Hasenjagd

„Fahr schneller!“, feuere ich Viola an.

„Was will der Typ von uns?!“, brüllt Viola. „Ich meine, wir liefern uns hier ein Rennen und am Ende zieht er eine Waffe und knallt uns ab oder was?“

„Quatsch!“ Aber meine Erwiderung kommt etwas zu schnell und zu selbstsicher. Denn weiß ich wirklich, in was wir hier hineingeraten sind? Wer ist dieser Milan? Jemand, der Tiere auf diese Art und Weise zusammenpfercht, ist doch alles zuzutrauen, oder nicht? Dass er mit Waffen umgehen kann, hat er bereits bewiesen, als er mit dem Betäubungsgewehr auf Brownie gezielt hat.

Der Chihuahua schmiegt sich zwischen mich und Eddie. Ich lege meine Hand auf sein struppiges Fell. Er ist warm und weich. Und immerhin: Dieser kleine Kerl ist seiner Hölle entkommen. Ich werde mich nicht von diesem Milan erschrecken lassen! Vielleicht ist er uns auch gar nicht nachgefahren. Schließlich fflößen wir mit unserem Fahrzeug doch auch Respekt ein. Jetzt bloß nicht weiter im Panikmodus laufen! Ich sollte einen kühlen Kopf bewahren. Ganz gegen meine Gewohnheit übernehme ich den Part der Vernüftigen. Zumindest wage ich einen Anlauf.

„Wer sagt denn, dass der Lieferwagentyp, dieser Milan, uns folgt?“ Ich schaue in den Außenspiegel rechts von mir. „Das könnte doch auch irgendjemand sein …“

„Ganz egal“, unterbricht mich Eddie, „wenn wir über der Grenze sind, rufen wir die Polizei.“

„Wo ist denn die verdammte Grenze?“, brüllt Viola. „Und natürlich ist der Lieferwagen hinter uns.“

„Das weißt du doch gar nicht“, brülle ich zurück. Wusste ich es doch, dass mir das mit dem kühlen Kopf nicht gelingt …

„Klar weiß ich das!“

„Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Eddie scheint der einzige zu sein, dessen Stimme sich nicht vor Aufregung überstürzt.

Es ist stockfinster. Die Landschaft wirkt im Dunkeln wie ein anderer Planet. Nichts kommt mir bekannt vor.

„In 300 Metern rechts abbiegen“, tönt es emotionslos aus Violas Handy. Und dann noch einmal: „Bei nächster Gelegenheit rechts abbiegen.“

„Ist das der richtige Weg?“

Noch vor einer Woche hätte ich mich das selbst noch gefragt: Bin ich auf dem richtigen Weg? Ein Weiterso konnte es für mich nicht mehr geben. Jeder Mensch sollte sich von Zeit zu Zeit diese Frage stellen – und beantworten. Antworten können allerdings unterschiedlich ausfallen. Ich dachte ja auch, dass ich als Grafikdesignerin bei WebAd gut aufgehoben bin. Mittendrin von allem. Menschen. Boutiquen. Cafes. Clubs. Ein Leben to go. Es war längst überfällig, dass mir jemand ein Stoppschild unter die Nase hielt. Bitte wenden! Auf die Frage nach dem rechten Weg im Leben gibt es in der Regel mehr als eine Antwort. Leben heißt Entscheidungen treffen. Davor habe ich mich bisher gern gedrückt. Ich habe andere über mich entscheiden lassen. Das ändere ich gerade. – – Leider sind es auch meine Entscheidungen, die uns hierher gebracht haben. In diese Misere!

Viola reißt das Steuer nach rechts. „Wo ist diese Scheißbrücke?“

Die Reifen rutschen in den Graben. Wir werden alle nach rechts geworfen. „Was machst du denn, Viola?!“ Ich fasse das nicht. Der Chihuahua hüpft ängstlich in den Fußraum des Wagens.

„Das ist ein Feldweg.“ Eddie hat ebenfalls seine Handy-App geöffnet und studiert in einer Seelenruhe die Landkarte.

„Du bist zu früh abgebogen!“, meckere ich. Dabei bringt uns das nicht weiter. Viola sitzt am Steuer. Und dies hier ist keine geruhsame Landpartie. Ich schaue in den Spiegel. Die Scheinwerfer kleben immer noch an uns. „Also, Leute“, ich atme einmal tief durch, „wir werden tatsächlich verfolgt.“

„Der richtige Weg liegt also rechts von uns?“, fragt Viola und trifft eine Entscheidung. Das ist ihr immer leichter gefallen als mir: das Handeln. Und so reißt sie noch einmal das Lenkrad herum und nimmt den direkten Weg über das Feld. Zur Abwechslung werden wir mal nicht nur zur Seite gedrückt, sondern auch nach oben und unten, während die Reifen sich über die Erdfurchen arbeiten. Wie die blechernen Aufziehkarnickel meiner Kindheit, denke ich. Genauso hoppeln wir auf den Sitzfedern des Wagens übers Gelände. Ich stoße mir den Kopf. Und mit dem Schmerz tritt ein klarer Gedanke zutage. „Die Hunde!“, kreische ich. „Viola, halt an, die Tiere.“ Dieses Gehoppel können wir ihnen auf keinen Fall zumuten.

„Wir haben es gleich geschafft. Da vorne muss der Weg sein. Dann der Übergang, die Brücke, die Polderwiesen. Schwedt.“ Viola gibt weiter Gas. „Eddie, wähl schon einmal die Nummer der Polizei.“

„Du musst sofort anhalten!“, rufe ich dazwischen. „Jetzt!“

Viola tritt auf die Bremse. Ein letztes Mal werden wir durchgerüttelt. Dann steht unser Panzer. Und es ist still. Fast still. Die Kühlung unter der Motorhaube arbeitet auf Hochtouren. Ich wünschte, meine grauen Zellen würden ebenso rattern, aber sie werfen keine Idee aus. Wir stehen. Hoffentlich sind die Tiere unverletzt geblieben. Aber wie geht es jetzt weiter? Was sollen wir tun?

Unser Verfolger scheint ebenfalls angehalten zu haben. Eddie, der zwischen mir und Viola sitzt, übernimmt das Heft des Handelns. Als erstes tauscht er mit Viola den Platz. „Runter“, befiehlt er. „Ihr taucht ab und kein Wort. Ich meine es ernst. Klappe halten!“

Eddie steigt aus. Auch Milan hat seinen Wagen verlassen. „Du Penner!“, brüllt er.

„Eddie!“, flüstere ich und versuche, meinen Herzschlag unter Kontrolle zu halten.

Viola legt den Zeigenfinger an die Lippen und sieht mich streng an.

„Wer schickt dich?“ Wieder Milan.

„Du weißt wer“, antwortet Eddie.

„Sag ihm, dass ich liefere. Morgen.“

„Warum soll er dir glauben?“

„Weil ich bisher immer mein Wort gehalten habe.“

„Und was ist dieses Mal anders?“

„Der Köter hat einen eigenen Kopf. Und dann war da noch diese Frau …“

Mir gefriert das Blut in den Adern. Daran hatte ich bisher keinen Gedanken verschwendet. Nicht nur ich habe ihn gesehen und mir sein Kennzeichen gemerkt. Milan hat mich auch gesehen.

„Warum gerade der Hund? Du hättest einen neuen besorgen können.“

Milan antwortet nicht sofort. Ob Eddie etwas zu viel gewagt hat?

„Du weißt warum.“

Weiß er? Da bin ich aber gespannt. Warum gerade Brownie.

„Ich weiß nur, dass es ein Berger de Brie sein sollte.“

„Dann frag deinen Boss doch selbst! Und jetzt fährst du schön meine Ware wieder zurück. Das ist nicht nett, wenn du den Hunden einen solchen Schrecken einjagst. Schließlich werden sie noch gebraucht. Oder soll ich den Boss anrufen?“

„Glaubst du, ich mache mir diese Mühe, um dir eine Lektion zu erteilen?“ Eddie klingt für mich überzeugend. „Du bist raus. Betrachte es als Geschäftsauflösung!“

Ein Handgemenge schließt sich an. Ich höre es ganz genau. Zwei Männer, die sich prügeln. Ich habe Milans trainierte Oberarme gesehen. Ich reiße die Tür auf und springe aus dem Wagen. Im Lichtkegel des schwarzen Lieferwagens sehe ich sie. Milan liegt am Boden, Eddie über ihm. Beide Männer schauen überrascht in meine Richtung. Milan nutzt die Chance, um sich aus Eddies Griff zu befreien.

„Das ist doch die Tussi!“, brüllt Milan. Er rennt zum Auto, reißt die Hintertür auf und taucht mit einem Gewehr wieder auf.

„So, Freunde“, er schiebt eine Patrone in den Lauf.

„Ich habe es vermasselt“, flüstere ich, „tut mir leid, Eddie.“

„Kannst du nicht einmal machen, was man dir sagt?“ Eddie ist wirklich sauer.

„Woher sollte ich wissen, dass du mit ihm fertig wirst?“

„Das nennt man Vertrauen.“

„Ich hatte Angst um dich. Und wie nennt man das?“

„Dummheit.“

„Ich nenne es Liebe!“

Darauf weiß Eddie nichts zu erwidern. Dass ich tomatenrot anlaufe, bermerkt hoffentlich niemand.

Milan bricht in schallendes Gelächter aus.

„Was für ein Pärchen! Ihr seid ja süß!“

„Ist das das Betäubungsgewehr?“, frage ich Eddie leise, ohne Milan aus den Augen zu lassen.

„Nein“, flüstert er, „das ist ein Jagdgewehr.“

„Ein Repetiergewehr“, erklärt Eddie, „sollte er uns beide damit erschießen wollen, muss er zwischendurch neu laden.“

„Ist das gut oder schlecht?“

„Einem von uns könnte das zur Flucht verhelfen …“

Meint er das ernst?

Er grinst mich an.

„Einer von uns könnte das hier überleben?“, frage ich. „Dann lass mich eins klarstellen: Nur weil ich dieses Wort eben gesagt habe, heißt das nicht, dass ich mich für dich opfere und die erste Kugel übernehme.“

„Welches Wort? Kannst du es noch einmal wiederholen?“

Milan feuert das Gewehr ab. Ich zucke zusammen und halte mir die Ohren zu.  In Sekundenschnelle hat Milan nachgeladen. „Damit ist deine Theorie wohl dahin“, flüstere ich. Der Schuss ging in die Luft. Und der nächste?

„Bisher habe ich damit nur auf Hasen geschossen, aber wenn ich zwei Einbrecher erschieße, ist das doch Notwehr, oder?“

Er nimmt uns die Handys ab. Dann stößt er erst Eddie und dann mir mit dem Gewehrlauf zwischen die Rippen. „Los, bewegt euch! Rein in den Wagen.“

Wir klettern zu den Hunden auf die Ladefläche. Es stinkt fürchterlich. „Eddie …“ entfährt es mir. Ich überlebe das nicht. Mir wird ja schon in der Straßenbahn schlecht. Das hier ist eindeutig zu viel für meine körperliche Konstitution. Habe ich erwähnt, dass ich einen nervösen Magen besitze?

Hinter uns fällt die Tür zu. Es ist schwärzer als die Tiefsee. Und ich fühle mich auch, als würde mir schon bald die Luft ausgehen.

„Eddie“, flüstere ich.

Er drückt meine Hand. „Lila, es tut mir leid …“

„Eddie!“, unterbreche ich ihn. Mal abgesehen, dass ich an allem Schuld bin und er sich nicht entschuldigen muss. Hier stimmt doch etwas ganz und gar nicht.

Der Wagen setzt sich in Bewegung. Wir drücken uns an die Tür. Eddie hält mich fest.

„Wo ist Viola?“

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