Morgen ist heute

Morgen ziehe ich aus. Wie ein trotziges Kind. Einmal ausgesprochen, ist es nicht umkehrbar. Eine kurze Genugtuung: Ben und der Moment der Stille am anderen Ende der Leitung. Und dann? Letztlich habe ich ihm einen Gefallen getan.

Ich liege mit dem Rücken auf dem Gras und schaue in den Nachthimmel. Wie aus einem Traum erwacht, fühlt es sich an. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, was ich geträumt habe. Nur das Gefühl, dass ich ganz nah an etwas sehr Wichtigem dran war. Die Bilder sind zum Greifen nah und doch verborgen hinter einer Nebelwand. Wenn der Nebel sich lichtet, enthüllt sich mir der dringend benötigte Masterplan, oder? – – Ich höre, wie Brownie in einiger Entfernung an einen Strauch pullert. Durch seine Zehn-Meter-Schleppleine besitzt er einen beachtlichen Radius. Und er nutzt ihn voll aus. Ich traue mich nicht mehr, ihn frei laufen zu lassen. Schon gar nicht hier, so nah an der Potsdamer Straße. Tiefer wage ich mich um diese Zeit nicht in den Landschaftspark, der in seinem Ursprung einmal ein Wildrevier war, nun aber der Erholung der gehetzten Stadtmenschen dienen soll. Er ist berühmt, aber auch berüchtigt. Nachts bewege ich mich ausschließlich an seinen Rändern im Südosten – wenn überhaupt. Mehr denn je ist er ein Ort, an dem gejagt wird. Nur die Beute hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert.

Die Kriminalitätsstatistik ängstigt mich nicht. Täglich verfolge ich die Posts der Berliner Polizei auf Twitter. Neben den Kapitalverbrechen sind es entlaufene Senioren, flüchtige Hunde oder – was kürzlich genauso passiert ist – die  Rettung einer Entenfamilie, die sich auf eine Verkehrsinsel zurückgezogen hatte. In einer Welt, in der Polizisten kleine Küken behutsam von der Straße pflücken – wer sollte da Angst haben?

Ganz andere Kräfte setzen mir derzeit zu. Da schreckt mich nicht, dass vielleicht hundert Meter weiter Crystel vertickt wird oder sich zwei Männer in die Büsche schlagen. Sicher ist es nie. Nirgendwo. Für niemanden. Man geht sich an die Gurgel für ein paar Euros oder um einen guten Schlafplatz. Oder stellt einer Kollegin ein Bein. Einfach so.

Brownie schnüffelt. Ich kann hören, wie seine Nase arbeitet. Er saugt die Gerüche des Tages von jedem Grashalm und liest daraus. Was? Das weiß ich nicht. Aber es muss spannend sein.

Es ist weit nach Mitternacht. Jugendliche, die Musik hören und sich betrinken, jemand, der in einem übervollen Müllkorb nach Pfandflaschen stochert, Touristen, die auf ein Smartphone starren und laut miteinander diskutieren, wie sie am schnellsten zu ihrem Hotel finden. Sie müssen dem Weg schnurgerade folgen, biegen jedoch an der nächsten Möglichkeit ab. Ich hätte ihnen einen Tipp geben können. Aber ich kann mich nicht rühren. Ich konzentriere mich auf den Himmel über Berlin. Unzählige Lichtpunkte, wie Stecknadelköpfe an das dunkle Gewölbe gepinnt. Dort oben kenne ich mich genauso wenig aus wie hier unten. Die Sterne sind mir fremd. Ich bin mir fremd. Nicht die Lila, die ich mal war und noch nicht die, die ich sein möchte. Irgendwo dazwischen. Ich spüre, wie der Wunsch sich zu verändern, das Adrenalin durch meinen Körper treibt. Aber wohin mit meiner Energie? In welche Richtung will ich gehen? Wo um Himmels willen ist denn eigentlich mein innerer Kompass abgeblieben?

Dass ich so ziellos durchs Leben treibe, war doch nicht immer so. Irgendwo zwischen Uni und Examen, den ersten Jobs und meiner Beziehung zu Ben muss er mir abhandengekommen sein – der Kompass, Richtschnur meines Handelns und die Intuition dafür, was ich will und was mir guttut.

„Hi, ick bin der Klaus, darf ick dir kurz stören“, nuschelt jemand neben mir und beugt sich zu mir herunter. Ich zucke zusammen. Weder habe ich Klaus kommen hören, noch habe ich irgendeinen dieser Kläuse erwartet, die es in dieser Stadt zuhauf gibt. Und schon sagt er sein Sprüchlein auf, dieser Klaus. „Haste mal nen Euro?“, fragt der Leisetreter und Anpirsch-König.

Ich richte mich widerwillig auf und krame eine Münze aus meiner Tasche. In diesem Moment huscht etwas an mir vorbei und Brownie hinterher. Die Leine entgleitet mir. Der Hund bellt.

„Dit arme Häschen“, tönt Klaus uns hinterher – ein wahrer Tierfreund. Wer hier das arme Häschen ist, wird sich zeigen. Ich renne und rufe und pfeife. Aber Brownie ist außer Rand und Band. Nicht nur Wildschweine verdrehen ihm den Kopf. Ich muss aufpassen, dass ich ihn nicht aus dem Blick verliere. Es ist schwierig genug, dem braunen Fellmonster in der Nacht hinterherzujagen. Auf einmal tauchen rechts und links zwei Typen auf. Dass sie aus anderem Holz geschnitzt sind als die üblichen Schnorrer, sehe ich sofort. Von den beiden kann Klaus noch etwas lernen. Körperspannung macht den Unterschied. Sie stellen sich mir mitten in den Weg, bauen sich auf wie eine Mauer. Ich bremse ab, damit ich nicht in sie hineinlaufe. Der eine reißt mich an der Jacke, ich reiße sie aus seinen Händen zurück und weiche dem anderen aus, der seinerseits nach mir greift.

„Wen ham wa denn hier?“

Einer der beiden trägt einen speckigen Parka. Die Kapuze hat er sich tief ins Gesicht gezogen, dabei ist es doch Nacht, viel erkennen kann ich nicht. Der andere trägt gar keine Jacke, nur ein T-Shirt. Der Stoff spannt über seinen trainierten Oberarmen.

„Warum so eilig?“ In seiner Stimme liegt ein fettes Grinsen. Er tippt mir mit dem Finger auf die Schulter, nur leicht, aber ich taumle zurück, als wäre es ein Schlag gewesen.

Kann ein Mensch in einer Woche so viel Pech haben? Karma is a bitch? Das ist eine Untertreibung! Die beiden warten auf eine Reaktion, aber ich stehe wie angewurzelt da. Man könnte meinen, ich hätte den Ernst der Lage nicht ganz begriffen. Die beiden bemühen sich, es mir zu erklären.

„Wir sind die Heilsarmee. Wir sammeln Telefone und Geld.“

„Dann zischen wir ab und du musst dir nicht in die Hosen scheißen vor Angst.“

Wie im Daumenkino ziehen die düsteren Bilder der letzten Tage an mir vorbei. Von meinem Beinahe-Unfall, einem kotzenden Hund, Tores Ansprache und Doreens Gekeife. Kein Job, kein Geld, keinen Mann. Wenn das so weitergeht, schlage ich auch bald im Park meine Zelte auf. „Hi, ich bin Lila, haste mal nen Euro?“

In mir springt ein Signal auf Rot. Stopp. Es reicht. Ich habe es satt. Ich möchte Mousse au Chocolat statt Scheiße zum Dessert.

„Mach schon Muschi, sonst helfen wir nach!“ Die Aggressivität, die seine Worte begleitet, überhöre ich. Überhaupt blende ich die Typen aus. Ich stelle keinen Überlegungen an, wie gewaltbereit die beiden Nachtgewächse auf einer Skala von 0 bis 10 sind, wenn zehn bedeutet: Es gibt etwas auf die Fresse. Bei nüchterner Betrachtung läge die Zahl bei 9. So aber habe ich eine Flasche Rotwein intus und eine harte Woche hinter mir.

„Du hast es so gewollt.“ Der Parkamann greift in seine Tasche. Keine Ahnung, ob er dort nach einer Pistole, einem Messer oder einer Packung Kaugummi kramt. Mein Vorstellungsvermögen verlässt mich. Meine Synapsen finden keinen Anschluss. Bei mir brennt eine Sicherung durch. Habe ich jetzt einen Nervenzusammenbruch?

Ich schreie. Ich schreie so laut, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geschrien habe. Es fühlt sich an, als würde ich mir dabei fast den Kiefer ausrenken, so laut brülle ich. Nicht aus Angst, sondern aus Wut.

„Es reicht mir jetzt. Dieser ganze Mist hier! Ich habe die Schnauze so voll! VERPISST EUCH!“

Der Parkamann weicht einen Schritt zurück, aber sein Kumpel lässt sich nicht so schnell erschrecken. Er greift nach meinem Arm. Ich gehe noch eine Oktave höher. Laut und schrill zerreißt es die Nacht. Ich spüre seinen Griff, der sich wie ein Schraubstock enger zieht. Die andere Hand schnellt vor, fasst in mein Haar und zerrt mich zu ihm ran und auf die Knie. Der Parkamann traut sich wieder einen Schritt nach vorne. Er hält meinen anderen Arm fest. Feuerblitze tanzen in meinem Hirn. Jetzt ist es Schmerz, der mich schreien lässt. Da kommt Brownie angejagt. Wie eine wilde Bestie stürzt er sich auf meinen Angreifer. Ich sehe seine Zähne aufblitzen, die sich in das helle Fleisch schlagen. Innerhalb weniger Sekunden muss ich eine Entscheidung treffen. Brownie schleppt immer noch die Leine hinter sich her. Sie ist viel zu lang. Ich kann sie weder aufnehmen, noch kann Brownie damit flüchten.

Die Verkäuferin im Hundeshoppingparadies hat sie mir empfohlen. „Nehmen Sie die mit dem Profi-Karabiner“, sagte sie, „der ist absolut sicher. Und das Beste daran: Sie können ihn mit einer Hand öffnen, ohne mit der anderen nachzufassen!“ Ich hatte keine Ahnung, dass dieses Detail so schnell von Vorteil sein würde. Mit einer Zehn-Meter-Schleppleine kann kein Hund fliehen, ohne sich zu verheddern oder von seinen Verfolgern gestellt zu werden. Der Parkamann scheint Hunden nicht ganz gewogen zu sein. Er tritt halbherzig nach Brownie, bleibt aber auf Abstand.

„Tu doch was, du Spacko!“, schimpft sein Kumpan. Brownie lässt nicht los. Er kann zubeißen und gleichzeitig knurren. Ein Teufelskerl! Mit meiner freien Hand öffne ich den Karabiner mit einem einzigen Klick. Brownie ist frei. Ich trete dem Parkamann zwischen die Beine, drehe mich um und renne, renne um mein Leben. „Hier!“, brülle ich und meine natürlich meinen Findelhund. Brownie scheint irritiert, dass ich mich so schnell entferne. Wo will sie nur hin, das Frauchen? Nichts wie hinterher! Gemeinsam jagen wir ins Licht der Straßenbeleuchtung, rennen über die vierspurige Straße, biegen in eine Seitenstraße ein und müssen nur noch einmal ums Eck, bis ich japsend – und Brownie schwanzwedelnd – vor unserem Concierge stehe. Wieder ist es Kamil, der Dienst hat. Auch wenn die Typen mich bis hierher verfolgt hätten, an Kamil kommt niemand vorbei. Kamil ist ein Schrank. Er ist groß und trainiert und er ist entschlossen.

„Alles klar, Lila?“ Kamil mustert mich besorgt. „Wusste gar nicht, dass du so eine Nachteule bist.“

Das wusste ich auch nicht. Eigentlich wollte ich mit Brownie nur eine kleine, allerletzte Runde vor die Tür. Und dann waren da die Sterne und meine unsortierten Gedanken … „Alles klar“, antworte ich und gehe vor meinem Retter in die Knie. Ich vergrabe mein Gesicht in seinem Fell und spüre heiße Tränen auf meinen Wangen. Es war nicht alles schlecht, was mir in den letzten Tagen widerfahren ist. „Vielleicht bist du sogar das Beste, was mir passieren konnte“, flüstere ich Brownie ins Ohr, der mich danach etwas irritiert ansieht.

„Du willst mit dem Hund …“ Er deutet nach oben. Ich nicke. Er seufzt. Bei Frauen und Hunden bröckelt Kamils eisenharte Türsteherfassade. „Weil du es bist, Lila!“ Er zwinkert mir zu. „Aber das geht jetzt nicht ständig so weiter!“

„Morgen ziehe ich aus“, sage ich, „dann hat das hier ein Ende.“ Und morgen ist heute.

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