Gestrandet (Teil 1)

„Du willst was?“ Meine Mutter sieht mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich kann mir vorstellen, was sie denkt: Ihre Tochter wird nie wieder arbeiten gehen, in Jogginghose und mit fettigen Haaren vor dem Fernseher abhängen und darauf warten, dass ihre Eltern von der Arbeit nach Hause kommen, um ihr eine warme Mahlzeit zu kochen. Das ist der Anfang vom Ende. – – Ist es nicht! Dies ist der Anfang vor dem Anfang, also eher ein Übergang. Eine kurze Auszeit. Hier stehe ich. Mit meiner Tasche und mit Brownie. Gestrandet. Fürs erste. Ich habe nicht vor, mich bei meinen Eltern bis auf weiteres häuslich einzurichten. Ich werde keine Möbel aufbauen und kein Bild aufhängen. Ich brauche nur einen Platz zum Schlafen. Ich habe nicht gefragt, sondern bin einfach aufgebrochen. Ins Blaue hinein. Ich treffe lieber Entscheidungen, als gründlich darüber nachzudenken. Ich frage niemanden um Rat. In diesem Punkt bin ich wie meine Mutter. Wir machen unsere Probleme mit uns aus. Ist das Sturheit oder der bereits erwähnte Eigensinn? Wenn ja, liegt vielleicht auch das in der Familie. Aber ich will mich gar nicht herausreden. Obwohl ich es besser wissen müsste, handele ich unbedacht, sage Dinge, treffe Entscheidungen – impulsiv. Einmal ausgesprochen, kann ich nicht mehr dahinter zurück. Ich ziehe morgen aus. Der Satz ist in der Welt. Mein Abgang hat etwas von Flucht. Du kannst nur mit leichtem Gepäck fliehen. Und so lasse ich das meiste in der Wohnung zurück. Auch das Chaos, das ich mit Lena und Caro veranstaltet habe. Soll Sonja sich darum kümmern. Den Kram entsorgen, das Zeug verscherbeln, den Krempel verbrennen – egal. Mich kümmert es nicht.

Meine Eltern allerdings sind mehr als überrascht.

„Du willst bei uns einziehen?“, wiederholt meine Mutter, als könne es irgendeinen Zweifel an meinem Anliegen geben, obwohl meine schwere Reisetasche Beweis genug ist. Meine Eltern sehen sich an. Ich fühle mich sofort wie ein Störfall kurz vor dem Supergau. Warum setzen beide diese Weltuntergangsmiene auf?

„Das geht nicht, Lila.“

Es ist mein Vater, der mir die Absage erteilt. Von ihm hätte ich das am allerwenigsten erwartet. Auch meine Mutter überrascht mich. Das ist ein Notfall. Ich bin ein Notfall. Wenn man in Krisenzeiten nicht zusammensteht, was ist Familie dann wert?

„Es ist doch nur vorübergehend“, stammle ich und bekomme heiße Ohren. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen, das um etwas bettelt, das in der Welt meiner Eltern völlig abwegig ist: ein Glas Saft, nachdem man sich die Zähne geputzt hat, Schokolade vor dem Mittagessen oder eine Barbiepuppe zum Geburtstag. Die ich mir als Siebenjährige so sehr gewünscht hatte. Meine Mutter sagte damals: Nein. Und heute sagt sie nichts. Das übernimmt mein Vater.

„Lila“, sagt er und lässt sich Zeit. Mein Name hängt genauso in der Luft wie ich. Unverbunden mit dem Rest. Mein Vater sammelt sich.

„Das ist gerade ein ganz ungünstiger Zeitpunkt.“

Mir rutscht das Herz in die Hose. Denken sie vielleicht doch an Scheidung? Dieses mulmige Gefühl ist plötzlich wieder da. Sie haben Geheimnisse vor mir.

„Könnt ihr nicht einfach sagen, was los ist?“ Mein Klein-Mädchen-Lila-Ich ist umgeschlagen in das rebellische Teenager-Ich. „Ich bin doch kein Kind mehr!“

„Eben“, sagt mein Vater. „Kinder wohnen nicht mehr bei ihren Eltern.“

Meine Mutter schweigt immer noch. Sie sieht blass aus. Dass sie nichts dazu zu sagen hat, passt nicht zu ihr.

„Und du?“, bohre ich nach, „was sagst du?“

Aber sie antwortet nicht. Sie dreht sich etwas zur Seite und in ihren Augen glitzern Tränen. Oder ist das die Mittagssonne, die sich darin spiegelt?

Brownie spürt, dass etwas nicht stimmt. Nichts stimmt hier. Er schleicht um meine Beine und findet keine Ruhe. Ich warte noch einen Moment. Als das Schweigen zu laut wird, stürme ich aus dem Haus und Brownie hinter mir her.

Ich fahre auf der Bundesstraße in Richtung Nord-Westen. Weg von meinen Eltern, auch weg von der großen Stadt, immer geradeaus. Zurück führt kein Weg.

Ich bin fassungslos. Natürlich hätte ich sie vorher fragen können – hätte sie nicht überrumpeln dürfen. Dann hätten wir geredet, vernünftig, wie Erwachsene und nicht wie Eltern und Kinder miteinander reden, sondern auf Augenhöhe. Wir hätten meine Optionen durchgesprochen. Gemeinsam hätten wir den Plan gefasst, dass ich bei ihnen wohne und parallel meine Angelegenheiten in Ordnung bringe. Tore. Die steppenden Limoflaschen. Doreen. Seit Tagen habe ich mich nicht gemuckst. Aufräumen muss ich und Ordnung schaffen. Aber ich schaffe das nicht allein. Aus den Tränen wird Wut. Da braucht man die Familie einmal im Leben – und dann bekomme ich eine Abfuhr? Nur ein lapidar dahingeworfener Satz: Das geht nicht. Keine Erklärung. Was habe ich denn je von ihnen verlangt, außer dass sie mir in die Welt helfen? Das Studium. Natürlich. Das haben sie mir ermöglicht. Dafür bin ich dankbar. Aber ich hatte auch gar keine Wahl. Das Studium war gesetzt. Und zwar von ihnen. Doch von den begehrten Kunstakademien hagelte es Absagen. Nicht begabt genug, die Frau mit dem kreativen Namen. Meine Mutter hat sich erst über die Vergabebedingungen und dann über mich aufgeregt. Du musst es weiter probieren, Lila! An deiner Bewerbungsmappe musst du arbeiten. Gib nicht auf! Wie ich letztlich in die Design- und Marketing-Schiene gerutscht bin? Ich habe dann den Weg des geringsten Widerstands gewählt. Dabei schlug mein Herz für die Illustration. Damals fühlte es sich allerdings gut an: Ich hatte einen Weg gefunden, etwas zu machen, das noch entfernt mit meinen Interessen und Wünschen zu tun hatte und gleichzeitig konnte ich den Träumen meiner Mutter eine Absage erteilen.

Mit den eigenen Eltern wird man wohl niemals auf Augenhöhe reden können. Wenn man erwachsen ist, bleibt man trotzdem immer das Kind. Auch wenn die Eltern nicht mehr die Erziehungsberechtigten sind, tun sie doch immer noch so, als wüssten sie, wohin der Hase läuft. Und wenn sie Nein sagen, müssen sie sich noch nicht einmal erklären.

Nun weiß ich wirklich nicht wohin. Ich biege in einen Waldweg ein. Es ist nicht der Parkplatz vom letzten Mal, aber ganz in der Nähe. Brownie muss an die Leine. Schade, dass ich die Schleppleine opfern musste. Die Ereignisse der letzten Nacht sitzen mir noch in den Eingeweiden. Die Abdrücke an meinem Unterarm erzählen mir die Geschichte. Die Bilder in meinem Kopf sind keine Hirngespinste, sondern eine reale Erinnerung an den Angriff. Nie bin ich bisher bedrängt worden. Ich schiebe die Erinnerung daran weg. Ich habe keine Zeit, daraus ein Trauma zu entwickeln. Die zwei Typen machen mir keine Angst. Ich habe Angst, dass mir nichts mehr einfällt. Keine Idee, wie es jetzt mir mir und Brownie weitergeht. Die Angst an der Herausforderung, die vor mir liegt, zu scheitern. Oder bin ich das längst? Gescheitert?

Bäume haben heilende Kräfte. Das habe ich irgendwo gelesen. Bäume reinigen nicht nur die Luft. Einen Baum zu berühren, setze eine positive Energie frei. Die Heilkraft der Bäume helfe uns, zu entspannen, hieß es in dem Artikel. Beim Lesen habe ich das für großen Hokuspokus gehalten, schlichtweg Schwachsinn. Trotzdem denke ich jetzt an diesen Schwachsinn. Und schon umarme ich den ersten Baum. Eine Eiche. Ihr Stamm ist so dick, meine Arme können sie nicht ganz umspannen. Die Rinde kratzt. Da krabbelt etwas vor meiner Nase. Ich lasse los und suche mir den nächsten Baum. Brownie findet dieses Baumkuschelding langweilig. Er zieht mich weiter in den Wald hinein, hält Nase und Ohren gespitzt, möchte nicht ständig stehenbleiben und warten, bis ich mit meinen Armen den nächsten Baum vermessen habe.

Brownie hat ein paar trockene Bucheckern aufgestöbert und untersucht sie mit seiner Nase. Ich lehne meine Stirn an die Baumrinde. Ich atme die Baumluft. Den Geruch nach Erde und Holz und Moos. Ich schließe die Augen. Ich taste mit den Fingerspitzen über die dunkle Rinde, die aufgesprungenen Kanten, die tiefen Ritzen, die raue Oberfläche. Ich streichle die Haut und umfasse schließlich den Stamm. Jetzt bloß nicht heulen! Die Leine fällt mir aus der Hand. Da sind sie schon: die Tränen. Dieses Mal sind es Tränen der Rührung. Ein altertümliches Wort: Ich bin gerührt. Aber genauso ist es. Der Baum rührt mich an, er berührt etwas in mir, setzt etwas frei. Gut ist das. Eine Erlösung. Ich klammere mich fester an den Stamm. Die Baumkrone ächzt im Wind. Mein Freund, der Baum, dieses Wunder der Natur! Ich stelle mir vor, wie sich die Wurzeln unter dem Baum weit strecken, ausbreiten wie ein Netz, das Leben fließt durch diese feinen Adern unter meinen Füßen bis hinauf in die Baumkrone, die in leuchtendem Frühlingsgrün erstrahlt. Noch einmal atme ich tief durch. Ruhig schlägt mein Herz in meiner Brust. Die Tränen fließen mir die Wangen hinab, tropfen auf meinen Hals, ich versuche nicht, mich zu beherrschen. Wozu? Ich bin allein.

Nicht ganz. Brownie ist in meiner Nähe. Hin und wieder spüre ich ihn neben mir. Er läuft nicht weg. Er achtet auf mich. Schnüffelt an meinem Hosenbein. Umrundet den Baum und entfernt sich wieder. Es knackt im Unterholz. Kleine Tiere, die über den Boden huschen. Überall ist Leben. Es wimmelt und krabbelt und summt. Nach einer kleinen Ewigkeit drehe ich mich um. Ich werde beobachtet. E.W. Er hält Brownies Leine. Brownie sitzt brav neben ihm. Beide betrachten mich. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Wie lange stehen Sie schon hier?“

„Ich wollte Sie nicht stören.“

Stören? Ich lächle. Stören beim Baumkuscheln.

„Danke.“

Ich zeige auf Brownie. „Ich wollte nicht …“, bemühe ich mich um eine Erklärung, „eigentlich …“

„Schon gut. Die Leine hing am Hund.“ Er grinst. „Dieses Mal hat er nur mich aufgestöbert.“

„Wie geht es dem Reh?“

„Ich dachte, Sie wollten sich selbst nach dem Befinden erkundigen.“ Er sieht mich immer noch freundlich an. Heute gibt es keine Standpauke.

„Auf jeden Fall.“ Ich lächle zurück.

„Sofort?“

Ich nicke. Warum nicht? Kaizen, denke ich, bin mir aber nicht mehr sicher, ob ich das mit der japanischen Philosophie dahinter richtig verstanden habe. Kai bedeutet Veränderung und Zen so etwas wie zum Besseren. Eine Veränderung zum Besseren durch kleine Schritte in die richtige Richtung. Ich kann mich momentan nur verbessern. Also stiefele ich dem Förster hinterher, um ein verletztes Reh zu besuchen.

Teil 2 von Gestrandet gibt es im nächsten Blogbeitrag. Viel Spaß beim Lesen!

5 Kommentare

  1. huhu, tolle Story!!!
    Nimm es mir bitte nicht krumm. Aber das ist zu lang für einen einzigen Beitrag. Wenn du das noch mal in der Hälfte teilen würdest… Aus einem Beitrag zwei machen…. Wie gesagt, nicht böse gemeint. Aber je länger so ein Blogbeitrag ist, desto weniger Leute lesen ihn wirklich durch.
    Aber ich war begeistert. Bin gespannt, wie es hier weiter geht.

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    1. Hihi, nein, das nehm ich nicht krumm, ganz im Gegenteil – dann mach ich zwei Texte draus. Feedback ist IMMER super. Danke! Da ich nicht vorschreibe, sondern wirklich jede Woche knapp vor der selbst gesetzten Sonntagsmarke, schreibe ich immer so lange, bis ich nicht mehr kann!!!

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