Schnitzeljagd

Brownie ist verschwunden. Dass er abgehauen ist, kann ich verstehen. Dieser Typ in dem schwarzen Lieferwagen gefiel mir ganz und gar nicht. Lag das daran, dass ich Nichtraucherin bin und er ungeniert im Auto qualmte? Oder daran, dass er ein unvorteilhaftes Achselshirt trug – ein Kleidungsstück, das ich bei Männern höchsten zum Sport durchgehen lassen würde? Meine Vorbehalte spielen wohl keine Rolle. Mein Unbehagen schon. Und Brownie hatte sicher einen triftigen Grund, nicht in den Lieferwagen zu steigen.

Jetzt erst bemerke ich, dass alle um mich herum mucksmäuschenstill sind. Meine Mutter hat sich einen Stuhl herangezogen und setzt sich als einzige von uns an den Tisch. Sie sieht zu mir hoch. Ich rühre mich nicht. In meinem Kopf schwirrt es wie in einem Bienenstock. Auch meine Mutter bleibt stumm. Das kommt nicht oft vor. Über ein Siehst du, jetzt geht es doch wieder um dich! Wer ist denn nun todkrank? hätte ich mich nicht gewundert. Aber ihr Schweigen beunruhigt mich. Kein Vorwurf. Kein Lamentieren. Nur ein Blick.

„Was?“, frage ich.

„Sag du es mir“, antwortet sie.

Ich stehe auf dem Schlauch.

„Na, sag schon, Lila, was willst du jetzt unternehmen?“ Ihrem Tonfall nach zu urteilen, ist sie ganz die Alte. Die Krankheit kann ihrem Temperament nicht die Kraft rauben.

„Keine Ahnung“, stöhne ich gequält, „vielleicht willst du mich erst einmal auf den neuesten Stand bringen. Ich scheine ja die einzige zu sein …“

Meine Mutter schlägt mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Nun lauf und such diesen Hund! Du und dieser verrückte Köter, ihr gehört doch zusammen. Das hab ich sofort gesehen.“

Hat sie das jetzt gerade wirklich gesagt?

„Was stehst du hier noch rum. Viola begleitet dich. Ich denke, du kannst Hilfe gebrauchen.“ Viola protestiert, aber unsere Mutter wiegelt ab. Widerstand ist zwecklos.

„Aber …“, setze ich an.

„Kein aber. Mit dem Sterben warte ich, bis ihr wieder zurück seid.“

„Mama!“, bricht es aus Viola und mir gleichzeitig heraus.

„Ich fände es gut, wenn du die Sache mit dem Sterben noch ein paar Jahre aufschiebst, Iris!“ Mein Vater legt seine Hand auf die seiner Frau und zwinkert ihr zu. Sie sieht ihn an und lächelt. Unsere Eltern besitzen einen makaberen Humor.

Dieses Mal übernimmt Viola das Steuer. Ich muss mit Eddie sprechen. Keine Ahnung, wie ich ihn erreichen kann. Ich recherchiere die Forstämter Brandenburgs im Netz. Da gibt es einen Edgar Weiß. Das muss er wohl sein. „Scheiße!“, stöhne ich. E. W. Die Initialien.

„Was?“ Viola wirft mir einen besorgten Blick zu.

„Er heißt Weiß mit Nachnamen!“

„Und?“ Viola versteht mein Problem nicht.

„Weiß!“, sage ich noch einmal.

„Hab ich verstanden, du blöde Kuh! Klärst du mich mal auf?“

„Bin ich nicht schon genug gestraft?“ Ich tippe mir mit dem Finger an die Stirn. „Da lerne ich mal einen netten Mann kennen und er heißt wie eine Farbe. Ich ziehe Farben an wie … wie … ein Kackhaufen die Fliegen.“

„Du hast sie ja nicht alle!“, lacht Viola, „wovon redest du?“

„Statt Lila Grün heiße ich dann Lila Weiß.“

„Wie wäre es mit einem Doppelnamen?“

„Lila Grün-Weiß“, murmle ich.

„Du hast wirklich vor zu heiraten?“, fragt Viola überrascht.

„Was?“ Ich schrecke aus meinen Namens-Fantasien auf.

„Diesen Edgar Weiß. Den willst du heiraten?“

„Hä?“ Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ich heirate nicht. Nie. Glaube ich. Also, wahrscheinlich. Gefragt hat mich noch keiner. Und Eddie. Eddie kenne ich erst ein paar Tage.“

„Hört sich aber an, als käme er in Betracht.“

„Jetzt leider nicht mehr.“

„Warum?“

„Weil er den falschen Nachnamen hat. Das liegt doch auf der Hand!“

„Mal abgesehen davon, dass deine Problemchen wirklich hausgemacht sind und sehr viele Menschen auf diesem Planeten unter Hunger, Armut und Seuchen leiden, tut mir leid, ich will jetzt kein Fass aufmachen, aber ungeachtet der wirklich existentiellen Probleme unserer Zeit, hätte ich dich für moderner gehalten“, tadelt mich Viola, „als Frau muss man ja wohl nicht den Nachnamen des Mannes annehmen. Du kannst deinen behalten. Oder er nimmt deinen an.“

„Jetzt werd nicht albern! Natürlich nehme ich auf jeden Fall den Namen meines zukünftigen Mannes an. Die Namensänderung ist für mich der wichtigste Grund für eine Ehe. Ehrlich gesagt, fällt mir kein anderer Grund für eine Heirat ein. Wenn es allein um Liebe geht – die braucht keinen Trauschein. Aber ich brauche einen neuen Nachnamen. Wenn ich schon als Lila durchs Leben gehen muss, sollte doch wenigstens der Nachname etwas normaler, unauffälliger, auf jeden Fall eben keine Farbe sein.“

„Dann such dir einen Schmidt oder Müller. Klingt das für dich besser?“

Ich habe Eddies Festnetzanschluss gewählt. Obwohl ich sehr lange läuten lasse, hebt niemand ab. Ich lege auf. „Er ist nicht da“, sage ich enttäuscht.

„Zum Glück heißt ihr nicht Bock und du Wurst oder Sauer und du Bier. Obwohl – lustig wäre es schon!“ Sie grinst.

In dem Moment klingelt mein Handy. Es ist Eddie.

„Oh“, sage ich etwas verlegen, „du bist ja doch da.“ Ich fasse mich an die Stirn. Was für eine bescheuerte Begrüßung!

Auch Viola schüttelt den Kopf. Sie kann sich ein Lachen kaum verkneifen.

„Das ist eine Rufumleitung auf mein Handy. Ich war eben nur nicht schnell genug.“ Da ich nichts sage, schiebt er nach: „Was gibt es, Lila?“

„Brownie ist weg. Er ist abgehauen. Aus dem Tierheim.“

„Tierheim? Warum …“

Ich erzähle ihm, dass Brownies Besitzer sich gemeldet haben, aber Brownie ganz offensichtlich nicht gewillt war, mit ihnen zu gehen.

„Was soll ich jetzt machen? Wenn er von einem Auto angefahren wird? Oder ihn jemand einfängt und mitnimmt … Ich habe noch nicht einmal meine Telefonnummer an seinem …“ Halsband wollte ich sagen, aber das trägt er ja sowieso nicht mehr.

„Ob er versuchen wird, zu mir zurückzulaufen? Oder zu dir?“

„Das sind rund 30 Kilometer“, gibt Eddie zu bedenken, „aber unmöglich ist das nicht. Ich halte meine Augen offen.“

„Hast du sonst noch eine Idee …“

„Susi könnte versuchen, seine Fährte aufzunehmen.“

„Wie meinst du das?“ Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt.  

„Wie ich es gesagt habe: Sie könnte seine Spur verfolgen. Ich kann nichts versprechen, aber versuchen können wir es, vielleicht haben wir dann wenigstens einen Anhaltspunkt, in welche Richtung er unterwegs ist. Hast du einen Geruchsartikel von Brownie? Ein Spielzeug, seine Lieblingsdecke, irgendetwas?“

„Klar.“

„Ich bin in einer Sunde da, wenn du mir die Adresse gibst.“

„Und die Polizei?“, wende ich ein und denke an Herrn Weizel. Würde mich nicht wundern, wenn er mich beschatten ließe, um endlich einen Fahndungserfolg in Sachen Tierbefreiungsfront verbuchen zu können. Zuzutrauen wäre es ihm. „Ich dachte, wir beide dürften nicht zusammen gesehen werden.“

„Jetzt redest du wirklich wie eine Terroristin!“ Er lacht. Und in Gedanken sehe ich sein sonnengebräuntes Gesicht vor mir. Er hat sich nicht rasiert und die feinen Stoppeln piksen beim Küssen … ich räuspere mich. Nimm, dich zusammen, Lila, sage ich mir. Jetzt geht es erst einmal um Brownie!

„Polizei?“, fragt Viola zurück, als ich das Gespräch beendet habe. Wir verlassen die Stadtautobahn. Viola lässt sich vom Navi leiten. Den Weg zum Tierheim würde ich mittlerweile mit geschlossenen Augen finden …

„Das ist eine lange Geschichte“, sage ich und seufze. Dann gebe ich mein Bestes, um die Ereignisse der letzten Tage in Kurzform zusammenzufassen.

„Ich wusste schon immer, dass du ganz auf unsere Mutter schlägst!“, lacht Viola.

„Quatsch!“

„Kein Quatsch! Du hast ihr Temperament und ihre Hartnäckigkeit geerbt. Ihr seid Euch sehr ähnlich, ob dir das gefällt oder nicht.“

Ich bin wie meine Mutter? – – So wollte ich doch nie sein. Oder doch? Nein.

„Stur bist du auch. Wie sie.“ Sie zögert. „Wobei du früher aufmüpfiger warst, geradezu rebellisch. Du hast immer genau das Gegenteil von dem gemacht, was unsere Eltern wollten. Weißt du noch, wie du einmal in Gummistiefeln ins Theater gerannt bist? Zum Weihnachtsmärchen. Iris hatte dir extra neue Ballerina gekauft, aber du hattest diese leuchtend gelben Stiefel an. Niemand konnte dich davon abbringen.“

„Sagt die Lieblingstochter, die immer gern die abgelegten Kleider ihrer Mutter getragen hat!“

„Lieblingstochter? So ein Unsinn!“ Viola ist wirklich gekränkt. Sie setzt den Blinker. Wir sind fast da.

„Auf dieses Gespräch und die Sache mit der Lieblingstochter komme ich noch einmal zurück“, Viola sieht mich ernst an, „aber mal was anderes: Hast du einen Plan? Ich meine, was machen wir hier?“

Ich habe keinen blassen Schimmer. Oder, na ja, doch, eine vage Idee vielleicht. „Ich muss an die Adresse der Besitzerin herankommen“, beginne ich vorsichtig, „ich brauche eine Telefonnummer. Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen und Brownie behalten. Hast du eine Ahnung, wie viel Geld ich ihr anbieten sollte? Ich meine, was kostet ein Hund?“

„Da fragst du die Falsche! Okay. Und dein Plan B?“

„Ich finde Brownie vor ihr, kidnappe ihn und bringe ihn mit dem Bully außer Landes.“

Viola schüttelt den Kopf und lacht. „Dann hoffe ich, dass die Besitzerin diesen Hund genauso loswerden möchte wie der Hund sie.“

Viola wartet auf mich im Auto. Ich gehe allein. Keine fünf Minuten später bin ich wieder draußen.

„Und?“ Viola sieht mich neugierig an.

„Nichts.“ Das hätte ich mir auch denken können. „Sie gibt mir die Adresse nicht. Datenschutz und so. Noch viel schlimmer ist, dass sie die Besitzer an die Berliner Tiersuchhunde verwiesen hat. Und die sind bereits unterwegs. Sie haben also einen gehörigen Vorsprung. Wenn die Brownie längst gefunden haben?“

„Ich gehe da jetzt rein“, sagt Viola und klingt fest entschlossen.

„Um was zu tun?“ Ich sehe sie entgeistert an.

„Ich gebe mich als Freundin dieser Hundebesitzerin aus.“

„Die ganz sicher nicht nach der Adresse fragen muss, weil sie sie bereits besitzt.“

„Als Tierärztin?“

Ich schüttle den Kopf.

„Jemand vom Ordnungsamt?“

„Du gehst rein, interessierst dich für einen der Hunde, lässt ihn dir zeigen und ich schaue in der Zeit in den Unterlagen nach der Adresse.“

„Du willst wirklich …“ Viola bricht ab und sieht mich groß an. „Also gut. So machen wir es. Wenn du verschwinden musst, schicke ich dir eine Nachricht.“

Viola geht voraus. Ich folge in einigem Abstand. Von der Tür aus, höre ich, wie Viola Marina in ein Gespräch verwickelt. Es dauert. Marina hat eine Menge Fragen. Viola aber antwortet, ohne lange zu zögern. Sie klingt, als wünsche sie sich nichts sehnlicher als einen Hund. Ich wusste ja gar nicht, dass sie so gut schauspielern kann. Gerade erzählt sie davon, dass sie mit Hunden aufgewachsen sei, dass sie wisse, wie viel Verantwortung sie damit übernehme, daher wolle sie sich heute nur mal umschauen, gut informieren, vielleicht mal einen Termin ausmachen, um mit einem der Tiere eine Runde spazieren zu gehen. Schließlich führt Marina sie zu den Hunden. Marina ist nicht die einzige, die hier arbeitet, aber die anderen scheinen anderen Aufgaben nachzugehen. Durch das Fenster sehe ich, wie draußen jemand die Platten abspritzt. Im hinteren Teil höre ich jemanden klappern. Ich überlege nicht lange. Der ganze Papierkram, den man hier ausfüllen muss, wird ordentlich abgeheftet. Ein Hoch auf die Bürokratie! Ich finde die Unterlagen, die ich unterschreiben musste, um Brownie mitnehmen zu können. Ein Vermerk über die Besitzer finde ich nicht. Ich stelle den Ordner zurück. Das Telefon klingelt. Mein Herz bleibt stehen. Wenn Marina jetzt zurückkommt? Mein Blick schweift über den Bürotisch. Neben dem Telefon liegen ein paar Flyer von verschwunden Tieren, eine Broschüre über Zecken, ein paar bunte Post-its. Auf einem der Zettel steht ein Name und eine Stuttgarter Adresse. Sagte Marina nicht, die Besitzer kämen aus Stuttgart? In dem Moment höre ich das Pling einer neuen Nachricht. Nur ein Ausrufezeichen. Viola. Sie kommen zurück. Ich greife mir den Zettel und ducke mich unter den Tresen. „Lenk sie ab!“, tippe ich in mein Telefon. Schon höre ich ihre Stimmen.

„Und Sie meinen Floppi käme in Frage?“

„Könnte ich vielleicht noch schnell ein Foto von ihm machen?“, fragte Viola.

Marina ist nicht erfreut, aber Viola schafft es, dass sie noch einmal zurückgehen. Nichts wie weg. Am Eingang überrenne ich fast eine Hundesitterin, deren Leinenbande in wildes Kläffen ausbricht.

Im Auto brauche ich etwas Zeit, bis mein Puls sich beruhigt hat. Ich starre auf die Adresse. Irgendetwas ist merkwürdig, eine kleine Irritation, die ich nicht näher erklären kann. Viola verlässt das Gebäude. Was für ein Abenteuer! Unsere letzte Schnitzeljagd liegt eine halbe Ewigkeit zurück und führte uns auf den Heuboden von Onkel Werners Scheune. Dort bin ich eingebrochen und fünf Meter tief gefallen. Zum Glück auf einen beladenen Heuwagen. Damals wie heute bin ich sehr froh, dass Viola bei mir ist. Sie steigt ein und wir fahren ein Stück die Straßer herunter. Die Wolken hängen tief über den Häusern. Es sieht nach Regen aus.

„Mach schon“, drängelt Viola. Ich wähle die Nummer. Eine Festnetznummer mit der Vorwahl 0711. Ingeborg Meindl ist sofort am Telefon. Ich stelle mich ihr vor und komme ohne Umschweife zur Sache.

„Ist Brownie mittlerweile wieder aufgetaucht?“

„Wer ist Brownie?“

„Der Welpe, der ihnen verlorengegangen ist.“

„Hören Sie“, sagt sie unwirsch, „er ist mir nicht verlorengegangen. Er wurde gestohlen. Haben Sie ihn gefunden?“

„Gestohlen?“, frage ich, „ich dachte, er hat sich aus dem Halsband befreien können und ist weggelaufen …“

„Er wurde mir aus unserem Garten heraus gestohlen. Das war vor zehn Tagen.“

Vor Schreck greife ich Violas Hand und sehe sie an. Sie sieht mich fragend an. Ich schüttle den Kopf.

„Aber Sie waren doch heute hier, um Brownie, also um ihren Welpen in Berlin abzuholen?“

„Was reden Sie denn da? Das Tierheim hat angerufen, dass es falscher Alarm war. Es war wohl doch nicht mein kleiner Chess.“

Ich verstehe nur Bahnhof. Wer waren dann die Leute? Und mit einem Mal weiß ich, was mich an der Adresse gestört hat. Das Kennzeichen des Lieferwagens. Kein S für Stuttgart, sondern SDT. Für welche Stadt stehen diese Buchstaben?

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