Alles auf Anfang

Die Kunst der kleinen Schritte praktiziere ich längst nicht mehr. Wozu auch? Das ergibt Sinn, wenn man mit einer Zukunft rechnet – einer, die es wert ist, darauf hinzuarbeiten. Im Augenblick rechne ich mit gar nichts. Ich rechne nicht damit, dass Tore mir sagt, er habe es sich anders überlegt. „Seitdem du weg bist, wissen wir, was wir an dir haben. Lila, bitte komm zurück!“ – – Warum nicht? Ein guter Chef scheut nicht davor zurück, auch einmal Fehler einzuräumen.

Ich rechne nicht damit, dass ich meinen Streit mit Doreen beilegen werde. Worüber haben wir gestritten? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe ihr ein Bein gestellt. Sie war gemein zu Brownie. Oder war es ganz anders? Wir mögen uns nicht. Das ist der Punkt. Tore. Doreen. Meine Arbeit. Die steppenden Limo-Flaschen. Das alles gehört in ein anderes Leben. Es gehört nicht länger zu mir. Womit also sollte ich rechnen? Mein Leben ist ein Scherbenhaufen. Auch wenn es mir gelänge, die Bruchstücke wieder zusammenzusetzen – die Risse bleiben.

Brownie liegt friedlich auf der Rückbank des Wagens. Ich recke meinen Hals, um mein Gesicht im Rückspiegel zu sehen, nur kurz, ein flüchtiger Blick, um mich zu vergewissern, dass ich es bin, Lila. Die Lila im Spiegel sieht anders aus als in meiner Erinnerung. Sommersprossen. Nase und Wangen sind übersäht davon. Eine rote Haarsträhne. Vorbei sind die Zeiten von Soft Cappuccino oder Dark Chocolate Tönungen, um das Rot auf meinem Kopf in Schach zu halten. Statt Make-Up trage ich die Spuren der Sonne im Gesicht. Und meine Lippen hat vor wenigen Stunden ein Mann geküsst. Eddie! Manche Vergnügen währen nur kurz …

Ich schnalle mich an und starte den Motor. Ich sollte das Leben genießen, bevor mir Herr Weizel Handschellen anlegt. „Halt dich fest, Brownie“, sage ich. „Ab an den See. Wir gehen baden!“

Wozu die Aufregung? Ich bin zu schnell gefahren. Und die Skimaske? Eine Lappalie. Gut. Der Farbbeutel lag in meinem Auto. Geworfen habe ich ihn nicht. Das war Pola. Ich habe nicht das Wort Mörder an eine Hauswand gesprüht. Und dafür, dass eine Frau einen Unfall hatte, kann ich erst recht nichts. Von den frei laufenden Rindern habe ich als letzte erfahren. Was für eine bescheuerte Idee? Wem ist damit geholfen? Die Rinder sorgen für etwas Chaos auf den Straßen und Wegen. Vielleicht trampeln sie einen Vorgarten platt oder fressen ein paar Blumenkübel leer. Dann werden sie zusammengetrieben. Sie werden in LKW gepfercht und treten ihre letzte Reise an. Ein kurzes Intermezzo in Freiheit, bevor sie als Sonderangebot in einem Billigdiscounter und dann als zähe Schuhsohle auf irgendeinem Teller landen. Pommes und Ketchup dazu. Und wenn du den Unterschied kennen würdest, könntest du den langen Todeskampf herausschmecken. Das Fleisch wird trocken und zäh. Die Angst hat sich darin manifestiert. Selbst ich weiß das. Dabei bin ich bloß Gelegenheitsvegetarierin. Vielleicht ist das mein Problem? Es fehlt mir an Haltung? Auf welcher Seite will ich stehen? Was ist richtig? Was ist falsch? Und gibt es auch eine goldene Mitte? Ich habe so meine Zweifel.

Wieder einmal parke ich im Grünen. Weit weg von Eddies Waldhütte. Ich mache mir nicht die Mühe, Brownie anzuleinen. Eine Beinahe-Terroristin kann es sich erlauben, gegen kleinere Delikte wie den Leinenzwang zu verstoßen. Ich bin nicht die einzige, die am späten Nachmittag die Abkühlung sucht. Es ist einiges los hier, aber auch weitläufig genug, dass man sich nicht auf den Füßen steht. Weil ich meinen schicken Bandeau-Bikini nicht finden kann – habe ich ihn überhaupt eingepackt? – greife ich nur ein Handtuch und gehe in meiner schwarzen Sportunterwäsche baden. Das wäre mir vor zwei Wochen noch unangenehm gewesen. Heute ist mir nichts peinlich. Ich will einfach nur ins kühle Nass hüpfen. So müssen sich Kinder fühlen! Ich denke an die Sommer mit Viola. An unsere Badestelle mit dem großen knochigen Ast, der über das Wasser ragte. Wir sind hinaufgeklettert, um von diesem Ast ins Wasser zu springen. Wir haben uns Wettrennen geliefert, wer als erstes oben und als erstes im Wasser ist. Wir haben uns Kunststücke ausgedacht. Eine halbe Umdrehung, Hände in die Hüften oder sich mit angezogenen Knien ins Wasser fallenlassen. Wir hatten Spaß. Viola. Es ist doch kein so schlechter Gedanke, dass die eigene Schwester beschließt, einem in der Krise zur Seite zu stehen. Morgen landet sie in Berlin. Ich bin sicher, dass sie einen Rat, wenn nicht gar einen Plan hat, wie ich dem ganzen Schlamassel entkommen kann. Wozu sind große Schwestern denn da? Ich renne ins Wasser, plansche, spritze, lasse mich fallen und tauche schließlich einmal ganz unter. Brownie lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Auch er steckt den Kopf unter Wasser, so als gäbe es hier in dem grünen Wasser zwischen den Seepflanzen einen Schatz zu heben.    

Brownie rudert mit allen Vieren und navigiert sicher durchs tiefe Wasser. Es sieht wunderschön aus, wenn er schwimmt. Und er schwimmt besser als ich. Im Gegensatz zu mir ist er weit übers Seepferdchen hinaus. Ich möchte mir nicht ausmalen, was ist, wenn ich Brownie seinen rechtmäßigen Besitzern übergebe. Besitzer? Hundehalter? Welche furchtbaren Zuschreibungen! Brownie hat sich mich ausgesucht, nicht ich ihn. Ein Hund ist kein Kaffeeservice oder ein neues Möbelstück. Kein Paar Schuhe, das man sich gönnt und wenn man sie über hat, tauscht man sie aus. Ein Tier ist ein Lebewesen. Wenn du einem Tier einen Namen gibst … klingen die Worte meiner Großmutter mir in den Ohren. Ich lese einen kleinen Ast vom Boden auf und werfe ihn ins Wasser. Sofort prescht Brownie hinterher, um ihn zu holen. Es ist gar nicht so schwer, einem Hund etwas beizubringen. Wenn ich renne, rennt er auch und wenn ich ein Stöckchen werfe, bringt er es zurück. Nun ja, ich gebe zu, er hat es nicht sofort zurückgebracht. Aber als ich in meiner Tasche krame, kommt er sofort angesprungen, um zu sehen, ob ich darin nicht vielleicht etwas Essbares für ihn finde. Leider nur eine Banane mit braunen Flecken. „Sorry, Kleiner!“ Ich schäle die Banane, aber bevor ich abbeißen kann, ist Brownie hochgesprungen und hat die Hälfte davon mit einem Happs im Maul. Ich muss kein Hundetrainer sein, um zu wissen, dass ich ihm solche Frechheiten nicht durchgehen lassen darf. Aber Brownie überrascht mich immer wieder. Und so schimpfe ich nicht, sondern lache. Er liebt Bananen! Ich nehme den Stock, den er für Aussicht auf Futter fallengelassen hat, und werfe ihn noch einmal hinaus auf den See. Brownie rennt, springt mit einem langgestreckten Satz ins Wasser und paddelt, um sich den Stock zu schnappen. Als Belohnung gibt es für ihn den Rest der Banane.

Es sind die letzten Stunden, die uns bleiben. Er ist mir vors Auto gelaufen, hat sich als blinder Passagier auf die Rückbank geschmuggelt und sich dann an meine Fersen geheftet. Das, was am Anfang unglaublich lästig war – und meine schöne Seidenbluse hat er auch auf dem Gewissen – verklärt sich bereits zu: War doch alles halb so wild. Mein teurer Gürtel? Der Teppich? Die nächtlichen Gassirunden? Vergessen. Leben im Augenblick. Das lerne ich gerade von Brownie. Sein größtes Geschenk an mich. Das, was war, spielt keine Rolle, auch die Zukunft ist nur eine abstrakte Zeiteinheit. Sich nicht heute schon um morgen sorgen. Das hat er mir beigebracht.

Leider wird die Zukunft viel schneller zu meiner Gegenwart, als mir lieb ist. Die Nacht haben wir in einem Hotel verbracht. Ich habe sogar Hundefutter besorgt. Aber nun steuere ich die Stadt an, fahre über eine verstopfte Stadtautobahn in Richtung Süden und bin froh um jede Ampel, die mich stoppen lässt.

Mit Verspätung erreiche ich das Tierheim. Ein schwarzer Lieferwagen parkt direkt vor dem Tierheim. Er ist nicht zu übersehen. Hinten hat er eine Delle und der Lack über dem Nummernschild ist zerkratzt. Der Fahrer hat das Fenster heruntergekurbelt. Er trägt ein Achselshirt. Seine Arme sind kräftig behaart, am Handgelenk eine goldene Uhr, in der Hand hält er eine Zigarette. Bitte, lieber Gott, bitte lass das nicht der Mann sein, der Brownie abholt. Brownie scheint längst zu ahnen, was Sache ist. Er bleibt stehen. Keinen Schritt macht er mehr in Richtung Tierheim. Ich kann es ihm nicht verdenken. Wir beiden kamen doch gut miteinander aus. Heute Nacht habe ich mich in eine Wolldecke gewickelt und mich neben Brownie auf den Boden gelegt, eine feuchte Hundeschnauze auf meinem Bein, seine Augen geschlossen, nur hin und wieder ein Blinzeln, um sich zu vergewissern, das alles in Ordnung ist. Er roch noch nach See und nach dem Knochen, den ich als Abschiedsmahl für ihn gekauft hatte, aber da war auch etwas von dem typischen Brownie-Geruch, eine Mischung aus getrocknetem Heu und frisch gemähter Wiese. Und schon bin ich in Gedanken bei Onkel Werner. Das Heu lagerte in der Scheune, in der wir als Kinder Verstecken gespielt haben und in der bis vor kurzem der Bulli seine Zeit fristete. Wie gern wäre ich mit Brownie mit dem T2 über Land gereist. Aber heute endet unser Abenteuer vorzeitig.

Er weiß es. Ich weiß es. Und doch bin ich es, die ihn jetzt mit ein paar Hundekeksen ins Tierheim lockt. Mir fällt auf, dass er den Schwanz dabei nicht nur einzieht, er klemmt ihn zwischen seinem Hinterlauf ein und hält den Kopf gesenkt, bis wir drin sind und Marina uns freudig begrüsst. Brownie entspannt sich wieder etwas, aber bleibt wachsam und traut sich nicht von meiner Seite. Neben Marina steht eine Frau. Sie ist mittelalt, mittelgroß, mittelblond. Alles an ihr ist so dazwischen. Keine auffallende Gestalt, kein einnehmendes Wesen. Freundlich, aber ohne echte Empathie. Brownie macht keine Anstalten, sein Frauchen zu begrüßen. Kein wilder Freudentanz, nur wachsame Habachtstellung.

Marina hat noch ein paar Formalitäten mit uns zu klären. Ich muss eine Unterschrift leisten, dass ich Brownie übergeben habe. Die Besitzerin schaut stumm dabei zu. Da ist es wieder, dieses Wort: Besitzerin. Vielleicht trifft es ja doch, was es meint: Jemand, der einen Hund kauft, besitzt ihn wie eine Sache. Es spielt keine Rolle, ob ein Hund sich bei dem, der ihn rechtmäßig erwirbt, wohlfühlt, ob es ihm dort gut geht – oder nicht.  Wer bin ich, um mir darüber ein Urteil zu erlauben? Aber Brownie möchte ganz offensichtlich nicht mit dieser Frau mitgehen. Wieder zieht er den Schwanz ein. Seine Augen flehen mich an, bitte, Lila, lass mich nicht hier, nimm mich mit. Aber was soll ich tun? Ihn mir schnappen und wegrennen? Ich bin zwar fast eine Tierschutzaktivistin, aber eine, die sich an die Gesetze hält, also fortan.

„Fahren Sie heute noch nach Stuttgart zurück?“, fragt Marina.

„Ja.“

„Das ist eine lange Fahrt.“

„Ja.“

„Die A9 runter?“

„Ja.“

Marina nickt.

„Wie ist es passiert?“, schalte ich mich ein, „ich meine, wie ist Brownie nach Berlin gekommen?“

Die Frau sieht mich an. Ihr Gesicht zeigt keine Regung.

„Er wurde uns gestohlen.“

Sie bleibt wortkarg.

„Dann ist es ja gut, dass sie nachträglich die Registrierung über Tasso vorgenommen haben. Sonst hätten wir ihn nicht wiedergefunden.“

„Ja.“

Kann sie auch etwas anderes sagen, als ja?!

„Wie heißt er denn nun wirklich?“, frage ich.

Sie zögert. Eine Sekunde.

„Chess vom Obersten Holz.“

Vermutlich spiegeln sich in meinem Gesicht Überraschung und Belustigung gleichermaßen.

„Vom Obersten Holz ist der Name der Zuchtstätte“, erklärt Marina und grinst.

Ich nicke ungläubig.

„Und was ist es denn nun für eine Rasse?“

„Ein Barbet.“ Die Antwort gibt die Blonde wie aus der Pistole geschossen.

„Eine eher seltene Rasse“, erklärt Marina, „darum bin ich auch nicht sofort darauf gekommen. Ich bin noch nie zuvor einem Barbet begegnet.“

Also lag Eddie gar nicht so falsch. Ein französischer Wasserhund also. Aber Chess? Was ist das für ein Name? – – Brownie schmiegt sich dicht an mein Bein. Mein Mund ist trocken. Jetzt wird es ernst. Die Stelle mit der Übergabe. Die Frau hält mir ihre Hand hin. Ich übergebe ihr die Leine. Brownie sträubt sich. Er will sich keinen Millimeter von mir wegbewegen. Ich sehe Marina an und Marina sieht mich an. Ich bin ja kein Hundeprofi, aber benimmt sich so ein Hund, der gerne wieder in sein altes Zuhause möchte? In Marinas Blick lese ich etwas wie: Es tut mir leid. Mir tut es auch leid.

So müssen sich Eltern fühlen, die ihre Kleinen das erste Mal in fremde Hände geben, der erste Kindergartentag und nun kommt der Moment, wo man sich einfach umdrehen und gehen muss.

„Er braucht vielleicht etwas Zeit“, versucht Marina die Situation zu deuten, „schließlich hat er einiges durchgemacht. Er ist hin- und hergerissen, weiß nicht so ganz, wohin er gehört.“

Und nicht alles davon war schlecht, ergänze ich für mich. Leider können wir Brownie nicht fragen, wo er lieber sein möchte. Wenn er wählen dürfte – die Entscheidung wäre kein Geheimnis.

„Können wir das abkürzen?“ Die Blonde hat es nun eilig.

Marina nickt mir zu. Ich drücke die Leine der fremden Frau in die Hand, drehe mich um und stürme zur Tür hinaus. Der Mann aus dem Lieferwagen ist ausgestiegen und lehnt, immer noch rauchend, an der Kühlerhaube. Ich renne an ihm vorbei. Die ersten Tränen brennen auf meinen Wangen. Ohne Wohnung. Ohne Job. Ohne Geld. Okay. Aber ohne Brownie? Ich kann nicht mehr. Das ist zuviel. Hinter einem Schleier aus Tränen steuere ich den Wagen in Richtung Tegel, um Viola abzuholen. Ich bin ein Verkehrshindernis, wie ich mit knapp 50 km/h über die Stadtautobahn zuckele. Nur der Gedanke an Viola lässt mich überhaupt die Energie aufbringen, um weiterzufahren und nicht einfach anzuhalten, um mich meinen Tränen zu überlassen. Viola! Ich bin so froh, dass sie da ist. Weinend falle ich ihr um den Hals. Ich schluchze wie ein kleines Kind. Viola streichelt mir sanft über den Rücken. Leise flüstert sie mir ins Ohr: „Lass es raus. Lass alles raus. Es ist gut.“

Als wir uns voneinander trennen, sehe ich, dass auch sie Tränen in den Augen hat. Viola hat noch nie vor mir geweint. Vielleicht hat sie in Afrika ihre weiche Seite entdeckt. Bisher hat sie stets nüchtern und klar Situationen und Menschen bewertet, analysiert, ihre Schlüsse gezogen. Was sie wirklich dachte oder was sie fühlte, behielt sie für sich. Es ist eine andere Viola, die hier neben mir steht. Und ich bin eine andere Lila.

„Tut mir leid“, flüstere ich heiser und schnäuze in das Taschentuch, das sie mir hinhält. „Das ist gerade etwas schwer für mich.“

„Das ist für uns alle nicht leicht.“

In stolpere über ihre Bemerkung, aber nicht so, dass ich hier bereits begreife. Es ist eher eine Irritation, die ich übergehe, weil mich in Gedanken bei Brownie bin. Ich habe ihn enttäuscht. Ich habe ihn weggegeben. Ihn einer Frau überlassen, die kalt ist wie ein Fisch.

„Wir müssen jetzt zusammenhalten“, sagt Viola, „alles wird gut.“

Ich möchte es gern glauben. Aber bereits in dem Moment, wo Viola es ausspricht, weiß ich: Irgendetwas habe ich übersehen. Schon bald werde ich wissen, was es ist. Wie konnte ich so dumm sein?

Alles auf Anfang.

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