There is a light

„Dann muss es Helga sein“, sagt Eddie. „Wir haben sie nicht gesehen. Wenn sie die Frau war, die Brownie aus dem Tierheim geholt hat?“

Schweigend fahren wir weiter. Dann wendet Viola abrupt, so dass ich für einen Moment ganz dicht an Eddie gedrückt werde. Er legt den Arm um mich und hält mich fest, bis Viola den Truck wieder auf der Straße hat.

„Halt bloß die Klappe, Lila“, brummt Viola. Aber ich weiß, sie meint es nicht böse. Den Weg finden wir auf Anhieb. Mittlerweile kennen wir uns aus. Wieder lese ich in Gedanken die Reihe der Vogelnamen auf den Straßenschildern, bis wir vor dem Kranich halten.

Dieses Mal stehen Eddie und ich vor dem Türschild mit der Aufschrift Helga Kieslowski. „Was soll ich sagen?“

„Du sagst gar nichts. Jetzt bin ich dran.“

Ich werde gern überrascht. Und Eddie überrascht mich, als er Helga Kieslowski eine handfeste Lügengeschichte auftischt.

„Guten Tag, Frau Kieslowski, mein Name ist Heinz Schmidt von der unteren Naturschutzbehörde. Wir führen eine Befragung durch. Es geht um den Naturraum unsere schützenswerten Singvögel. Ich denke an den Pirol oder auch den Wachtelkönig. Zum Schutz der Natur möchten wir so viele Wohngebiete wie möglich zu Tempo-30-Zonen umbauen. In ihrer Wohnsiedlung gibt es noch kein Tempolimit. Wie stehen Sie zu dieser Frage?“

„Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen“, Helga Kieslowski scheint Eddies Ausführungen nicht ganz folgen zu können. Sie bleibt aber an der Gegensprechanlage. „Sind Sie für eine verkehrsberuhigte Zone?“

„Das ist mir egal.“

„Dann fahren Sie selbst auch Auto?“

„Nein, schon lange nicht mehr.“

„Sie besitzen auch kein Auto?“

„Nein“, sagt sie, dann verbessert sie sich. „Miron besitzt ein Auto.“

„Ihr Mann?“

„Mein Sohn.“

„Einen Kleinwagen?“

Helga Kieslowski scheint sich über das Interesse .

„Er hat mehrere Autos. Aber er liebt es etwas größer.“

Mir liegt die Frage nach dem schwarzen Lieferwagen auf der Zunge, aber ich kann Eddie nicht in die Parade fahren.

„Danke, Frau Kieslowski“, sagt Eddie und verabschiedet sich.

„He“, ruft Helga Kieslowski, „und was ist jetzt mit der 30er Zone? Wenn ich mir es so recht überlege, ist das doch gar nicht so übel. Muss ich etwas unterschreiben? Eine Petition oder so etwas?“

„Nein“, antwortet Eddie, „ich nehme Ihre Stimme als Befürworterin eines Tempolimits auf und bedanke mich herzlich für Ihre Zeit.“

Als wir etwas weiter weg sind, platzt es aus mir heraus. „Warum hast du nicht weitergefragt? Du warst so kurz davor!“

„Warum?“ Er zückt sein Handy. Er tippt etwas ein. Miron Kieslowski. Speditionsunternehmen. Zwei Orte: Schwedt und Krajnik Dolny. Die Adresse befindet sich auf der polnischen Seite der Oder.

„Sie hat uns doch alle wichtigen Informationen genannt. Ich denke, der Lieferwagen ist über sie angemeldet. Es gibt keine Garagen am Haus. Ein paar Stellplätze. Und Helga selbst fährt kein Auto. Also entweder ist der Sohn die richtige Spur oder Viola hat recht und du hast einfach ein falsches Kennzeichen erinnert.“

Es fühlt sich seltsam an, das Land zu verlassen. Die grüne Polderlandschaft schmiegt sich in sanften Wellen an die Straße, dann der Fluss, auf dessen Oberfläche sich die Abendsonne spiegelt. Ungefähr zehn Kilometer fahren wir noch weiter in die pommersche Provinz. Dann führt der Weg auf eine unbefestigte Straße. Während sich zur einen Seite die Felder öffnen, liegt auf der anderen Seite ein Waldstück. Viola fährt Schritttempo. Hier kann sie nirgends drehen. Der Weg wird noch schmaler, dann gabelt er sich. Das Navi möchte, dass wir uns links halten, aber Viola biegt rechts ein. „Ich denke, wir sollten unseren Panzer lieber hier abstellen und zu Fuß weiter.“

„Ich schlage vor, dass Eddie und ich das Haus suchen oder den ominösen Firmensitz und du bleibst hier. Falls jemand kommt, kannst du uns anrufen.“

Viola nickt.

Eddie und ich machen uns auf den Weg. „Was machen wir, wenn es wirklich der Mann ist, der Brownie entführt hat?“ Zum ersten Mal hätte ich gern einen Plan und möchte nicht auf spontane Eingebungen vertrauen. „Wir rufen die Polizei“, sagt Eddie, aber es klingt eher wie eine Frage als nach einem Plan. „Polnische?“, fragt er. Ich weiß es nicht.

Das Anwesen liegt von Bäumen umgeben und von einem Bretterzaun geschützt am Ende des Weges. Das Tor ist verschlossen. Eine Kamera bewacht die Einfahrt. Da ist Licht auf dem Hof. Wir bleiben in einiger Entfernung und suchen entlang des Zaunes nach einer undichten Stelle, wo wir durchschlüpfen können. Nichts. Eddie bietet mir eine Räuberleiter an und ich kann mich an den Pfählen so weit hochziehen, dass ich einen Blick über den Zaun werfen kann. Mir wird heiß. Da steht der schwarze Lieferwagen. Die eingedellte Seite ist gut zu erkennen. „Bingo!“, flüstere ich aufgeregt. „Wir müssen da rein!“ Eddie lässt mich wieder runter. Bis eben war alles nur ein Abenteuer. Eine Möglichkeit. Jetzt wird es ernst. Und Eddies Miene sehe ich an, dass er sich Sorgen macht.

„Wir sind ziemlich weit weg“, gibt er zu bedenken. „Wweit weg vom nächsten Ort. Wir kennen uns hier nicht aus. Und wenn der Typ oder die Typen gefährlich sind, wen rufen wir an?“

Ich schließe die Augen und atme tief durch. „Wir warten.“

„Worauf?“

„Dass alle schlafen.“

„Das kann dauern.“

„Trotzdem. Wir warten.“

Wir setzen unseren Weg um das Gelände fort. „Der Baum dort!“ Ich deute auf eine alte Eiche. Ihre Äste wurden gestutzt, aber einer ragt über den Zaun. „Wenn wir da hinaufklettern, dann auf den Ast und von dem Ast …“

„Lila!“, stöhnt Eddie.

„Was?!“

Auf einen Baum zu klettern ist leichter gesagt, als getan. Eddie baut einen Tritt aus trockenen Ästen. Da ich die erste bin, die klettert, kann er von unten etwas nachhelfen und schieben. Eddie selbst ist wesentlich geschickter im Bäumebesteigen als ich. Ich robbe auf dem Ast Stück für Stück weiter und reiße mir meine Hose auf. Hinter dem Zaun lasse ich mich in die Tiefe fallen und lande leider nicht wie eine Katze auf allen Vieren sondern purzle seitlich auf den Rücken. Das hat wehgetan. Elegant geht anders. In etwa so wie Eddie das macht.

„Hast du dich verletzt?“, flüstert er und hilft mir auf. Aber meine Schmerzen sind jetzt wirklich schnuppe. Wir schleichen von hinten an das Haus heran. Im Haus brennt Licht. Es gibt unzählige Nebengebäude und Bretterverschläge. Die Türen sind unverschlossen. Meine Nackenhaare stellen sich auf und ich spüre, wie sich auf beiden Armen einen Gänsehaut ausbreitet. Trotzdem muss ich wissen, was sich dahinter befindet. Ich öffne die Tür. Es ist dunkel. Ih kann nichts sehen, dafür stinkt es bestialisch. Mich fröstelt. Es gibt keine Fenster. Aus dem Dunkel dringt leises Wimmern zu uns durch. Eddie hat die Taschenlampe seines Handys aktiviert und leuchtet in die Decken des Verschlages. Das Licht spiegelt sich in den Augen der Tiere, die hier eingepfercht in Käfigen kauern. Es sind Hunde. Kleine. Große. Verschiedene Rassen. Hell und dunkel. Allesamt in einem erbärmlichen Zustand, soweit ich das auf den ersten Blick beurteilen kann. Ängstlich halten sie sich an die hinteren Stäbe gedrückt. Ich greife nach Eddies Arm, um mich festzuhalten und presse die Hand vor den Mund. „O mój Boże!“, entfährt es Eddie in seiner Heimatsprache.

Da höre ich Schritte auf dem Hof. Eddie löscht das Taschenlampenlicht. Ich traue mich kaum zu atmen. Da sind Schritte. Sie kommen direkt auf den Verschlag zu. Wir drücken uns an die Wand. Aber als Versteck reicht das nun wirklich nicht aus. Jemand öffnet die Tür, um sie danach fest ins Schloss zu werfen. Dann hören wir eine Kette rascheln. Es klickt. Die Schritte entfernen sich über den Hof. Der Wagen wird angelassen. „Mist!“, sagt Eddie, der an der Tür steht und daran rüttelt. „Wir sind eingesperrt!“

Mein Handy meldet sich. Viola. „Der Lieferwagen. Der schwarze Wagen! Er ist eben den Weg zur Straße runtergefahren.“

„Viola“, beschwöre ich sie, „pass auf, es kann sein, dass wir dich brauchen. Lass den Schlüssel in der Zündung. Ich melde mich wieder.“

„Ob wir allein sind?“

Eddie späht durch die Ritze des Holzverschlags. „Ich kann nicht viel erkennen, aber ich würde sagen, dass das Licht im Haus aus ist.“

Was nun, Lila? Denk nach! Was nun? Es geht nicht mehr allein um Brownie. Diese armen Kreaturen hier brauchen Hilfe. The eye oft the tiger. Jetzt gilt es, sage ich mir.

„Viola?“

Sie ist ganz Ohr.

„Du fährst den Weg bis zum Haus, gibst so richtig Gas und fährst mit dem Truck den Zaun nieder. Wir sitzen in dem Bretterverschlag auf neun Uhr vom Haupthaus gesehen.“

Viola protestiert nicht. Sicher verflucht sie, dass sie mitgekommen ist. Aber ich habe bereits aufgelegt.

„Wir müssen hier raus, Eddie.“

Eddie sucht den Verschlag ab, an einer Stelle tritt er mit seinen schweren Schuhen gegen die Holzlatten, bis sie im unteren Teil bersten. Ich höre den Truck. Dann das Krachen von Holz. Die Scheinwerfer des Offroaders erleuchten den Hof. Eddie und ich zwängen uns durch das Loch ins Freie. Eddie sucht nach Werkzeug und findet schließlich einen Spaten, mit dem er die Tür aufstemmt.

„Sollte die Kamera Alarm geschlagen haben, bleibt uns nur wenig Zeit“, sagt er.

Viola und ich öffnen die Käfige, die zum Glück nur durch Steckhaken gesichert sind und befreien die Tiere. Manche müssen wir tragen. Andere müssen wir samt Käfig in den Laderaum befördern. Auch in den Nachbarverschlägen sitzen verstörte Tiere in kleinen Gefängnissen. Brownie ist nirgends zu finden.

„Wir können nicht alle retten“, ruft mir Viola zu. „Doch, können wir.“ Obwohl ich mir da nicht wirklich sicher bin.

Eddie trägt gerade mehrere Labradorwelpen zum Truck, als ich das Motorengeräusch höre. „Wir müssen weg hier!“, schreie ich. Ich schnappe mir einen verängstigten Chihuahua, der völlig orientierungslos umherirrt, und renne zum Truck. Viola startet.

„Es gibt nur einen Weg zurück?“

Eddie hat seine Wanderapp geöffnet. „Auf der Rückseite verläuft ein Wanderweg.“

Viola atmet tief durch und drückt aufs Gas. Der Zaun stellt kein wirkliches Hindernis für unseren Truck dar. Er fällt wie die Stäbchen eines Mikadospiels. Wir holpern über Steine, ein flacher Graben, dann sehen wir den Weg. Er ist schmal. Der Truck donnert über den Waldboden und zieht rechts und links eine Reifenfurche. Es hat lange nicht geregnet. Der Boden ist trocken. Die feinen Äste zerkratzen den Lack des Offroaders. Er wurde gerade erst olivgrün aufpoliert. Kalli wird schimpfen. Aber das sind nun wirklich Probleme, die hintenangestellt werden können.

Der Wald lichtet sich. Wir biegen auf einen Feldweg und vom Feldweg auf eine befestigte Straße. „Wohin?“, brüllt Viola. „Wo liegt die Grenze?“

„Eddie?“ Mein Herz rast. Wir sind immer noch in Polen, haben gerade Hausfriedensbruch begangen und die Ladefläche voller Hunde. Der Chihuahua erleichtert sich auf meine Hose. Na prima!

„Rechts!“, stößt Eddie hervor. Mittlerweile ist es stockfinster. Viola holt alles aus dem Truck heraus und drückt das Gaspedal durch. Bald müssen wir den Übergang erreichen. Die Brücke ist nicht mehr weit. Da sehe ich die Scheinwerfer im Rückspiegel.

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