Verschleppt

Entweder Viola hat sich irgendwo im Wagen versteckt – aber wo? Oder sie konnte fliehen. Fliehen. Wohin? Zu Fuß über die Wiesen ins nächste Dorf. Vielleicht. Aber Viola besitzt ein Handy. Sie kann Hilfe verständigen. Das hat sie sicher längst. Eddie und ich werden gerettet. Und das hoffentlich schnell. Mein Magen dreht sich. Schon als Kind habe ich es gehasst. Hinten auf der Rückbank, ohne Sicht nach vorn. Jede Kurve, jede Unebenheit der Fahrbahn, jedes Abbremsen vor Ampeln hat eine Welle der Übelkeit in mir ausgelöst. „Wenn es gar nicht mehr geht, Lila“, sagte meine Mutter stets, „sag Bescheid. Dann halten wir kurz und du kannst frische Luft schnappen.“

„Bescheid!“, brüllte die kleine Lila von der Rückbank und spie einen Schwall anverdauter Nudeln von hinten nach vorn bis an die Windschutzscheibe, die seither bei ihnen nur noch Nudelschutzscheibe hieß. Ich spüre, wie mein Magen rebelliert. Die letzte Mahlzeit liegt Stunden zurück. Von dort ist nicht viel zu befürchten. Schlecht ist mir trotzdem.

„Hier“, Eddie friemelt etwas aus seinen Taschen, „willst du einen Kaugummi?“

Ich nehme dankend an. Das Kauen hält mich etwas auf Kurs. Jetzt nur nicht schlappmachen. Viola wird uns hier herausholen. Und so lange … betrachten wir den Nachthimmel durch die Dachluke! Denn mit einem Mal fällt Licht in den Offroader. Wir fahren auf einer Straße. Die Straßenlaternen werfen ein orangefarbenes Licht in unser Gefängnis. „Das ist unsere Tür in die Freiheit“, flüstert Eddie und deutet nach oben.

„Aber wie kommen wir an die Luke?“

Eddie schaut sich um. „Wir klettern auf einen der Käfige.“

Während der Wagen fährt, schaffe ich es noch nicht einmal, auf die Beine zu kommen, abgesehen davon liegen und stehen Hunde um mich herum, hecheln und wimmern. Die meisten allerdings haben sich zusammengerollt. Ich kann kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Und dann wird es wieder dunkel. Nicht so dunkel wie auf den polnischen Polderwiesen, aber immerhin so dunkel, dass nur hin und wieder ein Lichtstrahl ins Innere des Offroaders fällt. Der Wagen beschleunigt.

„Er nimmt die Autobahn“, vermutet Eddie. Die Autobahn? Wir fahren nicht wieder zurück zu Milans idyllischem Landsitz? Nein, denke ich. Jetzt reihen wir uns ein auf der Straße. Polen war nur der Anfang. Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan. Das waren die Länder, die Pola genannt hat. Ich denke an die Schweine und Rinder, die viele Tage zusammengepfercht in einem LKW vor sich hin vegetieren, bis ihrem Leben an ihrem Zielort endlich ein Ende gesetzt wird.

Wenn Pola und Age recht haben, und natürlich haben sie das, und es gibt deutsche Behörden, die ihre Unterschrift und einen feinen Stempel unter dubiose Viehtransporte setzen, dann werde ich dagegen klagen. Jawohl! Ich werde Paul fragen. Er wird das machen. Oder er kennt einen Kollegen, der mich vertritt. Ich werde die Veterinärämter –  oder wer auch immer verantwortlich ist – verklagen. Wegen Tierquälerei. Oder Beihilfe zur Tierquälerei. Keine Ahnung, worauf sich Juristen hier berufen. Das muss aufhören! Und die Sache mit den Hunden auch.

Ich bin zornig. Mein Zorn ist stärker als meine Reiseübelkeit. Dieser Milan wird geschnappt und hinter Gitter gebracht. Dafür werde ich sorgen! Oder Viola.

Eddie hat es geschafft, in Millimeterkleinarbeit einen der Käfige unter die Luke zu ziehen. Aber auch wenn es uns gelingt, dort heraufzuklettern und die Luke zu öffnen – wohin sollten wir vom Dach eines fahrenden Offroaders fliehen? Eddie ist nicht James Bond. Obwohl er scheinbar die ein oder andere Kampftechnike beherrscht. Und ich bin kein Bond-Girl. Da fehlt mir schon allein das passende Outfit.

Also müssen wir auf den richtigen Moment warten.

Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs sind. Mein Zeitgefühl ist trügerisch. Nicht erst, seitdem wir im dunklen Laderaums eines ehemaligen Militärfahrzeugs eingesperrt sind. Sind wir bereits in Posen? Oder gar Warschau? Vom Straßennetz östlich Berlins habe ich keinen blassen Schimmer.

Erneut fällt Licht durch die Luke. Der Wagen bremst und ich verliere das Gleichgewicht. Mein Magen meldet sich. Ich spüre den Brechreiz, ich würge. Nudelschutzscheibe, hämmert es hinter meiner Stirn. Nudelschutzscheibe. Ich schlucke.

Milan hat die Autobahn verlassen. Soviel steht fest. Anfahren, beschleunigen, abbremsen. Stop-and-go. Ampellicht. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich kauere mich auf den Boden, ziehe die Knie an und denke an das Ende. Nicht von allem. Nur von dieser Fahrt. Wenn der Wagen endlich stillsteht, werde ich meine grauen Zellen bitten, sich etwas zu überlegen. Kaizen. Der nächste kleine Schritt wird mich finden.

Eddie steht auf dem Käfig und begutachtet das nach außen gewölbte Dachfenster. Milan bremst. Eddie verliert das Gleichgewicht und bekommt gerade noch die Dachschlaufe zu fassen, um sich festzuhalten. Dann steht der Wagen.

Mein Herz pocht, es kriecht mir aus der Brust, steigt höher, bis in meine Ohren dröhnt es. Sind wir am Ziel? Ist das das Ende? Geht jetzt die Tür auf und Milan steht da mit seiner Jagdflinte? Mein Atem geht flach. Ich lausche. Die Fahrertür wird zugeworfen, dann Schritte. Ich rieche sie. Die Angst. Die Tiere haben Angst. Ich habe Angst. Eddie? Ich schaue nach oben. Eddie öffnet die Luke. Ob wir da durchpassen?

„Los, Lila, du zuerst!“

Ich rapple mich auf. „Wir holen Hilfe und befreien euch!“, flüstere ich meinen Mithäftlingen zu. Dann steige ich auf den Käfig. „Wie soll das gehen?“

Eddie stöhnt. „Stell dich nicht so an!“ Zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden bietet er mir eine Räuberleiter an. „Und du?“ Wie soll Eddie das ohne Hilfe schaffen?

„Mensch Lila, wenn du draußen bist, öffnest du den Wagen und lässt mich raus!“

„Achso“, murmle ich. Manchmal stehe ich wirklich auf der Leitung.

Mit den Armen voran suche ich auf dem Dach nach etwas, um mich festzuhalten, schließlich bekomme ich die Reling zu fassen, ziehe mich daran nach vorn, Eddie schiebt von unten. Ich strample und winde mich und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie ungelenk ich bin. Ich bin Grafikerin, kein Schlangenmensch.      

Im ersten Moment spielt mir meine Höhenangst die nächste Panik vor. Das müsste doch die leichteste Übung sein! Mir weht frischer Wind um die Nase. Hallo, Freiheit! Aber wie soll ich jetzt vom Dach kommen? Springen? Schon wieder? Bei der Sache mit dem Ast auf Milans Grundstück hat mich weicher Waldboden erwartet, hier ist es harter Asphalt. Ich schließe die Augen, um mich innerlich auf den Sprung einzustimmen. Mentale Stärke und so. Da fällt mir ein, dass der Offroader eine Leiter am Heck hat. Oje, Lila!

Ich klettere nach unten. Als ich die Hecktür öffne, schlagen die Hunde an. Einige bellen und jaulen, drängen mit Eddie nach vorn, versuchen aus dem Wagen zu springen. „Schnell!“ Eddie fasst einen Labradorwelpen am Fell und schiebt ihn zurück in den Wagen. Die Tür fällt zu. „Das war laut. Viel zu laut“, flüstere ich.  

Doch Milan ist nirgends zu sehen. Dafür höre ich das Bellen eines Hundes. Da muss uns doch einer entwischt sein. Das Bellen wird lauter. Feindseliger. So hört sich keiner unserer verängstigten Welpen an. Ein breitbeiniger Wachhund mit Stachelhalsband prescht heran, baut sich vor uns auf und fletscht die Zähne. Geifer tropft aus seinem Maul. Sein Knurren klingt nicht danach, als wolle er spielen.

„Ganz ruhig“, flüstert Eddie, „beweg dich nicht.“ Hatte ich, ehrlich gesagt, nicht in Betracht gezogen. „Du musst wieder klettern“, sagt Eddie in einem ruhigen Ton, „hinter dir ist eine Mauer. Da musst du hoch.“

Hätte ich doch lieber statt Ballett und Zeichenschule ein ordentliches Survivaltraining absolviert! Zu spät! Die wichtigen Dinge bringt uns das Leben selbst bei. Wie zum Beispiel: Die Beine in die Hand nehmen und um sein Leben rennen. Eddie schlägt mit dem Höllenhund mit der Handkante auf das empfindliche Riechorgan. „Lauf!“, ruft er. Und ich laufe. Ich springe. Ich suche mit den Fingern nach halt, rutsche ab, versuche es wieder, nehme die Füße zur Hilfe und finde im Mauerwerk Kerben, an denen ich mich abstützen kann.

Fiffi hat sich schnell von Eddies Schlag erholt. Er erreicht die Mauer und schnappt nach uns. Ein Zahn verfängt sich in meinem Hosensaum. Ich ziehe kräftig, der Stoff reißt. Wow! Während ich noch dabei bin, meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen, hat Eddie sich bereits aufgerappelt. Vorsichtig setzt er einen Fuß vor den nächsten und arbeitet sich in die Dunkelheit vor. Ich komme vorsichtig in den Stand. Die Mauer ist schmal. Keine zwei Füße passen nebeneinander auf den Stein. Mit ausgestreckten Armen rudere ich in der Luft, bis ich sicher stehe. Von hier habe ich einen guten Überblick. Rechts von mir liegt die Auffahrt mit dem Offroader. Am Ende der Auffahrt ein gusseisernes Tor, dessen Spitzen wie Speere in den Himmel ragen. Ein Strahler beleuchtet die Einfahrt. Das Tor ist geschlossen. Die Auffahrt ist ist schmal und öffnet sich dann vor dem Haus zu einem offenen Platz. Wir befinden uns auf einem herrschaftlichen Landsitz, kein Bretterverschlag im Wald. Eine Villa, ein nüchterner Gründerzeitpalast. Viele Fenster. Drei Etagen. Eine ausladende Steinterrasse. Daneben weitere Gebäude, die man von hier nicht so gut erkennen kann. Die Villa ist hell erleuchtet. Aus allen Fenstern fällt Licht in den Garten. Der Rasen ist gepflegt. Englischer geht es wohl kaum. Links auf der anderen Seite der Mauer schließt sich ein weiteres Anwesen an. Ein beleuchteter Pool, Liegen, ein offener Sonnenschirm, Gläser, die nicht weggeräumt wurden. Dort hat jemand heute die Sonne genossen. Ich denke an russische Oligarchen. Auch die müssen irgendwo wohnen, Champagner schlürfen und ihrem Müßiggang nachgehen.

Milans Boss lebt in Saus und Braus. Und dessen Nachbarn auch. Ob wir hier irgendwo jemanden finden, der uns helfen wird? Wir brauchen ein Telefon. Der Stachelhalsbandhund bellt immer noch. Vom Haus ertönt ein Pfiff. Ich höre Schritte. „Schnell, Lila!“ Eddie springt von der Mauer in den Garten mit dem Pool.

Bevor ich mich von der Mauer fallen lasse, werfe ich noch einen Blick über die Schulter. Im Licht des Deckenlüsters kann ich ihn sehr gut erkennen. Kein Zweifel. Dort drüben in der Villa steht Brownie an der Terrassentür und wedelt aufgeregt mit dem Schwänzchen.

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