Boxenstopp

„Fahren wir?“, frage ich in die Runde.

Eddie und Viola werfen sich einen vielsagenden Blick zu.

„Was?“

„Ich muss erst einmal nach Hause“, sagt Eddie, „die Tiere füttern, Susie versorgen. Das war alles sehr anstrengend für sie.“

„Ich habe Hunger und Durst, mein Handy muss aufladen und“, Viola holt Atem, „bei Iris möchte ich mich endlich auch melden. Ich habe sie vorhin telefonisch nicht erreicht.“

Ich verstehe die beiden nicht. Wie können sie einfach zur Tagesordnung übergehen?! „Aber Brownie ist in diesem Lieferwagen. Betäubt. Ich kann doch nicht zulassen, dass sie ihm etwas antun.“

„Das ist wohl eher unwahrscheinlich“, erwidert Eddie, „ich denke, sie wollen ihn lebend.“

„Ausgestopft wäre etwas creepy, oder?“, wirft Viola ein.

„Ausgestopft?!“ Meine Schwester besitzt Humor.

Ich bin überstimmt. „Wie lange braucht ihr? Reicht euch eine Stunde? Wo und wann treffen wir uns?“

„Zwei.“

„Anderthalb.“

Eddie sieht nicht begeistert aus. Aber Viola nickt.

„Dann musst du endlich deinen ganzen Kram aus dem Auto schaffen“, Viola zeigt auf mein Auto. „Für uns drei plus Hund ist da wohl kaum Platz.“

„Dann nehmen wir den Wagen unserer Eltern …“

Viola schüttelt den Kopf. „Und wenn sie ihr Auto brauchen?“

„Deins?“ Ich sehe Eddie an, weiß aber, dass der Jeep nicht nur zu klein, sondern zu klapprig ist für eine ausgedehnte Landpartie.

„Ich überlege mir etwas“, sagte ich, „und schicke dir eine Nachricht, Eddie, in Ordnung?“

„Dir wird bestimmt etwas einfallen, aber lass mir etwas Zeit, bitte“, Eddie streicht sich mit der flachen Hand die dunklen Haare aus der Stirn, „als wir uns das erste Mal begegnet sind, hatte ich ja keine Ahnung, welches Energiebündel in dir steckt!“

„Gut oder schlecht?“, rutscht es mir heraus. Ich meine, ich habe Bäume umarmt, mir einen fiesen Ausschlag zugezogen und bin auch sonst ziemlich planlos durchs Leben gestiefelt, aber ich hoffe, dass ihm die kämpferische Rothaarige besser gefällt als die braune Stadtmaus. Eddie antwortet nicht, sondern grinst mich nur breit an.

„Komm Susie“, sagt er stattdessen, „dafür ist Lila dir einen Knochen schuldig. Oder zwei. Ohne dich hätten wir das alles heute nicht geschafft.“

„Ich mache es wieder gut“, rufe ich den beiden hinterher. Wer hätte das gedacht? Auch wenn seine Worte vermutlich eher an mich gerichtet waren als an Susie, bin ich mir ziemlich sicher, dass auch Eddie manchmal mit seiner Hündin spricht. So verrückt bin ich gar nicht!

„Niedlich“, sagt Viola, als wir im Auto sitzen, „dein Eddie.“

„Er ist ja gar nicht mein Eddie“, korrigiere ich sie.

„Ich denke schon“, grinst Viola. „Einen Förster hätte ich mir ganz anders vorgestellt.“

„Ich mir auch.“

„Viel älter.“

„Wie alt wird er sein?“

„Anfang dreißig?“

„Er hat auch keine olivgrüne Waldmontur an.“

„Wie ein Jäger?“

„Dabei ist er auch Jäger.“

„Echt? Das traue ich ihm eigentlich nicht zu.“

„Was?“

„Tiere zu töten.“

„Muss er manchmal. Hege und Pflege. So ist das.“

„Ich weiß. Aber er wirkt, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun.“

„Oh“, sage ich, „da kennst du ihn nicht, wenn er jemanden im Wald erwischt, der dort Unsinn treibt – oder dessen Hund, dann kann er ganz andere Seiten aufziehen. Du würdest staunen.“   

„Dann hattest du es auf jeden Fall verdient!“ Viola knufft mich leicht in den Arm.

„Hey, ich fahre Auto, meine Liebe!“, schimpfe ich.

„Auf jeden Fall sieht er völlig normal aus. Niedlich eben.“

„Brownie ist niedlich“, verbessere ich sie, „Eddie sieht einfach gut aus.“

„Dann sind wir uns ja einig.“

Wir lachen. Ein helles gackerndes Mädchenlachen. Es fühlt sich an wie in unseren Teenagerjahren, nur dass wir uns heute viel besser verstehen und uns nicht ständig in den Haaren liegen. Und dann kommt es doch. Die Frage, die ich in den letzten Stunden so erfolgreich verdrängt habe. „Wie schlimm ist es?“

Viola weiß sofort, was ich meine. Trotz unseres kleinen Abenteuers hat keine von uns unsere Mutter vergessen. „Das ist wirklich schwer zu sagen. Es kommt darauf an, wie die Therapie anschlägt. Es ist auf jeden Fall ernst. Das ist es immer.“

„Wird sie …“ Ich kann den Satz nicht beenden. Da ist ein ziemlich dicker Kloß in meinem Hals.

„Krebs bedeutet nicht automatisch ein Todesurteil. Denk das bloß nicht. Und Iris sollte das auch auf keinen Fall. Es gibt so viele unterschiedliche Arten und Verläufe. Und nicht zuletzt spielt auch die mentale Stärke eine Rolle.“

„Aber was können wir tun – was kann ich tun? Du bist Ärztin, du kennst so etwas …“

„Ich habe mit Gelbfieber, Unterernährung, offenen Wunden oder ähnlichem zu tun. Ich bin kein Onkologe. Krebs ist nun wirklich nicht mein Spezialgebiet. Aber ich würde gern mit den Kollegen reden. Ansonsten bin ich – sind wir alle – nicht medizinisch gefordert. Ich möchte einfach da sein. Vielleicht braucht sie etwas. Egal was. Bewegung ist gut. Wir könnten kleine Waldspaziergänge machen. Zusammen Teetrinken. Reden. Alte Filme gucken. Mensch-ärgere-dich nicht spielen. So etwas.“

„Mal abgesehen davon, dass ich mit dir nicht mehr spiele, weil du immer gewinnst …“

„… und du schummelst. Trotzdem spiele ich mit dir.“

„Lass uns Brettspiele einfach von der Liste streichen. – Wie lange bleibst du?“

Viola atmet einmal tief ein und aus. Sie lässt sich Zeit mit einer Antwort. „Ich muss noch einmal ins Camp zurück. Ein paar Dinge regeln. Mein Projekt ist bald zu Ende. Ich denke, ich werde erst einmal zwei Wochen in Berlin sein. Im Herbst komme ich zurück. Dann ist meine Wohnung auch wieder frei.“

Violas Wohnung! Ob ich dort – nur für ein paar Wochen … „Die Wohnung hast du untervermietet?“, frage ich vorsichtig.

„Ja, das weißt du doch. Marisha. Sie hat jetzt einen Freund. Die Wohnung ist für zwei Personen, die Nachwuchs erwarten, zu klein.“

„Und sie ziehen aus?“

„Vergiss es, Lila. Das Baby kommt erst im November. Bis dahin werden sie etwas anderes haben, aber bis Oktober habe ich ihnen die Wohnung zugesichert.“

„Dann schlafe ich eben im Auto …“, antworte ich trotzig.

Auto?! Aus dem Nichts ploppt sie auf, diese Idee. Wir könnten doch den Bus nehmen, um in die Uckermark zu fahren. Platzprobleme gäbe es dann keine. Ist das die Lösung unseres kleinen Beförderungsproblems?

Es gibt Tage, da lächelt man innen, nur für sich, weil man mit sich zufrieden ist, und mit dem Leben. Heute ist so ein Tag. Ich lächle. Keine Ahnung, ob andere dieses Lächeln wahrnehmen oder nicht. Es ist wie Licht, das aus mir herausscheint. Es kommt aus der Tiefe meines Bauches, nicht aus dem Kopf. Der Bauch ist die Gefühlszentrale. Etwa auf Höhe des Bauchnabel. Von dort ziehen die Emotionen ihre Kreise. Und gerade spüre ich es ganz deutlich. Es ist ein warmes freundliches Lächeln.

Ohne Plan oder Vorausschau überlasse ich mich den zufälligen Wendungen in meinem Leben. Ich rede von Zufall, nicht von Schicksal. Denn an einen vorherbestimmten Weg glaube ich nicht. Ich bin schließlich keine Marionette einer höheren Macht, die über meinen Kopf hinweg die Fäden zieht. Ich selbst lenke meine Schritte. Ein stetiges Fortschreiten in die richtige Richtung. Denn richtig fühlt es sich an. Jetzt. Seitdem ich keinen Job und keine Wohnung mehr habe, fühlt es sich als das an, was es ist: Das Beste, was mir passieren konnte. Und weil dazu auch Brownie gehört, muss ich ihn wiederfinden. Wir brauchen einen Wagen. Es liegt doch auf der Hand, was der nächste kleine Schritt auf meiner Schnitzeljagd zum Glück sein muss!  

Über die Freisprechanlage rufe ich Kalli an. „Dachte mir schon, dass du dich früher oder später mal wieder meldest!“, begrüßt sie mich.

„Und?“, drängle ich.

„Er fährt.“ So, wie sie das sagt, gibt es sicher einen Haken. „Und?“, frage ich ein zweites Mal.

„Der Innenausbau dauert. Erst einmal haben wir ihn unter der Haube aufpoliert. Schließlich zählen die inneren Werte. Später hübschen wir das Schätzchen auch noch von außen etwas auf.“

Wahre Schönheit kommt von innen, denke ich. Und – obwohl wir über ein Fahrzeug sprechen – ertappe ich mich doch tatsächlich dabei, dass ich an mich selbst denke und daran, dass ich zwar seit Tagen in den selben Klamotten herumlaufe, kein Make-Up trage und vergessen habe, meine Sommersprossen zu zählen. Dennoch fühle ich mich pudelwohl.

„Kann ich ihn mal Probe fahren?“

„Heute?“

„Ja.“

„Echt jetzt, Lila?“

„Ja.“

„Er ist nicht angemeldet.“

„Bitte Kalli, ich brauche ein Fortbewegungsmittel für drei Personen“, flehe ich sie an, „und einen Hund.“

Sie stöhnt. „Ich lass mir etwas einfallen. Wann kommst du?“

„Bald.“

Ich beschleunige.

Zuhause bei unseren Eltern werden wir an der Haustür empfangen wie Gäste, die sich verspätet haben und auf die man ungeduldig gewartet hat.

„Stimmt das, dass du bei Gericht zu spät gekommen bist, Lila?“, begrüßt uns mein Vater. Wie früher erwarte ich die Standpauke im Flur, noch bevor ich abgelegt habe. „Ich meine, jemanden wie Paul Fenner bekommt man nicht einfach so. Er ist gefragt. Das war ein Freundschaftsdienst. Und dann ist ausgerechnet auf meine Tochter keinen Verlass! Ziemlich peinlich, oder?“

„Ich habe es geschafft, keine Sorge.“

„Achso?“ Er klingt immer noch sehr verärgert. „Na dann! Aber stell dir vor: Wir haben uns tatsächlich Sorgen gemacht. Paul hat bei uns angerufen, als du nicht aufgetaucht bist.“

Viola und ich lassen unsere Sachen fallen und stürmen an ihm vorbei in die Küche, um den Kühlschrank zu plündern.

Mein Vater steht in der Tür und schaut uns nach. Er seufzt. Sein Ton ist jetzt um einifges versöhnlicher „Und ich dachte, die Zeiten lägen hinter uns!“ Er beobachtet uns, wie wir in der Küche nach Essbarem suchen. „Das habt ihr früher schon so gemacht.“ Er grinst. „Ausgehungert seid ihr hier eingefallen, als hättet ihr tagelang nichts gegessen und getrunken.“

„Das fühlt sich auch in etwa so an!“ Viola füllt sich ein Glas mit Leitungswasser.

„Ihr müsst kein trockenes Brot und saure Gurken essen. Im Ofen steht Lasagne.“

Wie geil, denke ich nur, sage es aber nicht. Manche Worte sind in diesem Haushalt tabu. Und „geil“ gehört dazu. Daran ändert sich auch nichts, wenn man selbst erwachsen ist und man eben so redet, wie man redet.

Viola holt den warmen Auflauf aus dem Ofen. „Wie geil ist das denn?“, fragt sie und lächelt.

„Hast du gerade das Wort gesagt?!“ Ich sehe sie an.

„Welches Wort?“, fragt sie zurück und schaufelt sich eine ordentliche Portion auf den Teller, den ihr unser Vater reicht.

„Ich sag dazu nichts“, erklärt mein Vater und stellt Weingläser auf den Tisch. „Lieber einen Merlot oder einen Grauburgunder?“

„Weder noch“, sage ich, „wir haben heute noch einiges vor und dürfen uns jetzt nicht betrinken.“

Jetzt versteht er die Welt nicht mehr. „Abgesehen davon, dass wir noch keinen vernünftigen Satz miteinander gewechselt habe, dachte ich eigentlich nicht daran, dass ihr Euch jetzt die Kante gebt, sondern nur ein Gläschen zu diesem wunderbaren Essen …“

„Ich nehme einen Schluck, Papa“, sagt Viola, „aber Lila muss noch fahren.“

„Ihr wollt wieder los?“ Unsere Mutter erscheint in der Küche. Sie trägt einen chinesischen Morgenmantel mit einem roten Drachen, Orchideen und grünen Ranken, dazu das bunte Tuch, das Viola ihr geschenkt hat. Ihr scheint kalt zu sein. Die Farben lassen ihr Gesicht noch blasser wirken, als es sowieso schon ist.

„Wie war es denn nun, Lila?“

„Wolltest du dir nicht etwas Ruhe gönnen?“ Unser Vater sieht besorgt aus.

„Lass gut sein“, wehrt unsere Mutter ab, „wenn die beiden uns schon einmal die Ehre geben, kann ich doch nicht schlafen. Ruhe hab ich genug, wenn ich tot bin.“

Viola verschluckt sich fast an der Lasagne. Und ich sehe Iris mit weit aufgerissen Augen an, die drohen von einer nächsten Tränenwelle erfasst zu werden. Ich schlucke und trinke nun doch einen Schluck Wein aus Violas Glas.

„Nun schaut nicht so. Es war ein Scherz. Also, was gibt es Neues?“

„Brownie ist betäubt worden“, erkläre ich und schiebe mir eine Gabel der köstlich duftenden Lasagne in den Mund. Knoblauch. Frische Tomaten. Basilikum. Schafskäse. Spinat. Ich liebe sie. Mein Vater ist der beste Koch, den ich kenne! „Brownie ist weg. Er wurde gekidnappt. Wir müssen ihn finden.“

Mein Vater verdreht die Augen. „Und die Verhandlung?“

„Gut“, antworte ich knapp, „sie war gut.“

„Da erzählt mir ja Paul mehr als meine eigene Tochter!“  

Ich ziehe die Flyer aus der Tasche und lege sie auf den Küchentisch.

„Die brauche ich wohl nicht mehr.“

Iris kommt näher, nimmt sich einen der Flyer und setzt sich zu uns an den Tisch. Lange betrachtet sie die Zeichnung, die ich von Brownie gemacht habe.

„Du solltest das beruflich machen“, sagt sie.

Ich lasse die Gabel sinken und sehe sie überrascht an.

„Die Zeichnung. Sie ist wunderbar. Du solltest etwas daraus machen. Aus deinem Talent.“ Sie lässt die Zeichnung sinken. Ihre Augen. Wasserblau sind sie. Wie ein See, deren Oberfläche in der Sonne glitzert. Ich lege meine Hand auf ihre und drücke sie.

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