Dead End. Sackgassen

Als ich gerade losfahre, klingelt mein Telefon. Ich nehme das Gespräch über die Freisprechanlage an. Mittlerweile erkenne ich die Nummer auf Anhieb. „Gibt es Neuigkeiten?“, begrüße ich Marina. „Nein, leider nicht. Darum rufe ich an.“

Ich grinse. Wenn Brownie noch nicht aufgetaucht ist, besteht die Chance, dass wir ihn vor den anderen finden. „Ich wollte dich nur bitten, weiterhin die Augen offen zu halten. Hunde können eine weite Distanz zurücklegen und ich hatte den Eindruck, dass dieser eigensinnige Briard dich mag. Mich würde es wirklich nicht wundern, wenn er bei dir auftaucht.“

„Die Tierhundsuche hat nichts ergeben?“

„Doch, schon, aber irgendwann ist auch der beste Suchhund erschöpft und braucht eine Pause.“

„Bis wohin konnte er die Spur verfolgen?“

„In der Pasewalker Straße hat sie sich auf einem Parkplatz vor einem Hotel verloren.“

„Kann ich noch irgendetwas tun?“

„Du könntest flyern.“

„Wie bitte?“ Keine Ahnung, was sie damit meint.

„Flyer aufhängen. Dort, wo du mit ihm warst. Du kannst unsere Telefonnummer angeben. Das wäre eine große Hilfe.“

„Kann ich selbst mit der Besitzerin sprechen?“

„Tut mir leid, Lila, die Nummer darf ich dir nicht so einfach rausgeben.“

Schon klar. Die Nummer der echten Brownie-Besitzerin habe ich ja bereits. Aber die Nummer des dubiosen Duos, das Brownie mitnehmen wollte, hätte ich nur allzu gern. Zum ersten Mal sehe ich die Dinge so klar, wie sie sind: Die beiden wollten Brownie stehlen. Aber warum? Was steckt dahinter? Sollte ich dieses Rätsel lösen, finde ich vielleicht auch Brownie wieder.

„Ich kann sie fragen, ob ich ihre Nummer an dich weitergeben darf“, bietet mir Marina an.

Wenn sie das sind, für was ich sie halte – Kriminelle, möchten sie das bestimmt nicht. „Das wäre nett“, antworte ich und fahre bei der nächsten Möglichkeit rechts ran. Ich greife mir meine Laptoptasche hinter dem Beifahrersitz und stelle fest, dass der Akku leer ist. Natürlich. Ich hatte ihn wie lange nicht mehr in Betrieb? Und ordentlich heruntergefahren war er auch nicht. Ich könnte mit dem Handy einen Flyer erstellen, also ein Foto bearbeiten, Schrift daruntersetzen und es an ein Copycenter mailen. Ich sehe mir noch einmal die Fotos von Brownie an. So richtige Knaller sind das alle nicht. Ich ziehe die Zeichnung von Brownie aus der Tasche. Sogar Paul Fenner hat darauf meinen wuscheligen Briard erkannt.

Manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man seinen halben Hausrat im Auto kutschiert. Ich meine, es ist nicht besonders komfortabel, wenn gleichzeitig auch noch ein Hund mitfährt oder man Personen befördert, die mit angezogenen Beinen vor dem Armaturenbrett sitzen, weil ihnen von hinten eine Umzugskiste gegen die Rückenlehne drückt. Trotzdem wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass der freie Platz hinter mir so schnell, wie möglich, wieder besetzt ist!

Meine Zeichensachen befinden sich in einem Rucksack. Die bunten Stifte hatte ich eine Ewigkeit nicht mehr in der Hand. Ich setze mich auf den Bordstein an der Straße und sortiere meine Farben. Der Laptop dient mir als Unterlage für meine Bleistiftzeichnung. Fehlt nur noch Musik. Die passede Playlist finde ich in Sekunden. Es gibt keinen Zweifel an meiner inneren Verfassung. Die Verhandlung hat mich wachgerüttelt. So schlecht stehen die Dinge gar nicht, ganz im Gegenteil. Die Sonne scheint. Und Brownie ist auf dem Weg zu mir, da bin ich mir sicher. The colour of my love fängt leise an, steigert sich dann aber zu einem Feuerwerk der guten Laune. Die 1960er Jahre waren musikalisch ein beschwingtes Jahrzehnt. Jefferson gibt alles. Und ich ebenso. Die ersten Striche setze ich noch zögernd. Ich muss die Farbe mehrmals korrigieren. „Ihr seht Euch ähnlich!“ Wer hatte das noch einmal gesagt? Und tatsächlich: neben Kastanienbraun, Mandel und Umbra kommt auch Englischrot zum Einsatz. Das Ergebnis gefällt mir. Mit den Layoutmarkern schreibe ich einen Aufruf und meine Telefonnummer auf die Zeichnung. Einen Copyshop zu finden, ist die leichteste Übung. Schwieriger ist es, sich die Plätze in Erinnerung zu rufen, an denen ich mit Brownie gewesen bin. Am besten arbeite ich mich vom Zentrum bis in die Peripherie Berlins vor. Das ist einen tiefen Seufzer wert. Denn es bedeutet, dass ich noch einmal zum Potsdamer Platz zurück muss. Meine 1960ziger Jahre Playlist stelle ich auf Endlosschleife und gebe Gas.

Kamil hat Dienst. Er grinst, als ich um die Ecke komme. „Wo ist Mickey Mouse?“

Ich lache. Mein Mickey Mouse Shirt steht ganz oben auf der Liste meiner Lieblingskleidungsstücke – für süße Träume. Für Berliner Nächte außerhalb der eigenen vier Wände ist es weniger geeignet, vor allem, wenn man, wie ich, unter dem Shirt nur einen Slip trägt und nachts mit einem Hund auf der Straße herumgeistert. Im Gegensatz zu Kamil hatte ich diese Episode bereits vergessen …

„Ich freue mich auch, dich zu sehen.“ Und meine, was ich sage. Kamil ist einer der Guten – obwohl er den lieben langen Tag mit hochnäsigen Snobs zu tun hat. Er trägt ein Lächeln auf dem Gesicht, auch wenn es draußen regnet. Er begrüßt jeden freundlich, auch die, die an ihm vorbeieilen, den Blick auf ihr Handy gerichtet. Er hält mir die Tür auf, wenn ich den Arm voller Einkäufe habe. Er drückt ein Auge zu, wenn ich hier mit einem Hund hereinspaziere, auch wenn Hunde nicht erlaubt sind.

„Was ist passiert?“, fragt er. „Wo ist dein Hund?“ Ich reiche ihm einen Flyer und erkläre ihm die ganze Geschichte. Als ich gehen will, sieht er mich überrascht an.

„Willst du nicht hoch?“

Ich verstehe nicht.

„Du weißt doch, dass ich hier nicht mehr wohne, Kamil.“

„Er ist schon da.“

Ich stehe immer noch auf der Leitung.

„Du meinst sie. Sie ist schon da. Diese Makler-Tussi.“

„Ben.“

Kamil nennt ihn beim Vornamen.

„Ben?“

Kamil muss sich irren. Ben ist lange nicht mehr hier gewesen. „Da verwechselst du sicher etwas …“

„Bist du auf den Kopf gefallen?“, fragt Kamil. „Was ist los, Lila? Dein Ben. Dein Schnösel. Dunkler Anzug, weißes Hemd, Turnschuhe. Das Haar trägt er jetzt kürzer. Das Gel sollte er weglassen. Steht ihm nicht. Wie ein Banker oder ein x-beliebiger anderer Ganove sieht er jetzt aus. Er hat etwas zugenommen, wenn du mich fragst.“

Ben ist hier? Das kann nicht sein. Und wenn es doch stimmt, möchte ich ihm auf keinen Fall begegnen.

„Also, Kamil, wenn Brownie hier auftaucht, gibst du ihm etwas von deinen Stullen, er frisst alles, darf aber keine Schokolade, halt ihn fest und ruf mich an! Verstanden?“

„Ich mag keine Hunde.“

„Glaubst du, ich?“ Ich muss lachen. Auch Kamil grinst und zwinkert mir verschwörerisch zu. „Alles klar, Lila.“

Als ich mich umdrehe, höre ich das helle Pling des Fahrstuhls. Die Tür geht auf. Ich bleibe stehen, kneife die Augen zusammen und schicke ein Stoßgebet gen Himmel. Bitte, lieber Gott, lass es nicht Ben sein. Ich bin schon fast aus der Tür, da höre ich seine Stimme.

„Du hast es also doch geschafft.“

Ben. Er ist es. Seine Stimme würde ich überall wiedererkennen. Sein Äußeres – und da gebe ich Kamil recht – hat sich verändert. Alles Jungenhafte, das er nach der Uni und in den ersten Jahren bei WebAd noch besaß, hat er abgelegt.

„Hi, Ben.“ Ich versuche mich an einem Lächeln.

„Ich dachte, du kommst nicht mehr.“

Das dachte ich auch. „Ehrlich gesagt, ich wusste nicht, dass wir verabredet waren.“

„Du antwortest ja auch auf keine meiner Nachrichten.“

Ich lese sie auch gar nicht mehr.

„Gehen wir einen Kaffee trinken?“, fragt Ben.

Ich schlucke. Wenn ich nervös bin – oder verunsichert, so wie jetzt, dann fühlt sich mein Hals an, als wäre ich seit Tagen in der Sahara unterwegs gewesen. Ich kann kaum sprechen, so trocken fühlt sich das an. Kaffee wäre wunderbar. Nur nicht jetzt. Nicht mit Ben.

„Ich habe leider gar keine Zeit“, bekomme ich gerade so einen Satz heraus.

Ben folgt mir auf die Straße.

„Ich habe die Wohnung verkauft.“

„Schön.“

„Das mit dem Boden, Lila, das tut mir leid. Das war gar nicht so ein großes Ding. Er wurde neu abgeschliffen, das hätte man sowieso vor dem Verkauf gemacht.“

„Dann ist ja alles gut.“

Ich drehe mich nicht zu ihm um. Ich kann ihn nicht ansehen. Nicht in seine dunklen Augen. Und schon gar nicht möchte ich ihm so nahe kommen, dass ich den typischen Ben-Duft riechen muss. Ich kann Ben gut riechen, schon immer. Das ist so eine Nasengeschichte. Weiche Knie habe ich bereits. Also bleibe ich auf Abstand. Aber Ben nicht. Ich bin schon fast am Wagen, den ich in guter Gewohnheit im Halteverbot parke, da greift er meine Hand und hält mich fest. Einfach so. „Du kannst nicht ohne ein Wort gehen …“

„Lass mich, Ben!“, fauche ich ihn an. Ben lässt erschrocken meine Hand los. „Natürlich kann ich gehen“, erkläre ich, „ich kann gehen, wohin ich will. Du bist doch auch gegangen.“

„Du bist nicht mitgekommen. Du bist die, die gegangen ist.“

„Pah! So ein Blödsinn muss ich mir nicht anhören. Du hast deine Wohnung. Es gibt nichts, was uns noch verbindet. Ich wünsche dir ein schönes Leben, Ben.“

„Können wir nicht“, beginnt er etwas unbeholfen, „ich dachte, wir könnten …“ Diesen Blick kenne ich.

Nun sieht er enttäuscht aus. Was hatte er denn erwartet? Dass ich ihm einen angenehmen Aufenthalt beschere? Sightseeing, Nightlife, ein paar Gin Tonic und dann ab ins Bett? Dass dieses Leben hier – dass Ben – das das alles zu nichts führt, heute nicht und gestern auch nicht, ist mir längst klar. Es sind Sackgassen, in die ich mich selbst manövriert habe.

Bens Gesichtsausdruck verändert sich. Kamil hat recht. Er hat zugelegt. Seine Gesichtszüge sind etwas weniger markant.

„Was ist eigentlich mit unserer Kaffeemaschine passiert?“

Unserer? Unserer!

„Hatte ich die nicht gekauft?“, frage ich zurück.

„Du hast sie gekauft, aber die Kosten haben wir uns geteilt.“ Es war eine teure Maschine. Viel zu teuer, gestehe ich mir heute ein. Ein italienisches Meisterstück. Ein Monatsgehalt hätte es mich gekostet. Ein halbes Monatsgehalt klang verlockender.

„Weißt du was, Ben“, sage ich, „ich reise momentan mit leichtem Gepäck. Die Kaffeemaschine ist nur ein Klotz an meinem Bein.“ Ich öffne die Heckklappe. Der Karton steht unter ein paar Taschen, die ich von hinten auf die Rückbank werfe, um den Karton aus dem Auto zu wuchten. Kurz spiegle ich mich in dem blitzeblanken Edelstahlgehäuse. Meine roten Haare haben Oberhand gewonnen. Das Kastanienbraun ist nun völlig herausgewaschen. Ich lasse den Karton Ben vor die Füße fallen.

„Spinnst du?“

Die Antwort darauf ist eindeutig und lautet: Ja, ich bin verrückt. Ich drehe mich um und gehe.

„Lila?!”

Ich steige ins Auto. Grußlos verlasse ich Ben und reihe mich in den dichten Verkehr ein. Ich würde gern schneller von hier verschwinden, aber – dit is Berlin! Alle wollen immer irgendwo hin. Nur das Ankommen ist nicht so einfach.

Petula Clark singt My love is warmer than the warmest sunshine, softer than a sigh, my love is deeper than the deepest ocean, wider than the sky … sorry, Petula, nächstes Lied. Why does love got to be so sad? Schon besser.

Viola ruft an. “Wo bist du?“

Ich liebe Violas Timing.

„Wir treffen uns in der Pasewalker Straße. Ich habe eine Idee. Und frag Eddie bitte nach der Nummer von Pola. Ich brauche ihre Hilfe. Das ist sie mir schuldig.“

„Wer ist Pola?“, höre ich Viola fragen. Aber Erklärungen müssen warten. Ich gehe mehreren Spuren nach. Und eine davon führt mich nach Schwedt an der Oder. Ob es viele schwarze Lieferwagen mit dem Kennzeichen SDT gibt?

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