Federfrei

Mit meinem zweiten Becher Pfefferminztee sitze ich auf den Stufen vor Eddies Forsthaus und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen.

Nennt man das Pechsträhne? Die Lila, die das Glas als halb voll bezeichnen würde, nennt es vielleicht Abenteuer. Aber bei Licht betrachtet, hilft kein Optimismus: Mein Leben ist ein großer, dampfender Kackhaufen. Und er lächelt nicht, wie dieses Emoji, das Caro so gern versendet. Immerhin. Der erste Schreck ist verfolgen. Was hat die Polizei vorzuweisen? Eine Frau mit einer Skimaske, die ein Tempolimit missachtet. Ich habe weder den Zaun zerschnitten, noch das Wort Mörder an die Wand des Mastbetriebs gesprayt. Den Farbbeutel habe ich auch nicht geworfen. Mit den Rindern hatte ich gar nichts am Hut. Ich war sogar weit weg vom eigentlichen Geschehen. Jüterbog liegt rund 160 Kilometer entfernt von dem Ort, in dem ich in Ostprignitz geblitzt wurde. So what? Trotzdem bin ich in der ganzen Sache die dumme Kuh, die naive.

Bambi liegt im Schatten seines Geheges. Sein Fell glänzt in der Sonne, die weißen Flecken leuchten, wie mit dem Pinsel aufgetupft sehen sie aus. Friedlich wirkt die Welt. Was für eine Idylle das hier doch ist! Fehlt nur noch Brownie zu meinem Glück. Und vielleicht Eddie …

Ich trinke den Rest des kalt gewordenen Tees und fasse einen Entschluss. Wenn mich meine Eltern irgendetwas gelehrt haben, dann das: Angriff ist die beste Verteidigung. Genauso gilt die Redensart: Lügen haben kurze Beine. Also, heraus damit! Ich werde diesem Herrn Weizel einfach alles erklären. Pola kann doch auch nicht wirklich viel passieren. Wegen eines Graffitis oder einer rot gesprenkelten Hauswand wird man doch nicht gleich eingesperrt. Eine Bagatelle, das ist es. Etwas, das mit Farbe bereinigt werden kann. Notfalls stelle ich mich hin und streiche die Wand. Ganz abgesehen davon habe ich gerade alle Zeit der Welt … Ich werde erzählen, was ich weiß. Und was weiß ich? Gar nichts.

Eddie kommt auf den Hof gefahren. Beide Hunde springen aus dem Jeep und kommen zu mir gelaufen. Susi hat irgendwann genug von meinen Streicheleinheiten, aber Brownie wirft sich mir zu Füßen und genießt seine Krauleinheiten.

„Du verwöhnst ihn!“ Eddie lacht. Er trägt feste Stiefel, eine schwere Arbeitshose und ein verschwitztes T-Shirt. Die Jacke, die er bereits ausgezogen hat, wirft er auf die Stufen neben mir.

„Die beiden haben sich eine Mahlzeit verdient.“

„Und du eine Dusche?“

„Ich brauche unbedingt eine Abkühlung, ja.“

„Kann ich helfen?“

Er sieht mich belustigt. „Ich glaube kaum.“

„Die Hunde zu füttern?“

„Ach so …“ Er grinst und zeigt auf den Gartenschlauch. „Du kannst das Wasser austauschen.“

Ich hole den Napf und beobachte Eddie aus den Augenwinkeln. Seine Haare sind im Nacken schweißnass und kringeln sich. Er hat sich einige Tage nicht rasiert. Wenn er es getan hätte, wäre ich enttäuscht gewesen.

Susi und Brownie machen sich über ihr Futter her.

„Die beiden verstehen sich. Es gibt kein Gerangel ums Fressen.“

„In welche Richtung muss ich drehen?“, rufe ich ihm vom Wasserhahn aus zu. „Rechts oder links herum?“ Natürlich drehe ich in die falsche Richtung. Das Wasser spritzt aus dem Schlauch. Es ist eiskalt und ich schreie vor Schreck, als mich der Strahl trifft. In Sekundenschnelle bin ich pitschnass. Eddie lacht mich aus. „Typisch, Stadtkind! Das ist wie bei Schrauben. Man dreht immer im Uhrzeigersinn zu. Links auf. Rechts zu. Eigentlich gar nicht so schwer, Miss Gucci, oder?“

Ich packe mir den Schlauch und ziele. Der Strahl trifft Eddie mitten auf der Brust. Er dreht sich zur Seite, aber ich verfolge ihn. „Lass das“, brüllt er, „hör auf!“

„Du wolltest doch eine Abkühlung!“

Er hält schützend die Hände vors Gesicht, bringt sich kurz hinter dem Jeep in Sicherheit, um dann unvermittelt aus der Deckung zu kommen und anzugreifen. Die Hunde stehen am Zaun und beobachten das Spektakel. Sogar Bambi ist aufgesprungen. Ich versuche, vor Eddie zu flüchten. Ich lasse den Schlauch fallen und laufe ums Haus herum in den Garten. Hier gibt es nichts, was mir Schutz bieten würde. Eddie ist dicht hinter mir. Jetzt hat er die Hoheit über den Wasserschlauch. Schon trifft mich eine Salve. Ich kreische auf. Das Wasser ist berggletscherkalt. Wie ein Hase schlage ich Haken, versuche, einen Bogen zu laufen, um dem Wasser zu entkommen. Wenn ich es schaffe, den Wasserhahn auszustellen … Da rutsche ich auf dem nassen Gras aus. Im Fallen reiße ich Eddie mit, der mich ohnehin im nächsten Augenblick gestellt hätte. Wir liegen im Gras, das vom Wasser langsam aufweicht. Ich versuche, mich aufzurappeln. Eddie hält mich zurück. Für eine Sekunde sehen wir uns an. „Deine grünen Augen, Lila“, sagt er und lässt den Satz unbeendet. Dann küssen wir uns. Eddies Lippen sind weich und warm. Es ist himmlisch. Anders kann ich es nicht beschreiben. Etwas in mir schwebt. Ich bin eine Feder. Ich tanze im Wind, drehe mich, schlage Kapriolen. Das Leben ist leicht.  

Seit Ben weg ist, habe ich nicht mehr geküsst. Noch nicht einmal der Hauch einer Chance ergab sich, jemanden zu küssen oder gar geküsst zu werden. Wenn ich scharf nachdenke, fällt mir noch nicht einmal ein, wann Ben und ich uns das letzte Mal geküsst haben. Wir hatten Sex, ja, aber wann haben wir uns geküsst? So geküsst, wie ich nun Eddie küsse? Leidenschaftlich. Sich zu küssen, bedeutet, den Verstand auf die Reservebank zu schicken. Wenn man einen kühlen Kopf braucht, wird er wieder eingewechselt. Bis dahin übernimmt die Lust das Ruder. Die Neugier. Die Entdeckerfreude. Das sind Momente, in denen sich nicht die Frage stellt, was als nächstes kommt. Was die Zukunft bringt, zählt nicht. Wenn man sich nach dem Leben im Hier und Jetzt sehnt, sollte man küssen.

Eddie und ich küssen uns, als gäbe es kein Morgen. Wir wälzen uns in dem See, der stetig unter uns wächst. Ist das Wasser kalt? Ich weiß es nicht. Mir ist heiß. Gleichzeitig spüre ich eine Gänsehaut auf den Armen. Wohlig. Prickelnd. Elektrisierend. Wir versuchen, uns in trockenere Gefilde zu retten. Wir könnten einfach kurz aufstehen und den Hahn abstellen. Aber weder Eddie noch ich können uns dazu durchringen. Keiner möchte die Verbindung, die unsere Lippen geschlossen haben, trennen.

Zuerst höre ich wildes Gebell. Vor allem Brownie regt sich auf. Der Grund dafür steht nur wenige Meter von uns entfernt.

„Gartenarbeit?“

Ich schrecke hoch.

Pola hat die Arme vor der Brust verschränkt. Hinter ihr erscheint Age. Beide schauen auf uns herab. Ich lasse mich in den ertränkten Rasen fallen. Pola?! Eddie ist als erster auf den Beinen und hält mir seine Hand hin. Ich seufze und schlage ein. Er zieht mich hoch und für einen Moment sind wir uns noch einmal so nah, wie wir uns lange nicht mehr kommen werden. Das T-Shirt klebt auf seiner Brust. Er könnte es ausziehen. Ich könnte ihm dabei helfen. Wie gern würde ich einfach da weitermachen, wo wir vor zwei Sekunden aufgehört haben, aber Pola und Age rühren sich nicht vom Fleck.

„Habt ihr schon die Nachrichten gehört?“

„Ja.“ Nun seufzt Eddie und streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht. „Ihr setzt Kaffee auf, ich dusche, dann reden wir.“

Es gibt also doch Kaffee in Eddies Haushalt. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Pola muss nicht suchen. Das Kaffeepulver holt sie aus dem Kühlschrank, ein Filter aus Porzellan steht über den Kaffeetassen im Regal. Sie setzt Wasser auf und brüht den Kaffee frisch. Während der Kaffee in die Thermoskanne tropft, trockne ich mich ab und steige in meine Klamotten, die Eddie gewaschen hat. Meine Jeans riecht nach fremdem Waschpulver. Und nach der Luft, an der sie aufgehängt wurde. Eddie besitzt keinen Trockner. Er hat eine Wäscheleine.

Age trägt ein Tablett mit dem Kaffee nach draußen in den Garten. Ich lasse die Hunde laufen. Brownie tobt mit mir über den Hof. Eddie ist etwas verlegen, als er frisch geduscht dazukommt. Er schaut mich kurz an, dann nimmt er sich umständlich einen Kaffee und gießt sich Milch dazu. Er setzt sich auf den freien Stuhl mir gegenüber.

„Ihr habt es übertrieben“, sagt Eddie. „Irgendwann kommt man euch auf die Spur.“

„Pah“, macht Pola, „sie haben keine Beweise. Sie tappen völlig im Dunkeln. Wir sind zu schlau für sie.“

„Eine ganze Rinderherde freizulassen, die quer durch Brandenburg trampelt, ist aber nicht gerade intelligent.“ Eddie legt beide Hände um die Kaffeetasse und schaut, als könne er darin irgendetwas lesen.

„Die Polizei war bei meinen Eltern.“

Alle sehen mich an.

„Und?“, fragt Pola vorsichtig.

„Ich bin doch gestern geblitzt worden. Mit der Skimaske auf dem Kopf. Dort, wo du die Hauswand besudelt hast.“

Eddie stellt die Kaffeetasse so fest ab, dass der Inhalt überschwappt. „Ihr seid geblitzt worden?“

„Lila ist geblitzt worden.“

„Seid ihr völlig bescheuert?!“

Age ist seltsam einsilbig. Pola dagegen angriffslustig. Die Rollen sind zwischen ihnen klar verteilt. „Noch einmal“, sagt sie scharf, „Lila ist geblitzt worden. Wer ist sie schon?“ Sie verzieht das Gesicht. „Irgendjemand aus der Stadt. Sie hat keine Verbindung in die Szene, keine Kontakte in die Unterwelt. Bis vor zwei Tagen kannte sie unsere Gruppe noch nicht einmal.“

„Du bist nicht wirklich so naiv, oder?“ Eddie wirkt wirklich wütend. „Sie ist die Verbindung zu euch und zur mir. Wenn sie sie beschatten, nur mal angenommen, und sie hierher kommen? Dann werden sie sehr wahrscheinlich die Chinchillas finden. Bingo! Und schon ist ein neues Puzzleteil zugeordnet.“

„Wo ist das Problem?“ Pola funkelt Eddie böse an.

„Das fragst du nicht wirklich, oder?“

„Wenn Lila sich von dir fernhält, ich meine, von diesem Ort hier, und sie die Klappe hält“, sie sieht mich an. Ich halte ihrem Blick stand. „Dann“, fährt sie fort, „wird gar nichts passieren. Beweise hat die Polizei bisher keine.“

„Wir tauchen ab“, mischt sich Age ein, „und du, Lila, schweigst besser. Es ist nur in deinem Interesse.“

„Und wenn ich ihnen alles erzähle?“

„Was willst du denn erzählen?“ Pola grinst. „Glaubst du, Pola und Age, sind unsere bürgerlichen Namen? Den Namen, der in meinem Perso steht, kenn ich schon selbst nicht mehr. – – Und wenn du redest, dann nehmen sie Eddie vielleicht wirklich ins Visier. Willst du das?“

Ich sehe Eddie an. Er sieht mich an. Es braucht keine Worte. Sein Blick ist traurig. Ich wende mich zuerst ab und studiere die Farbe meines Kaffees. Auf der Oberfläche spiegelt sich der Himmel.

„Eddie ist kein Mitglied unserer Gruppe“, erklärt Age, „aber er unterstützt uns. Er pflegt und päppelt die Tiere, die wir befreien.“

„Wenn das rauskommt“, ergänzt Pola, „verliert er seinen Job.“

„Seid ihr so wichtig?“ Ich versuche, Eddie nicht in die Augen zu schauen.

„Keine Ahnung, ob Age und ich das Problem so wichtig sind, aber die Befreiungsfront wird in ganz Europa gejagt. Bisher ist es der Polizei nicht gelungen, einen von uns zu enttarnen. Und so soll es auch bleiben.“

Ich schaue auf mein Smartphone. Es ist spät. Ich muss los, wenn ich die Verabredung mit Herrn Weizel einhalten will. Sie einfach sausen zu lassen, würde mich wohl noch verdächtiger erscheinen lassen. Die Lust auf Kaffee ist mir vergangen. Ich stehe auf. Sofort ist auch Brownie auf den Beinen.

„Wo willst du hin?“ Eddie. Was für eine Frage. Hierzubleiben ist keine Option. Das ist uns allen klar.

„Ich muss der Polizei ein paar Fragen beantworten.“

„Du kannst Brownie bei mir lassen …“

„Sicher nicht“, sage ich und meine Stimme bebt. „Dann müsste ich ja noch einmal hierherkommen, um ihn zu holen.“

Eddies Blick geht an mir vorbei in die Ferne. Der Garten ist groß. Im hinteren Teil stehen ein paar Apfelbäume. Dann beginnt der Wald. Das Leben ist eine Feder, die irgendwann unweigerlich den Boden berührt. Kurz bevor ich auf dem Hof bin, drehe ich mich noch einmal um. Eddie. Age. Pola. Drei Freunde. Eine Kaffeerunde. Mir sind sie fremd. Nichts haben wir gemeinsam, fast nichts. Ein Geheimnis teilen wir.

„Ich hoffe, Ihr wisst, dass ich eine schlechte Lügnerin bin.“

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