Hals über Kopf (1)

Kapitel 13/1

Kalli lacht mich aus. Der Bulli ist im Augenblick wie eine leere Wurstpelle, sagt sie. Nur Haut. Die Füllung dauert noch und sie hofft, dass sie mir schmecken wird. Ich hoffe, dass sie ein gutes Rezept hat und weiß, was sie tut.

Eddie kommt ins Haus. Susi und Brownie begleiten ihn. Brownie veranstaltet sein Freudentänzchen, als er mich sieht. Es ist, als wären wir tagelang getrennt gewesen. Wo nimmt dieser Hund das nur her? Am Ende gewöhne ich mich so an ihn, dass ich ihn nicht mehr hergeben möchte. „Du solltest mit ihm zur Hundeschule gehen.“

„Hundeschule?“ So weit kommt es noch! Ist man erst einmal in einer Hundeschule, mutiere ich bestimmt in Nullkommanix zum Helikopterfrauchen. Was kommt danach? Tragen wir dann im Winter beide karierte Mäntelchen und gehen im Partnerlook? Wo wir uns doch bereits von unserem Fellkleid her ähneln … Ich setze mich zu Brownie auf den Holzboden und kraule ihn. Er streckt alle viere von sich.

„Weißt du wirklich nicht, was das für eine Rasse ist?“, frage ich Eddie.

Susi stupst mich an. Sie möchte auch ein paar Streicheleinheiten. Und so kraule ich die beiden synchron. Einer liegt rechts, der andere links von mir. Und noch einmal: Wenn Hund Katzen wären, würden sie schnurren!

„Hier“, sagt Eddie und setzt sich zur mir auf den Boden. Er hält mir ein Buch hin. „Das könnte er doch sein, oder?“

Berger de Brie. „Hört sich wie ein französischer Weichkäse an!“ Verrückt. Dieser Name ist mir noch nie begegnet. „Auch Briard genannt“, lese ich laut. „Könnte aber auch ein Barbet sein“, gibt Eddie zu bedenken, „aber ich denke, dann wäre sein Fell noch lockiger.“

„Das sind keine Locken?“

„Wohl eher Zotteln.“

Die Frau, gefolgt von dem Mann betreten das Haus. Sie geht zum Kühlschrank, greift sich eine Flasche Wein und ein Glas. Sie fühlt sich hier ganz wie zu Hause.

„Willst du auch?“, fragt sie ihre Begleitung.

„Für mich ein Bier.“

Die Frau hält die Flasche in die Luft und schaut zu uns. Eddie schüttelt den Kopf. „Lila darf nicht.“

„Lila?“ Sie stellt die Flasche zurück an ihren Platz. „Ist das ein Name?“

„Nein. Das ist seine Lieblingsfarbe, was denkst du denn“, gebe ich patzig zurück.

„Und er hat auch entschieden, dass du keinen Alkohol darfst?“  Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Du siehst aus, als wärst du volljährig.“ Sie nimmt einen Schluck. „Und das nicht erst seit gestern.“

Ich lasse das Hundebuch mit einem energischen Knall zuschlagen. Mit einem Satz bin ich auf den Beinen. Diese Waldschnepfe legt sich definitiv mit der Falschen an. Wer Kolleginnen im Büro ein Beinchen stellt, für den ist das hier Kindergarten.

„Hast du Angst, ich wildere in deinem Revier?“ Die Worte sind mir einfach so herausgepurzelt. Aber was soll das heißen, in fremdem Revier wildern? Für einen eingefleischten Stadtmenschen wie mich ist das eine weit hergeholte Floskel.

Sie lacht und trinkt. „Jep! Dein Hund auf jeden Fall.“ Sie mustert meinen Aufzug von oben bis unten. Ich stehe hier in fremden Boxershorts und einem lustigen Shirt, unter dem sich meine Brüste abzeichnen. Mir wird gerade in diesem Moment erst klar, dass mein BH irgendwo ist, nur nicht da, wo er hingehört. Wo? Da müsste ich Eddie fragen. Meine Mutter würde es freuen. Die Freiheit der Brüste liegt ihr ebenso am Herzen wie der Kampf gegen die Mikrowellenstrahlung. Für Pola muss mein Aufzug Grund zur Sorge sein. „Eddies Shorts stehen dir.“

„Lass gut sein, Pola!“ Ihre Begleitung, deren Namen ich nicht weiß, klingt genervt.

„Danke Age“, beeilt sich Pola. Ihr Blick ruht jedoch auf Eddie. „Das sieht gemütlich aus, was ihr da veranstaltet. Also wirklich keinen Wein?“ Sie deutet auf ihr Glas.

Eddie schüttelt den Kopf und erhebt sich vom Boden.

„Lila darf keinen Alkohol, weil sie ein Antiallergikum intus hat.“

„Ist sie allergisch auf dich oder auf mich?“

„Das wird mir jetzt alles etwas zu persönlich“, sage ich, „Eddie, wo sind meine Sachen?“

„In der Waschmaschine.“

Okay, denke ich, dann werde ich jetzt in seinen Boxershorts einen Abgang machen.

„Wenn ich mich mal einschalten darf?“ Polas Begleitung ist ein schmaler junger Mann mit langen Haaren und runder Nickelbrille, die ihm eine Aura von vorzeitiger Altersweisheit verleiht. „Wir fangen noch einmal von vorn an. Ich bin Age. Das ist Pola. Pola und Eddie waren einmal ein Paar. Das liegt aber in etwa so weit zurück wie das Paläozoikum. Hunde die bellen, beißen nicht. Pola will nur spielen. Aber eigentlich haben wir dazu heute gar keine Zeit.“

Eddie lacht. „Age studiert Geologie, man merkt es gar nicht, oder?“

„Paläozoikum?“, frage ich.

„Du tust immer so, als wärst du Gandalf, der Weise“, mault Pola, „dabei bist du gar nicht so schlau. Du studierst schon wie viele Jahre?“

„Pause!“, ruft Eddie dazwischen, „setzt euch und ich mache Tee.“

Wir setzen uns auf die Holzbank. Pola und ich werfen uns Blicke zu, die sagen: Dies ist nur ein kurzer Waffenstillstand, keine Kapitulation.

„Eigentlich wollten wir dich sprechen, Eddie, allein, es ist wirklich wichtig.“

„Ich weiß nicht, ob ich es hören will …“

„Lass uns nicht hängen, Alter!“, beschwört ihn Age.

„Ich tue doch schon alles, was ich kann.“

„Alles?“ Pola zieht wieder eine Augenbraue hoch. Das kann sie gut. Ein Gesicht machen, als wären die anderen im Unrecht, als wären alle außer ihr schief gewickelt.

„Ich habe die Tiere aufgenommen oder etwa nicht?“

„Aber das reicht nicht.“ Jetzt ist es wieder Age. Er sieht mich an. In seinem Blick liegt tiefe Besorgnis.

„Verratet Ihr mir, worum es geht?“

„Nein“, sagen Eddie und Pola gleichzeitig.

Ich bin beleidigt. Gut, dann bin ich also bloß der ahnungslose Depp wie der Looney Tunes Kamerad auf meinem T-Shirt.

„Das ist nicht fair“, beschwere ich mich wie ein kleines Kind, das nicht mitspielen darf.

„Es geht dich nichts an“, blafft mich Pola an.

„Außerdem sind das Dinge, in die du besser nicht mithineingezogen wirst, Lila.“ Eddie redet in Rätseln.

„Du, Lila, bist Teil des Problems.“ Pola wird deutlicher.

Ich schließe die Augen, nur ganz kurz. Dann platzt es aus mir heraus. „Das sagt dir deine Eifersucht, du dämliche Kuh?“ Mein Puls steigt. Es fehlt nicht mehr viel.

„Ausnahmsweise hat das nichts mit Pola und Eddie zu tun“, erklärt Age.

„Womit dann?“, blaffe ich ihn an. Age zuckt zusammen.

„Du verstehst es nicht, Lila, du bist eine Gucci-Gucci!“

„Was soll das sein? So etwas Dämliches habe ich noch nie gehört!“

„Eine Konsumtussi. Uns geht es um andere Werte, pardon, ja, wir haben Werte, Werte, für die wir eintreten.“

„Mit Mitteln, die etwas“, Age schnalzt mit der Zunge, „etwas unorthodox sind.“

Jetzt weiß ich wirklich nicht, was hier gespielt wird. Brownie, der Stimmungsseismograph, hat sich auf meine Füße gelegt. Er spürt sofort, wenn es in mir und um mich herum brodelt. Seine Wärme kann ich durch die Stricksocken fühlen. Das hat auf mich in etwa die Wirkung, als läge mir jemand die Hand auf die Schulter: Ruhig, Brauner! Ich habe mich von Pola provozieren lassen. Völlig unnötig, sagt mein Erwachsenen-Ich mit der Stimme meiner großen Schwester.

Eddie stellt den Tee auf einen runden Filzuntersetzer. Die Kanne ist groß und bauchig und auf der beigen Lasur sind blaue Tupfen. Sie sieht aus wie selbst getöpfert. Einen Designklassiker von Vitra, Hay oder Fritz Hansen sucht man hier vergeblich. Also bin ich vielleicht doch diese Konsumtussi, die Pola in mir sieht?

Ich nippe an dem Tee. Alle schweigen.

„Wir brauchen deinen Wagen“, beginnt Age.

„Ich brauche deinen Wagen“, erklärt Pola, „nur für ein paar Stunden, Age muss“, sie macht eine Pause und sieht mich an, „noch etwas anderes erledigen.“

Eddie scheint genau zu verstehen. Er stellt keine Fragen. Und ich halte mich zurück.

„Das ist ein Dienstwagen. Ich kann ihn euch nicht überlassen. Ich helfe euch mit den Tieren. Das ist gar kein Problem. Aber ich kann selbst nicht aktiv in Erscheinung treten.“

„Dann bist du auch nur ein Lakei des Systems!“, schimpft Pola.

Ich verstehe nur Bahnhof.

„Ich bin Beamter und möchte es bleiben. Wirfst du mir das jetzt vor?“

„He, he, he“, schaltet sich Age ein, „ich verstehe dich, aber es ist ein Notfall, echt, sonst würden wir dich nicht fragen.“

Ich streiche mir meine widerspenstigen Strähnen aus dem Gesicht und überlege nicht lange. „Ihr braucht ein Auto?“

Die drei sehen mich überrascht an. „Ihr könnt meins haben.“

Age ist kein bißchen verwundert. „Super, Lila, vielen Dank!“

„Das geht nicht“, sagt Eddie.

„Antwortest du jetzt wieder für sie?“

In diesem Fall gebe ich Pola recht. Ich bin groß. Ich kann entscheiden. Habe ich das nicht in den letzten Tagen zur Genüge getan: bewiesen, dass ich Entscheidungen treffen kann?

„Ich habe eine Bedingung: Ich verleihe mein Auto nicht. Ich komme mit.“

„Auf keinen Fall!“ Wieder hat Eddie etwas dagegen. Warum muss er sich da einmischen?

„Aber ja doch!“

Pola grinst. „In Ordnung, Lila. Vielleicht könntest du dir noch etwas überziehen und“, sie sieht auf die Uhr, „in einer Stunde geht’s los.“

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