Paralleluniversum

Ich sitze im Auto und fahre vom einen Ende der Stadt zum anderen. Lenas Worte gehen mir nicht aus dem Sinn: „Sie vertrauen dir ein Tier an?“ Da haben wir vorher noch über Hunde geredet und jetzt, wo es ernst wird, melden sich ihre Bedenken.

„Normalerweise checken die dich erst einmal auf Herz und Nieren. Besitzt du ausreichend Platz, Zeit und Geld für ein Tier? Wie ist dein Lebensumfeld und hast du Erfahrungen mit Hunden? Da kann nicht jeder kommen und sich einfach einen Hund aus dem Tierheim mitnehmen. Ein Tierheim ist doch kein Supermarkt.“

Kann sein. Aber Brownie geht es nicht gut und Marina hofft, dass ich daran etwas ändern kann. Ich tue dem Hund gut – oder tut er mir gut?

Als Brownie mich sieht, springt er auf. Er ist völlig aus dem Häuschen. Er führt ein Tänzchen auf und wackelt mit dem Hinterteil. Wir beide können es kaum erwarten, bis Marina die Tür öffnet. Ich strecke Brownie den Hundekeks, den Marina mir in die Hand gedrückt hat, entgegen und er verschlingt ihn hungrig.

„Das ist ein sturer Kerl“, bemerkt Marina, „wenn ich ihm ein Leckerli hinhalte, nimmt er es nicht.“

Brownie schnüffelt an meiner Hand und schleckt über die Innenfläche. Von so einem Keks wird er nicht satt. Aber bevor ich mich um den Findelhund kümmern kann, kommt Marina auf die Formalitäten zu sprechen. Ich denke an Lenas Worte, aber Marina wirkt gar nicht streng. „Ist es okay, wenn ich dich duze?“, fragt sie.

„Dit geht klar“, berlinere ich zurück. In Berlin sagt man Du. Ein Detail, das mir zwischen den anonymen Touristenströmen am Potsdamer Platz in den letzten Jahren etwas verlorengegangen ist.

„Brownie hat ziemlich gejammert. Und ihr beide, ihr scheint euch wunderbar zu verstehen. Sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, dich anzurufen, aber“, und ihr Ton wird ernst, „wenn seine Besitzer sich melden, dann heißt es, Abschied zu nehmen.“

„Kein Problem“, werfe ich dazwischen.

„Denn Brownie ist ein Findelhund. Vielleicht heißt er auch Fred oder Eddie. Und seine Familie vermisst ihn sehr.“

Warum hat sie dann nicht besser auf ihn aufgepasst? Man verliert doch nicht einfach einen Hund? Oder haben sie ihn vielleicht auf dem Parkplatz ausgesetzt? Der Klassiker?! Manchmal ist es besser, an der richtigen Stelle die Klappe zu halten – etwas, das mir vor allen Dingen bei Familienfesten schwerfällt, aber heute kriege ich es hin, schließlich geht es um was. Und so nicke ich jetzt zustimmend.

„Du hast Erfahrungen mit Hunden?“

„Ja.“  

Marina sieht mich interessiert an. Sie wartet offensichtlich auf Einzelheiten.

„Ich bin mit Hunden aufgewachsen.“

„Das merkt man“, sagt Marina und ich beginne zu schwitzen. Nun gibt es kein Zurück mehr. „Er hieß Foxie.“ Ich puste eine rote Strähne aus dem Gesicht. „Ein Jack Russell Terrier.“

„Anspruchsvoll. Ein ziemliches Energiebündel.“

„Das stimmt. Aber wir waren unzertrennlich, ein Herz und eine Seele. Als ich die Windpocken hatte, saß er tagelang an meinem Bett.“

Marina lächelt.

„Und mit deinem Job? Das geht? So ein Hund sollte nicht den ganzen Tag allein sein.“

„Kein Problem“, winke ich ab, „ich bin selbständige Grafikdesignerin und arbeite von zu Hause aus, also im Homeoffice.“

„Du hattest eine Adresse am Potsdamer Platz angegeben. Da wohnst du?“

Worauf will Marina jetzt hinaus? Ich überlege fieberhaft. Dabei fällt mir natürlich wieder ein, dass Hunde in Bens Wohnung nicht erlaubt sind – ein Detail, das ich ja nun gern verdränge. Ob eine Stadtwohnung hier so gut ankommt?

„Ähm, ja und nein“, improvisiere ich, „das ist die Wohnung meines Freundes. Ich wohne“, die Worte wollen nicht ausgesprochen werden, aber es ist die einzige Adresse, die mir auf Anhieb einfällt, „ich wohne etwas außerhalb in Brandenburg.“ Und schreibe Marina die Adresse meiner Eltern auf. Kaum zu glauben. Bis vor wenigen Tagen hatte ich einen Job, eine Wohnung und ein Leben. Heute habe ich einen Hund, keinen Job und spiele gedanklich damit, bei meinen Eltern einzuziehen. Wie tief kann man sinken?

„Alles klar“, sagt Marina und reicht mir noch ein paar Merkblätter und Broschüren.

Für Brownie fühlt es sich an wie Haftentlassung. Im Tierheim steht das Tierwohl an erster Stelle – hier kennt man sich aus mit Tieren. Aber Brownie zieht mich den Profis vor, warum auch immer. Er hüpft in mein Auto, als hätte er ein Taxi bestellt.

„Was machen wir denn jetzt?“, frage ich ihn und er sieht mich aus seinen braunen Augen aufmerksam an, bis er den Kopf zur Seite neigt und ihm das üppige Pony die Sicht versperrt.

Wir gehen shoppen. Ich kenne die Boutiquen der Designer und die von mir favorisierten Schuhläden, die Feinkostabteilung im Kadewe und die Markthalle neun. All diese Orte besucht man am besten ohne Hund, ganz abgesehen davon wären sie in den meisten Fällen unerwünscht. Mit Brownie biege ich jetzt auf einen großzügigen Parkplatz ein. Das könnte auch ein Baumarkt oder ein Möbelhaus sein, aber nein, es ist das Shoppingparadies für Vierbeiner. Eine Parallelwelt, die ich heute zum ersten Mal betrete. Diese Welt gab es vorher auch schon, nur habe ich sie nicht wahrgenommen. Und jetzt bin ich mit einem Mal ein Teil davon und stehe vor vollgestopften Regalen und staune. Überall Dinge, die Tiere shoppen würden, wenn sie Kreditkarten besäßen. Aber dafür gibt es ja das andere Ende der Leine.

Brownie zieht mich zuerst dorthin, wo die Hundedelikatessen liegen – und zwar offen! Wie an der Obst- und Salatauslage im Supermarkt greift man sich hier ein Tütchen und füllt die Leckereien einzeln ab. Knochen, Lunge, Rippe, Kopfhaut, Pansen. Mir wird schlecht. Und wie das riecht! Nur Brownie leckt sich schon über die Schnauze. Luft anhalten und durch, sage ich mir und packe von allem etwas in die Tüte. Weiter geht`s! Die Wahl des Hundekörbchens ist in etwa so schwierig, als müsste ich mich zwischen Flip Flops und Wanderschuhen entscheiden, obwohl ich gar nicht weiß, ob ich damit an die See oder in die Berge reise.

Eine einfache Decke? Ein orthopädisches Hundebett? Flach oder mit Rand? Rund, oval oder eckig? Kariert, beige oder grau? Mit Kühlfunktion oder nur warm und kuschlig?

„Kann ich Ihnen helfen?“

Ich bin ein leichtes Opfer für jede Verkäuferin. Innerhalb der nächsten halben Stunde fülle ich unter fachkundiger Anleitung zwei Einkaufswagen. Darin befinden sich laut Aussage der Fachkraft die Dinge, die ein Hund unbedingt braucht: als erstes eine Decke und ein Körbchen, wobei es für Brownie schon die XXL-Ausgabe sein muss und die natürlich in der Deluxe-Ausstattung, denn Brownie hat eben Geschmack, wie sich herausstellt, dabei sind wir doch gar nicht verwandt. Zielstrebig legt er sich in das teuerste Hundebett, das für Geld zu haben ist. Und dann sieht er mich mit seinen braunen Augen an und ich nicke der Verkäuferin zu: „Nehmen wir!“

Weiter geht es zum Futter. Ich wähle eine bunte Mischung, die aus einem Sack Trockenfutter besteht und einer ganzen Palette Fleischdosen mit klangvollen Namen wie Ochsenpfanne oder Schäfers Glück. Und typisch Lila! – Ich habe sofort die passenden Bilder dazu im Kopf. In einer wild romantischen Wiesenlandschaft kniet der Schäfer vor dem Lämmchen, streichelt es und fragt: „Na, was willst du später mal werden, wenn du groß bist?“ Und das Lämmchen blökt: „Hundefutter!“

Hoffentlich weiß Brownie das zu schätzen. Aber die Sache mit dem Futter ist damit noch nicht gegessen, also abgefrühstückt, von der Einkaufsliste gestrichen, denn das Futterangebot hat sich noch längst nicht erschöpft. Tausend verschiedene Tüten Trainingsleckerli stehen vor mir in den Regalen. Ich kann daran nicht einfach vorbeigehen. Es sind so viele. Das scheint wichtig zu sein. Aber Training? Welches Training? Vorsichtshalber werfe ich auch hier ein paar Tütchen in den Wagen. Strauß, Leber, Hühnchenherzen – es geht immer noch etwas gruseliger.  

Natürlich brauche ich Futternäpfe. Das war eine leichte Entscheidung. Ich wähle die Futterstation aus Eichenholzgestell und Porzellaneinsätzen. Plastik, Melamin oder Edelstahl passt nicht zu meiner Kücheneinrichtung. Und nur weil man jetzt einen Hund in der Wohnung hat, bedeutet das doch nicht, dass man all seine ästhetischen Vorlieben aufgeben muss, oder? Obwohl ich ahne, dass ich hier und dort Kompromisse eingehen werde … Die Verkäuferin quittiert meine Wahl mit einem noch breiteren Lächeln als beim Hundebett. Weiter geht es zu den Pflegeartikeln. Wenn ich mir Brownie so ansehe, ist klar, dass ich auch Bürsten und Kämme benötige. „Was für ein schönes Fell“, sagt die Verkäuferin, „aber es braucht auch viel Pflege.“

Ich weiß. Brownie hat Haare wie eine Diva. Sie sind in etwa so prätentiös wie meine eigenen. Ich bin also Kummer gewöhnt. Die Verkäuferin empfiehlt ein Anti-Filz-Spray und natürlich ein mildes Hundeshampoo mit Honigaroma. Her damit!

Ich wehre mich auch nicht gegen Zeckenzange, Krallenschere, Zahnbürste und Fleischzahnpasta. Habe ich erwähnt, dass ich mit Gerüchen ein Problem habe? Allein der Gedanke mir mit Leberwurst die Zähne zu putzen … kann Brownie das bitte allein erledigen? Der Ekelfaktor mit Hund liegt auf einer Skala von 0 bis 10 für mich schon jetzt ungefähr bei acht. Bei zehn setzt dann der Würgereiz ein. Könnte ich hellsehen, wüsste ich, dass ich die zehn noch erreiche. Nicht mehr heute, aber schon bald.

Die nächsten beiden Dinge sind unverfänglich. Ich sehe sofort ein, dass ich sie brauche: eine Trinkflasche für den Hund, wenn wir in Zukunft unsere Ausflüge machen. „Brownie, wir beide“, ich zeige auf ihn und mich, „wir erkunden zusammen die Welt. Das wird ein Abenteuer!“ Keine Ahnung, wo ich das gerade so hernehme. Aber irgendwie weckt diese Shoppingtour die Abenteuerlust in mir. Vielleicht gibt es in dieser Parallelwelt mit Hund noch viel mehr Neues zu entdecken, als diesen Einaufsmarkt. Und darum packe ich auch noch eine Hundetasche für mich obendrauf – denn wie soll ich das ganze Zeug transportieren, wenn wir beide fortan unterwegs sind?

Ach ja, und das Beste kommt zum Schuss: Spielzeug! Spielzeug? Man könnte meinen, man rüste sich für den eigenen Nachwuchs. Hunde spielen offenbar genauso gern mit Plüschtieren wie Kinder. Also packe ich einen Fuchs, eine Ente und etwas, das aussieht wie eine pinke Krake, in den Wagen. Dann natürlich noch Bälle, Spielknochen und ein buntes Tau. „Damit können Sie Zergeln.“

Zergeln? Ein Wort, das ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Ich sehe die Verkäuferin ratlos an. „Na, Zerrspiele, das gefällt ihrem Hund bestimmt.“

Zerrspiele? Hört sich anstrengend an. Egal. Ich bin in Kauflaune! Vor dem Regal mit den Halsbändern und Leinen wird es noch einmal schwierig. Es gibt Leinen in allen Farben und Größen und sogar mit glitzernden Strasssteinchen! Das scheidet für meinen Rüden wohl aus. Andererseits wäre es ihm sicher ziemlich egal. Ich könnte ihn statt Brownie auch nach meinem Idol Anni-Frid nennen. Ihm wäre es vermutlich schnuppe.

„Wie wäre es mit Rot?“ Die Verkäuferin reicht mir ein Halsband. „Das passt zu Ihren Haaren.“

„Das Halsband ist aber nicht für mich!“

„Ich dachte, Sie mögen Rot“, die Verkäuferin klingt etwas eingeschnappt, „hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie und Ihr Hund sich ähnlich sehen? Ich meine die Haarfarbe.“

So etwas Dummes hat mir noch niemand gesagt! Und es ist ja auch gar nicht mein Hund. Aber meine Welt wird zusehends komplizierter. Also werfe ich das rote Halsband und eine passende Leine in den Wagen und schiebe ab.

An der Kasse stehen für Vierbeiner immer ein Wasser- und ein Futternapf bereit. Brownie stürzt sich darauf. Dabei hätte ich eine Stärkung viel nötiger. Während ich eine hohe dreistellige Summe für meinen Findelhund hinblättere und eigentlich erwarte, dass man mir ein Glas Champagner reicht auf den Schrecken, schleckt Brownie die Schale aus.

„Das würde ich ihm dann von seiner Futterration heute Abend abziehen“, empfiehlt die Kassiererin. Ich überlege, ob sie die Kosten meint. Ich könnte ihm immer nur kleine Portionen geben, dann reicht das Futter länger und der Hund wird auf Dauer kostengünstiger … oder ich komme einmal am Tag hierher und Brownie frisst sich satt, dann hätte ich wohl die größte Ersparnis. Falls ich bald kein Geld mehr verdiene, wäre das auf jeden Fall eine Option!

Aber offenbar spielt die Kassiererin auf die Menge des Futters an, die sich Brownie hier in wenigen Sekunden einverleibt hat. Sie schenkt mir eine Broschüre, die mir hilft, den täglichen Futtermittelbedarf des Hundes zu errechnen. Aber ich glaube, ich bin in Mathe genauso eine Niete wie Brownie.

„Möchten Sie eine Treuekarte?“

Ich winke ab. Dieses Erlebnis heute bleibt ein einmaliges Vergnügen. Ich komme bestimmt nicht wieder. – Oder?

Draußen auf dem Parkplatz meldet mein Telefon ein halbes Dutzend neuer Nachrichten. Tore hat mir eine Sprachnachricht hinterlassen: „Hast du die Limo-Sache fertig? Der Abgabetermin war heute.“ Er klingt wütend. Meine Mutter hat angerufen, aber keine Nachricht hinterlassen. Ruft sie mich jetzt täglich an?

Sonja Dingsbums möchte noch einmal vorbeikommen. Bloß nicht! Und der Anwalt rät mir, nicht auf die Abfindung einzugehen. Drei Monatsgehälter wären zu wenig. Ich weiß, dass ich mich genau damit beschäftigen sollte: Ich müsste um den Job kämpfen oder um eine wirklich gute Abfindung. Oder die Fühler nach etwas Neuem ausstrecken – aber ich kann nicht. Ich fühle mich wie gelähmt. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich weiß wirklich nicht, was ich will und um was ich kämpfen soll – ist das nicht traurig? Ich will noch nicht einmal, dass alles so wird, wie es vorher war. Ich muss mich nicht selbst belügen. Vorher war auch nicht alles Gelb, also Sonnenscheingelb. Mein Leben war eher gilb. Mit so einem Grauschleier wie bei falsch gewaschener Wäsche. Jetzt denke ich in Waschmittelanalogien! Was stimmt mit mir nicht? Dabei wasche ich so ungern. Aber eigentlich mag ich ja auch keine Hunde …

Brownie kommt mit in Bens Wohnung. Von unserem Einkauf nehme ich nur mit, was ich tragen kann: zwei Dosen Futter, die Kuscheldecke und einen Ball. Ich gebe mir keine Mühe mehr, zu vertuschen, dass mich ein Hund begleitet. Wie auch? Er reicht mir bis zum Knie. Niemand kann das braune Fellknäuel übersehen. Sollen sie doch die Polizei rufen – oder wen auch immer! Ich probe den Aufstand. Von nun an nur noch unangepasst. Ein bisschen fühle ich mich wie Thelma und Louise. Wer von uns ist Thelma, wer Louise? Brownie schmiegt sich an mein Bein, als der Fahrstuhl sich in Bewegung setzt. Irgendwann ist alles egal. Es kommt nicht mehr darauf an. Ich muss diese Wohnung sowieso über kurz oder lang verlassen. Da kann ich doch noch ein paar Tage oder Wochen gegen Regeln verstoßen, die ich nicht gemacht habe … „Komm, Thelma“, sage ich, als die Fahrstuhltüre aufgleitet. Brownie kennt den Weg. In der Wohnung führt er sein altbekanntes Tänzchen auf, springt dann aufs Sofa und schnüffelt an dem Fleck. Danach dreht er seine Runde durch die Wohnung. Alles ist noch so, wie er es kennengelernt hat. Ich werfe einen der neuen Bälle und er hechtet hinterher, bremst mit seinen Krallen und schnappt ihn sich. Anders als in meiner Vorstellung bringt er ihn mir aber nicht zurück. Er verschwindet damit. Dummer Hund!

Das Telefon klingelt. Tore. Schon wieder. Ich gehe nicht dran, schreibe ihm aber, dass ich morgen ins Büro komme. Und Brownie? Keine Ahnung, wie ich das Hundeproblem löse. Das wird sich sicher klären. Morgen. Irgendwie.

Ich wache auf und die Idee erscheint mir nicht aberwitzig, sondern logisch: Die einzig mögliche Lösung. Brownie muss mit! Auf dem Weg ins Büro benutze ich zum ersten Mal im Leben einen Hundekotbeutel. Der Beutel ist pink – oder magenta wie aus dieser Werbung – und ich kann nicht ganz glauben, dass er biologisch abbaubar sein soll. Diese Farbe? Kann ich mir nicht vorstellen, dass die verrottet, egal, welche biologischen Überreste sie in sich trägt. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber an diesem Morgen läuft alles so ab, als hätte ich einen Plan, als wüsste ich genau, was ich tue. Dabei merke ich selbst nicht mal mehr, dass ich improvisiere. Aber es gibt nichts zu meckern: Meine Haare sitzen so gut wie lange nicht mehr, wenn man vom roten Ansatz absieht. Ich trage eine schwarze Stoffhose und eine cremefarbene Seidenbluse – wenn das nicht seriös ist. Eigentlich overdressed für uns als Kreativarbeiter. Sogar Brownie hat sich in Schale geworfen: Er trägt sein neues rotes Lederhalsband und ich führe ihn erhobenen Hauptes an einer dazu passenden roten Lederleine ins Büro.

Noch nicht alle Legebatterien sind besetzt. Aber die Kollegen, die bereits in ihren Glaskästen sitzen, drehen ihre Köpfe nach uns um. Doreen kann ich nirgends entdecken. Tore auch nicht. Niemand spricht mich wegen des Hundes an. Nach den ersten überraschten Blicken wenden sich alle wieder ihren Bildschirmen zu, als gehöre Brownie hier bereits zum Inventar. Würde Brownie als Bürohund taugen?

Als ich die Tür in meinem gläsernen Büro hinter mir schließe, was ich eigentlich nie tue, niemand tut dies hier, alle Türen stehen immer offen, sieht Brownie mich überrascht an. Er hat es nicht so mit engen Räumen. Ich bilde mir ein zu wissen, was in seinem Hundeköpfchen vor sich geht: Was machen wir hier, fragt er sich. Dieser Raum ist winzig. Komm, lass uns rausgehen und spielen. Prompt dreht er sich um und kratzt an der Tür.

„Ich arbeite jetzt und später gehen wir in den Park, in Ordnung?“ Als ob er mich versteht! Dazu rede ich mit ihm wie mit einem Kleinkind – auch in diesem typischen Singsang, den ich bei anderen immer so nervig finde. Die Sache mit dem Reden sollte ich mir am besten ganz abgewöhnen.

„Du bist ein Hund. Du verstehst mich nicht.“ Ich habe es schon wieder getan! Während mein Computer hochfährt, hat Brownie ein paar Minirunden durch mein Büro gedreht. Drei Schritte zum Fenster, zwei bis zum Schreibtisch. Drei Schritte zur Tür zurück. So in etwa. Verlaufen kann er sich hier nicht. Ich nehme ihm die Leine ab. Brownie stellt sich vor die Tür und winselt. Mit seinen großen braunen Hundeaugen sieht er mich an. Normalerweise hätte er mich damit sofort wieder. Ja, klar, dann arbeite ich eben nicht. Dann gehen wir raus, schnüffeln eine Hunde, heben das Beinchen oder tun, was Hunde eben so tun. Was eigentlich genau? Ich habe keine Ahnung. Ich dachte, Hunde liegen auf Sofas, werden gekrault und schlafen die meiste Zeit des Tages. Brownie sieht nicht müde aus. „Du hast Pause, mein Freund. Ich arbeite jetzt.“

Die Limoflaschen erscheinen auf meinem Bildschirm. Ich sehe in ihre lustigen Limoflaschengesichter, die ich ihnen verpasst habe, mit den riesigen Augenbrauen, die wie schwarze Balken in der Luft hängen. Ich suche nach dem Bodensatz Professionalität in mir und kratze das kleine Häufchen zusammen. Noch nie ist es mir so schwer gefallen, mich für eine Aufgabe zu motivieren. Fast geschafft, Lila. Nun geh den nächsten kleinen Schritt. Kaizen. Ein Gänsefußschritt in Richtung Projektabgabe. Und in Gedanken füge ich noch ein harsches „Los jetzt!“ hinzu.

Brownie streicht um meine Beine, läuft zurück zur Tür und wieder zu mir. Irgendwann lässt er sich in einer Ecke unsanft zu Boden fallen, bleibt dort liegen und beobachtet mich. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn man mich beobachtet. Doch dann legt er endlich den Kopf auf die Pfote und schließt die Augen. Bei jedem Mucks, den ich von mir gebe, schreckt er hoch. Wenn der Stuhl knarzt oder ich auf den Rollen ein Stück hin und her pendle, sogar wenn meine Finger auf den Tasten klackern, was sie zum Glück nur sehr selten tun, sieht Brownie mich interessiert an.

Am Ende der Limo-Lovestory tanzen zwei Limoflaschen unter einem Limoregen durch die Nacht. Etwas Fred Astaire, etwas La La Land, und ganz viel Gene Kelly und Debbie Reynolds: steppende Limoflaschen im Regen. Ich seufze. Wer denkt sich das aus? Was läuft falsch mit mir? Die Tür geht auf. Das Klopfen hatte ich gar nicht gehört. Brownie springt auf, Tore, der einen Becher Kaffee in der Hand hält, verschüttet davon die Hälfte und flucht. Brownie prescht auf den Flur. Ich sehe nur noch sein wild wedelndes Schwänzchen.

„Lila?!“

„Brownie“, rufe ich. Aber der Hund, der mir nicht gehört, hört nicht auf mich. Ganz offensichtlich gibt es da draußen ein anderes Abenteuer, das ihn ruft.

„Seit wann hast du einen Hund?“

„Das ist nicht meiner.“

„Noch schlimmer. Wie kommt er dann hier rein? Hat der Tollwut?“

Tollwut! Ich verdrehe die Augen. Manchmal redet Tore so einen Blödsinn. „Brownie ist einfach noch sehr jung und verspielt“, nehme ich meinen Findelhund in Schutz.

„Ich dachte, es wäre nicht dein Hund, Lila! – Du hättest wenigstens fragen können!“

Brownie jagt durch die Büros. Irgendetwas hat er sich unterwegs geschnappt. Mikol springt auf und läuft hinter Brownie her. „Lila“, ruft Mikol. „Dein Hund hat mir meinen halben Bagel vom Teller weggeschnappt!“

Dabei hatte dieses gefräßige Monster bereits Schäfers Glück. Dieses Lamm in der Dose. Hat ihn wohl nicht satt gemacht. Doreen ist mittlerweile auch da. Sie sitzt an ihrem Rechner und tut so, als ließe sie der Tumult um sie herum kalt. Ich versuche, Brownie einzufangen, aber er ist wie ein Derwisch – er dreht sich, schlägt Haken und entkommt immer wieder. Doreen schlägt die Beine übereinander und schenkt mir ein spöttisches Lächeln. „Seit wann hast du einen Hund?“

Nicht auch noch sie. Brownie zischt an mir vorbei und auf Doreen zu. Sie erschrickt etwas und verliert ihre Sandalette. Eine mit feinen Riemchen und kleinen Steinchen verziert. „Nein!“, brülle ich, „Brownie, nicht die Schuhe!“

Brownie schnappt sich die Sandalette und läuft damit in den Flur. Doreen springt auf und läuft schreiend hinterher. „Gib meinen Schuh, du Mistvieh!“

„Mistvieh?!“ Ich renne ihr hinterher.

Brownie lässt Doreen etwas herankommen, um dann im letzten Augenblick seitlich an ihr vorbei zu hechten. Die Sandale zwischen seinen spitzen Zähnchen. Ich ahne nichts Gutes. „Brownie“, rufe ich. Er bleibt kurz stehen. Ich gehe langsam auf ihn zu. Aber Doreen schreckt ihn auf. Doreen, die über den Verlust ihres Schuhs fast die Nerven verliert. „Weißt du, wie teuer der war?“ Ich reagiere nicht. Schließlich versuche ich gerade, ihren Schuh zurückzugewinnen.

„Lila?!“ Doreen verlangt meine Aufmerksamkeit, aber ich bin beschäftigt. Das sieht sie doch wohl!

„Tu doch was, Lila!“

„Kannst du nicht mal die Klappe halten?“ Okay, mein Ton war schon sehr scharf, aber die Worte meine ich genauso, wie ich sie gesagt habe.

„Wie redest du denn mit mir?“

Brownie hat die Zeit, in der Doreen und ich uns streiten, genutzt. Er hat sich wieder am anderen Ende des Ganges in Stellung gebracht. Wie eine Trophäe legt er den Schuh vor sich ab. Doreen schreit auf und stürzt auf ihn zu. Diese dumme Kuh! Brownie schnappt sich den Schuh, wer weiß, wie fest er jetzt zugebissen hat, nur weil Doreen so hysterisch schreit.

„Das sind Designerschuhe, du Ratte!“

Ratte? Ey, das geht gar nicht. Doreen stürmt an mir vorbei auf Brownie zu und ich kann nicht anders. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Ein Impuls, keine Ratio. Ich stelle meinen Fuß zur Seite, nur ein kleines Stückchen. Doreen  sieht das Hindernis nicht und liegt im nächsten Moment lang auf dem Boden. Das hat weh getan.

„Hast du mir ein Bein gestellt?“ Sie rappelt sich langsam wieder auf. Ich habe ihr ein Bein gestellt, ja, leugnen ist zwecklos.

„Du machst dem Hund nur Angst“, erkläre ich. Was natürlich gar nichts erklärt, schon gar nicht, warum ich körperliche Gewalt einsetze. Ich denke an meine Mutter, an die friedensbewegte Iris. Wenn dir jemand auf die Wange schlägt, halt ihm die andere auch noch hin. Frei zitiert. Dabei ist meine Mutter nicht gläubig. Aber Schwerter zu Pflugscharen, das stand schon vor dreißig Jahren auf ihren Demo-Transparenten. Aber sie wird das hier ja auch nicht erfahren – diese Klitzekleinigkeit, dass ich eine Kollegin zu Fall gebracht habe … die mich jetzt ihrerseits anrempelt.

„Was hast du für ein Problem, Lila?“ Sie schubst mich doch tatsächlich gegen die Wand. Ich schubse zurück. „Willst du dich an mir rächen?“ Doreen drückt mich jetzt mit beiden Händen an meinen Schultern gegen die Wand. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Brownie auf uns zugesprungen kommt. „Das ist so armselig Lila! Dass du gehen musst, hast du allein dir zuzuschreiben!“

Ich erfahre nicht mehr, was sie damit genau meint, denn Brownie bellt jetzt aufgeregt und schnappt nach Doreen. Er versucht sich zwischen und zu drängen. Er fletscht die Zähne. Doreen kreischt auf und lässt von mir ab. Wenn sie jetzt nach Brownie schlägt, garantiere ich für nichts. Sie tritt nach ihm. Brownie beißt. „Nein, Brownie, alles gut, nicht, lass das!“ Er hat zum Glück nur das Hosenbein erwischt. Er zieht jetzt an dem Stoff. Man hört es reißen. Ich glaube nicht, dass Brownie zum Bürohund taugt. Mit einem Mal steht Mikol neben mir und hat ein Stück Bagel in der Hand. Er bückt sich. „Guck mal, willst du nicht lieber noch etwas davon?“

Brownies Nasenflügel beben. Doreen zappelt nicht mehr wie wild und tritt auch nicht mehr. Alle stehen da wie eingefroren und starren auf den Hund.

Brownie entscheidet sich für den duftenden Bagel und lässt Doreens Hose los. Sie beeilt sich, ihren Schuh vom anderen Ende des Flurs aufzusammeln und läuft damit in ihr Büro. Bevor sie die Tür zuknallt, holt sie zu ihrem finalen Schlag aus: „Du hörst von meinem Anwalt, Lila!“

Bis vor wenigen Tagen hatte ich mit Anwälten nichts am Hut. Ehrlich gesagt, habe ich mir nie vorstellen können, wozu man eine Rechtsschutzversicherung braucht. Das war natürlich ziemlich naiv und meinem sonnigen Wesen geschuldet. Nur um das für mich festzuhalten: Ich besitze keine Rechtsschutzversicherung. Dabei könnte ich mehrere Anwälte momentan für mich arbeiten lassen.

Ich leine Brownie an und beschließe, für heute Feierabend zu machen.

„Was ist jetzt mit dem Vertrag?“, fängt mich Tore vor dem Fahrstuhl ab. Er ist mir doch tatsächlich vom Büro bis hierher gefolgt. Für heute reicht es mir mit den schlechten Nachrichten. Die Tür des Fahrstuhls geht auf und ich sehe mein Gesicht im Spiegel. Meine Haut wirkt sehr blass und meine Frisur hat sich selbständig gemacht. Ich streiche mir eine Strähne aus dem Gesicht.

„Du hörst von meinem Anwalt“, borge ich mir Doreens Worte und hoffe, dass das auch genauso sein wird: Dass mein Anwalt die Sache für mich in die Hand nimmt und regelt. Denn ich kann es nicht. Oder will es nicht.

Ich habe keine Lust zu irgendetwas. Ich rufe keine Nachrichten ab. Ich melde mich nicht bei Sonja, der Maklerin, die um Rückruf gebeten hatte. Was soll ich zu Hause? Es ist nicht mein Zuhause. Wenn ich ehrlich bin, war es eher ein möbliertes Apartment, in dem ich eine Zeit lang Gast sein durfte. Diese Zeit geht nun zu Ende. Ich habe keine Lust, mit Brownie durch die große Stadt zu tapern. Und an die Orte, an denen ich mich sonst gern aufhalte, kann ich keinen Hund mitnehmen. Also keine Kunstgalerie, keine Bücherläden, keine Espressobar. Ich steige ins Auto. So oft wie in dieser Woche war ich noch nie außerhalb der Stadtgrenze. Mein Auto ist fünf Jahre alt. Und es hat gerade mal 23.000 Kilometer runter. Das sagt alles, oder? Wenn ich so weiter mache, fahre ich in diesem Jahr so viel, wie in all den Jahren davor zusammen. Aber wenn ich mir, nur mal angenommen, einen alten VW-Bus kaufen würde – könnte ich darin nicht vorübergehend wohnen? Ist das das Abenteuer, das auf mich wartet? Mit Brownie auf Reisen zu gehen? Ich könnte noch mehr von dieser Welt neben meiner Welt entdecken.

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