweige ich.

„Ich habe gesehen, wie schwer es ihnen gefallen ist, Brownie bei uns zu lassen. Ich denke, er hat es bei ihnen gut.“

Woher will Marina das denn wissen? Ich kann nicht mit Hunden. Ich kriege noch nicht einmal eine Zimmerpflanze gegossen. Wie soll ich mich da um eine viel anspruchsvollere Lebensform wie einen Hund kümmern?

„Ich überlege es mir“, sage ich.

Offenbar ist das nicht die Antwort, auf die Marina gewartet hat. Jetzt schweigt sie zur Abwechslung mal. Es gibt tausend Gründe, die dagegen sprechen: Ich habe keine Wohnung, bald keinen Job mehr und keine Ahnung von Hunden. In meinem Beisein hat er Schokolade gefressen! Er hätte an einer Vergiftung sterben können, nur weil ich zu blöd bin und nicht weiß, wie man mit Hunden umgeht. Ich bin eine Gefahr für Hunde, so sieht es nämlich aus!  Caro und Lena tuscheln miteinander. Und ich weiß nicht, was ich machen soll. Da erklingt ein helles Pling.

„Einen Moment“, bitte ich Marina und wechsle die Displayansicht. Marina hat mir ein Foto geschickt. Brownie kauert im hintersten Winkel seiner kleinen Zelle. Er liegt eingerollt wie ein Kätzchen. Er sieht plötzlich so klein und hilflos aus. Seine braunen Augen schauen von unten in die Kamera.

„Wann soll ich da sein?“

„Wann sie wollen.“ Ich kann es sehen: Marinas breites Grinsen.

Caro nimmt mir, ohne zu fragen, das Telefon ab, und schaut sich das Foto an. Dann reicht sie es an Lena weiter. „Das ist ein Hund“, sagt Caro und sieht mich an, als hätte sie mir damit eine göttliche Offenbarung zuteil werden lassen.

„Das ist Brownie“, kläre ich sie auf. „Er wird vorübergehend bei mir einziehen.“

Caro und Lena lachen so laut, dass sich sogar die Passanten auf der Straße nach uns umdrehen.

„Hört schon auf“, versuche ich, sie zu beruhigen, „das ist nur ein Findelhund!“

„Ein Findelhund?“ Die beiden sehen sich an und können sich kaum mehr einkriegen. Sie gackern wie Gänse. „Ich dachte, du hasst Hunde“, stichelt Caro und wischt sich eine Träne aus den Augenwinkeln.

„Das tue ich auch!“, beharre ich trotzig. Aber dann muss ich mich entschuldigen. Erklärungen gibt es später. „Ich muss los“, sage ich und verschwinde.

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