Mit einem Paukenschlag

Viola redet. Ich höre nur mit einem Ohr zu. Die Reise mit dem Bus in die Hauptstadt dauerte lang. „Aber Evangeline hat mich begleitet“, erklärt Viola. „Evangeline?“, frage ich. „Ja“, antwortet Viola, „sie ist ein Energiebündel, glaub mir, ich mag ihre positive Art. Eigentlich ist sie Lehrerin. Sie lebt in Lyon. Sie hat mich eingeladen, sie zu besuchen. Vielleicht mache ich das. Später. Irgendwann.“

Mein Blick ist starr geradeaus gerichtet. Meine Gedanken sind ganz woanders. Viola schimpft über die Ungerechtigkeit. Im Norden Ugandas findet sich immer noch eins der größten Flüchtlingscamps der Welt, über das niemand mehr berichtet. „70 Prozent der Flüchtlinge sind minderjährig“, erklärt Viola. Evangeline betreut Kinder, die aus dem Südsudan geflohen sind. Soviel bekomme ich mit. „Aus ein paar Steinen zaubert Evangeline ein Spiel, das die Kinderaugen zum Leuchten bringt. Mit dem Stock zeichnet sie einen Kreis in den Staub, jedes Kind bekommt einen Stein …“ Ab da höre ich nicht mehr, was sie sagt. Und auch der Name Gloria dringt nur von Ferne an mein Ohr. „Hier“, sie hält mir ihren Stoffrucksack hin. „Den hat Gloria gemacht. Wunderschön, oder?“

Ich nicke. Zwei Schwestern. Die eine holt die andere vom Flughafen ab. Mit dem Strom der Reiserückkehrer lassen wir uns nach draußen treiben, an der Schlange der Taxis vorbei in Richtung Parkhaus.

„Ich habe dir auch etwas mitgebracht. Bekommst du später.“

Ich ringe mir ein Lächeln ab. Während Viola weitererzählt, denke ich an Brownie. Es ist ein Hund, sage ich mir, nur ein Hund. Warum bin ich nicht froh, dass er weg ist? Nicht spät abends oder viel zu früh am Morgen raus auf die Straße. Keine dieser beschaulichen Gassirunden mehr, unterwegs hier und da ein kurzer Plausch mit Leidensgenossen, die sich wie ich müde an das andere Ende der Leine klammern. Einziges Highlight: Die Hinterlassenschaften des Vierbeiners aufzusammeln. Warum sollte ich das vermissen? Ich gebe zu, so beschaulich waren die Gassirunden gar nicht. Aber es stimmt: Mein Leben gehört nun wieder mir. Ich kann endlich meine Energie da investieren, wo sie gebraucht wird. Entweder kämpfe ich jetzt um meinen Job oder ich durchforste die Stellenangebote und bewerbe mich – schleunigst! Dass ich zwischen zwei Optionen wählen muss, gefällt mir nicht. Ist es eine Option zu viel oder zu wenig? Eine Stimme in meinem Hinterkopf flüstert etwas von einer dritten, vierten oder fünften Option und dass ich noch einmal gut überlegen soll, was ich wirklich machen möchte, aber die Stimme ist mehr ein leises Hintergrundrauschen, viel zu zaghaft, um ernstgenommen zu werden. Dabei gibt es keinen Grund, nicht endlich die Zukunft in Augenschein zu nehmen. Kein Abenteuer, das mich vom Nachdenken ablenkt. Zu meiner eigenen Überraschung fehlt es mir. Der Angriff im Park, mit Pola im Auto durch die Nacht, ja sogar diese Raupenbiester, die mir so zugesetzt haben – alles das, hat mich nicht nur kaum zu Atem kommen lassen, sondern auch Brownie und mich enger zusammenschweißt – und mich zu Eddie geführt.

Das alles ist Geschichte, Brownie und Eddie sind Geschichte. Ob ich nun ruhiger schlafe? Das wage ich zu bezweifeln. Ich wische mir eine Träne aus den Augenwinkeln.

„Soll ich fahren?“, bietet mir Viola an.

Ich winke ab. „Geht schon wieder.“

Wir steigen ein.

Willkommen zurück, mein altes Leben hat mich wieder, na ja, fast. Ich denke an den Briefumschlag, den Tore mir zugesteckt hat. Ein längliches Couvert mit Sichtfenster. Recht förmlich. Zugeklebt. Ich musste es oben aufreißen, was gar nicht so einfach war. Ob es Tore leicht gefallen ist, die Worte darin zu formulieren? Wir haben uns entschlossen, Leben heißt Veränderung, neue Wege gehen, freisetzen. Bruchstücke wie die Papierfetzen am oberen Rand des Umschlags. Altpapier. Im ersten Moment habe ich das Schreiben zerknüllt. Ab in den Papiermüll. Wo ich es dann wieder herausgeklaubt und glattgestrichen habe. Ich muss mit dem Anwalt über die Verhandlung sprechen, ich sollte mich darauf vorbereiten, eine Taktik überlegen. Der Termin steht. Aber ich habe ihn nicht in den Kalender eingetragen. Einen Kalender zu führen, ist etwas für Berufstätige. Ich befinde mich in einer Zwischenwelt. Einem Übergang. Transit. Altes Leben. Neues Leben. Beide Leben ohne Hund. Ohne Brownie. Und schon wieder fließen die Tränen!

Ich spüre, dass Viola mich beobachtet. Ich drehe meinen Kopf und für einige wenige Sekunden treffen sich unsere Blicke.

„Wir hätten längst reden sollen“, sagt sie.

„Ja“, antworte ich. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Wir haben nicht viel zu erzählen gehabt in den letzten Jahren.

„Wie geht es Kito?“, ringe ich mir eine höfliche Frage nach Violas Lebenspartner ab.

„Gut.“

Mein halber Hausrat stapelt sich im Kofferraum und der Rückbank. Besser als ich es vermag, erzählen die Koffer und Taschen von der mißlichen Lage, in der ich mich befinde. Die Enge schlägt uns aufs Gemüt. Niemand, auch Viola, hat keine Lust mehr, etwas zu erzählen. Also schweigen wir. Ich fahre die gleiche Strecke wie an dem Tag, als ich Brownie begegnet bin. Muttertag liegt nicht lang zurück. Drei oder vier Wochen. Dieses Mal fahre ich nicht auf den Rasthof, um mir Kaffee zu kaufen. Dabei könnte ich welchen gebrauchen. Mit einem Paukenschlag kam Brownie damals in mein Leben. Die Aufregung, weil er die kompletten Brownies gefressen hat, der Besuch beim tierärztlichen Notdienst – das war ein Start! Vielleicht hangle ich mich seitdem von Paukenschlag zu Paukenschlag und warte nun auf den nächsten, damit ich bloß nicht zur Ruhe komme, um nachzudenkne. Ich drücke mich vor Entscheidungen, die meine Zukunft betreffen.

Dass der Paukenschlag nicht lange auf sich warten lässt, konnte ich nicht ahnen. Den hölzernen Schlägel hoch erhoben, ist das Schicksal bereit für einen grandiosen Schlag.   

„Wissen Sie, dass wir kommen?“

„Klar“, antwortet Viola.

Ich war seit des Streits nicht mehr bei unseren Eltern. Mir ist etwas mulmig zumute. Ich weiß nicht, wie ich ihnen begegnen soll. Es gab keine Gelegenheit, über die Abfuhr, die sie mir erteilt haben, zu reden. Noch immer kann ich nicht verstehen, warum sie mich nicht bereitwillig aufgenommen haben.

„Es ist etwas schwierig für mich mit ihnen“, beginne ich und suche nach den richtigen Worten, um Viola meine Situation zu erklären. Aber sie scheint bereits im Bilde zu sein.

„Das glaube ich gern.“

„Die Situation ist völlig neu für mich … ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll.“

„Wie solltest du auch? So etwas kommt scheinbar aus heiterem Himmel. Und danach ist nichts mehr, wie es mal war.“

„Ja.“ Viola versteht mich. Meine Welt ist wirklich wie aus dem Nichts in sich zusammengefallen. Es gab keine Warnsignale.

„Wir alle müssen lernen loszulassen“, fährt Viola fort, „glaub mir, in meinem Job lernt man das. Aber wenn es dann das eigene Leben betrifft …“ Sie führt den Gedanken nicht zu Ende.

„Ja“, sage ich wieder knapp und schlucke. „Ich weiß, was du meinst.“ Brownie. Ich hatte keine andere Wahl.

Ich schweige wieder. Die Fragen, die ich stellen könnte, sind entweder belanglos oder können warten. Wie ist das Wetter in Kampala? Wie war der Flug? Wie lange dauert dein Projekt noch? Wann kommst du zurück? Hast du irgendeine Idee, was ich jetzt tun soll? – – Viola hat immer einen Plan. Ihre Zeit in Uganda ist begrenzt. Wenn sie nach Deutschland zurückkommt, nimmt sie ihren Job im Krankenhaus wieder auf, glaube ich. Über ihre – oder meine – Zukunftspläne habe wir lange nicht gesprochen. Jetzt damit anzufangen, wäre allein dem Bemühen um Small Talk geschuldet. Echtes Interesse kann ich im Moment nicht aufbringen.

Viola hatte recht. Unsere Eltern erwarten uns. Die Begrüßung ist herzlich. Auch ich werde von beiden nacheinander in die Arme geschlossen. Nichts verrät etwas über den Ausgang unseres letzten Treffens. Es gibt eine Karaffe Wasser, grünen Tee und ein paar Butterkekse. Wir sitzen draußen im Garten. Der Sonnenschirm ist aufgespannt. Die Margeriten im Kübel auf der Terrasse lassen die Köpfe hängen. Sie sind verdurstet. In diesem Stadium hilft auch kein Wasser mehr. Auch die anderen Blumen zeigen Anzeichen von Vernachlässigung. Das letzte Mal, als ich hier war, ist mir das nicht aufgefallen. Aber vielleicht war ich auch viel zu sehr mit Brownie beschäftigt.

Obwohl es ein sonniger Tag ist, hat meine Mutter eine Strickjacke um die Schultern gelegt. Wie bei unserem letzten Treffen ist ihre Haut blass, durchscheinend wie feines Porzellan. Sie gönnt sich zu wenig Ruhe. Ob sie zu viel arbeitet? Setzen ihr die politischen Kontrahenten so zu? Gibt es Ärger?

„Hast du die Behandlung gut vertragen?“, fragt Viola, „ich meine, musstest du dich übergeben?“

Meine Mutter sieht meinen Vater ratsuchend an. Er nickt ihr zu. Ich hatte keine Ahnung, dass sie krank ist. Eine Magenverstimmung?

„Geht es dir nicht gut? Du siehst blass aus“, sage ich.

„Du hast es nicht gesagt?“, wendet sich meine Mutter an Viola. Viola sieht sie entgeistert an. „Aber das wolltet ihr doch übernehmen. Ihr habt es ihr nicht gesagt?“

„Es hat sich nicht ergeben“, erklärt mein Vater, „es war schwierig.“

„Könnte mich einer von euch endlich einmal aufklären?“ Meine Stimme wird laut, viel lauter als beabsichtigt. „Was zur Hölle ist hier los? Meint Ihr ich merke nicht, dass Ihr irgendein Geheimnis habt?!“

„Ich habe Krebs“, erklärt meine Mutter. Mein Vater legt seine Hand auf ihre und drückt sie. „Brustkrebs. An dem Tag, als du das letzte Mal da warst, hatte ich meine erste Chemo.“

Da ist es. Der Paukenschlag! Ich kann mich nicht rühren.

„Wie ist das Ausreifestadium?“, fragt Viola, „sind Lymphknoten befallen? Hat der Arzt dir den Bericht mitgegeben? Ich würde gerne einmal …“

„Könnt Ihr das jetzt mal lassen?“, fauche ich wütend, „du bist schwerkrank und niemand sagt es mir.“

„Du hattest nun wirklich genug um die Ohren.“

„Wir hatten vor, es dir zu sagen.“

„Darum die Anrufe, die Bitten vorbeizukommen …“

„Aber dann warst du da und es war jedes Mal gerade eine neue Katastrophe über dich hereingebrochen.“

„Da konnten wir nicht …“ Wieder ein Satz, der nicht zu Ende geführt wird.

Mein Handy spielt eine Melodie und ich nehme das Gespräch an, obwohl dies wohl einer der Momente gewesen wäre, dieses Mistding einfach an die Wand zu werfen, um ein für allemal Ruhe zu haben.

„Ja!“, blaffe ich ins Telefon.

„Hallo, hier ist Marina.“ Das Tierheim. Das Tierheim?

„Ist Brownie bei dir?“

„Brownie?“, wiederhole ich.

„Er ist abgehauen. Wieder einmal. Das Halsband. Es saß zu locker. Er hat sich daraus befreit.“

Houdini lässt grüßen. Er hat sich befreit. Brownie ist weggelaufen. Ich kann nicht sagen, wie ich darauf komme, aber ich halte das für eine gute Nachricht. Die einzig gute Nachricht an diesem Tag.

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