Drachenblut

Was wäre, wenn ich mich an Muttertag nicht hinters Steuer gesetzt hätte, um Iris zu besuchen? Wenn ich nicht – noch viel zu müde von der Clubnacht mit Caro – das Bedürfnis nach einem Cappuccino mit einem Double Shot Koffein obendrauf gehabt hätte? Wenn ich nicht kurz vor der Abfahrt Stolpe auf den Rastplatz eingebogen wäre? Wenn ich ein paar Sekunden eher oder später den Parkplatz wieder verlassen hätte – wäre mir Brownie dann nie begegnet?

Meine Seidenbluse wäre nicht ruiniert worden, mein Leben auch nicht. War das schon alles?

Die Reihe unglücklicher Verkettungen reicht weiter zurück. Und schon bin ich wieder an meinem neuralgischen Punkt, meiner Achillesferse, meinem Lindenblatt auf der mit Drachenblut getränkten Haut: Was wäre, wenn meine Eltern mir nicht noch zusätzlich zum Nachnamen Grün den Namen Lila gegeben hätten? Lebt es sich als Julia, Katrin, Sofie oder Marie leichter? Wenn die Vorzeichen vor meinem Leben anders gewesen wären, wäre ich dann heute nicht ohne Job, ohne Wohnung und gerade auf der Flucht vor der Hunde-Mafia?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Marie Müller oder Sonja Schmidt sich auf einem russischen Oligarchenanwesen vor ihren Kidnappern verstecken müsste … Okay. Ich bin ganz sicher nicht in Russland. So lange waren wir nicht unterwegs. Aber Milan hat viele Kilometer zur deutschen Grenze gut gemacht.

Ich atme tief ein. Es ist eher ein Schnaufen und Eddie dreht sich zu mir um. „Ist dir immer noch schlecht?“, fragt er besorgt. Ich schüttle den Kopf.

Wie ich das hasse, dass mich mein Gedankenkarussel so lange herumwirbelt, bis mir schwindelig wird. Ich war doch schon so viel weiter. Ich dachte, ich hätte es geschafft. Ich müsste nicht mehr in diesen alten Kategorien denken und mit Dingen hadern, die nicht in meiner Hand liegen.

Heldinnennmut, sage ich mir, vielleicht auch etwas Drachenblut. Das brauchst du jetzt, Lila! Prinzessin Lillifee war noch nicht erfunden, als ich Kind war. Auf meinem Nachttisch lag eine Schmuckausgabe mit Sagen und Mythen. Daraus hat mir mein Vater abends vorgelesen. Ich sollte dankbar sein, dass die Wahl meines Vornamens nicht auf Kriemhild gefallen ist. Davon mal abgesehen: Vielleicht bin ich heute an der Reihe, einen Drachen zu erlegen?

Ich springe aus meinem Versteck hinter der Mauer. Ich muss zurück. Ich werde mir einen Stein nehmen und die Terrassentür einschlagen. Ohne Brownie gehe ich nirgendwohin. Der Dobermann schlägt wieder an. Er kläfft auf der anderen Seite, springt an der Mauer hoch, seine Krallen kratzen über den Stein und rutschen ab. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um einen Blick über die Mauer zu erhaschen. Wir sollten abhauen, so schnell es geht, sagt mein Hasenfuß-Ich. Du suchst dir jetzt eine Waffe und stürmst die Burg, sagt mein Siegfried-Ich.

Aber hier ist keine Waffe. Kein Stein, kein Stock, keine Mistgabel. Nichts. Aber dort, auf der anderen Seite, da ist Brownie, jetzt erkenne ich ihn ganz deutlich. Sein zotteliges Fell, seine tapsigen Bewegungen, seine dunkle Nase, die sich an die Scheibe drückt. Er steht im Licht des Deckenlüsters, das Schwänzchen hoch aufgerichtet und aufgeregt wedelnd. Er bellt, läuft auf der Stelle hin und her, führt sein Tänzchen auf, das ich mittlerweile so gut kenne. Da tritt ein Mann neben ihn. Es ist nicht Milan. Der Mann an der Terrassentür ist klein und schmächtig. Er greift Brownie ans Halsband und zieht ihn zurück. Brownie jault kurz auf, er windet sich. Dann schließt jemand die Vorhänge.  

„Eddie?!“, entfährt es mir. Ich muss Brownie befreien. Eddie zischt mich an und legt mir seine Hand vor den Mund. Dann höre ich es auch. Die Schritte. Instinktiv gehe ich in die Knie, mache mich ganz klein und bewege mich nicht. Die Schritte kommen direkt auf uns zu. Das war es mit dem Heldinnen-Ding. Ich halte den Atem an. Vor der Mauer enden die Schritte. Ich lausche angestrengt. Eine Stimme. Die Worte klingen harsch. Vielleicht ist es Milan, vielleicht aber auch nicht. Ich verstehe nicht, was er sagt. Aber der Hund scheint zu verstehen. Er folgt ihm zurück.

„Was hat er gesagt?“, flüstere ich.

„Dass Caesar ein dummes Mistvieh ist, dass nicht jedem Fuchs hinterherlaufen soll.“

„Caeser?“ Kleiner ging es ja nicht. Daher das große Hunde-Ego.

„Dieser Hund ist abgerichtet. Mit ihm ist nicht zu spaßen. Du könntest ihn auch Tante Erna nennen und er wäre dennoch ein gefährlicher Wachhund.“

„Was machen wir jetzt?“

„Abhauen.“

„Wir sind in Polen, irgendwo, ohne Handy.“

„Na und?“ In der schwachen Gartenbeleuchtung kann ich Eddies Gesicht nicht sehen, aber ich glaube, er zieht eine Grimasse.

„In Polen gibt es auch Polizei. Und die verständigen wir jetzt.“

„Und wenn die“, ich deute auf die andere Seite, „in der Zwischenzeit fliehen?“ Ich

„Wenn sie die Hunde und vor allem Brownie wieder an einen anderen Ort bringen? Sie streiten alles ab, wenn die Polizei eintrifft. Und wir haben keinen Schimmer, wo sie die Hunde hingebracht haben. Wenn du mich fragst, müssen wir zuerst Brownie befreien.“

„Dann geh“, Eddie macht eine flüchtige Handbewegung in Richtung des Anwesens hinter in der Mauer, „klingel, sag ihnen, sie sollen Brownie ausliefern, sonst … Tja, das ist wohl der Knackpunkt. Sonst passiert was genau?“

Ich weiß es nicht.

„Lila“, Eddie greift meine Hand, „du hast kein Druckmittel, du weißt nicht, wie gefährlich die Typen sind, wir wissen eigentlich gar nichts. Komm, wir suchen ein Telefon …“

Ich reiße mich los, springe auf und versuche über die Mauer zu klettern. Ich muss wieder auf die andere Seite. Brownie? Ich komme!

Grelles Licht trifft uns. Und zwar von unserer Seite der Mauer. Ich blinzle und halte mir die Hand vor Augen.

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“

Das war es dann wohl! Jetzt sind wir geliefert. Sollte ich noch einmal in diesen Lieferwagen, garantiere ich für nichts. Mein Magen dreht sich beim Gedanken an die Fahrt.

„Hände hoch! Ich bin bewaffnet!“

Warum wundert mich das nicht? Irgendetwas stimmt hier nicht, denke ich, aber was? Ich versuche zu erkennen, wer da seine Waffe auf uns richtet, aber ich kann nichts sehen, außer ein paar sehr hellen Schuhe, die sich sogar im Dunkeln abzeichnen. Die Stimme kommt mir sehr vertraut vor.

„Was wollen Sie von uns?“, ruft Eddie.

„Das hier ist mein Grundstück. Ich rufe jetzt die Polizei!“

„Ja, bitte, rufen Sie die Polizei!“, bestärkt Eddie ihn.

Was stimmt denn hier nicht? Ich meine, außer dass wir von einer Krise in die nächste stolpern? Der Mann spricht kein Polnisch. Ist es das?

„Was ist denn hier los?“ Eine Frauenstimme. Jackpot. Wie beim Flippern, wenn die Kugel vom Flipperhebel bis in den Kopf des Automaten katapultiert wird, der Reihe nach alle Targets blinken und die Musik spielt. Ich kenne die Frau. Und ihn hätte ich an den weißen Sneakers bereits erkennen können. Tore. Das Licht im Garten flammt auf. Unterschiedlich große Lichtkugeln erhellen die Terrasse, den Rasen, den Teakholzsteg bis hin zum Pool. Schneeball und Hortensien säumen den Weg vom Haus in den Garten. Eine alte Bekannte betritt die Terrasse wie eine Bühne. Hektisch versucht sie, den Gürtel ihres Kimono zu binden.

„Was zur Hölle …“, flucht Doreen.

„Das frage ich Euch!“

„Lila?“ Tore lässt die Taschenlampe sinken. „Sag mal, spinnst du? Warum brichst du mitten in der Nacht bei mir ein?“

„Vielleicht will sie dir auch eine reinhauen? Verstärkung hat sie schon einmal dabei.“

Doreen, du dumme Nuss, denke ich und verkneife mir einen Kommentar.

„Stalkst du uns jetzt?“, fragt Tore angriffslustig.

„Ich kann das erklären …“ Erklären? Ich habe keine Ahnung, wie ich meine Lage erklären soll!

„Ich wusste gar nicht, dass du ein Haus in Polen besitzt“, gehe ich in die Offensive. Heißt es nicht in Business-Seminaren: Wer fragt, führt? Ben hat mich an solchen Weisheiten gern ungefragt teilhaben lassen.

„Polen?“, fragt Tore zurück, „bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

„Wir sind entführt und nach Polen verschleppt worden.“

Tore schaut mich an, als wäre ist geisteskrank. Er wirft Doreen einen vielsagenden Blick zu – dann biegen sich beide vor Lachen.

„So lustig finde ich das gar nicht.“

„Ist es aber!“, lacht Tore, „Lila, du bist noch durchgeknallter, als ich dachte. Woher hast du meine Adresse?“

„Also sind wir nicht in Polen?“

Doreens Lachen endet abrupt. Sie kommt auf mich zu. Ich sehe ihr Gesicht. „Du spionierst uns aus? Willst du Tore erpressen? Willst du noch mehr Geld aus ihm herausholen?“

Ich hebe die Hände, wehre ab, keine Ahnung, von was sie redet.

„Das muss ein Missverständnis sein“, schaltet sich Eddie ein.

Doreen fährt herum. „Und wer sind Sie? Hat Sie sie beauftragt?“

„Ich glaube, Ihre Fantasie geht etwas mit Ihnen durch …“

Doreen lacht hysterisch. „Red‘ keinen Scheiß, Freundchen! Ihr beide taucht hier mitten in der Nacht auf. Das kann ja wohl kein Zufall sein. Lila versucht gerade, Tore über den Tisch zu ziehen. Jetzt sucht sie nach neuen Druckmitteln. Wollt Ihr Beweisfotos?“

„Moment mal!“, gehe ich dazwischen, „Fotos? Von was redest du da?“

„Doreen“, Tore legt ihr die Hand auf die Schulter, „lass gut sein.“

Sie streift sie ab und kommt noch einen Schritt näher. „Tore ist vielleicht etwas nachsichtig, ich bin es nicht.“

Was auch immer das heißen soll …

Ich habe keine Zeit für Doreens Spielchen. „Wolltet Ihr nicht die Polizei rufen?“

Tore sieht verlegen in die Runde und räuspert sich.

„Ehebruch ist ja wohl nicht strafrechtlich relevant.“

„Wer redet denn von Ehebruch?“ Jetzt wird es mir zu bunt!

„Es ist uns völlig schnuppe, was Sie beide hier treiben“, Eddie scheint wieder einmal den Durchblick zu haben. Bin ich immer die letzte, die die Zusammenhänge versteht?

„Wir sind entführt worden. Bitte rufen Sie die Polizei.“

„Borgst du mir die?“ Ich zeige auf Tores Waffe, die er zwar nicht länger auf uns richtet, aber noch in der Hand hält.

„Lila!“ Eddie ist entsetzt.

Tore reicht sie mir bereitwillig.

„Spinnst du!“ Eddie will mir die Waffe abnehmen, aber ich drehe mich zur Seite, wiege sie in der Hand und erschauere. Schwer ist sie. „Wie benutzt man die?“

„Besitzen Sie einen Waffenschein?“, will Eddie von Tore wissen. „Das ist nicht zulässig. Sie können hier nicht einfach mit einer Waffe …“

„Es ist eine Attrappe.“

„Ach, echt? …“ Für mich sieht sie wie eine echte Schusswaffe aus. Das James-Bond-Feeling stellt sich wieder ein. „Die dort drüben wissen nicht, dass das Ding nicht echt ist“, wende ich mich an Eddie.

„Bist du verrückt?“

„Ja, ist sie“, mischt sich Doreen ein.

„Klappe!“, zische ich.

„Ich gehe mit der Waffe rüber, hole Brownie. Ihr ruft die Polizei.“

„Wir warten auf die Polizei.“ Eddie meint es ernst. Aber ich auch.

„Wer weiß, ob ich Brownie überhaupt mitnehmen darf, wenn die die Typen hops nehmen? Ich hole Brownie, du rufst die Polizei.“

„Wer oder was ist Brownie?“, fragt Tore.

„Mein Hund.“

„Kommt mir nicht ins Haus!“, beeilt sich Doreen.

„Dein Haus?“

„Das ist doch Irrsinn“, sagt Eddie noch einmal, „wir warten auf die Polizei, basta!“

„Ihr habt beide nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ihr wollt Mark dort drüben die Polizei auf den Hals hetzen? Ihn gar selbst mit einer Waffe bedrohen?“ Er schüttelt den Kopf und zeigt uns dann einen Vogel.

„Das ist ein Hundehändler der übelsten Sorte. Wir haben ein paar seiner Hunde aus ihrem polnischen Gefängnis befreit.“ Befreit und dann wieder verloren, berichtige ich mich. Auch sie können wir nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Ich werde die Tiere aus dem Lieferwagen befreien.

„Bullshit! Wir sind hier im Westend und nicht im Wilden Westen!“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und sehe ihn an. „Wie war das noch einmal mit dem Ehebruch? Nicht, dass mich das sonderlich interessieren würde, was du so treibst, wenn Katrin nicht in Berlin ist, aber in diesem Fall, könnte ich sie vielleicht darüber aufklären …“

Doreen springt auf mich zu und schubst mich. Ich taumle zurück und stoße gegen die Mauer. „Wusste ich es doch!“

„He!“ Eddie stellt sich vor mich. Auch Tore springt Doreen zur Seite.

„Sachte“, sagt Tore, „ich mache einen Vorschlag: Ich sehe von Eurem Hausfriedensbruch ab, dafür unterschreibst du, Lila, den Auflösungsvertrag. So wie er ist.“

„Das ist Erpressung!“

„Und du bekommst die Waffe.“

In meinem Hirn rattert es.

„Ich ziehe die Anzeige gegen dich zurück.“ Doreen grinst mich an. „Wenn du unterschreibst“, fügt sie handzahm hinzu.

Das wird ja immer toller!

„Wie wird das vor Gericht aussehen, wenn du mich stalkst und dich nachts auf meinem Privatgrundstück herumtreibst?“ Auch Tore hat Kreide gefressen. „Ich fühle mich bedroht.“

„So ein Unsinn! Das eine hat mit dem anderen doch gar nichts zu tun.“ Eddie versucht es mit Vernunft. Leider findet Vernuft gerade kein Gehör.

„Und Sie sind?“

„Gib mir den Vertrag. Ich unterschreibe“, sage ich, „wir sind quit und ich höre nie wieder etwas von Euch?“

„Und wir nicht von dir?“

So unwahrscheinlich es auch ist, Tore ist auf alles vorbereitet oder einfach nur ein sehr gut organisierter Mensch. Innerhalb von zwei Minuten ist er mit dem Auflösevertrag zurück. Ich nehme den Stift entgegen. Meine Schneidezähne malträtieren meine Unterlippe.

Ich schmecke Blut. Drachenblut, denke ich. Und treffe eine Entscheidung.

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