Flüchtig

Pola hat mir den Federhandschuh hingeworfen und ich habe ihn aufgenommen. Warum? Diese Frage stellt sich mir nicht. Die neue Lila zieht offenbar das Abenteuer an wie Motten das Licht.

Mein Gesicht glüht. Dieses Mal sind keine Raupen daran schuld. Ich reiße mir die Skimaske vom Kopf. Als ich aus dem Auto steige, trifft mich die kühle Nachtluft. Ich atme ein. Ich atme aus. Ich versuche, meinen Adrenalinpegel mit jedem Atemzug auf ein erträgliches Level zu senken. Wertvoller Tierbestand. Betreten der Anlage verboten. Das Schild mit dieser Aufschrift habe ich vorhin nur am Rande wahrgenommen. Habe ich heute Nacht eine Straftat begangen? Oder anders gefragt: Gegen wie viele Gesetze habe ich genau verstoßen? Den Verstoß gegen das Tempolimit mal ausgenommen. Solche Ordnungswidrigkeiten sind Lappalien in meinem Strafregister.

Ich streiche mir die von der Mütze platt gedrückten Haare aus der Stirn. Ganz sicher sehe ich furchtbar aus. Allerdings liegt die Latte in Sachen perfektes Äußeres nicht sehr weit oben. Hoffen wir mal, dass es die inneren Werte sind, die zählen. Auf welche inneren Werte ich mich berufe, möchte ich im Augenblick lieber nicht ausführen. Weder schön, noch besonders klug oder integer – Lila, Lila! Immerhin besitze ich ein Herz für Tiere, schließlich wohne ich mit einem zusammen. – – Ob Eddie noch wach ist?

Das Forsthaus ist hell erleuchtet. Musik. Laute Musik, die bis auf den Hof dringt. Pola hatte recht: Eddie hat aus Sorge um mich kein Auge zugetan. Für einen Tag wie diesen hätte ich auf meiner persönlichen Playlist A hard day`s night aufgelegt. Oder doch lieber Highway to hell? In Eddies Haus geht es nicht minder zur Sache. Ein groß besetztes Instrumentalensemble empfängt mich. Streicher. Bläser. Gesang. Ein Mann singt in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Italienisch ist es nicht. Klagend klingt es – und traurig. Brownie hat sich irgendwo in den hintersten Winkel des Hauses verzogen. Als er mich bemerkt, kann ihn aber kein noch so lautes Orchester davon abhalten, mich zu begrüßen. Auf Brownie ist Verlass. Aber wo ist Eddie?

Während er den halben Wald beschallt, schläft Eddie tief und fest auf dem Sofa. Ich versuche mich an seiner Stereoanlage und drücke ein paar Knöpfe. Der Gesang wird lauter – und melodramatischer. Keine Ahnung, worum es geht, jetzt geradezu herzzerreißend. Jemand ist gestorben. Oder wird sterben. Ich ziehe den Stecker. Eddie schreckt auf. „Was ist passiert?“

Auch Susi springt auf und kommt angerannt. Brownie und sie haben sich offenbar aneinander gewöhnt. Völlig unaufgeregt gehen die beiden miteinander um.

„Schläfst du immer so?“

„Auf dem Sofa?“ Eddie reibt sich die müden Augen.

„Mit Musik. In Konzertlautstärke.“

„Warum hast du das ausgestellt?“

„Weil ich schon deprimiert genug bin.“

„Da geht es dir wie Halka.“

„Wie wer?“

„Halka. Sie ist verliebt. Aber Janusz wird eine andere heiraten.“

„Kein Happy End?“

Er schüttelt den Kopf. Und ich nicke – unwissend. Halka also. Keine Ahnung, wer das ist. Aber das gebe ich natürlich nicht zu. Klassische Bildung sucht man bei mir vergebens. Ton Steine Scherben ist schon eher die Welt meiner Kindheit. Zitate von Rudi Dutschke statt Schiller oder Goethe. Nina Hagen. Rio Reiser. Hermann van Veen. Hannes Wader. Bots. Die Idole meiner Eltern. Und ja, ich gebe es zu, ich habe auch eine Playlist mit all diesen Titeln. Statt Schwerter zu Pflugscharen heißt diese Liste Cringe. Und die Songs sind nicht nur zum Fremdschämen, sondern auch zum Heulen. Das ist wie das Durchblättern alter Fotoalben. Da werde ich auch ganz rührig. Musik wirkt wie ein Schwamm, saugt sich mit Erinnerungen voll, triefend nostalgisch und sentimental. Bestimmte Lieder verbinde ich mit bestimmten Erinnerungen, Gefühlen, Gerüchen – ja sogar Outfits! Meine Mutter in Latzhose mit Schlag. Das weiche Wasser bricht den Stein. Mauern einreißen. Das wollten meine Eltern, als sie jung waren. Versucht Pola das nicht auch? Auf ihre Weise?

„Und warum bist du deprimiert?“

Wo fange ich da an? Es ist ja nicht nur dieser Tag und diese Nacht. Eddie hat ja keine Ahnung. Aber ich bin viel zu müde, um ihm das alles zu erklären.

Eddie bietet mir den Platz neben sich an. Bevor ich mich setzen kann, springt Brownie aufs Sofa. Freundlich, aber mit Nachdruck verweist ihn Eddie auf den Boden. Hier gelten strengere Regeln als bei uns. „Möchtest du?“ Eddie hebt ein Glas vom Boden auf. Rotwein.

„Jetzt darf ich?“ Ich sehe ihn überrascht.

„Ich denke schon, wie geht es deinen Pusteln, Miss Streuselkuchen?“

„Habe ich immer noch diese hässlichen Flecken überall?“

„Kaum.“ Er grinst. Und ich weiß, dass er lügt.

Ich lasse mich neben ihn aufs Sofa fallen und strecke alle viere von mir. Brownie legt seine Hundeschnauze auf mein Knie und sieht mich an. Auch er möchte gern wissen, was ich erlebt habe – ohne ihn.  

„Ich möchte nicht darüber reden.“

„So schlimm?“

„Wenn ich ab morgen auf den Fahndungslisten der Polizei erscheine, wundere dich nicht.“

„Ich könnte dir Unterschlupf gewähren.“ Da ist es wieder. Dieses Jungenslächeln. Das in mir etwas zum Schmelzen bringt.

„Ich hatte ja keine Ahnung …“

„Pola und Age sind bei einer Tierbefreiungsbewegung. Ein deutscher Ableger der Animal Liberation Front. Eine ziemlich radikale Truppe.“

Ich höre nur Befreiung und Front und beides klingt sehr fremd in meinen Ohren. Wenn ich mir Age und Pola dazu vorstelle, denke ich eher an Monty Python als an eine radikale Vereinigung. „Du machst Witze?“

Eddie lacht nicht.

„Ist das so etwas wie PeTa?“

„A.L.F. operiert im Untergrund.“

Einen Farbbeutel an eine Hauswand werfen und ein Graffiti auf eine Wand sprühen, hält Eddie bereits für radikal? Hoffentlich entpuppt er sich nicht als Langweiler. Ich gähne.

„Wir sollten schlafen.“

„Zusammen?“, rutscht es mir raus.

„Du in meinem Bett. Ich hier auf dem Sofa.“ Er grinst.

„Ich schlafe auf dem Sofa.“

„Dann hätte ich das Bett ganz umsonst frisch bezogen …“

Auf der oberen Etage gibt es drei Zimmer. Schlafzimmer, Bad und ein weiterer Raum. Bis auf ein paar Kisten und einem Flickenteppich ist er leer. „Das sollte eigentlich ein Gästezimmer werden“, erklärt Eddie, „konnte ja nicht ahnen, dass ich es so schnell brauchen würde.“

Karierte Bettwäsche und ein Kiefernschrank hätten mich nicht verwundert. Aber Eddies Bett besteht aus einer großen Matratze, hellgrauer Bettwäsche und statt eines Schranks hängen seine Sachen auf einer offenen Kleiderstange. Viel besitzt er nicht. Eine Auswahl an T-Shirts. Einen Hoodie in Schwarz, einen in Grau. Seine Jeans liegen auf einem Stapel unter der Stange.

Ein Stehleuchte. Kein Nachttisch. Keine Gardinen. Nur Bäume draußen vor dem Fenster, die ich nicht sehe, weil es stockfinster vor der Tür ist. Keine Straßenlaterne. Keine Nachtbeleuchtung wie in der Stadt. Hoffentlich kann ich überhaupt schlafen – in dieser Dunkelheit.

Eddie legt mir ein Handtuch und eine Zahnbürste aufs Bett. Als Brownie Anlauf nimmt, um sich ebenfalls sein Nachtlager zu suchen, reicht ein sehr deutliches „Nein!“ und Brownie unternimmt, zumindest im Beisein von Eddie, keinen weiteren Versuch, zu mir ins Bett zu kommen. Auch Eddie unternimmt keinen Versuch. Ich schiebe das mal auf den Umstand, dass er sich ungern mit Kleinkriminellen einlässt. Außerdem kennen wir uns ja überhaupt nicht. Ich trage nur seine Boxershorts.

Die Zähne zu putzen, schaffe ich gerade noch. Dann falle ich ins Bett und schlafe zum ersten Mal in meinem Leben dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen – und noch eine Menge anderer Tiere. Ich stelle mir vor, dass sie alle, inklusive der Bäume auf mich aufpassen. Das tun sie hoffentlich.

Ich träume, ganz sicher träume ich. Die Traumspuren sind wie zusammengewürfelte Kleidungsstücke in einer Waschmaschine. Die Trommel bewegt die Buntwäsche hin und her, dreht sich schnell, mal langsam, schleudert alles durcheinander. Aber als ich erwache, ist das, was mein Unterbewusstsein in der Nacht bereinigt hat, weg. Ich erinnere nichts.

Eddies Sachen trage ich mittlerweile wie selbstverständlich. Nur Eddie ist nirgends zu sehen. Brownie übrigens auch nicht. Ein Zettel in der Küche: Fühl dich wie zu Hause. Bin gegen vier zurück. Mein Blick fällt auf die Uhr über der Eckbank. Fast drei. Ich habe den halben Tag verschlafen? Wie kann das sein?

Auch im Wald hat mein Smartphone Empfang. Dieses kleine Gerät, das ich jetzt von Eddies geliehenem Aufladekabel nehme, ist meine Verbindung zur Welt. Ich entsperre es und betrete mein altes Leben.

Man vermisst mich. Auf allen Kanälen. Email. Text- und Sprachnachrichten leuchten auf. Tore. Der Auftrag, der raus muss, der Vertrag, der nicht unterschrieben wurde. Der Anwalt. Meine Eltern. Meine Schwester. Lena und Caro. Die halbe Welt will etwas. Nur Kalli hat nicht angerufen. Dabei hoffe ich doch darauf, dass ich den Bulli bald abholen kann.

Zuerst rufe ich den Anwalt zurück. Es wird eine offizielle Verhandlung geben. Ob ich mir Sorgen machen muss? Nein, sagt er, so ist eben das Prozedere. Er möchte mit mir noch ein paar Details absprechen. Und es gibt schon einen Termin. Ich notiere ihn im Kalender.

Lena lädt mich auf Kaffee und Kuchen ein. Ich soll unbedingt Brownie mitbringen, damit Finn-Luca ihn kennenlernen kann. Caro möchte mit mir am Wochenende tanzen gehen. Schon wieder? Du hast ja jetzt Zeit, sagt sie. Und ausschlafen kannst du auch, du Glückliche.

Meine Schwester spricht mir irgendwelche Ankunftszeiten auf. Sie landet morgen in Tegel. Das verstehe ich nicht so ganz. Hatte sie nicht gesagt, dass es noch etwas dauert, bis sie kommen kann? Ist Mutter Teresa plötzlich überflüssig?

Meine Eltern hebe ich für das große Finale auf. Bevor ich sie zurückrufe, inspiziere ich Eddies Küche. Wo hat er den Kaffee versteckt? Eine Espressomaschine suche ich vergebens, aber auch eine Kaffeemaschine, ein stinknormale, ohne Schnickschnack und Schischi gibt es nicht. Nichts. Nada. Niente. Dabei nehme ich alles, was schwarz und stark ist, obwohl ich doch Team Siebträger bin. Schließlich mache ich Wasser heiß. In einem Topf. Und gieße mir einen Pfefferminztee auf. Ich vermisse meinen wuscheligen Findelhund. Seinen aufmerksamen Blick, sein flauschiges Fell, seine warme Schnauze auf meinem Knie. Sogar unsere guten Gespräche vermisse ich. Apropos.

Mein Vater ist sofort am Apparat.

„Lila! Das wird aber auch Zeit!“

Die Begrüßung klingt, als hätte ich etwas ausgefressen. Wie damals, als die Schulleitung anrief. Ich hatte das Konterfrei meiner Französischlehrerin mit Edding auf den Schultisch gezeichnet. Das Problem war nicht, dass ich den Tisch bekritzelt hatte. Das Problem bestand wohl eher darin, dass mein Gekritzel nicht nur eindeutig Frau Laurent erkennen ließ, sondern auch ihre – sagen wir mal – besonderen Züge wie z. B. die spitze Nase und ihr fliehendes Kinn.

„Was gibt es denn?“, frage ich so ahnungslos, wie ich tatsächlich bin.

„Wo fange ich an?“ Mein Vater klingt wütend. Ernsthaft wütend. Der Mensch, den nichts aus der Ruhe bringen kann, verliert die Fassung. „Vielen Dank auch“, brüllt er ins Telefon, „dass du unsere Adresse als deinen aktuellen Wohnsitz angegeben hast. So hatten wir heute schon Besuch von der Polizei. Das ist bestimmt das letzte, was wir gerade gebrauchen können!“

„Was?“

„Herzlichen Glückwunsch zu einem Monat Fahrverbot. Aber das ist das geringste Übel an der ganzen Sache. Sie möchten dich zu einem Vorfall befragen. Hast du schon die Nachrichten gehört?“

„Welche Nachrichten? Die unter Buntes? Klatsch und Tratsch und wer mit wem in den europäischen Königshäusern …“

„Lass die Scherze. Es geht um Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und die Gefährdung von Tieren und Menschen. Die Täter sind flüchtig.“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest!“

„Von den Rindern, die heute Nacht freigelassen wurden und eine Spur der Verwüstung quer durch Brandenburg gezogen haben. Von dem brennenden Tierbetrieb. Den gekidnappten Viehtransportern, der Einschüchterung eines leitenden Beamten des Veterinäramtes.“ Er holt Luft. „Sie sagen, du könntest einer Terrorgruppe angehören.“

„Was?“

Im Hintergrund höre ich meine Eltern miteinander diskutieren. Meine Mutter übernimmt das Telefon.

„Lila?“ Ihre Stimme klingt müde.

„Es tut mir leid“, sage ich, „es kann sein, dass ich eine Dummheit gemacht habe.“ Eine? Ich weiß selbst, dass ich untertreibe.

„Du kommst sicher nicht in den Knast, weil du zu schnell gefahren bist. Außerdem kann man dich auf dem Foto überhaupt nicht erkennen. Hattest du eine Skimaske auf?“

Es gibt Beweise. Das Foto. Der Blitzer. Da muss die Polizei nur eins und eins zusammenzählen. In was hat mich Pola da hineingeritten?!

„Es war nur ein Farbbeutel“, stammle ich, „und ich hatte ja keine Ahnung … ich wusste wirklich nicht …“

„Bravo Kind“, unterbricht mich meine Mutter, „du weißt ja, die Welt veränderst du nur im Kleinen. Und irgendwo muss man eben anfangen.“

Ich fasse es nicht. Da versuche ich mein Leben lang, ganz anders zu sein als meine Mutter und bin ihr doch so ähnlich. Da lobt sie mich sogar für diese Dummheit! Dabei habe ich – ganz im Gegensatz zu Pola – gar nicht gewusst, ob es die Sache wert ist, in die sie mich hineinzieht. Mir kommen wieder einmal ein paar Tränen, die erst versiegen, als ich online die aktuellen Nachrichten und den Polizeibericht abbrufe.

In der Nacht ist die Region Teltow-Fläming mit einer Serie an Anschlägen gegen Tierbetriebe überzogen worden.  Militante Tieraktivisten ließen Rinder frei, die für den Lebendtransport nach Usbekistan bestimmt waren. Danach wurde der Betrieb in Brand gesetzt. Die Horde Rinder hat eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Polizei bittet, auf die Verkehrshinweise zu achten und den Bereich  zwischen Jüterbog und Luckenwalde weiträumig zu umfahren, bis die Tiere sicher eingefangen sind. Parallel dazu gab es auf dem Gelände eines Mastbetriebs in Brandenburg einen Hausfriedensbruch. Außerdem wurde der Leiter des zuständigen Veterinäramts bedroht. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise. Eine Sonderhotline ist eingerichtet.

Mein Telefon klingelt.

„Sind Sie Lila Grün?“

„Ja.“ Mein Hals ist trocken. Meine Hände eiskalt. Und wenn das nun bereits das Ende meiner Abenteuerserie ist?

„Weizel, Landespolizei Brandenburg. Ich habe ein paar Fragen, Frau Grün. Können wir uns treffen?“

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