Bambi

„Besitzt ihr den Bus noch?“

„Hallo, Lila, schön, dass du dich meldest. Ich hatte dir wann bitteschön eine Nachricht hinterlassen?“

„Es sind in letzter Zeit so viele Nachrichten von dir, ich habe den Überblick verloren.“

„So ist das also“, meine Mutter spielt sofort die beleidigte Leberwurst, „wahrscheinlich ignorierst du meine Anrufe. Du gehst extra nicht ran. Deine arme alte Mutter ist dir völlig schnuppe.“

„Du bist weder arm noch alt.“

„Beides ist relativ, Lila. Und ich werde bald sechzig. Vielleicht hast du das auch vergessen.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Das war es also. Sie versucht die ganze Zeit, mit mir über ihren runden Geburtstag zu reden. Aber mir ist gerade gar nicht zum Feiern zumute. „Also“, komme ich auf mein Anliegen zurück, „was ist jetzt? Habt ihr den Bulli noch?“

Meine Mutter hat mich wortlos an meinen Vater weitergereicht. Sie scheint tatsächlich eingeschnappt zu sein.

„Der T2 steht bei Onkel Werner.“

Onkel Werner ist nicht wirklich mein Onkel. Er ist mit niemanden aus meiner Familie verwandt. Doch so lange ich denken kann, heißt er so. Nicht dass meine Eltern mir beigebracht hätten, alle Nachbarn mit Onkel und Tante anzureden. Ganz im Gegenteil. Sie lehrten Viola und mich, die Menschen, die uns besuchten mit ihrem Namen – ausschließlich mit ihren Vornamen – anzureden. Es wurde geduzt. Jeder wurde geduzt. Und meine Mutter praktiziert das noch heute – vom Postboten bis zum Oberamtsrat: Sie duzt.

Ich habe keine Ahnung, wie der Onkel zu Werner fand. Aber ich weiß, dass er nicht nur von meiner Familie, sondern von allen im Ort so genannt wird. Onkel Werner ist ein Einzelgänger, gleichzeitig gehört er überall dazu. Er lebt allein, aber fehlt nicht, wenn irgendwo gefeiert oder gearbeitet wird. Auf ihn ist Verlass. Man kann ihn um alles bitten. Er hilft. Er ist der Dorfkauz. Das Urgestein. Er war da, bevor andere hierherkamen. Er ist niemandes Bruder, Ehemann oder Ex-Ehemann. Auch ein Nachbar ist er nicht. Denn er wohnt hinter dem Grenzstein. Aus der Vogelperspektive muss sein Hof wie ein dunkler Klecks inmitten gelber Rapsfelder und grünen Wiesen aussehen.  Die Scheunen, die früher der Genossenschaft gehörten, verrotten vor sich hin. Onkel Werner verwaltet den Verfall – aber verwalten ist schon zu viel gesagt. Er sieht dabei zu, wie es weniger wird. Feuchtigkeit frisst sich durch das Holz, der Wind nagt am Dach, der Putz bröckelt.

Auch an Onkel Werner haben die Jahre Spuren hinterlassen. Er ist alt geworden. Er wirkt ein wenig schmaler, ein wenig kleiner und ein wenig zerknitterter als in meiner Erinnerung. Sein Gesicht ist gezeichnet von Sonne und Wind. Die Hosenträger hängen ihm in den Kniekehlen über der blauen Arbeitshose. Er hebt die Hand zum Gruß. Ein paar Hühner springen gackernd zur Seite, als ich neben ihm in einer Staubwolke zum Stehen komme. Ich vergaß, dass die Tiere bei Onkel Werner aus dem Nichts auftauchen können und so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. An der Scheune huscht ein Feldhase ins Gebüsch. Brownie setzt sich auf der Rückbank auf und drückt die Nase an die Scheibe. Ein schwarzer Hund springt bellend auf den Wagen zu. Er sieht wie der gute alte Pax aus. Aber der Rottweilermischling meiner Jugend müsste längst das Zeitliche gesegnet haben.

Bei mir stellt sich das Gefühl einer Zeitreise ein. Zurück in die Zukunft. Und Onkel Werner ist der leicht verrückte Doc Brown mit der wilden Einstein-Mähne. Onkel Werners Haare sind silbergrau, fast weiß, nicht mehr so voll wie früher, aber sie stehen in alle Richtungen ab. Im Gegensatz zu Doc Brown trägt er keine Turnschuhe, sondern Gummistiefel.

Onkel Werners Hund bellt und Brownie antwortet aufgeregt. Er springt nun auf dem Sitz hin und her, wedelt mit dem Schwanz und sieht mich an, als wolle er sagen: Los, Lila, mach schon, raus hier!

Aber der vermeintliche Pax hat sich vor Brownies Hintertür aufgebaut und fletscht die Zähne. Onkel Werner ruft ihn zurück und ich steige aus, allein, was Brownie ganz und gar nicht gefällt.

„Der sieht aus wie Pax“, sage ich.

„Ja“, antwortet Onkel Werner, „mein dritter Pax.“

Es kommt mir seltsam vor, seine  Tiere durch Doppelgänger zu ersetzen und noch nicht einmal den Namen zu wechseln. Aber andererseits … man muss sich nicht groß umgewöhnen, oder?

„Hier ist alles noch so, wie ich es in Erinnerung habe. Und du  hast dich auch kaum verändert.“

Onkel Werner grinst.

„Ich bin alt, Lila, gib es zu, es ist in Ordnung. Aber was ist mit dir passiert? Dich hätte ich kaum wiedererkannt. Wo ist die rote Mähne hin?“

Ich habe sicher keine Lust, mit Onkel Werner über mein gespaltenes Verhältnis zu meinen Haaren zu philosophieren. „Hatte mal Lust auf eine Veränderung“, bleibe ich vage.

„Veränderung“, er lacht. „Wer dem Glück hinterjagt, muss sich dauernd verändern. Mach es wie ich, Lila, rühr dich nicht. Dann findet es dich am ehesten.“

So ein Quatsch! Ich hatte völlig vergessen, dass Onkel Werner immer und überall seinen Senf dazugeben muss. Und was weiß er schon vom Glück? In Sachen Glück scheint er kein Experte zu sein. In Sachen Abwarten und Teetrinken vielleicht. Aber das kann ich ja nun gerade am wenigsten gebrauchen. Zur Veränderung werde ich gezwungen, ob ich will oder nicht.  

Brownie jault und winselt.  

„Und du hast jetzt einen Hund“, bemerkt Onkel Werner und deutet auf den Wagen, „gute Entscheidung.“

Gar keine Entscheidung, also nicht wirklich, irgendwie bin ich in die Hundegeschichte einfach so hineingeraten, aber auch darüber will ich nicht reden.

„Ein Energiebündel, wie es scheint“, er grinst, „du kannst ihn hier ruhig laufen lassen.“

„Und Pax?“ Pax sitzt wachsam neben seinem Herrchen und behält mein Auto im Auge.

„Pax tut ihm nichts. Er muss nur klarstellen, wer hier das Sagen hat.“

„Ich weiß nicht …“ Ich weiß es wirklich nicht. Wie mache ich das denn nun richtig, also die Sache mit dem Hund? Bisher gab es überall, wo ich mit ihm aufkreuzte, nur Ärger. Was ist, wenn Brownie die Hühner jagt? Oder Pax anfällt? Oder wegrennt?

„Du musst ihm schon etwas zutrauen, Lila!“

Schon wieder eine Onkel Weisheit.

„Wenn du ihm vertraust, vertraut er dir. Es gibt doch nichts Schlimmeres als diese Leinenhündchen, die sich keinen Meter entfernen dürfen.“

„In der Stadt geht das nicht anders“, erwidere ich. Onkel Werner reizt mich mit jedem seiner Worte zum Widerspruch. War das früher auch schon so? Oder möchte ich einfach nicht hören, was er mir zu sagen? Und überhaupt: Er kennt mich gar nicht. Und er kennt Brownie nicht. Auf Brownie muss man aufpassen, sonst stellt er dummes Zeug an.

„Also, warum ich da bin …“

„Iris hat angerufen“, unterbricht er mich. „Du kommst wegen des Schrotthaufens. Oder Liebhaberstücks, wie auch immer.“

Er geht voran und öffnet das Scheunentor. Alte Landmaschinen, ein historischer Pflug, völlig verrostet, wurmstichige Holzschränke, Werkzeug. Die Scheune ist voll bis oben hin. Und irgendwo in diesem Chaos steht er, der T2.

„Ich habe ihm einfach nur ein Dach über dem Kopf gegeben, mehr nicht“, sagt Onkel Werner entschuldigend. Der Anblick ist trostlos: Die Räder fehlen. Das cremeweiße Dach ist vergilbt, der kastige Bauch leuchtet Rot unter Staub und Dreck – und die Roststellen sind nicht zu übersehen.

„Ob das Teil noch fährt?“

„Da muss eine Menge gemacht werden. Frag Kalli.“

„Kalli?“

„Du brauchst einen Experten.“

Er schreibt mir eine Nummer auf.

Kalli ist eine Frau. Ihre Werkstatt liegt etwa zwanzig Minuten weiter nördlich und tiefer im Nirgendwo, als Onkel Werners Resthof. Ihr Anwesen könnte genauso gut ein Schrottplatz sein. Ausgeweidete Autogerippe, Berge von Reifen und anderem Krempel.

„Ich bin Kalli“, sie streckt mir ihre Hand hin. Ihr Griff ist fest. Eine Frau, die zupacken kann. So möchte ich auch gern sein und gebe mir Mühe, ihrem Händedruck standzuhalten.

„Du kommst aus der großen Stadt.“

Ich nicke.

„Zu mir kommen ständig irgendwelche Städter und wollen ihren alten Schrott zu einem Hipster-Camper umgebaut haben. Minimalistisch soll es sein, aber mit jedem Schnick und Schnack. Ich sag es gleich: Darauf hab ich keinen Bock.“

Kalli ist ein ungefähr 1,65 m großes Kraftpaket. Ihr Tanktop gibt den Blick auf ihren Bizeps frei. Von diesen Muskeln können andere nur träumen. Ihr Gesicht wirkt hingegen wie das eines Kindes – zart und weich und jung. Jünger als ich, schätze ich. Höchstens in den Zwanzigern. Und die Haare trägt sie wie ein Punk. Eine Seite abrasiert, die andere Grün und Rot gefärbt. Meine Farben, denke ich. Wenn das mal kein Zeichen ist!

„Ich möchte einfach nur, dass das alte Ding wieder fährt. Und hinten sollte eine Matratze reinpassen. Mehr nicht. Und mein Hund.“ Mein Hund? – – Mein Hund.

„Die Kiste steht bei Onkel Werner“, sagt sie und grinst. „Ich kann sie mir ja mal ansehen.“

„Es könnte sein, dass ich meine Wohnung verliere“, das klingt jetzt ziemlich mitleidserregend – so möchte ich gar nicht sein, aber die Worte sind bereits ausgesprochen. „Vielleicht müsste ich ein paar Wochen in diesem alten Ding wohnen oder zumindest übernachten.“

Sie sieht mich aufmerksam an. Was sie nun wohl von mir hält?

„Du weißt, dass das etwas kosten wird?“

Ich nicke. Kalli ist auch Geschäftsfrau.

„Das Geld ist kein Problem. Ich bekomme noch eine Abfindung, das sollte reichen…“ … ist schneller gesagt, als nachgedacht! Ich beiße mir auf die Unterlippe. Keine Wohnung und keinen Job – da könnte ich Kalli gleich mein Tagebuch lesen lassen, wenn ich denn eins hätte.

„Onkel Werner hat mir schon ein paar Details durchgegeben.“ Es bleibt offen, um welche Details es sich handelt – die wichtigsten Eckdaten zum Zustand des VW T2 oder zum desolaten Zustand von Lila Grün.

„Die Reifen sind nicht das Problem. Aber das Innenleben muss komplett neu gemacht werden. Ich muss sehen, was ich da habe …“

Ich brauche auch eine Rundumerneuerung – nur dass ich damit niemanden beauftragen kann.

„Wie viel Zeit wirst du brauchen?“

Sie stemmt die Hände in die Hüften und drückt den Rücken durch. „Ich schau mir das Schätzchen an und melde mich.“

Brownie hat eine Belohnung verdient – und ich auch. Ich biege in einen der Waldwege und fahre bis zum nächsten Parkplatz. Brownie springt aus dem Auto. Er führt sein übliches Freudentänzchen auf – mit Hintern in die Luft und Hüftschwung, dann zieht er mich vorwärts. Erst schnüffelt er rechts, dann links und wieder rechts. Es geht nur im Zickzack voran. So hätte ich mir das nicht vorgestellt – das Spazierengehen mit Hund. Was soll daran Freude machen? Meine Arme werden nach dem Spaziergang ein paar Zentimeter länger sein. Ich kann Brownie kaum halten. Wie lauteten Onkel Werners Worte? Die Sache mit dem Vertrauen? Ich lasse Brownie von der Leine. Er nutzt sofort seine neue Freiheit, um vorzulaufen, irgendwann bleibt er stehen, dreht sich um, sieht, dass ich folge und läuft weiter. Er schnüffelt hinter Bäumen und im Gebüsch, bleibt zurück, folgt mir, wenn er sich an einem Geruch abgearbeitet hat. Endlich kann ich durchatmen. Das fühlt sich gut an. Weicher Waldboden unter den Sohlen statt Asphalt. Kein Verkehr. Keine Menschen. Ich bestimme jetzt das Tempo. Das Bürodesaster und Doreen wiegen nicht mehr ganz so schwer, der Gedanke, die Wohnung zu verlieren, ängstigt mich etwas weniger. Obwohl ich mir noch nicht wirklich vorstellen kann, in einen Bus zu ziehen, auch wenn es nur vorübergehend sein wird. Ich atme tief durch und genieße den Duft des Waldes. Er riecht feucht und erdig. Und da liegt noch ein Duft in der Luft. Brownie hebt die Nase. Seine Nasenflügel beben leicht. Er dreht seinen Kopf nach allen Seiten, dann sprintet er los. Runter vom Weg, rein ins Unterholz.

„Brownie“, rufe ich. Nichts. Ich höre Brownie bellen. Ich laufe hinterher, bleibe an Dornen hängen und stolpere über Äste, die am Boden liegen. Ich rufe und rufe. Brownies Bellen wird leiser. Dann fällt ein Schuss und ich renne schneller. Brownie ist verstummt. Mein Herz bleibt stehen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Brownie hat Wild aufgespürt und ist dem Jäger direkt vor die Flinte gelaufen. Jetzt habe ich wirklich einen Hund auf dem Gewissen!

Was ist nur los mit mir? Warum geht bei mir jeden Tag einmal die Welt unter? Kann ein Mensch so viel Pech haben – oder so doof sein! Ich bin aber auch mit Dummheit geschlagen. Ich stolpere weiter. Da ist es wieder: Das Hundegebell. Aber heller als das von Brownie. Da muss ein anderer Hund sein. Mittlerweile kenne ich Brownies Bellstimme. Dieses Bellen kommt von einem Hund, der sich in einiger Entfernung aufgebaut hat, groß, braun und schlank, kurzes Fell. Eindeutig nicht Brownie. Ein paar Meter weiter liegt ein dunkler Berg – ist das Brownie? Mein toter Findelhund?

Als ich näherkomme, setzt ein tiefes, altbekanntes Bellen ein. Ich schaue nach rechts. Mir fällt ein Stein vom Herzen – Brownie lebt! Ein Mann hält ihn am Halsband. Brownie versucht sich loszureißen, aber es gelingt ihm nicht.

„Lassen Sie meinen Hund los!“, brülle ich aufgebracht.

„Sicher nicht!“

Ich stürze auf Brownie zu, gehe in die Knie und wuschel einmal durch seine Locken. „Was machst du denn für Sachen?“ Brownie legt den Kopf schief und sieht mich an. Er weiß offensichtlich nicht, wovon ich rede. Von Reue keine Spur. Ich leine Brownie an und der Fremde lässt sein Halsband los.

„Haben Sie die Schilder nicht gesehen? Hunde müssen hier angeleint werden.“

Nein, die Schilder habe ich wohl übersehen.

„Er hat Glück gehabt, dass ich ihn nicht erschossen habe!“

Der Schuss! Der dunkle Berg ist ein Wildschein. Der andere Hund sitzt neben dem erlegten Tier und starrt sein Herrchen an. Brownie zerrt an der Leine. Er möchte auch mal ein totes Wildschein inspizieren.

„Ich glaube, er hat die Ricke oder eins der Jungtiere verletzt. Wir müssen es suchen.“

„Brownie hat ein Tier verletzt? Niemals!“ Er würde doch nie – würde er nicht, oder?

Der Mann pfeift und sein Hund kommt angeprescht. Ich weiß nicht, ob er von sich und seinem Hund im Plural redet oder ob er meint, dass ich ihm beim Suchen helfen soll, auf jeden Fall folge ich ihm.

Brownie zieht, als falle ihm die Aufgabe zu, das verletzte Tier aufzuspüren. Dabei ist er derjenige, der an dem Schlamassel schuld ist. Das verletzte Tier höre ich, bevor ich es sehe. Ein helles Fiepen.

Der Mann dreht sich zu mir um und flüstert: „Es ist ein Junges. Sie bleiben hier.“

Der Mann gibt seinem Hund ein Zeichen und sie schleichen weiter voran. Dann bleibt der Hund stehen und starrt konzentriert in eine Richtung. Der Mann zieht seine Jacke aus, beschreibt einen Halbbogen und wirft dann seine Jacke auf die Erde. Darunter windet sich das ängstliche Tier. „Kann ich Ihnen helfen?“, rufe ich.

Der Mann nimmt das Tier auf den Arm, das seinen Kopf unter der Jacke hervorstreckt. Das kleine Rehkitz zittert. Brownie fängt wieder an zu bellen. „Still, jetzt!“, herrsche ich ihn an. „Du hast Bambi auf dem Gewissen!“

„Nehmen Sie ihn kurz und halten Sie Abstand.“

Ziemlich kleinlaut laufe ich hinter ihm her.

Sein Geländewagen parkt in einem Seitenweg. Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Mich vielleicht einfach verabschieden und diese Episode beenden?

„Wir sind uns zwar nicht vorgestellt worden“, setze ich etwas holprig an, „aber belassen wir es dabei und hoffen, dass wir – oder die Hunde – uns nie wieder über den Weg laufen. Ich gehe dann mal.“

Ich blicke mich um. Überall Bäume. Ich habe keine Ahnung, wo wir sind. Mein Orientierungssinn ist gleich null. In der Stadt nutze ich mein Smartphone, um mich zurechtzufinden. Hier bin ich heillos verloren.

„Es wäre gut, wenn sie bei dem verletzten Tier bleiben. Ich gehe zurück und hole das Wildschwein. Es kann da nicht liegen bleiben.“

Da gibt es nichts zu diskutieren. Widerspruch ist zwecklos. Und Brownie und ich haben schließlich etwas gut zu machen. Also springt Brownie brav auf den Rücksitz und ich nehme auf dem Beifahrersitz Platz. Dann drückt er mir das Bündel auf den Schoß. Bambi zittert unter meiner Berührung und fiept. Ich habe Angst, dass es ihm gelingt, sich zu befreien und es mir vom Schoß springt. Aber die Gegenwehr ist nicht allzu groß. Es ist verletzt. Sicher hat es große Schmerzen. Und der Übeltäter liegt hinter mir und schiebt gerade seine feuchte Schnauze in die Lücke zwischen den Vordersitzen.

Wenn ich nicht das Reh festhalten müsste, dann … ich könnte mich hier etwas umsehen. Mit der freien Hand öffne ich das Handschuhfach. Ein Müsliriegel fällt auf den Boden. Außer den üblichen Papieren sind da noch eine schwarze Skimaske und Handschuhe, ebenfalls schwarz. Braucht man so etwas als Jäger? Oder sitze ich im Auto eines Bankräubers? Unter der Maske liegt ein Jagdmesser in einem Leder-Etui mit den Initialien EW. Ein Wildhüter. Ein Wildjäger. Ein Wilderer. Oder ein Wildschweinkiller, der es eigentlich nicht auf die Tiere, sondern auf Frauen abgesehen hat? Er gibt sich als harmloser Jäger aus, um Frauen im Wald aufzulauern, dann drückt er ihnen Bambi in den Arm, sie schmelzen dahin, steigen zu ihm ins Auto und die letzte Reise beginnt … Ich schüttle den Kopf. Lila, Lila!  

Ich stelle das Radio an. Klassik. Würde ein Serienmörder Klassikradio hören? Vielleicht. „Sie hörten Waldesruh von Antonín Dvorák gespielt vom NDR Sinfonieorchester. Als Solist am Violincello …“ Das Programm gefällt dem Rehkitz nicht. Mir auch nicht. Bambi versucht, sich aus meinem Griff zu befreien. Ich stelle das Radio wieder aus. Klassik! Nicht mein Gebiet. Ich schaue mich weiter um. Ein Schild mit der Aufschrift Forstarbeiten und eine gelbe Warnweste liegen auf der Rückbank. Also, wenn er nun kein Serienkiller ist, dann ist er vermutlich Förster.

Mal abgesehen davon, dass er mich wegen Brownie ziemlich harsch angegangen ist, muss ich eins zugeben: Sein Aussehen ist angenehmer als sein Benehmen. Seine Klamotten, na ja, also dazu kann ich nichts sagen, eine jagdgrüne Stoffhose und eine schwarze Fließjacke. Ich sage mal, er passt sich seinem Arbeitsplatz an. Aber sonst so … Kurzes, dunkles Haar und dunkle Augen, einen ordentlichen Dreitagebart und eine sportliche Figur. Kräftig scheint er auch zu sein, denn ich sehe ihn kommen, das Wildschein auf den Schultern. Wow! Wie viel wiegt so ein Tier? 50, 60 Kilo oder mehr noch?

Von seinen breiten Schultern gleitet das Tier mit einem ordentlichen Wumms in den Kofferraum. Er deckt es ab – doch der Geruch trifft mich unvorbereitet! Oje, gut dass ich noch nichts gegessen habe. Ich versuche, das Fenster etwas zu öffnen. Hier muss man noch kurbeln. Brownie hängt mit den Vorderpfoten auf der Rücksitzlehne und überlegt, wie er am besten nach hinten zu dem Schwein kommen könnte. „Zurück!“ Die Stimme des Försters besitzt die nötige Autorität, dass Brownie die Pfoten sofort zurückzieht.

Er öffnet die Hintertür und lässt seinen Hund neben Brownie sitzen. Brownie findet das nicht so spaßig, aber der Jagdhund macht ihm eine klare Ansage und Brownie hält Abstand.

„Wird das Ihr Abendbrot?“, flachse ich, als er ins Auto steigt.

„Das Tier war krank.“

Achso, na klar.

„Ist das in Ordnung, wenn Sie mir helfen, das Kitz zur Revierförsterei zu bringen? Ich fahre Sie natürlich dann zu Ihrem Auto zurück.“

Na, gibt es noch Hoffnung? Er fragt höflich nach! Ich nicke, schließlich sitze ich schon im Wagen. Dass ich lächle, sieht er nicht, denn ich wende meinen Blick zur Seite und schaue aus dem Fenster. Aber wenn ich gehofft habe, dass der junge – ich gebe zu, passabel aussehende – Förster mir gegenüber nun auch einen freundlicheren Ton anschlägt, habe ich mich geschnitten.

„Das hätte ziemlich schiefgehen können heute. Ist es ja im Grunde auch, denn Ihr Hund hat das Wildschwein gejagt, das ich erlegen wollte und dabei das kleine Kitz aufgeschreckt, das sich dabei verletzt hat. Ich hätte Ihren Hund auch einfach abknallen können.“

„Das hätten Sie getan?“ Ich sehe ihn entsetzt an. „Im Ernst?“

„Das Recht hätte ich auf meiner Seite. Ich darf wildernde Hunde schießen, muss es sogar, wenn sie eine Gefahr für das Wild darstellen. Ein Hund muss auf den Wegen bleiben. Er darf nicht im Dickicht stöbern und das Wild stören. Darum gilt die Leinenpflicht. Ich weiß, dass viele Hundehalter sich darüber hinwegsetzen. Ich bin das so leid, Ihre Arroganz …“

„Meine?“

„Ihre Überheblichkeit zu denken, Ihr Hund jage nicht. Vielleicht ist aber auch Gleichgültigkeit: Soll sich mein Hund mal schön auspowern, soll er sich müde laufen. Was kann man schon dagegen tun? Hunde wollen eben jagen.“

„Hunde wollen das, oder? Es ist ihre Natur.“

„Sie dürfen es aber nicht. Meine Susi ist ein ausgebildeter Jagdhund. Ich kann sie jederzeit abrufen. Können Sie das mit Ihrem auch?“

Susi? Trotz der Gardinenpredigt lächle ich schon wieder.

„Das ist gar nicht wirklich mein Hund.“

„Noch schlimmer. Dann können Sie überhaupt nicht einschätzen, wie er reagiert. Wenn er sich nun verletzt hätte? Wildschweine können Hunden sehr gefährlich werden. Oder wenn er über die Straße gerannt wäre? Die Bundesstraße ist gerade mal einen halben Kilometer entfernt. Sie ist stark befahren.“

Ich habe längst verstanden, dass ich eine Dummheit begangen habe. Er kann also aufhören, mich zu belehren.

„Ich könnte das jetzt zur Anzeige bringen.“

Kann man das noch Pechsträhne nennen, was mir seit Tagen passiert – im Grunde, seitdem Brownie mein Leben gekreuzt hat?

Die Revierförsterei liegt im Wald. Ich habe keine Ahnung, wo wir uns befinden. Mein Handy zeigt gerade mal einen mickrigen Balken an. Der Empfang ist schlecht. Google Maps öffnet sich nicht. Auf dem Hof steht ein Lieferwagen. Der Förster wird bereits erwartet. Fahrer und Beifahrer steigen aus. Eine Frau und ein Mann, beide schwarz gekleidet. Beide tragen Handschuhe, was ich merkwürdig finde – Mitte Mai. „Geht schon mal rein“, sagt er und wirft der Frau seine Schlüssel zu.

Ich trage das Reh hinter ihm her. Brownie muss warten. Bambi kommt in ein kleines Gehege. Als ich es absetze, versucht es, sich auf die Beine zu stellen, knickt aber sofort wieder ein. „Ich rufe den Tierarzt an, dann fahre ich Sie zu Ihrem Auto zurück. Wo haben Sie geparkt?“

„Ähm, am Wald, also auf einem Parkplatz.“

„Wissen Sie das etwas genauer?“

„Ich bin von Norden gekommen.“

Ist das ein Lächeln auf seinem Gesicht?

„Ich bin gleich wieder da.“

Das Kitz bleibt auf Abstand zu mir, aber beobachtet mich.

„Werde wieder gesund, keines Bambi“, flüstere ich, „vielleicht komme ich dich ja mal besuchen.“

Spoiler: Unnötig zu erwähnen, dass der ominöse EW noch eine Rolle spielt, oder? Auch mit den beiden zwielichten Gestalten hat die Geschichtenerfindezentrale Pläne …

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