Born to be wild

Eigensinn ist meine hervorstechendste Tugend – oder sollte ich sagen: Sie war es? In der ersten Hälfte meines Lebens gab ich das verstockte Kind, den störrischen Teenager, die verrückte junge Frau. Die zweite Hälfte ist bisher nicht weiter erwähnenswert. Wie auch? Mutig zu sein und unerwartete Entscheidungen zu treffen, habe ich bereits hinter mir. Vor meinem 14jährigen Rebellen-Ich falle ich auf die Knie und neige mein Haupt. Damals habe ich mir den Schädel rasiert. Nur kleine Stoppeln blieben stehen. Ich wollte zeigen, dass ich anders bin. Dabei war doch offensichtlich, dass ich hervorstach.

In der ersten Klasse erteilte uns Frau Schmitt die Aufgabe, einen Baum zu malen. Vor mir lag das große weiße Zeichenblatt. Ich klappte den Tuschkasten auf. Ein Dutzend Farben darin, alle bislang unbenutzt. Meine Tischnachbarin Marie malte einen braunen Stamm und eine grüne Baumkrone. In der Klasse entstanden ungefähr 29 ähnliche Bilder. Alle zeigten in etwa das Gleiche. Und mein Baum? Das 30. Gemälde fiel aus dem Rahmen. Ich hatte jedes Fleckchen auf dem Papier mit Farbe bemalt. Nur Schwarz hatte ich nicht benutzt.

Lila weiß nicht, was ein Baum ist, schrieb Frau Schmitt in mein Heft. Oder ist sie immer so eigensinnig?

„Du weißt nicht, was ein Baum ist“, stellte meine Mutter mich zur Rede. „Ich weiß es schon“, antwortete ich, „aber die Lehrerin weiß es nicht. Dabei muss sie nur aus dem Fenster gucken. Auf dem Schulhof stehen Bäume.“

„Und was hast du gemalt, Lila?“

„Einen Baum.“

„Ich sehe keinen Baum auf deinem Bild.“

„Aber das ist doch Kunst! Das muss so sein.“

„Du meinst, hinter den bunten Farben ist ein Baum versteckt? Wir können ihn nur nicht sehen?“ – – Meine Mutter ging damals noch in ihrer Rolle als Pädagogin auf. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, alles zu einem guten Ende zu bringen. Ich weiß, dass das Wörtchen „alles“ überzogen klingt. Niemand kann immer alles gut enden lassen. Nur Hollywoodfilme können das – aber auch meine Mutter bemüht sich redlich darum.

„Das ist ein Baum. Mit Früchten“, beharrte ich. Dabei hatte ich einfach keine Lust, Bäume zu malen. War das bereits Eigensinn? Schon als Kind berief ich mich auf die künstlerische Freiheit.

Meine Mutter schenkte mir ein Lächeln und nickte. „Natürlich ist das ein Baum.“ Sie griff sich Reißzwecken und pinnte das Bild in den Hausflur. Mein erstes Werk, das für Aufsehen gesorgt hat, ging als „Lilas Baum“ in die Familiengeschichte ein. Heute muss nur jemand sagen: Wisst Ihr noch, Lilas Baum? Und alle lachen wie auf Kommando.

Ich lasse mich neben Brownie aufs Sofa fallen und lege die Füße auf den Sofatisch. Warum ich gerade an diese Baumgeschichte denken muss? Ich war heute im Wald. Im Wald gibt es nicht nur Bäume. Ich bin dort einer alten Freundin begegnet. Sie heißt Lila und sie hat rote Haare.

Brownie robbt näher an mich heran. Ich kraule seinen Hals. Er streckt sich aus, macht sich ganz lang. Jetzt ist der Bauch dran. Wenn Hunde Katzen wären, würden sie schnurren.

„Brownie, alter Widschweinjäger!“ Dass ich laut mit dem Hund rede, ist mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. „Du bist einfach Zucker“, sage ich und lege meinen Kopf auf seinen, „sehr süß, obersüß!“

Er riecht nicht. Er duftet nach gemähter Wiese und frischem Heu. Brownie hat mich so etwas von um den Finger gewickelt, sogar meine Nase nebelt er ein, dabei habe ich mir auf meinen Geruchssinn immer etwas eingebildet. Ich seufze und lächle übers ganze Gesicht. Trotz des Bambivorfalls und der Begegnung mit dem gestrengen Oberförster. EW. Eindrucksvoller Waidmann, der erste Wildschweintöter, den ich kennengelernt habe. Ob es ein Wiedersehen geben wird? Als er mich zu meinem Auto gefahren hat, gab er sich wortkarg. Aber sein Schweigen klang nicht feindselig. Auch die Sache mit der Anzeige erwies sich als leere Drohung. Was wohl der Tierarzt zu Bambis verletztem Hinterlauf gesagt hat? Vielleicht komme ich dich besuchen … in Gedanken streiche ich das vielleicht und nehme mir vor, Bambi ganz bestimmt in den nächsten Tagen zu besuchen.

Mit der linken Hand kraule ich immer noch Brownie, mit der rechten öffne ich meine E-Mails. Das habe ich den ganzen Tag versäumt. Kaum zu glauben. Normalerweise spiele ich mit diesem Gerät in jeder freien Minute. Ich schreibe oder lese Nachrichten, höre Musik, poste etwas auf Instagram. Nichts davon habe ich heute getan. Keine Zeit. Keine Lust.

Lena fragt, wie es meinem Findelhund geht. Eine Nachricht von Viola. Meine Schwester? Das letzte Mal haben wir uns Weihnachten gesehen. Das ist fast ein halbes Jahr her. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Hätte ich mich nicht zwischendurch einmal melden können? Aber große Schwestern kommen einem meistens zuvor, schließlich sind sie einem bereits in der Thronfolge zuvorgekommen. Sie fragt, ob Iris mit mir geredet hat. Meint sie den bevorstehenden runden Geburtstag? Sicher hat sie schon Ideen, was man unserer Mutter schenken könnte. Sie bittet mich, sie anzurufen. Bevor ich Viola zurückrufe, fällt mein Blick auf den Absender einer weiteren Nachricht. Sonja Kladde.

Bis Ende des Monats muss ich die Wohnung räumen. Das Parkett soll abgeschliffen werden und noch ein paar andere Dinge hat Sonja auf ihrer Liste. Der Zustand der Wohnung ist in ihren Augen katastrophal, wenn man bedenkt, wie alt sie ist.

Wie kommt sie darauf? Bis vor ein paar Tagen habe ich hier wie ein Gast oder eine Besucherin gelebt, die nur schaut, aber nichts anfasst – ich wohnte in einem Ben-Foster-Museum. Und die Einrichtungsgegenstände waren die Exponate, die mich rund um die Uhr an ihn erinnern. Denn eins ist mir in diesen Tagen klar geworden: Seitdem Ben mich verlassen hat, verläuft mein Leben auf der Stelle. Als hätte ich in den Standby-Modus geschaltet und dann die Fernbedienung verlegt. Nun läuft es endlich weiter. Soll doch das Parkett leiden!

Herr Foster wird sich bei Ihnen melden. Mit freundlichen Grüßen. Schreibt man das so? Freundliche Grüße? Obwohl der Inhalt der Nachricht alles andere als freundlich ist? So eine blöde Kuh! Und warum braucht Ben einen Pitbull, um seine Interessen durchzusetzen? Ich tippe auf den Kontakt. Die Leitung baut sich auf. Es dauert. Ich nehme mir vor, meinen Ton beherrscht und vernünftig klingen zu lassen, aber dann höre ich Bens Stimme und es bricht aus mir heraus.

„Du willst mich doch einfach nur schnell loswerden“, schimpfe ich drauflos, „damit du deine Wohnung zu Gold machen kannst!“

Ben sitzt in einem Meeting. Natürlich. Wenn ich das Wort Meeting schon höre, muss ich gähnen. Vor Meetings fehlt mir der Respekt – und die Einsicht in ihre Notwendigkeit. Meetings werden überbewertet. Zusammenkünfte unter Kolleginnen und Kollegen sollten so ablaufen: Jeder bekommt drei Minuten Zeit. Es wird eine Eieruhr gestellt. Und wer es nicht schafft, die wesentliche Information in dieser Zeit unterzubringen, ist raus, darf gehen. Der mit den wenigen Minuten auskommt, ist auch raus. Denn er hat alles gesagt.

Ben scheint sich für das Telefongespräch mit mir und gegen das Meeting entschieden zu haben. „Was hast du mit meiner Wohnung angestellt?“, blafft er zurück.

Seine Wohnung. Korrekt. Er hat sie bezahlt. Und doch war die Sprachregelung früher eine andere.

„Was habe ich denn mit ihr gemacht?“

„Sonja hat gesagt, der Boden hätte üble Macken. Er sei völlig zerkratzt.“

Unter die Sache mit dem Boden habe ich längst einen Haken gemacht.

„Das Parkett kann man abschleifen – so what?“

„Warum haben wir unsere Schuhe an der Wohnungstür ausgezogen, wenn du jetzt – allein – dafür sorgst, dass das Parkett heruntergewohnt wird? Tanzt du Tango auf Stilettos? Zuzutrauen wäre es dir!“

Mir gefällt nicht, wie er das Wort „allein“ betont. Ein unnötiger Pikser. Ein Stich in mein angeschlagenes Beziehungs-Ego.

„Wer sagt, dass ich allein bin?“ Ich beiße mir auf die Lippe. Warum kann ich meine Klappe nicht halten? Eine Zwickmühle, in die ich mich nun selbst gebracht habe. Wenn ich mit jemandem zusammenleben würde, hätte ich Ben zumindest informieren müssen. Und dass ich seit Tagen mit einem Hund hier wohne, ist sowieso gegen jede Regel.

„Schön, dass du das selbst ansprichst. Sonja hat mir von dem Hund erzählt.“

Woher weiß sie das? Unglaublich, diese Schlange!

„Hund?“ Ich spiele die Ahnungslose.

„Die fristlose Kündigung geht per Post ein.“ Er gibt mir einen Moment. „Ach ja, ich vergaß. Es gibt gar keinen Mietvertrag. – – Ich muss mich also nicht an irgendwelche Formalitäten halten. In zwei Wochen bist du draußen, Lila.“

Zwei Wochen? Ich stehe auf einem Zehn-Meter-Brett und jemand stößt mich von hinten in die Tiefe.  

„Deswegen rufe ich an“, übernimmt der Eigensinn das Wort. „Morgen bin ich weg. Ich ziehe aus. Die Wohnung ist nichts für mich.“

So einfach löse ich Probleme.

Und schaffe mir neue.

Brownie wedelt mit dem Schwänzchen, tanzt um meine Beine, die auch nicht stillstehen können. Als erstes aktiviere ich meine Playlist für Notfälle. Für jede Gelegenheit habe ich die passende Liedauswahl. Jaques Brel für Sommerabende mit Rotwein und Freundinnen. Carole King, wenn ich in der Badewanne liege. Abba zum Tanzen. Die 70er Jahre eignen sich hervorragend, um das Bad zu putzen. Die 80er dringen durch jede Pore meiner Haut. Sie sind für mich das, was für Popeye der Spinat ist: ein Zauberelixier.

Darum wummert jetzt aus allen Boxen Cold as Ice von Foreigner. Danach dröhnen mir Duran Durans Wild Boys um die Ohren. Und ich brülle Wild Girls so laut ich kann darüber. Brownie verzieht sich in den Flur. Ich hoffe, die Nachbarn stehen auf meine Playlist. Denn das ist erst der Anfang. Die Liste zählt fast 200 Titel.

Ich schreibe Lena und Caro eine Nachricht. „Ich brauche Euch. Dies ist keine Übung. Es ist der Ernstfall. Bringt bitte Umzugskartons mit.“ Ich weiß, dass in Lenas Keller noch Umzugskisten lagern. Und sie ist seit neuestem im Besitz einer großen Familienkutsche. „Und bringt Essen mit. Viel Essen. Alkohol habe ich.“

Kaizen. Was ist der nächste Schritt? Das liegt doch wohl auf der Hand!

Ich werfe alle meine Klamotten aus dem Schrank und aus der Kommode aufs Bett. Viel zu viele Blusen und zu wenig Shirts. Und wo sind meine Jeans?! Es gab Zeiten, da habe ich ausschließlich Jeans getragen. Was ist passiert? Im untersten Fach finde ich sie. Ob die mir noch passen?

Wie im Rausch ziehe ich ins nächste Zimmer. Ich kippe die Schubladen des Badschranks auf den Boden. Tausend Cremes. Eine Handvoll Eyeliner. Dabei kann ich keinen sauberen Strich auf meinem Lid ziehen. Und da ich mich hier nicht auf künstlerische Freiheit herausreden kann, lasse ich es bleiben. Eine ganze Schublade ist gefüllt mit Nagellack. Die Hälfte ist eingetrocknet. Vielleicht brauche ich statt Umzugskisten einfach einen Müllcontainer?

Nino De Angelo hat sich in meine Playlist geschmuggelt. Dafür schäme ich mich. Texte aus der Schnulzenhölle. „Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, sind wir jenseits von Erden …“ Sofort stellt sich Gänsehaut ein. Dieses Lied geht runter wie ein Stück Buttercremetorte. Genau das Richtige für mich. Bevor bei mir die Tränenschleusen öffnen, rufe ich Kalli an.

„Kalli“, sage ich und meine Stimme schwingt im Nino de Angelo Pathos. „Ich brauche den Bus so schnell wie möglich. Er soll nur fahren. Ich lege auch noch was oben drauf. Geld spielt keine Rolle.“ Dies ist ein Satz, den eine arbeitslose Grafikerin wohl niemals in den Mund nehmen sollte. Die 80er Jahre Songs haben mir schon den Kopf verdreht. Ich brauche mehr davon. Bindet mich an, bevor ich noch die Münchner Freiheit aus der Kiste lasse.

„Es wird trotzdem etwas dauern“, sagt sie, „aber ich arbeite dran.“

In so einen VW-Bus passt nicht viel Zeug, wenn man selbst und ein Hund darin wohnen will. Also packe ich eine Tasche mit dem, worauf ich keinesfalls verzichten kann: Seife, Zahnpasta und Zahnbürste, Unterwäsche. Meine alten Jeans. Shirts. Sweatshirt. Meine Malsachen, okay, die brauchen eine extra Tasche.

Was ich nicht brauche, werfe ich auf einen Haufen: Schuhe mit Absatz. Büroschuhe, die ausschließlich für die paar Meter zwischen Wohnung und Agentur geeignet sind. Weg damit! Blusen und Hosen, die nach chemischer Reinigung verlangen? Weg damit! Tücher in allen Farben und Materialien – Leinen, Seide, Kaschmir. Jetzt mal unter uns: Wofür sind Tücher gut? Und warum besitze ich so viele davon? Weg damit! Es klingelt an der Tür. Endlich! Girls just wanne have fun! Cindy Lauper begrüßt meine Mädels.

„Sollen wir die Schuhe ausziehen?“

„Auf keinen Fall!“

Ich halte Brownie am Halsband und gehe vor ihm in die Knie. „Darf ich vorstellen: Caro und Lena, meine besten und ältesten Freundinnen.“

„Das Adjektiv „alt“ streich bitte!“, korrigiert mich Lena.

„Übertreibst du nicht etwas?“ Ich weiß nicht, ob Caro das Chaos in der Wohnung meint oder dass ich sie gerade einem Hund vorgestellt habe. Ich richte mich wieder auf und lasse Brownie los.

„Nach Spaß sieht das nicht aus!“ Caro zieht einen Flunsch. „Du hältst mich von meinem Workout ab.“

„Das hier ist dein Workout.“

Brownie beschnuppert den Besuch aufgeregt.

„Ist der süüüüß!“, schreit Lena und knuddelt Brownie von oben bis unten durch – Hundeprofi eben!

„Bisschen groß“, meckert Caro an meinem Findelhund herum.

„Du wolltest doch, dass ich mir einen Hund zulege.“

„Einen kleinen, niedlichen. Wo ist bei ihm vorne und wo ist hinten?“

„Der ist doch super niedlich!“ Lena ist verzückt. „Also, wenn du ihn nicht willst, Lila, ich nehm ihn!“

Soweit kommt es noch. Ein merkwürdiges Gefühl legt sich auf meine Brust. „Ich habe ihn ja nur auf Zeit“, sage ich mehr zu mir selbst als zu Lena, „irgendwann melden sich seine Besitzer, dann muss er gehen.“ Der Gedanke schnürt mir den Hals zu. Brownie lässt sich von Lena streicheln, während er Blickkontakt zu mir hält. Ist es in Ordnung, dass diese Wildfremde mich streichelt? Ich nicke und lächle und frage mich, wie er es geschafft hat, in so kurzer Zeit, dieses Band zwischen uns zu knüpfen. In nur wenigen Tagen hat er mein Herz gekapert – dabei mochte ich Hunde nie!

„Deine 80er Playlist?“ Caro rollt die Augen. „So schlimm?“

„Jep!“

Die beiden haben Pizza Ratatouille mitgebracht. Ich öffne für Caro und mich einen Merlot. Für die stillende Mutter gibt es frisches Wasser. Wie Teenager setzen wir uns damit auf den Teppich vor das Sofa. „Ihr wisst schon, dass wir gerade einen neuen Trend lostreten?“ Caro schaut uns an.

„Du meinst, Frauen, die nach 18.00 Uhr noch sehr viele Kalorien zu sich nehmen?“

„Oder Frauen, die überhaupt essen?“ Lena verdreht die Augen. „Seit ich stille, kommt es mir so vor, als wäre ich die einzige, die isst“

„Du hast ja auch ständig Hunger“, lache ich.

„Ich nenne das hier urban indoor picnic“, erklärt Caro und schießt ein Foto, um es auf Instagram zu posten.

„Das hört sich nach einer großartigen Bewegung an.“

„Eher nach Stubenhockern“, wirft Lena ein.

„Hauptsache man denkt dabei nicht an Frustfressen“, sage ich und greife mir ein Stück Pizza. „Aber ich hätte auch noch Eis und Schokolade im Haus.“

Brownie darf den Pizzarand fressen und passt auf, dass auch sonst kein Krümel umkommt. Zwischen mehr Wein und mehr Pizza gebe ich Caro und Lena ein Update zu meiner Lage. Ich erzähle von Bäumen und Schweinen, insbesondere denen auf zwei Beinen.

„Und du willst wirklich morgen hier ausziehen?“ Lena runzelt die Stirn.

„Im Ernst? Morgen?“ Caro lacht.

„Und wo wirst du wohnen?“ Lena lässt ihr Pizzatsück sinken und sieht mich betreten an. „Ich glaube, ich habe das gar nicht wirklich ernst genommen, als du gefragt hast, ob du bei uns unterkommen kannst …“

„Also“, sage ich und lasse meine Stimme klingen, als hätte ich über das, was jetzt kommt, lange und ausführlich nachgedacht. „Meine Sachen bringe ich zu Onkel Werner. Ich stelle sie dort unter. Vorerst. Bis der Bulli fertig ist, schlafe ich bei meinen Eltern.“ Erst, als ich die Worte ausgesprochen habe, wird mir klar, dass es genau darauf hinauslaufen würde. Ich möchte nicht weiter darüber nachdenken oder abwägen, ob es eine gute Idee ist, bei meinen Eltern auf dem Sofa zu schlafen, auch wenn es nur für eine gewisse Zeit sein sollte. Habe ich eine andere Wahl?

„Du kannst auch ein paar Tage zu uns kommen“, beeilt sich Lena, „sorry, dass ich das letzte Mal so egoistisch reagiert habe.“

„Danke für das Angebot. Aber wie soll das gehen – jetzt auch noch mit Hund.“

„Das ist dein Plan?“ Caro sieht mich an. Sie erinnert mich an die Frauen aus den Hochglanzmagazinen, Rubrik erfolgreiche Businessfrau. Der Schnitt ihrer Frisur ändert sich seit Jahren nicht. Nie hat man das Gefühl, da wäre etwas herausgewachsen. Ihre Haare liegen, wie sie sollen. Und sie sollen nie über das Kinn hinausgehen, genauso wie der Pony immer exakt bis zur Augenbraue fällt, aber nie die Augen bedeckt. Alles an ihr ist gepflegt. Ihre gebräunte Haut, die manikürten Fingernägel, die Mascara, die niemals zu Pandaaugen verläuft. Kleidung sitzt an ihr sportlich und zugleich schick. Darum vielleicht auch ihr Sneakertick. Zur femininen Marlenehose bequeme Schuhe. Sie könnte einen Marathon darin laufen und sähe immer gut aus. Wer sie nicht kennt, hält sie für streng. Sie redet geradeheraus. Mit ihrer Meinung hält sie nicht hinterm Berg. Aber sie hat ein Herz aus Gold. Denn sie ist hier. Wenn sie gebraucht wird, lässt sie alles stehen und liegen, verzichtet sogar auf ihren lebensnotwendigen Sport und erträgt meine Musik. Das ist Liebe.

„Ich denke immer nur an das, was ich als nächstes tun muss. Und als nächstes muss ich die Wohnung räumen.“

„Aber dann gibst du die Entscheidung aus der Hand. Andere treiben dich vor sich her. Ich weiß, dass ich mich in diesem Punkt wiederhole … “ Sie seufzt, als wäre ich ein unbelehrbares Kind.

„Nun lass sie erst einmal in Ruhe. Nicht jeder hat für alles einen Masterplan in der Tasche.“ Lena sicher nicht. Sie ist zwar Lehrerin und als solche sehr gut organisiert, schließlich gibt es in der Schule Stundenpläne und Rahmenrichtlinien, an denen sie sich orientiert. Wer je einen Blick in ihr Arbeitszimmer geworfen hat, weiß, dass die Organisation seinen Preis hat. Ihre Regale platzen aus allen Nähten, davor stapeln sich Ordner und Papiere. Ihre Schreibtisch ist ein Ablageort für alles, was sonst keinen Platz findet – und das ist viel, sehr viel. Und die Wände sind mit Bildern, Fotos und Post-its zugekleistert. Lena geht als einzige von uns dreien nie zum Frisör. Ihre Spitzen schneidet sie sich selbst. Ihre Haare steckt sie in einem hohen Dutt auf dem Kopf zusammen, einzelne Strähnen lösen sich daraus und fallen ihr ins Gesicht und auf die Schulter. Sie trägt das, was sie in den Second-Hand-Läden ergattert. Und an ihre Haut lässt sie nur Produkte, die nicht an Tieren getestet wurden. In der Konsequenz ihrer Lebensführung sind sich Lena und Caro sehr ähnlich.

Nur ich laviere mich durchs Leben. Ich bin ein Kahn auf hoher See – ohne Kapitänin.

„Muss das hier alles mit?“, fragt Caro. „Auch die Möbel?“

Die Möbel. Das Bett haben Ben und ich gemeinsam gekauft. Ich will es nicht. Mich davon zu trennen, ist längst überfällig. Die Schränke sind Einbauschränke. Ich muss sie nur ausräumen. Die Küche gehört zur Wohnung. Das Geschirr möchte ich auch nicht behalten. Obwohl ich das Porzellan bezahlt habe. Ich habe alles, was hier in dieser Wohnung ist, so satt. Ich habe es über. Ich kann es nicht mehr sehen. Mit ein paar wenigen Ausnahmen.

„Die Espressomaschine muss eingepackt werden“, sage ich. Sie ist mein Schätzchen. Egal, wohin ich gehe, sie wird mich begleiten.

Lena faltet einen großen Müllsack auseinander. „Wo hast du den denn her?“ Ich bin begeistert.

„Ich bin eben organisiert“, lacht Lena und zwinkert mir zu. „Ich habe sogar noch mehr davon.“

„Wie lange hast du Freigang“, stichelt Caro.

„Sei nicht so fies, sonst rufe ich Dr. Alban.“

„Du spinnst ja wohl“, Caro zeigt Lena einen Vogel, „deine Playlist wird auf keinen Fall gespielt!“

„Warum denn? Was passt besser zu Lilas Situation als It’s my life?“

„Nope.“

„Oder nein, warte!“ Lena „Noch besser: Wind of change. Lila, bitte!“

„Du kannst dir deinen Wind of change zu Hause um die Nase wehen lassen.“

„Aufhören!“, rufe ich. „Ihr braucht die richtige Musik, um in Stimmung zu kommen?“ Ich wechsle das Jahrzehnt, aber ganz bestimmt werden es nicht die 90er Jahre. Born to be wild dröhnt aus den Boxen. Caro und Lena sehen sich an, kreischen synchron und springen aufs Sofa, um sich für ihr Luftgitarrensolo bereit zu halten. Looking for adventure schreien wir gemeinsam. Spätestens jetzt hält uns Brownie für komplett verstrahlt und verzieht sich in den hintersten Winkel der Wohnung.

Als wir uns wieder beruhigt haben, sagt Caro: „Wie sieht denn jetzt wirklich dein Plan aus? Wohin mit dem Zeug?“

„Immer noch keine Ahnung.“ Ich schenke Caro und mir Wein nach. Für Lena gibt es Schokoladeneis.

„Ich mache dir einen Vorschlag.“ Das war klar. Wenn niemand einen Plan hat – Caro hat einen. Und vermutlich auch noch Plan B bis Z. „Wir packen die Sachen, die zu Onkel Werner sollen. Den Rest kann Fred abholen. Du spendest es einfach.“

„Fred?“

Keine Ahnung, wer Fred ist, aber die Sache mit dem Abholen klingt wunderbar.

„Für einen guten Zweck?“, überlegt Lena, „das hätte ich dir, Caro, gar nicht zugetraut.“ Sie grinst und Caro streckt ihr dafür die Zunge raus. Vom Wein ist sie bordeauxrot. „Diese Organisation verkauft deine Sachen und spendet den Erlös. Vielleicht können andere noch etwas mit deinem Krempel anfangen, Lila.“

Vielleicht.

Der größte Berg am Ende des Abends ist der, den Fred abholen soll. Von einer Luxus-Zitronenpresse über High Heels bis hin zu Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle – natürlich noch unbenutzt wie die zwölf Kristallgläser, aus denen man Whisky trinken kann, wenn man denn welchen besäße. Und zwölf Gäste hätte. Beides war in den letzten Jahren nie der Fall. Noch nicht einmal, als Ben hier noch gewohnt hat.

Am Ende bin ich völlig erledigt – geplättet vom Anblick des Spendenberges, der sich im Wohnzimmer bis unter die Decke türmt. Ein Haufen Zeug! Unglaublich, wo sich das alles in dieser Wohnung versteckt hat.

„Lass dich bloß nicht unterkriegen“, sagt Caro und drückt mich zum Abschied. Lena ist schon gegangen. Finn-Luca verlangte nach der Muttermilchproduzentin.

Lass dich nicht unterkriegen. Mit sechs Jahren habe ich mich nicht von einer Frau Schmitt unterkriegen lassen – und dreißig Jahre später werde ich auch nicht in die Knie gehen. Vor wem denn auch? Vor meinem Ex? Der ist weit weg, wird bald Vater und war sicher nicht der Richtige für mich. Denn wenn er der Richtige gewesen wäre, dann säße er jetzt hier bei mir und nicht auf der anderen Seite der Weltkugel.

Und Tore? Soll er doch demnächst selbst steppen! Ich pfeif auf diesen Werbeunsinn. Doreen. Wer zum Teufel ist Doreen? Und Sonja Kladde kann mich mal. Die Agentur bekommt Post von meinem Anwalt. Ab jetzt heißt es: Born to be wild, Lila!

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