On the road again

Eddie kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus, als wir mit dem 3,5 Tonner auf den Parkplatz brettern und mit einem langgezogenen Quietschen in den Eingeweiden des Trucks zum Stehen kommen.

„Ich wusste nicht, dass wir in den Krieg ziehen.“

Eddie zieht sich am Griff der Beifahrertür hoch und ich rutsche in die Mitte, um ihm Platz zu machen.

„Und du kannst dieses Ding fahren?“ Eddie beugt sich über mich zu Viola. Da ist er wieder – der typische Eddie Duft. Nur wenige Zentimeter trennen uns voneinander und ich unterdrücke den Impuls, Eddie auf die dunklen Bartstoppeln zu küssen. Erst die Arbeit, … okay, Lila, reiß dich zusammen!

„Ich besitze zumindest einen LKW-Führerschein“, antwortet Viola und zwinkert Eddie zu.

„Gehört das zu den Voraussetzungen, um bei Ärzte ohne Grenzen arbeiten zu dürfen?“

„Es ist auf jeden Fall von Vorteil!“, lacht Viola. „Ich habe ihn vor drei Jahren gemacht, nachdem es mehrmals hintereinander vorgekommen war, dass wichtige Medikamentenlieferungen kurz vor ihrem Ziel irgendwo im Nirgendwo zwischen Gulu oder Moyo gestrandet sind.“

„Und du springst dann ein?“ Eddie ist beeindruckt.

„Nein“, lacht Viola, „bisher noch nicht. Aber für den Fall der Fälle bin ich gerüstet. Es kommt auch vor, dass du …“

„Heb dir das bitte für deine Memoiren auf“, unterbreche ich meine Schwester. Im nächsten Moment spüre ich ihren Ellenbogen in meinen Rippen. „Ich tue das nur für dich, Lila!“

„Aber könntest du jetzt bitte auf die Tube drücken, damit wir hier wegkommen?“

„Hast du denn mittlerweile einen Plan“, fragt Viola zurück. An ihrer Stimme höre ich einen beleidigten Unterton heraus.

„Wir haben ein Fahrzeug. Wir wissen, wohin wir müssen. Und die Zeit läuft ab. Brownie ist doch mittlerweile sicher aus der Betäubung aufgewacht, oder?“  

„Aber mal ehrlich“, wendet sich Eddie an mich, „wie stellst du dir das vor, Lila? Wir sind nicht gerade unauffällig unterwegs.“

„Ich finde unser Gefährt mehr als passend. Und dieser Offroader hat doch zumindest viel Kraft unter der Haube.“

„Und wenn wir statt einer Dampfwalze eher Samtpfötchen benötigen? Anschleichen und ausspionieren sind mit dem Truck kaum zu vereinbaren.“

„Eddie“, ich rolle genervt die Augen, „in diesem Truck sitzen drei Menschen mit Grips. Uns wird schon etwas einfallen. Erst einmal brauchen wir eine Playlist.“

„Playlist?“, wiederholen Viola und Eddie wie aus einem Mund.

„Good Vibes und so.“

Ich ziehe mein Smartphone aus der Tasche und die Miniboxen, die ich mir im letzten Moment noch in die Tasche gesteckt hatte.

„Heilige Scheiße“, entfährt es Viola, „ich dachte, dass du diese Musiksache mittlerweile aufgegeben hättest!“

Eddie hat keinen Schimmer, worüber wir reden.

„Ich brauche Musik“, gebe ich patzig zurück.

„Schalt das Radio ein!“

„Wir brauchen Musik, die zu uns und zu unserem Abenteuer passt.“

„Ich glaube, da kommen wir nicht überein. Geschmäcker sind verschieden, oder Eddie?“

Viola sucht in Eddie einen Verbündeten.

„Wenn es nach mir ginge“, Eddie überlegt kurz, „wie wäre es mit Händels Feuerwerkmusik?“

„So weit kommt es noch. Dass in einem umgebauten Militär-Offroader Klassikradio läuft!“

„Dann der Radetzkymarsch?“

„Eddie“, lacht Viola, „du gefällst mir!“

„Mir auch!“, sage ich, damit es hier keine Missverständnisse gibt, „aber in Sachen Musikauswahl – tut mir leid Eddie – hat niemand mitzureden.“

„Lila“, sagt Viola, die wieder in die Rolle der älteren Schwester geschlüpft ist. „Dein Musik-Tick in allen Ehren, aber eben hast du gedrängelt und jetzt hältst du dich mit solch einem Kinderkram auf?“

Eddie sieht auf die Uhr. „Wir brauchen etwa eine Stunde.“

„Gib Gummi!“, sage ich mit der Autorität eines Oberfeldwebels und starte meine Playlist.

„Risin‘ up, back on the street; did my time, took my chances …”

“Bitte nicht, Lila!”, ruft Viola und macht einen Schlenker über den Standstreifen.

Aber bei it’s the thrill of the fight brüllen wir drei alle zusammen. Also los, ins Auge des Tigers!

In meiner Vorstellung erwarten uns die dunklen Ecken von Schwedt, dort, wo die Gesetzeslosen ihr Territorium abgesteckt haben. Dunkle Hinterhöfe, marode Industriegelände oder zumindest ein abgelegener Resthof. Stattdessen fahren wir durch ein Idyll aus grünen Wiesen, Bächen, Brücken und einem weiten Blick übers platte Land. Die Wolken hängen tief. Dazwischen leuchtet die Sonne. Es ist warm, aber hochsommerliche Temperaturen lassen noch auf sich warten. Schwedt ist ein beschauliches Städtchen zwischen Havel und Oder. Für mich fühlt es sich für einen Moment so an, als wären wir drei auf einem Landausflug. Fehlt nur noch der Picknickkorb. Wenn da nicht immer wieder der Gedanke an Brownie wäre …

Viola hält in einer Seitenstraße. Die Straßen tragen die Namen von Vögeln. Eddie setzt an, um von Uferschnepfen, Kampfläufern und dem Pirol, der in den Laubwäldern Oderhänge nistet, zu dozieren. Aber mich interessieren weniger die seltenen als die schrägen Vögel.

Helga Kieslowski wohnt in einem der Wohnblocks mit einem überdimensionalen Kranich an der Hauswand. Über die Gegensprechanlage meldet sie sich nach dem zweiten Klingeln. „Entschuldigen Sie“, beginne ich. Die Worte formen sich erst beim Sprechen. Den Text habe ich mir nicht überlegt. Ich hole Luft und improvisiere: „Besitzen Sie einen schwarzen Lieferwagen?“ Schweigen. Ob mich Helga Kieslowski verstanden hat? Ich nenne die genaue Typbezeichnung des Wagens. „Es geht um den Schaden, die Delle am Kotflügel.“

„Dazu kann ich Ihnen nichts sagen“, erklärt Helga Kieslowski. „Ich weiß nichts von einem Schaden. Da sind sie hier falsch.“

Wir drei sehen uns an. Ich zucke mit den Achseln. Weiter zur nächsten Adresse. Etwas außerhalb finden wir Bernd und Heide Klunt. Ihnen gehört eine Gärtnerei in der Nähe der Bundesstraße. Viola biegt auf den Schotterparkplatz ein. Im Schritttempo gleitet sie über den Kies. Trotzdem sorgen wir für Aufmerksamkeit. Unauffällige Ermittlungen führt man wohl anders. Dieses Mal gehe ich allein. Ich frage eine Mitarbeiterin nach den Klunts. Sie verweist mich auf den hinteren Teil des Gewächshauses. Dort schließt sich ein überdachter Außenbereich an. Sand und Natursteine. Säcke mit Pflanzerde, Torf und Mulch. Ein Hubwagen und ein Tor, das offensteht. Noch bevor ich auf Bernd oder Heide Klunt treffe, sehe ich den schwarzen Lieferwagen. Das muss ich mir aus der Nähe betrachten. Ich gehe einmal um den Wagen. Die Räder sind mit Schlamm verkrustet, der Dreck ist bis zu den Scheiben gespritzt. Ich fahre mit den Fingerspitzen den Kotflügel entlang. Der Wagen ist dreckig, aber er ist nicht verbeult.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Ich spüre, wie mir die Röte in die Wangen steigt. „Nein, ähm“, stammle ich, „entschuldigen Sie, aber ich möchte mir vielleicht auch so einen hier zulegen. Am liebsten gebraucht.“ Der Mann, der ganz offensichtlich nicht der Mann ist, den ich vor dem Tierheim gesehen habe, kommt näher. „Was für ein Zufall!“ Er grinst. „Wir wollen unseren verkaufen.“

Eine Viertelstunde später klettere ich in den Truck und bin heilfroh, dass ich Bernd Klunt losgeworden bin. Über die technischen Daten, Leistung und Kilometerstand seines Volkswagens bin ich nun im Bilde. Zum Schluss hat er mir auch noch seine Visitenkarte zugesteckt. Er mache mir auch einen guten Preis, versprach er.

„Fehlanzeige“, sage ich.

„Dann muss es ja nun der dritte auf der Liste sein“, resümiert Viola und legt den Gang ein. Der dritte Name auf der Liste gehört zu einem Bestattungsunternehmen. Wir parken direkt vor dem grauen Flachdach und blockieren damit mal eben alle Parkplätze vor dem Haus. „Sie können hier nicht parken!“, eine Dame im schwarzen Kostüm kommt aufgeregt aus der Glastür. „Was ist das für ein Monstertruck?“ Sie schüttelt den Kopf. „Los, weg hier, aber plötzlich! Das ist ja geschäftsschädigend oderbefördern Sie da eine Leiche drin?“

Die Frau besitzt Humor! „Nur eine Frage“, setze ich an, die Frau wirft mir einen argwöhnischen Blick zu. „Wir hatten vor einiger Zeit einen Zusammenstoß mit einem schwarzen Lieferwagen. Kann das Ihrer gewesen sein?“

„Zusammenstoß?“ Sie stemmt die Arme in die Hüfte. „Wenn Sie jemanden rammen, ist der dann wohl platt. Aber nein, wir hatten keinen Zusammenstoß. Schließlich können wir nicht mit einem Unfallwagen zum Trauerhaus kommen.“

Aus der Ferne sehe ich, wie ein schwarzer Wagen die Straße hochfährt. „Und jetzt verschwinden Sie, bitte!“

Viola zuckelt die Landstraße zurück gen Westen entlang. Das Gewicht des Offroaders scheint zugenommen zu haben. Wir kommen kaum voran. Auch unsere Enttäuschung wiegt schwer.

„Dafür hast du jetzt keine Playlist, oder?“ Viola klingt müde. Die Stimmung ist auf einem Tiefstand.

Trotzdem aktiviere ich die Box und drücke auf play. But I won’t never give up, no, never give up, no, no
No, I won’t never give up, no, never give up, no, no …
“Mensch, Lila, jetzt lass den Scheiß”, Viola hat tatsächlich keine Lust mehr. „Wir geben auf. Du hast dir das Kennzeichen einfach falsch gemerkt. Es wird bald dunkel. Wir fahren nach Hause.“

Niemand sagt darauf ein Wort. Mittlerweile sitzt Eddie in der Mitte und ich außen. Felder, Wiesen und Bäume wechseln sich ab. Dann kommt ein Dorf. Ein paar Häuser an der Straße, dann wieder nur Grün, Gelb, Grün, ein Streifen Blau, Grün. Never give up.

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