Hart auf hart

Mein Telefon.

„Haben Sie unseren Termin vergessen?“

Aber sicher. Heute habe ich noch keine Sekunde an die Verhandlung gedacht. Paul Fenner ist ungehalten. „Ich warte seit gut zwanzig Minuten. Wir wollten uns doch etwas eher treffen.“ Um möglichst gut vorbereitet und gelassen in das Gespräch mit der Gegenseite zu gehen, erinnere ich seine Worte. Für Gelassenheit ist es jetzt zu spät.

Vielleicht hätte ich die Abfindung einfach akzeptieren und das Angebot, das Tore mir gemacht hat, unterschreiben sollen? Meinen alten Job will ich auf jeden Fall nicht zurück. Den ganzen Tag in einem Glaskasten sitzen und auf Knopfdruck bunte Bilder ausspucken? – Kann ich mir nicht mehr vorstellen. Keine Ahnung, womit ich meine Brötchen oder im besten Fall das Hundefutter in Zukunft bezahlen soll, als Grafikerin bei WebAd wird es nicht sein. Kurz überlege ich, ob ich diesen Termin schwänzen darf. Wenn es hart auf hart kommt, würde ich alles unterschreiben, nur damit ich meine Ruhe habe.

„Frau Grün?“

Ich antworte nicht. Was soll ich bloß tun? Brownie rennt da draußen herum. Allein. Auf seinen Fersen oder Pfoten kleben dieser seltsame Typ und die falsche Blondine, die nichts Gutes im Schilde führen…

„Wie schnell können Sie hier sein?“

Ich sehe Viola an. Viola sieht mich an.

„Einen Moment“, bitte ich und höre, wie der Anwalt stöhnt.

„Ich habe meine Verhandlung. Jetzt.“ Ich schneide eine Grimasse. „Was soll ich tun? Ich meine, ich möchte lieber hier … und Eddie … was wird aus Brownie?“

„Wofür hast du mich?“, fragt Viola und stemmt die Arme in die Hüften. „Fahr los und ich suche mit deinem Eddie den Hund.“

Mein Eddie? Ich grinse. Mein ist ein besitzanzeigendes Fürwort. Ich weiß das so genau, weil meine Mutter oft über die unbedachte Verwendung dieses kleinen Wörtchens doziert. Wenn jemand sagt, da muss ich aber erst mal „meine Frau“ fragen, dann antwortet meine Mutter patzig mit einer Gegenfrage: „Hat Ihre Frau keinen Namen?“ Keine Ahnung warum sie darauf so viel Wert legt, aber meine Eltern nennen sich immer beim Vornamen und reden nie über den anderen in dessen Beisein in der dritten Person, schon gar nicht unter Verwendung eines Possessivpronomens. Wir gehören nur uns selbst, nie einem anderen, lautet ihr Credo. Das ist vielleicht der Grund, warum Iris und Holger nie geheiratet haben.

„Lila?!“, reißt mich Viola aus meinen Gedanken.

„Eddie fährt einen klapprigen Jeep und hat einen Jagdhund dabei.“

„In Ordnung.“ Mehr sagt sie nicht. Sie stellt keine Fragen. Sie macht mir keine Vorhaltungen. Sie kennt keine Krisen, nur Herausforderungen. Dafür liebe ich sie einmal mehr, meine große Schwester.

„Ich brauche eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten“, erkläre ich meinem Anwalt, der sehr geduldig gewartet hat. „Fünfzehn“, sagt er, „und keine Sekunde mehr.“

„Kann ich so gehen?“ Ich sehe an mir herunter. Jeans, T-Shirt und Turnschuhe.

„Hast du eine Wahl?“ Viola grinst.

Der Inhalt meines Kleiderschranks liegt hinten im Wagen. Ich könnte mich umziehen. Aber will ich das? Für Seidenblusen und Blazer bin ich einfach nicht länger der Typ!  

„Du schaffst das, Lila!“ Viola nimmt mich in den Arm und drückt mich ganz fest. Wenn sie das sagt, wird es wohl stimmen. Meine Schwester ist eine der klügsten Personen, die ich kenne. Ich strahle sie an. Viola steigt aus und ich gebe Gas.

Ich parke im Halteverbot. Gegen Gesetze zu verstoßen, wird langsam zur Gewohnheit. Ich eile die Stufen hinauf. Der typische Behördengeruch liegt in der Luft: Bohnerwachs, Staub und Akten. Ich muss nach dem Weg fragen, verirre mich in einen Nebengang und suche nach der Raumnummer, die mir Paul Fenner in den letzten zehn Minuten auf allen möglichen Kommunikationswegen durchgegeben hat – fehlt nur noch, dass er eine Eule schickt! Aber nun stehe ich vor der richtigen Tür. Raum 26. Meine Glückszahlen?

Ich klopfe und betrete den kleinen Gerichtssaal. Zwei oder drei leere Stuhlreihen. Vorne hat jede Partei rechts und links einen Tisch. Vor Kopf sitzt der Richter.

Ich entschuldige mich, dass ich zu spät bin, und nehme neben Paul Fenner Platz.

„Zum Umziehen hatten Sie keine Zeit mehr?“, flüstert er mir zu. Dann nickt er und es geht los. Mein Rechtsbeistand führt aus, warum ich nicht gewillt bin, auf das vorliegende Angebot einzugehen. Er führt ins Feld, wie lange ich nun schon bei WebAd beschäftigt bin, welche Erfolge ich für das Unternehmen erzielt habe. Sogar Mister Knusper bringt er ins Spiel. Eine verdiente Mitarbeiterin speist man nicht einfach mit einer schmalen Abfindung von zwei Monatsgehältern ab. Auch das Angebot, dass Frau Grün, also ich, weiterhin freiberuflich für WebAd arbeiten könne, zeige, dass es Bedarf an meiner Arbeit gäbe. Warum also die Kündigung?

„Wenn dem so ist und WebAd Frau Grüns Arbeit und Expertise weiterhin benötigt, warum soll sie sich dann selbständig machen? Wir sehen zwei Möglichkeiten: Entweder WebAd zieht die Kündigung zurück oder ist bereit, ein angemessenes Angebot vorzulegen.“

„Sie hat eine Mitarbeiterin tätlich angegriffen“, wirft Tore dazwischen.

„Das gehört nicht hierhin“, übernimmt Tores Anwalt, der sich mir als Matthias Brauer vorgestellt hat. Er ist in etwa so alt wie Tore. Tore ist ungefähr vierzig, knapp davor oder knapp darüber. Dass er bereits in der Lebensmitte angekommen ist, darüber können auch die neuen Turnschuhe und der akkurat gedrehte Haardutt nicht hinwegtäuschen. Zum ersten Mal kommt er mir damit wirklich albern vor – er sieht aus wie jemand, der beim Verkleiden das falsche Kostüm gegriffen hat.

Matthias Brauer faltet die Hände und sieht mich an. „Es spielt aber dennoch eine Rolle.“ Worauf will er hinaus? Sein Blick ruht unangenehm lange auf mir. Ich weiche aus und schaue den Richter an.

„Die Mitarbeiterin behält sich weitere Schritte vor. Der Fall ist bereits zur Anzeige gebracht. Frau Grün hat noch keine Stellungnahme dazu abgegeben. Ich weiß, das gehört strenggenommen nicht hier hin, zeigt aber, wie Frau Grün momentan ihre Angelegenheiten regelt. Sie zeigt sich nicht gesprächsbereit und kooperativ, sie hat Verträge nicht erfüllt und Abgabefristen nicht eingehalten, sie hat eine Mitarbeiterin angegriffen, sie hat einen Hund mit ins Büro gebracht, obwohl das untersagt ist und es Mitarbeiter gibt, die allergisch auf Hunde reagieren. Rücksichtlos und unverantwortlich ist das.“  

Jetzt ziehen sie auch noch Brownie mit hinein.

Noch vor drei oder vier Wochen hätte ich mich in so einer Situation gefühlt wie Eyjafjallajökull kurz vor dem Ausbruch. Ich hätte auch schon einmal viel Dampf abgelassen, bevor ich explodiere. Aber heute nicht. Mehr noch als Wut spüre ich Erleichterung. Ich bin froh, WebAd hinter mir lassen zu können. Die können mich doch alle mal!

Auch mein Anwalt bleibt ruhig. Paul hört sich an, was die Gegenseite an Schmutz zusammenkehrt, bevor er den Dreck sortiert. Bei ihm, das spüre ich, bin ich in guten Händen. Paul ist ein Bekannter oder Freund, so genau weiß ich das nicht, meines Vaters. Seine tiefe, sonore Stimme vermittelt mir das Gefühl: alles wird gut. Paul wird es richten: Er wird einen guten Vergleich für mich erzielen und ich werde unter WebAd und mein altes Leben einen Strich ziehen.

Ich erlaube mir, einen Blick auf mein Handy zu werfen. Eine neue Nachricht leuchtet auf dem Display. „Hast du ein Foto von Brownie?“ Ich schicke Viola, was ich habe, muss aber feststellen, dass meine Auswahl begrenzt ist. Nie sieht man Brownie von vorn. Ich habe ihn stets in Bewegung fotografiert. Manche Bilder sind unscharf. Brownie, wie er ins Wasser sprintet. Brownie, wie er ein Stöckchen apportiert. Brownie, wie er zusammengerollt neben Kisten auf der Rückbank meines Wagens schlummert.

Es ist unhöflich, aber meine Gedanken sind bei Brownie und nicht bei den Spitzfindigkeiten der Anwälte. Ich leihe mir Bleistift und Papier von Paul Fenner und beginne Brownies Umrisse zu skizzieren. Die Augen liegen halb verdeckt unter einem wuscheligen Pony. Obwohl er eine Menge zotteliges Fell am Körper trägt, erkennt man darunter das Spiel seiner Muskeln. Die Hinterläufe sind kräftig und gehen etwas nach oben. Die Rute hält er leicht gesenkt, den Kopf aufgerichtet – Brownies typische Pose: entspannt, aber aufmerksam.

„Frau Grün?“

Ich blicke auf.

„Wollen Sie sich nicht äußern?“

„Haben Sie denn eine Zahl genannt?“

Die Gegenseite schaut mich entgeistert an.

„Nennen Sie mir eine angemessene Summe und ich unterschreibe den Vertrag.“

„Kommen wir noch einmal auf Mister Knusper zu sprechen“, nimmt Paul Fenner den Faden auf.

„Das ist nicht wirklich strittig. Beides war Teil ihrer Arbeit. Es ist nicht Frau Grüns geistiges Eigentum“, wirft Matthias Brauer ein.

„Und trotzdem müssen wir darüber reden, oder?“ Mein Anwalt lächelt. „Denn ganz so einfach ist es nicht. Ihnen muss ich das nicht erklären. Nur weil ein Mitarbeiter für seine Arbeitsleistung bezahlt wird, heißt das nicht, dass automatisch alle Leistungen, die während der Arbeitszeit erbracht werden, auch dem Unternehmen gehören. Hier kommt das sogenannte Schöpferprinzip zum Tragen. Derjenige, der eine kreative Leistung erbracht hat, gilt als Schöpfer oder Urheber dieser Leistung – auch wenn er die Leistung im Rahmen eines Unternehmensauftrages erbracht hat. Nicht das Unternehmen, das den kreativen Mitarbeiter beschäftigt, wird Urheber, sondern stets der Mitarbeiter als Schöpfer des Werkes. WebAd besitzt die Nutzungsrechte an Mr. Knusper, soweit es die Leistungen aus den bisher erbrachten Aufträgen betrifft.“ Paul Fenner schiebt ein paar Dokumente über den Tisch. „Um die Geschichten um Mister Knusper fortführen zu können, auch ohne Frau Grün, brauchen Sie ihre Zustimmung. Denn sie ist die Schöpferin. Und so ist es vertraglich festgehalten.“ Er legt ein Schriftstück auf den Stapel Papiere, auf dem Sätze neongelb gemarkert sind.

„Das ist nicht Teil dieser Verhandlung“, bemerkt der Richter.

„Nein“, gibt Paul Fenner zu, „die Frage um Mister Knusper können wir auch in einem separaten Vertrag festhalten. Oder aber wir schließen einen ordentlichen Abfindungsvertrag, der den Verdiensten von Frau Grün gerecht wird. Denn Mister Knusper zeigt, welchen Wert Frau Grün für das Unternehmen hatte und immer noch hat. Oder beabsichtigt WebAd die Cornflakes-Werbung aufzugeben? In dem Fall kann Frau Grün ihre Dienste dem Kunden freiberuflich antragen.“

Haben wir darüber gesprochen? Ich kann mich nicht erinnern. Paul Fenner hat sich sehr gut vorbereitet.

Tore tut so, als verstünde er nicht. „Mister Knusper? Keine Ahnung, was aus ihm wird. Das ist doch völlig unerheblich.“

Ich lasse den Bleistift fallen und sehe Tore überrascht an. „Und was ist mit dieser Fortsetzung, von der du mir erzählt hast? Diese Mrs. Pop und die kleinen Knusperpoppies?“

Tore und Matthias Brauer wechseln ein paar besorgte Blicke. Kann es sein, dass sie mich unterschätzt haben? Dachte Tore, ich bin gerade dermaßen neben der Spur, dass er mit mir leichtes Spiel hat? – Okay, ich bin ziemlich neben der Spur, aber Paul Fenner lässt sich nicht vom Weg abbringen.

„Ich führe das gern noch etwas weiter aus. Frau Grün hatte damals den Auftrag“, er nimmt einen neuen Zettel zur Hand, „ein Detail zu entwickeln, das Kinder anspricht, einen farbigen Eyecatcher, eine Plakette oder ein Symbol.“ Er legt die Notiz zurück. „Niemand hat ihr den Auftrag gegeben, eine Figur zu erfinden und sie später mit Leben zu erfüllen. Dass daraus eine kleine Comicreihe wurde, Mini-Episoden aus dem Alltag eines Knuspermännchens, konnte niemand vorhersehen. Wenn man bedenkt, wie Frau Grün als Schöpferin für diese Leistung entlohnt wurde und welchen Gewinn das Unternehmen in all den Jahren mit Mister Knusper erwirtschaftet hat, hat Frau Grün – meines Erachtens – Anspruch auf eine Sonderzahlung oder Nachvergütung.“

„Lässt sich das in Zahlen zum Ausdruck bringen?“ Der Richter spielt den Ball zu Tore. „Wie hoch ist der Werbe-Etat um dieses Knuspermännchen? Wie hoch ist das monatliche Grundgehalt für Grafiker bei WebAd? Gibt es Sondervergütungen für besondere Leistungen?“

Tore sieht seinen Anwalt an. Matthias Brauer antwortet für ihn: „Wir würden gern die Zahlen erst einmal prüfen. Und auch die Verträge noch einmal sichten.“

„Tun Sie das“, bekräftigt der Richter.

„Wir freuen uns sehr über ein neues Angebot von ihnen“, beschließt Paul Fenner die Runde.

Kaizen bedeutet, große Ziele in kleinen Schritten zu bewältigen. Heute habe ich einen kleinen Schritt nach vorn getan. Und zum ersten Mal seit langem habe ich überhaupt wieder ein Ziel vor Augen: Ich möchte WebAd hinter mir lassen und mir mit der Abfindung etwas Eigenes aufbauen – ein Leben, das ich mag und in dem ein Hund Platz hat. Der Hund! Ich werfe einen Blick auf die Zeichnung vor mir. Brownie.

„Oh“, sagt Paul Fenner, der bereits seine Tasche gepackt und sich erhoben hat, „ein französischer Briard.“

„Das erkennen Sie?“ Ich sehe ihn überrascht an. Wie viele Menschen haben sich darüber den Kopf zerbrochen, welche Hunderasse dieses zottelige Fellknäul sein könnte – und Paul erkennt das an einer Zeichnung?! „Unglaublich!“

„Warum?“, er lacht. „Sie haben ihn doch wunderbar getroffen.“

„Haben Sie Hunde?“

„Nein, aber wir haben früher oft Urlaub auf einem Bauernhof in den französischen Pyrenäen gemacht. Ein Niemandsland ist das dort. Kaum Menschen, kaum Verkehr, ein paar Häuser. Dafür gibt es Berge und Bäume, Schafe und Ziegen. Und ein Briard, der auf alle aufgepasst hat. Den Käse dort müssen Sie probieren. Dazu frisch gebackenes Brot. Es ist ein Traum.“

Ich war noch nie in Frankreich. Aber sollte ich Brownie wiederfinden, werde ich seinen Verwandten in Frankreich gern einen Besuch abstatten.

Viola schickt mir eine Nachricht. Sie besteht aus einem Satz: „Susi hat die Fährte aufgenommen.“

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