Plötzlich Terroristin

Die Situation ähnelt nicht im Entferntesten an einen Sonntagabend Tatort. Kein düsterer Grauschleier über den Bildern, keine tristen Bürogebäude, keine Imbissbude weit und breit und nach coolen Ermittlern mit Dreitagebart und Lederjacke muss ich gar nicht erst Ausschau halten. Ich bin ziemlich sicher, dass ich die hier nicht finde. Aber dies ist auch kein Filmset. In dem Drehbuch, das das Leben für mich schreibt, bin ich Teil einer Ermittlung. Die Heldin der eigenen Geschichte zu sein, fühlt sich anders an. – – Ein Grünspecht bearbeitet einen Baumstamm und fliegt auf, als ich aus dem Auto steige. Das Gebäude liegt direkt am Wald. Idyllisch ist es hier. Ich nehme die dunkle Brille ab und blinzle gegen die Sonne. Die Luft flimmert. Der erste Tag des Jahres, an dem ich in einen See hüpfen könnte. Der Werbellinsee liegt ganz in der Nähe, überlege ich. Warum nicht später mit Brownie baden gehen? Können Hunde schwimmen? Und danach in die Schorfheide. Dort besteht keine Gefahr, Eddie in die Arme zu laufen. Aber ist es nicht gerade das, wonach ich mich sehne?

Ich habe keine Ahnung, ob Tiere im Polizeipräsidium erlaubt sind, aber Brownie begleitet mich.

„Tiere sind hier nicht zugelassen“, begrüßt mich der Mann am Empfang. „Aber er kann doch bei der Hitze nicht im Auto bleiben – das wäre unverantwortlich.“

Der Mann nimmt den Telefonhörer ab. Ich kann nicht verstehen, was und mit wem er spricht. Er blickt kurz auf. „Würde Ihr Hund bei mir bleiben?“

„Ganz sicher nicht. Er ist noch sehr jung und auf mich bezogen.“

Brownie schnüffelt den Boden ab, soweit ihm das die Leine ermöglicht. Er wirkt, als habe er eine Spur aufgenommen, eine interessante Spur. Vielleicht kann er bei der Polizei anfangen? Als Spürnase. Er will nicht stehen. Er will weiter.

„Haben Sie einen Maulkorb dabei?“

Maulkorb? Es wird ja immer doller!

„Aber das ist doch kein gefährlicher Hund. Das ist ein Lämmchen.“

Der Mann zieht die Augenbrauen hoch und ich weiß: Ich klinge wie ein Helikopterfrauchen – nur, dass ich nicht um Männer oder Kinder kreise, sondern um einen Hund … einen Hund, der mich seit Tagen auf Schritt und Tritt begleitet, ein treuer Weggefährte, schon jetzt, und ich möchte mich nicht von ihm trennen. Da ist wenigstens Brownie, der zu mir steht – etwas, das ich von den Menschen in meiner Nähe gerade nicht behaupten kann. Eddie? Wenn ich an ihn denke, ist da so ein inneres sehnsuchtsvolles Ziehen, ein Schmerz gegen den es keine Medizin gibt. Wie kann etwas so schnell vorbeisein, wo es noch nicht einmal richtig begonnen hatte? – – Und auf meine Eltern ist längst kein Verlass. Dass sie mir noch nicht einmal einen Platz auf ihrem Sofa angeboten haben – unfassbar.

Dabei könnte ich moralischen Beistand gut gebrauchen. das wird mir klar, als ich es schwarz auf weiß vor mir lese: Staatsschutz.

Herr Weizel bietet mir einen Platz an. Er trägt ein kleinkariertes Hemd mit kurzem Arm, den ersten Knopf hat er aufgelassen, schließlich ist Sommer. Trotzdem wirkt er kein bisschen lässig, sondern eher wie ein Buchhalter. Er kommt hinter seinem Schreibtisch hervor und wir sitzen uns an einem runden Besuchertisch gegenüber. Vier Stühle. Eine Zimmerpflanze. Ficus Benjamini. Ein Aktenstapel. Das Fenster ist gekippt. Es ist warm hier drin. Auf seinem Schreibtisch eine Tasse und ein volles Wasserglas. Für mich gibt es kein Wasser, dabei fühlt sich mein Mund mit einem Mal wie ausgetrocknet an. Ich habe mir nichts zurechtgelegt, keine Geschichte oder so. Ich muss improvisieren. Oder die Wahrheit sagen.

Brownie ist unruhig. Er legt sich unter den Tisch, rappelt sich wieder auf, schnüffelt, zieht an der Leine, bis er an den Schreibtisch heranreicht. Er lässt sich fallen und bearbeitet das Tischbein mit seinen Zähnen.

„Sie mögen Tiere?“, beginnt Herr Weizel seine Befragung.

Ich bin mir nicht sicher, ob er es zunächst auf Small Talk abgesehen hat oder ob er mich aufs Glatteis führen will. Immerhin geht es um militante Tierschützer. „Der gehört eigentlich gar nicht zu mir. Ich habe ihn nur in Pflege.“

„Sie wissen, worum es geht?“ Nun kommt er doch sofort zur Sache.

„Um die Geschwindigkeitsübertretung neulich.“

Herr Weizel schnalzt mit der Zunge und sieht mich an wie ein Quizmaster, der diese Antwort leider nicht einloggen kann.

„Wegen einer Geschwindigkeitsübertretung säßen sie sicherlich nicht hier.“

„Dann klären Sie mich doch bitte auf, Herr Weizel.“ Mein Blick hält seinem Blick stand.

„Sie sind in der Nacht geblitzt worden. In dem Ort und ungefähr zu der Zeit, als ein Anschlag auf einen leitenden Mitarbeiter des Veterinäramtes verübt wurde.“

„Ein Anschlag?“ Meine Überraschung muss ich nicht spielen. Der Ausdruck Anschlag erscheint mir etwas übertrieben. Es war eine Hauswand, die mit Farbe besudelt wurde. Es gab keine Toten oder Verletzte.

Herr Weizel lässt sich Zeit.

„Sie waren gegen 2.26 Uhr in Zernitz. Dort sind sie geblitzt worden. Sie waren gute 30 km/h schneller als erlaubt.“

„Ich bin durch den Ort durchgefahren, ja.“

Herr Weizel sieht mich an. Er wartet, dass ich mich erkläre, aber ich schweige. Soll er doch ein bisschen ackern.

„Und?“

„Ja, ich gebe zu, ich war zu schnell.“

„Warum hatten Sie es so eilig?“

„Es war spät.“

„Eben.“

„Ich wollte nach Hause.“

„In die Wohnung am Potsdamer Platz, die Herrn Foster gehört?“

Meine Nackenhaare stellen sich auf. Nun spüre ich doch etwas Tatort-Feeling. Herr Weizel ist informiert, bestens informiert. Brownie bearbeitet immer noch das Tischbein. „Brownie“, zische ich.

„Sie sollten mit ihm eine Hundeschule besuchen.“

„Wenn es mein Hund wäre …“ Ich rucke etwas an der Leine. Das ist bestimmt die allerletzte Erziehungsmaßnahme. Aber ich weiß mir nicht anders zu helfen.

„Herr Foster hat das Schloss austauschen lassen. Dort waren Sie also sicher nicht.“

Er hat was? Meine Überraschung bleibt Herrn Weizel nicht verborgen.

„Das wussten sie nicht?“

„Nein“, gebe ich zu, „aber es sieht ihm ähnlich. Was soll’s! Damit habe ich abgeschlossen.“

„Mit was genau?“

„Mit der Wohnung.“

„Sie haben mit vielem abgeschlossen“, nimmt Herr Weizel den Faden sofort auf.

„Wie meinen Sie das denn?“

„Mit Ihrem Freund, Ihrer Wohnung – auch mit dem Job haben Sie abgeschlossen. Bei WebAd ist man nicht gut auf Sie zu sprechen. Es liegt eine Anzeige gegen Sie vor.“

„So ein Unsinn!“ Jetzt wird es aber wirklich zu bunt.

„Sie sind handgreiflich und Ihr Hund aggressiv gegenüber einer Kollegin geworden. Den Namen müsste ich nachschauen, aber Sie wissen sicherlich, um wen es sich handelt.“

Doreen! Diese Schlange!

„Davon weiß ich nichts. – – Eine Anzeige?“

„Es ist etwas schwer im Moment, Sie zu erreichen, sonst hätten Sie sicherlich schon ein offizielles Schreiben vorliegen. Haben Ihre Eltern nichts gesagt?“

„Meine Eltern?“ Ich verdrehe die Augen.

„Sie haben die Adresse Ihrer Eltern doch Kamil Wojcik und auch Ihrem Anwalt, Paul Fenner, gegeben.“

Bin ich die einzige, die von nichts in diesem ganzen Schlamassel Ahnung hat? Mein Leben ist ein Schnellzug, der ohne mich abgefahren ist.

„Wohin also wollten Sie“, er macht eine kurze Pause, „nach Hause?“

Nur zehn Minuten sind vergangen und ich bin schon Opfer der Verhörtechnik?! Es reicht wohl zur Vorbereitung auf eigene Strafverfahren nicht, sonntagabends Fernsehen zu schauen. Was mache ich jetzt und wo zum Henker ist mein Pokerface?

Eddie darf ich nicht erwähnen. Unter keinen Umständen möchte ich ihn hier mit reinziehen. Dabei habe ich das ihm zu verdanken – und seinen netten Freunden!

„Sie glauben mir doch nicht, aber es war ziemlich verrückt …“ Damit bin ich nah an der Wahrheit.

„Je verrückter, desto glaubhafter“, lächelt Herr Weizel. Aber seine Augen bleiben ausdruckslos. Er nimmt mich nicht für voll.

„Das ist eine längere Geschichte“, beginne ich.

Er nickt.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Brownie seine Schnüffelei wieder aufgenommen hat. Konzentrier dich, Lila! Reiß dich zusammen, Herrgott nochmal!

„Es stimmt. Mein Leben steht momentan Kopf. WebAd hat mir gekündigt und will mich mit einer kleinen Abfindung abspeisen. Die Sache mit der Kollegin war harmlos und tut nichts zur Sache. Sie kann Hunde nicht ausstehen, hat regelrecht hysterisch auf Brownie reagiert – … Brownie?“ Brownie zieht wie verrückt in Richtung Fenster.

„Dabei ist er doch ein Lämmchen“, wiederholt Herr Weizel meine Worte. Woher weiß er?

„Er ist wirklich lammfromm.“ Und zu Brownie zische ich: „Lass das! Hör auf damit! Aus!“ Brownie schaut mich an. Auch er versteht mich nicht. Die Nase sucht wieder den Boden ab.

„Dann die Wohnung. Sie gehört meinem Ex. Wir haben uns gestritten. Ich bin ausgezogen.“

„War Herr Foster in Berlin?“

„Nein. Wir haben am Telefon gestritten. Das hat gereicht. Ich bin Hals über Kopf ausgezogen. Ich dachte, ich könnte bei meinen Eltern unterkommen, wenigstens ein paar Tage oder Wochen.“ Ich seufze. Was erzähle ich denn hier eigentlich? „Ist das nicht alles etwas ausufernd, ich meine, ich bin zu schnell gefahren, ich bezahle die Strafe. Das ist anderen doch auch schon passiert, oder bestellen Sie jeden zu sich ein, der geblitzt wird?“

„Sie haben mir immer noch nicht gesagt, in welches Zuhause Sie unterwegs waren.“

„Weil es kein Zuhause gab“, antworte ich patzig.

„Aber Sie sagten doch, Sie waren auf dem Weg nach Hause.“

Ich stöhne. Mal ganz abgesehen davon, dass ich lüge wie gedruckt, finde ich es unerhört, was man mir hier aus einer Geschwindigkeitsübertretung stricken will.

„Wer hält sich nachts ans Tempolimit?“, frage ich angriffslustig.

„Ich“, antwortet Herr Weizel trocken.

„Ich offenbar nicht, ich werde mich bessern.“

„Sie weichen mir aus.“

„Keineswegs!“ Ich bin wirklich empört. Das muss ich nicht spielen. „Ich hatte einen beschissenen Tag. Einer von vielen in der letzten Zeit. Ich war im Wald. Wollte einfach nur spazierengehen. Dann habe ich etwas ganz Verrücktes gemacht! Ich habe einen Baum umarmt. Und noch einen. Und noch einen. Waldbaden nennt man das. Das habe ich in einer Frauenzeitschrift gelesen. Soll unglaublich wohltuend und beruhigend sein. Wussten Sie, dass Bäume Stoffe absondern, die heilende Kräfte besitzen?“ Das habe ich mir jetzt ausgedacht. So genau habe ich den Artikel damals gar nicht gelesen, nur überflogen und als esoterisches Zeug abgetan.

„Weiß ich“, sagt Herr Weizel zu meiner Überraschung, „aber wenn Sie nun mal zum Punkt kommen. Wohin wollten Sie?“

„Kennen Sie Eichenprozessionsspinner?“

„Diese Raupen?“

„Ja. Ich kannte sie nicht. Aber ich habe festgestellt, dass ich auf sie allergisch reagiere. Ich war ziemlich lange im Wald unterwegs. Als ich irgendwann wieder am  Parkplatz ankam, fing es an. Das Jucken. Ich hatte überall Pusteln. Es hat höllisch wehgetan.“

Herr Weizel hört interessiert zu. Ist er überrascht oder irritiert?

„Ich fahre gerade meinen halben Hausstand im Auto durch die Gegend. Also hatte ich auch meine Medikamententasche dabei. Ich habe eine Cetirizin genommen. Sie wissen, was das ist?“

„Ja, ein Antihistaminikum.“

„Richtig. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde von dem Zeug immer unglaublich müde.“

Er nickt.

„Da ich, wie wir ja bereits festgestellt haben, kein Zuhause besitze, hatte ich es nicht eilig. Wohin sollte ich fahren? Mit meinem Eltern hatte ich mich gestritten. Zu meinen Freundinnen? Vielleicht. Aber ich war einfach nur müde und wollte schlafen. Also habe ich im Auto ein Nickerchen gehalten. Als ich wieder aufgewacht bin, ist es tiefste Nacht.“

Ich sehe zu Brownie rüber. Er liegt auf dem Boden. Er sieht aus, als wäre er zum Sprung bereit. Er fixiert etwas. Aber was er im Auge oder in der Nase hat, kann ich nicht sagen. Seine Nasenflügel beben ganz sacht.

Ich mache diese kurze Pause in meiner Erzählung nicht, um Spannung aufzubauen, sondern um zu überlegen, wie es weitergeht. Ich weiß es nicht – und trotzdem spreche ich weiter!

„Ich fahre los. Und tatsächlich gebe ich Gas und brettere durch die Nacht, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Nach Hause in Berlin. Ein Impuls, Gewohnheit, vielleicht war ich noch benebelt vom Schlaf oder dem Medikament, keine Ahnung. Aber wohin sonst sollte ich fahren? Nur für eine Nacht, habe ich mir dann gesagt. Niemand würde es merken, oder?“

„Aber sie waren nicht in der Wohnung.“

„Nein. Dabei wusste ich nicht, dass das Schloss bereits ausgetauscht wurde. Mir ist unterwegs wieder klar geworden, dass ich nicht zurück kann, auch nicht für eine Nacht. Wenn Ben davon erführe, wie sähe das aus? Armselig, oder? Da mache ich ihm klar, dass ich sein Schickimicki-Loft nicht brauche, um mich im nächsten Moment wieder dort zu verkriechen? – – Ne, der Zug ist abgefahren, wenn Sie verstehen. Schließlich habe ich auch meinen Stolz.“

Herr Weizel kneift die Augen ganz leicht zusammen und nimmt mich ins Visier. Was er dort sieht? Eine Frau mit mehr roten als braunen Haaren und widerspenstigen Sommersprossen auf Nasen und Wangen. Ob er ihr glaubt? Er scheint nicht überzeugt.

„Aber wohin wollten sie dann?“

„Wie gesagt: Ich bin Richtung Berlin gefahren, habe mich anders entschieden und die Ausfahrt Stolpe genommen und bin zurück zum Parkplatz gefahren. Dort habe ich die Nacht verbracht. War ja eh nicht mehr lang.“

Herr Weizel muss die Informationen sacken lassen. Dann zieht er eine Karte zwischen dem Aktenstapel hervor und entfaltet sie umständlich. Er deutet auf einen Punkt in Ostbrandenburg. „Hier sind Sie geblitzt worden. Bitten zeigen Sie mir auf der Karte, welchen Weg Sie genommen haben.“

Ich versuche, die Strecke zu rekonstruieren und so nah an der Wahrheit zu bleiben, wie möglich.

Ich fühle mich, als hätte ich es im Fernsehquiz doch in die nächste Runde geschafft. Da schlägt Herr Weizel den Aktendeckel auf und zeigt mir das Blitzerfoto.

Dass ich am Steuer sitze, lässt sich nicht wirklich erkennen. Das Foto ist von keiner guten Qualität. Es ist außerdem schwarz-weiß. Es hätte jeder und jede sein können.

„Mal abgesehen davon, dass Sie auch ein Bußgeld erwartet, weil man sich im Auto nicht vermummen darf, warum tragen Sie eine Skimaske? Nachts?“, fügt er hinzu.

„Diese bescheuerte Maske!“, entfährt es mir. Ich fasse mich an die Stirn. In diesem Moment führt Brownie seinen Sprung aus. Schneller als ich ihn halten kann, ist er hinter Herrn Weizels Schreibtisch, hat sich dort etwas geschnappt, man hört es rascheln und Brownie, wie sein Gebiss etwas zermalmt.

Herr Weizel springt auf. „Er hat mein Sandwich gefressen!“

„Was war drauf?“

„Thunfisch!“

Ich muss schon sagen: Brownie besitzt ein wunderbares Gespür für Timing. Auch ich erhebe mich, nehme die Leine wieder auf und gebe Brownie die Zeit, seine kleine Zwischenmahlzeit vollständig zu verspeisen. Was soll ich auch tun? Sie ihm aus dem Rachen pflücken?

Herr Weizel ist nicht mehr ganz so konzentriert wie vor fünf Minuten.

„Also“, übernehme ich die Initiative, „diese Pusteln haben höllisch gejuckt. Ich habe mir die Skimaske aufgesetzt, damit ich mir mein Gesicht nicht vollständig zerkratze. Dabei war die Mütze selbst auch kratzig! Es hat nicht lange gedauert, bis ich sie mir vom Gesicht gerissen habe. Blödsinnige Idee! Hier –“ Ich deute auf eine kleine verschorfte Wunde auf meinem Unterarm. „Da habe ich so lange dran herumgekratzt, bis es geblutet hat.“

„Und Sie haben immer eine Skimaske griffbereit?“

„Diesen Unterton können Sie sich sparen. Schließlich habe ich auch eine Espressomaschine im Auto und Malsachen und Skisocken. Noch einmal: Ich fahre meinen halben Hausstand spazieren.“ Da fällt mir ein, dass ein paar Kisten noch bei Eddie stehen. Die hatten Pola und ich ausgeladen, um ihre Sachen bei mir verstauen zu können. Ob Herr Weizel das mit der Skimaske geschluckt hat? Ich werfe noch einen flüchtigen Blick auf das Blitzerfoto. Ein dürftiger Beweis. Beweis für was? Dass ich nachts mit Skimaske zu schnell gefahren bin?

Ich bin verrückt. Das ist wohl nicht strafbar. Zum Glück – und einmal darf ich doch wohl Glück haben – kann man nicht erkennen, ob der Beifahrersitz besetzt ist oder nicht. Vielleicht ist da ein Schatten …

„Waren Sie allein im Auto?“, fragt mich Herr Weizel prompt, als könne er Gedanken lesen.

„Nein.“

Er drückt seinen Rücken durch und sieht mich erwartungsvoll an.

„Brownie war natürlich mit an Bord.“

Er lehnt sich zurück. Sein Blick fällt auf die Unterlagen auf seinem Tisch. Dann sieht er mich an.

„Zeigen Sie mir den Parkplatz auf der Karte, bitte!“

Wieder beuge ich mich über den Plan.

„Ich bin ziemlich schlecht darin, mich ohne Navi zu orientieren“, gebe ich zu. Es dauert eine Weile, bis ich in etwa sagen kann, wo der Parkplatz ist, auf dem ich das erste Mal, als ich Eddie begegnet bin, geparkt hatte.

„Hat sie jemand gesehen?“

Der Förster, denke ich und schüttle den Kopf.

„Gibt es einen Beweis dafür, dass sie da waren?“

„Ich muss beweisen, dass ich mit meinem Hund im Wald war?“

„Nun ist es doch Ihr Hund?“

„Brownie hat ein Wildschwein aufgestöbert. Aber als Zeuge taugt es wohl nicht, oder?“

„Mal abgesehen davon, dass Ihr Hund nicht jagen darf, soll ich Ihnen glauben, dass Sie“, er sucht anscheinend nach einem passenden Ausdruck, „Stadtmensch, einen Tag und eine Nacht im Wald verbracht haben, und das, ohne eine Menschenseele zu begegnen?“

„Ich war nicht die ganze Zeit im Wald. Ich war spazieren, dann habe ich im Auto geschlafen, später, also nachts, bin ich längere Zeit mit dem Auto umhergeirrt und wieder zum Parkplatz zurückgekommen. Da dämmerte es ja bereits. Und dass ich allergisch auf diese Raupenbiester bin oder aus der Stadt komme, kann mir wohl niemand zum Vorwurf machen!“

Herr Weizel klappt den Aktendeckel zu. Seine Unterarme liegen auf dem Tisch, seine Fingerspitzen berühren sich.

„Frau Grün“, er sieht mich an, „ich verstehe, dass Ihnen meine Fragen merkwürdig vorkommen müssen. Sie haben recht: Es ist nur eine Geschwindigkeitsübertretung. Und eine Skimaske ist nur eine Skimaske. Aber ich glaube nicht an Zufälle. In dieser Nacht hat jemand einen Farbbeutel an ein Wohnhaus geworfen. Rote Farbe. Es hätte aber auch Blut sein können. Es war auf jeden Fall eine Einschüchterung. Eine Drohung sogar: Das nächste Mal bist du dran, heißt das. Und so etwas nehmen wir sehr ernst. Vor allen Dingen, weil es kein Einzelfall ist. Wissen Sie, wie viele Anschläge es von militanten Tierschützern in Deutschland, was sage ich? – In Europa gibt? – – Unzählige! Und nie wird jemand verhaftet. Es werden ja nicht nur leidende und kranke Tiere befreit. Es werden Menschen bedroht und eingeschüchtert. Existenzen zerstört. Oft wird Feuer gelegt. Höfe brennen nieder. Aber auch kleine terroristische Maßnahmen können großen Schaden anrichten. Wissen Sie, wie viele Hochsitze in Deutschland im Jahr angesägt werden? Wenn jemand mit einem instabilen Hochstand zu Boden kracht, kann man sich das Genick brechen. Kein Scherz. Das ist schon passiert. Diese Leute nehmen den Tod von Menschen in Kauf. Und wer sagt, dass immer ein Jäger dort oben sitzt? Vielleicht sind es Kinder, die im Spiel hinaufklettern? – – Die Rinder, die in der Nacht, in der Sie geblitzt wurden, befreit wurden und dann durch die Gegend liefen, haben einen Verkehrsunfall verursacht. Eine junge Frau, eine Krankenschwester, war auf dem Weg zur Arbeit, in der Morgendämmerung hat sie die Kuh erst im letzten Moment gesehen, die plötzlich vor ihr auf der Straße stand. Sie hat den Lenker herumgerissen und ist vor einen Baum gekracht.“

Mir wird ganz anders. Pola, Age … die Tierbefreiungsfront. Keine Ahnung, in was ich da hineingeraten bin.

„Und?“, frage ich ängstlich.

„Sie liegt im Krankenhaus.“

„Noch einmal, Frau Grün, wenn Sie etwas wissen, sollten Sie es mir sagen. Wenn Sie etwas Verdächtiges in der Nacht gesehen haben, sollten Sie es nicht für sich behalten. Dies ist keine Bagatelle. Die Öffentlichkeit hat keine Ahnung, mit wie vielen Fällen solcher Art wir es in Deutschland zu tun haben. Es ist eine Form von Terrorismus. Wenn Sie schweigen, machen Sie sich selbst zur Terroristin.“

Ich verwehre mich innerlich gegen diese Bezeichnung. Aber ich nicke. Tatsächlich verstehe ich Herrn Weizel nun etwas besser. Das große Ganze verstehe ich allerdings immer noch nicht.

„Ich hatte keine Ahnung …“ Auch das stimmt. Ich bin wieder auf dem sicheren Terrain der Wahrheit.

„Aber wenn das kein Einzelfall war, wie Sie sagen, dann muss es doch Hinweise geben. Menschen machen Fehler, Zeugen, Aussteiger …“

Herr Weizel lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. „Sie sitzen hier, weil Sie der einzige brauchbare Hinweis seit langem sind. Diese Menschen operieren dezentral und absolut verschwiegen. Wir haben es bislang nicht geschafft, einen V-Mann in das Terrornetzwerk einzuschleusen.“ Er sieht mich an, als wolle er mir ein Angebot machen. Spitzel für den Staatsschutz?

„Ich bin eine arbeitslose Grafikdesignerin, die gerade etwas durchhängt. Vielleicht habe ich irgendwann einmal für Peta gespendet. Das war es aber schon. Eine Terroristin bin ich ganz sicher nicht. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen. Und in Zukunft werde ich mich an das Tempolimit halten, versprochen.“

Ich schiebe meinen Stuhl nach hinten. Brownie ist sofort neben mir.

„Die Leute, die wir suchen, gehen alle ganz unscheinbaren – normalen – Berufen nach. Das allein entlastet Sie nicht.“

„Dann sehen Sie in mir tatsächlich eine militante Tierschutzterroristin?“ So schnell schult man also um …

„Zumindest könnten Sie die sein, die das Auto fährt. Eine Mitläuferin. Sympathisantin, wie auch immer. Zum inneren Kreis gehören Sie ganz sicher nicht. Deswegen habe ich mich auch entschlossen, ganz offen mit Ihnen zu reden.“

„Oder ich war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort!“ Was in jedem Fall der Wahrheit entspricht.

„Oder das.“ Er nickt und grinst.

„War es das?“ Ich erhebe mich.

„Und Sie haben nicht noch etwas mehr für mich?“

„Auf dem Parkplatz habe ich einen Schokoriegel gegessen und dort in den Mülleimer geworfen.“

Er wirkt nicht begeistert.

Bevor ich gehe, brennt mir doch noch eine Frage auf der Zunge. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Nur zu!“

„Mal abgesehen davon, dass ich mit der Sache nichts zu tun habe, finde ich es doch interessant, was Sie mir unterstellen. Eine Mittäterschaft trauen Sie mir zu, aber als Drahtzieher bin ich ungeeignet?“

„Ja.“

„Und? Warum? – Ich möchte einfach etwas besser verstehen, wie Sie sich Ihre Meinungen bilden …“

„Ganz einfach. Sie tragen Lederschuhe. Und Ihre Handtasche ist offensichtlich eine teure Designertasche, ebenfalls Leder. Für Ihre Luxusartikel mussten Tiere leiden. Die Typen, hinter denen ich her bin, verbrennen so etwas in der Regel, sie tragen sie nicht durch die Gegend.“

Polas abfällige Gucci-Tussi-Bemerkung fält mir ein. Keine Lederschuhe zu tragen, war mir bisher nie in den Sinn gekommen. Warum auch? Sie sind langlebig und bequem. Und die Handtaschen kaufe ich nach Saison und meinen Lieblingsdesignern.

Mein Telefon klingelt. „Darf ich?“ Er nickt. „Ich habe keine Fragen mehr.“

Marina vom Tierheim. „Ich habe tolle Nachrichten! Die Besitzer haben sich gemeldet. Sie holen den Hund morgen ab. Wann kannst du kommen?“

„Ich soll den Hund zurückbringen“, sage ich mehr zu mir als zu Herrn Weizel.

„Sie sagten doch, er gehört Ihnen nicht …“ Er lehnt sich amüsiert zurück und mustert Brownie und mich. „Dabei finde ich, dass Sie wunderbar zusammen passen. Sagt man nicht, Hunden und Herrchen ein gewisses Maß an Ähnlichkeit nach? Sie beide sind das beste Beispiel dafür.“

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