Hals über Kopf (2)

Kapitel 13/2

Mich erwartet keine Mitternachtsparty a la Hanni und Nanni. Das ist klar, als mir Pola eine Skimaske reicht. „Die wirst du vielleicht brauchen.“

Ein Käuzchen ruft, als ich in mein kleines Auto steige, das mit der Schramme, die sich über die ganze Seite zieht. Die hatte ich ganz vergessen. Die alte Lila, Bens Lila, hätte nicht einen Tag gezögert und das Auto unverzüglich in die Werkstatt gebracht. Der neuen Lila ist es egal. Wenn häßliche Schrammen im Lack ihr einziges Problem wären, dann wäre ihr Leben langweilig.

Eddie hat alles getan, mich davon zu überzeugen, Pola nicht zu helfen. Aber seine Besorgnis hat mich nur angestachelt. Denn erklären, warum ich nicht fahren soll, möchte er nicht. Er sagt auch nicht Sachen wie: Lila, bleib doch bitte, ich habe noch so viele wunderbare Hundebücher. Die können wir uns gemeinsam ansehen. Oder meine Münzsammlung. Eddie schweigt. Und schaut zerknirscht.

Natürlich hätte ich mich viel lieber mit ihm vor den Kamin geräkelt und weiter in diesem spannenden Hundebuch geblättert – aber das stand ja offensichtlich nicht zur Auswahl. Brownie jault, als ich ohne ihn ins Auto steige. Aber ich bin mir sicher, er hat mich vergessen, wenn ich um die Ecke gefahren bin und Susi ihn zum Spielen auffordert. Rüden sind doch alle gleich!

Eddie klopft ans Seitenfenster. „Wie lange wird es dauern?“

„Kommt darauf an …“

„Pola!“

„Zwei, drei Stunden, du musst nicht auf Lila warten.“

„Warum reden heute alle in der dritten Person über mich? Ich bin anwesend. Ich kann antworten. Für mich selbst. Und ja: Das wäre aber sehr nett, wenn du auf mich wartest. Allerdings hört sich das an, als könnte es spät werden. Also: Nein, bitte warte nicht.“ Und erst da wird mir klar, dass ich wohl wieder – nach dieser Nacht- und Nebel-Aktion – hierher kommen werde. Schließlich ist mein Hund hier. Und meine richtigen Klamotten. Jetzt trage ich eine ausgeleiherte Jogginghose und ein Sweatshirt. Dieses Mal ohne Aufdruck.

„Gib endlich Gas, Lila!“, sagt Pola und ich gebe Gas.

Pola navigiert mich durch die Nacht. Es ist still. Die Welt schläft. Keine Ahnung, wann ich so spät das letzte Mal über Land gefahren bin. Dass ich nachts nicht mehr schlafe, ist längst zur Gewohnheit geworden. Ich bin hellwach.

„Links abbiegen.“

Wir sind mitten im Nirgendwo und ich nehme die nächste Abbiegung. Kein Dorf, keine Stadt, nur Wiesen, Felder, Bäume. Dann stehe ich vor einem hohen Zaun. „Du solltest jetzt die Skimaske aufsetzen“, sagt Pola, „nur zur Sicherheit.“ Sie zieht eine Stirnlampe über ihre Skimütze. Und Handschuhe an. Handschuhe trug sie auch, als ich ihr das erste Mal begegnet bin. „Du wartest.“ Sie greift ihren Rucksack und steigt aus. Ich kratze mir über die Pusteln am Arm. Was hat sie vor? Als erstes holt sie etwas aus ihrem Rucksack und schneidet den Zaun auf. Dann zwängt sie sich durch das Loch und rennt in Richtung des flachen Gebäudes, das von einigen Strahlern beleuchtet hinter dem Zaun liegt.

Meine Augen folgen Polas Lichtkegel, dann verschluckt sie die Nacht. Es ist zum aus der Haut fahren. Nicht nur dass meine Pusteln sich wieder in Erinnerung rufen, ich bin niemand, der in der zweiten Reihe wartet, bis er dran ist. Ich will wissen, was läuft. In diesem Fall möchte ich gern wissen, in was ich hier hineingezogen werde. Ich steige aus dem Auto. Seitdem ich mit Brownie nachts durch die Gegend tapere, habe ich eine dieser Minitaschenlampen mit Karabiner an meinem Schlüsselbund. Sie wirft einen kleines, aber sehr helles, kaltes Licht auf das Loch im Zaun. Ich gehe nur ein paar Meter aufs Gelände, sage ich mir. Wer weiß, wann Pola zurückkommt. Aber weit und breit ist niemand. Um den Zaun herum ist das Gras hoch. Dann komme ich auf einen Streifen, der offensichtlich regelmäßig gemäht wird und schließlich stehe ich auf Asphalt. Vor mir erhebt sich ein langgezogenes flaches Gebäude. An einigen Stellen leuchten Strahler, dazwischen liegt Dunkelheit. Auf der Längsseite sehe ich einen Lichtkegel. Pola. Von rechts höre ich, wie ein Auto den Weg entlangfährt. Wenn ich hier einfach so stehenbleibe, erfassen mich die Scheinwerfer. Ich werfe mich flach auf den Boden. Das Auto hält an der Stirnseite des Gebäudes. Schwere Türen, die aufgehen und zuschlagen. Schritte. Sie kommen nicht in meine Richtung. Keine Ahnung, wo ich hier bin, wer das ist, aber ich sollte nicht hier sein. Und Pola auch nicht. Ich rapple mich auf und renne auf dem weichen Gras in die Richtung, in der sich ein dunkler Schatten und ein kleiner Lichtkegel an der Hauswand bewegen. Was macht sie da bloß? Sie hört mich erst, als ich schon ziemlich nah an ihr dran bin. Sie fährt herum und ihr Licht blendet mich mitten ins Gesicht. „Was machst du hier?“, zischt sie.

„Wir müssen verschwinden. Hier ist jemand.“

„Ich bin noch nicht fertig.“ Sie schüttelt die Spraydose. Das Klackern der Mischkugel klingt unglaublich laut. Jeder wird sie hören. „Pola“, beschwöre ich sie, „da ist jemand gekommen. Mit dem Auto. Wir müssen verschwinden.“

Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung würde ich als Laie mal tippen. Pola hat die roten Buchstaben M – Ö – R – D – E – R auf die Hauswand gesprüht. Sie zögert. „Scheiße!“, flucht sie. „Das Beste fehlt noch!“

„Hast du das gehört?“

„Was?“

„Klackklackklack.“

„Das kam von innen, oder?“

„Licht aus!“

Auch wenn unsere Lampen nicht mehr brennen und wir dunkel gekleidet sind – wir sind nicht unsichtbar. Die schwachen Außenstrahler reichen aus. Im Moment stehen wir nicht in ihrem direkten Lichtkegel, aber wenn wir so zurücklaufen, wie ich gekommen bin, dann sind wir gut zu sehen.

Pola sprüht ein Ausrufezeichen auf die Wand. Sind das Schritte? „Das kommt von innen, glaub mir.“

„Quatsch.“ Schritte auf dem Asphalt. Von unten, nicht von oben. Vielleicht ist jemand einfach genau andersherum um das Gebäude gelaufen. Ich ziehe Pola von der Wand weg. Sie schnappt sich ihren Rucksack und folgt, ohne einen Mucks. Ich laufe, so schnell ich kann, pfeilgerade in Richtung des Zauns. Das Loch ist viel weiter oben, aber ich will erst einmal das hohe Gras erreichen. Sonst ist hier nämlich nichts. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. „Runter“, flüstert Pola und stößt mich von hinten auf den Boden. Mein Knie schlägt auf einem Stein auf. Hölle, denke ich, das tut weh! Ich beiße mir auf die Lippe, bis ich Blut schmecke. Da steht jemand und leuchtet Polas Kunst aus. Er ist groß und hat die Maße eines Türstehers. Leider ist er keiner. Denn an denen komme ich in der Regel immer vorbei. Sie sind mir gewogen, also der Lila ohne Hund und Problemen.

Der dunkle Schrank dreht sich um und späht in die Dunkelheit. Die Farbe ist noch nicht trocken, er weiß, derjenige, der das getan hat, muss noch ganz in der Nähe sein. Der Kegel seiner Taschenlampe wandert über die Wiese. Dann setzt er sich in Bewegung. Er geht schnellen Schrittes am Gebäude entlang nach oben. „Die sind zu zweit“, sagt Pola. „Er wird Verstärkung holen. Du bist eine gute Sprinterin?“

Sprint? Ich bin seit der Bundesjugendspiele nicht mehr schnell gelaufen. Und schon damals hat es nur für eine Teilnahmeurkunde gereicht. Pola ist so schnell verschwunden, dass mir keine Wahl bleibt. Ich gebe alles. Ich renne um mein Leben. Und vielleicht muss ich das ja auch wirklich? Pola erreicht als erste das Loch im Zaun. Als ich mich hindurchzwänge, höre ich sie hinter mir. Einer brüllt etwas. Ich verstehe ihn nicht. Der andere bleibt offenbar zurück. Zumindest hört es sich so an, viel erkennen kann ich nicht. Zeit, darüber nachzudenken, auch nicht.

„Die Schlüssel!“ Pola rüttelt an der Wagentür.

Die Schlüssel. Wo sind meine Schüssel? Sie sind nicht in der Hosentasche. Der einzige Ort, wo sie sein können. Für diesen Ausflug habe ich das Louis Vuitton Täschchen zu Hause gelassen. Mal abgesehen davon, dass ich keine echte Louis Vuitton besitze, aber doch eine ganz niedliche Pochette, die einer Designertasche in nichts …

„Lila!“

Der Schlüssel baumelt am Karabinerhaken der Taschenlampe, die ich am Bund der Jogginghose eingehakt habe. Zentralverriegelung ist ein Geschenk des Himmels – vor allen Dingen, wenn man auf der Flucht ist.

Wir springen ins Auto. Ich starte und fahre im Rückwärtsgang. Der Tacho kommt nur auf knapp unter 40 km/h. Für eine Flucht ist das noch ausbaufähig. Dann schlage ich auf die Bundesstraße ein, ohne abzuwarten, ob die Straße auch tatsächlich frei ist. Aber meine Güte! In Filmen klappt das doch auch immer, oder? Und nun beschleunige ich – einfach geraudeaus.

„Was ist, wenn die sich mein Kennzeichen aufgeschrieben haben?“

„Dann weißt du ja, dass du beim nächsten Mal das Nummernschild vorher abnehmen musst.“

Was bereitet mir mehr Sorge? Die Sache mit dem Nummernschild oder dass es vielleicht ein nächstes Mal gibt?

„Kann sein, dass die uns verfolgen.“

Im Rückspiegel tauchen Scheinwerfer auf.

„Licht aus“, brüllt Pola, „fahr schneller, nach der nächsten Kurve rechts rein.“ Sie starrt auf ihr Smartphone. Da gibt es einen Weg. Wir holpern ein Stück über frisch gepflügten Acker. So fühlt es sich für meinen Hintern an. Hoch und runter werden wir einmal durchgeschaukelt. „Nochmal rechts.“ Dann sind wir auf einem Waldweg.

„Dürfen wir das?“

Pola antwortet nicht.

Wenn Eddie wüsste, dass wir nachts ohne Licht durch den Wald düsen, dann gibt es wieder eine Predigt. Ich lasse den Rückspiegel nicht aus den Augen. Keine Scheinwerfer, die uns folgen. Langsam, sehr langsam folge ich dem Weg. Mein Puls beruhigt sich wieder.

„Und jetzt?“

„Sammelt mich Age unterwegs ein“, Pola tippt etwas in ihr Smartphone, „vorher muss ich nur noch eine Kleinigkeit erledigen.“

Ich habe keinen Grund, Pola zu vertrauen, aber ich glaube ihr, dass es sich wirklich nur um eine Kleinigkeit handelt und keinen Einbruch oder etwas in der Art. Das Schlimmste haben wir überstanden. Was soll jetzt noch kommen? Pola navigiert mich aus dem Wald. Ich habe keine Ahnung, in welcher Pampa wir uns befinden. Nach einer Viertelstunde biege ich in ein kleines Dorf ab. Die Häuser reihen sich links und rechts der Hauptstraße auf wie Perlen an einer Schnur. Niedrige Zäune, Buchsbaum und Kirschlorbeer. Üppig blühende Geranien am Balkon. Ein hellblaues Haus mit blauen Ziegeln. Ein altes marodes, das vor sich hinverfällt. Und dann noch eine mediterrane Finca. Brandenburg. Alles ist möglich. Es ist halb drei. Eine schwarze Katze läuft quer über die Fahrbahn. Heute ist nicht Freitag, der 13., oder? Ich werde noch etwas langsamer, dabei halte ich mich bereits an die vorgeschriebenen 30 km/h. Schulkinder queren ihren Weg, steht auf einem Plakat.

„Es dauert nicht lange“, sagt Pola. Sie greift sich den Rucksack. Eine Taschenlampe braucht sie nicht. Das Dorf wird auch nachts gut ausgeleuchtet. „Du kannst den Motor laufen lassen.“

„Was?“, rufe ich etwas zu laut, „nein, bleib hier, Pola!“

Es geht alles sehr schnell. Erst wirft Pola einen Brief ein. Das überrascht mich. Ein Brief? Also doch nur eine harmlose Postzustellung … Dann nimmt sie einen prall gefüllten Ballon und wirft ihn gegen die weiß gekalkte Hauswand. Das einzige weiße Haus in der Reihe. Bis eben. – – Eine rote Farbexplosion ergießt sich über die Front. Es sieht aus wie in einer Filmkulisse von Quentin Tarantino. Hier wurde Blut vergossen. Und schon sitzt Pola wieder neben mir. „Würdest du bitte losfahren?“ Sie grinst. „Vielleicht so schnell, dass niemand Zeit hat, dein Kennzeichen zu notieren?“

Ich trete aufs Gas. Reifen quietschen. Die Beschleunigung kann sich sehen lassen. Am Ortsausgang bin ich bei knapp 100 km/h.

„Scheiße!“

„Was?“

„Nichts.“

„Sag schon, Pola!“

„Nein.“

„Hast du was vergessen?“

„Da war ein Blitzer“, rückt sie schließlich heraus, „hast du den nicht gesehen?“

Nö! Wenn man auf der Flucht ist, hat man für diese Details keinen Blick übrig, verdammt!

„Kannst du mir mal bitte erklären, wofür ich gerade meinen Führerschein riskiert habe?“

Pola stöhnt. „Das sind alles Schweine, verstehst du.“

„Eben nicht!“ Diese Pola geht mir so auf den Keks!

„Der Typ, den wir eben besucht haben, arbeitet beim Veterinäramt. Er ist dafür verantwortlich, dass diese Verbrecher immer wieder schöne Genehmigungen bekommen, tausende Rinder lebend nach Russland oder sonst wohin zu transportieren. Wie Fracht. Eingepfercht, ohne Futter, Wasser oder Auslauf. Mehr tot als lebendig kommen sie dort an. Es gibt nicht viele Ämter, die diese Transporte genehmigen, aber es gibt leider immer ein paar schwarze Schafe. Sie dürfen damit nicht durchkommen!“

„Aber so ein Farbbeutel rüttelt die Menschen auf?“

Pola geht nicht darauf ein. „Das ist nur ein kleines Teil im Puzzle.“

„Und dieses Gebäude. Das war ein Mastbetrieb. Einer der Betriebe, die ihre Geschäfte im Ausland machen.“

„Und die bringt ihr zum Umdenken durch Graffiti?“

„Ich bin müde, Lila. Da vorne an der Bushaltestelle wartet Age mit dem Transporter.“

Tatsächlich steht da der weiße Sprinter.

„Eins noch“, sagt Pola, „hast du das heute für Eddie getan? Wolltest du ihm was beweisen?“

„Für Eddie?“ Ich verstehe nicht. „Aber er wollte mich doch davon abhalten …  

„Eben, Lila. Ich denke, du hast alles richtig gemacht. Schließlich weiß er, was wir tun. Er wird kein Auge zugetan haben.“

Sie steigt aus dem Wagen.

„Ich habe es für dich gemacht“, sage ich. Pola sieht mich kurz an.

„Ich bin keine Gucci-Tussi.“

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