Hände hoch!

Den Vertrag, den Tore mir reicht, unterschreibe ich, ohne an die Konsequenzen zu denken. Paul wird mich für verrückt erklären. Mein Anwalt, da bin ich mir sicher, hätte mehr für mich herausgeholt. Tores Angebot, damit ich die Agentur verlasse, ist ein Witz. Geld ist nicht alles. Oder doch? Es ist ein weiches Polster, auf dem du dich eine gewisse Zeit ausruhen kannst, mahnt eine meiner inneren Stimmen. Deine Absicherung für die nächsten Monate schießt du gerade in den Wind, erklärt eine andere Stimme schnippisch. Sie klingt ein bißchen wie meine Mutter. Dabei bin ich mir sicher, dass sie zwar gern Empfehlungen ausspricht, sich selbst aber selten an welche gehalten hat. Die Heldengeschichten aus ihrer Jugend klingen anders, wenn meine Großmutter sie erzählt. „Und ich hatte Iris noch gewarnt, zieh dich warm an, aber nein, sie hat nicht gehört. Hätte ich ahnen können, dass sie stundenlang auf eiskaltem Asphalt hockt? Sitzblockade war ihr Lieblingswort. Ich sage nur: Blasenentzündung. Hohes Fieber. Kurz vor dem Abitur. Musste das sein? Typisch, Iris! Und die jungen Dinger damals trugen ja kaum etwas am Leibe.“ Der größte Aufreger im Hause Grün war jedoch, als meine Mutter bei einer Demo Farbbeutel auf Polizisten warf und danach in Handschellen mit der Grünen Minna aufs Revier gebracht wurde. Ihre Eltern, meine Großeltern, haben sich damals fürchterlich aufgeregt. „Und so jemand will später in den Staatsdienst?“ Hans-Walter Grün, selbst Oberstudienleiter, konnte seine Enttäuschung kaum zurückhalten. Iris hatte sich gerade für Kunst auf Lehramt eingeschrieben. Die Tage des Schweigens, die daraufhin folgten, nennt Iris heute „die Eiszeit“. Iris hat immer das getan, was sie für richtig hielt, ohne die Folgen abzuwägen.

Ich bin das Kind meiner Mutter.

Ohne zu zögern, schnappe ich mir die Waffe und ziehe mich an der Mauer hoch. Meine Knie stoßen an den rauen Stein. Genau auf die Stelle bin ich vorhin schon einmal gefallen. Der Schmerz fährt durch mein Bein wie ein Blitz. Normalerweise bin ich eine Mimose. Ich habe Angst vor Schmerzen. Und körperliche Anstrengung ist nur bis zu dem Punkt in Ordnung, an dem ich noch gut dabei aussehe. Beides trifft heute nicht zu: Es tut weh und ich hinterlasse keine gute Figur. Trotzdem schwinge ich tapfer ein Bein auf die Mauer, rutsche ab, muss es noch einmal versuchen, schlage mir erneut das Knie an. Leise fluche ich vor mich hin, dann bin ich oben. Wie ein Kartoffelsack lasse ich mich auf den englischen Rasen plumpsen. Es duftet nach Erde und frischem Grün und heiler Welt. Hier möchte ich liegenbleiben, die Zeit anhalten, nur für einen Augenblick. Aber ich darf jetzt nicht zögern oder nachlassen. Mein gesunder Menschenverstand hat Freigang. Mein Kopf pausiert. Meine Beine streben vorwärts. Und so rappel ich mich auf und stürme zur Tür.

Angst spüre ich nicht, als ich den Klingelknopf bearbeite. Ein Glockenspiel. Eine Melodie, die ich nicht kenne. Die Hunde schlagen mit dem ersten hellen Glöckchen an. Mehrere. Milan öffnet, den Dobermann hält er am Halsband. Er sieht mich überrascht an. Nein, dies ist nicht der Pizza-Service. Oder der Sushi-Bote. Keine Ahnung, was man sich in dieser feinen Gegend zu später Stunde noch liefern lässt.

„Halt bloß deinen Freund fest!“ Ich richte die Waffe auf Milan. Mit einer Selbstverständlichkeit, die ich nur aus meiner langjährigen Erfahrung als Tatort-Zuschauerin kenne, halte ich sie mit beiden Händen und dem Finger am Abzug – als wäre sie echt. Meine Entschlossenheit ist die einer entsicherten Waffe. Milan weicht zurück. Den Hund hält er weiter am Halsband. Ich trete in den Eingangsbereich. Vorhalle trifft es wohl eher. Meterhohe Decken, Spiegel, glänzende Deckenlüster, barocke Gemälde, ein Tisch mit einem Blumenbouquet wie aus einer Hochglanzzeitschrift. Willkommen bei Familie von und zu Prunk und Protz! Ich trete auf das altehrwürdige Parkett. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. In der Mitte der Halle steht eine Flügeltür offen. Darauf steuere ich zur. Eine Bewegung lässt mich zur Seite fahren. Aber es ist nur mein Spiegelbild. Eine fremde Frau mit roten Haaren.

Ein Hund bellt. Diese Hundestimme ist mir wohlbekannt. Brownie muss hier irgendwo sein. „Sperr den Köter weg!“, befehle ich und fuchtel mit der Waffe in der Luft herum. Milan schließt den Dobermann weg, der nun ebenfalls hinter einer Tür aufgeregt bellt. Milan versucht, gelassen zu wirken, aber sein massiger Körper steht unter Spannung. Er lässt die Muskeln seines Oberarmes spielen, als er die Hand zur Faust schließt.

„Was soll das werden?“ Das ist der Mann, den ich am Fenster gesehen habe. So klein wirkt er gar nicht mehr, als ich ihm gegenstehe. An Milan gemessen erscheint jeder normalgewichtige Mann unter einem Meter achtzig schmächtig. „Verlassen Sie sofort mein Haus!“

„Wenn Sie mir Brownie herausgeben.“

Ich richte meine Waffe auf den Hausherrn.

„Wer soll das sein?“

„Den Hund, den sie im Nebenraum verstecken.“

„Aus welcher Anstalt sind Sie denn ausgebrochen, Sie arme Irre?“

„Ich an Ihrer Stelle würde tun, was die arme Irre sagt.“ Ich halte seinem Blick stand. Wie Tore trägt er Sportschuhe zur Anzughose, nur dass dieser Ganove hier wesentlich älter ist als mein Hipster-Chef. Seine Haare sind schlohweiß, das Gesicht sonnengebräunt, die Zähne so strahlend wie das gestärkte Oberhemd, das er nicht ganz bis zum Kragen zugeknöpft hat. Cyphochilus, denke ich und bin nicht im mindesten überrascht, dass mir der Name des Käfers in Erinnerung geblieben ist, über den ich bei einer Farbrecherche gestoßen bin. Sein Panzer ist weißer als Weiß. Reiner als Milch. Heller als Papier. Brilliant eben. Wissenschaftler arbeiten daran, die natürliche Pigmentierung des Käfers synthetisch zu kopieren, um daraus Lacke, Überzüge und Farben herzustellen. Dem Käfer ist dies alles schnuppe. Er trägt seinen Panzer nicht, weil ihm die Farbe gefällt, sondern weil sie nützlich ist. Sie macht ihn quasi unsichtbar. Er sieht nicht mehr aus wie eine leckere Käfermahlzeit, sondern wie ein ungenießbarer Pilz. Das ist schlau, sehr schlau sogar. Aber ich durchschaue das Manöver. Dieser distinguiert wirkende Mann versucht mit seinem Äußeren davon abzulenken, was er wirklich ist: Ungeziefer!

„Gib mir meinen Hund!“, zische ich.

„Milan, klärst du mich bitte auf? Wer ist das?“

„Das ist die Tussi aus dem Lieferwagen. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich befreien konnte. Ich dachte, …“

„Halt`s Maul, Milan!“

„Ich sage es nur noch einmal: Geben Sie den Hund frei. Bitte!“ Wenn dies eine echte Waffe wäre, würde ich zur Demonstraion meiner Entschlossenheit nun in die Luft schießen, so muss ich darauf vertrauen, dass die beiden meiner Bitte nachgeben.

Der Hausherr zeigt sich unbeeindruckt. Entweder er hat auf den ersten Blick festgestellt, dass ich mit einer Attrappe auf ihn ziele oder er besitzt Nerven wie Drahtseile. Er tut so, als wäre ich Luft. Statt an mich, richtet er das Wort weiter an Milan.

„Wir haben ein Problem“, sagt er, als bestünde das Problem darin, dass der Champagner für uns alle eventuell nicht reichen könnte. „Du hast das Problem hierher geschleppt!“, sein Ton wird schärfer, „jetzt musst du es auch lösen!“

Milan springt auf mich zu und schlägt mir die Waffe aus der Hand. Gleichzeitig zieht er selbst eine Pistole.

„Na endlich, Milan!“ Jetzt zeigt der Käfer sein wahres Gesicht. „Du bist ein Idiot, Milan, du hast mir das eingebrockt, unglaubliche Scheiße, du weißt das. Du musst das Saubermachen heute übernehmen.“

„Moment mal …“

„Fresse halten!“ Milan deutet mit der Waffe auf die Tür. „Zurück in den Lieferwagen. Mach schon!“

Es ist egal, wogegen man kämpft. Hauptsache man steht auf der richtigen Seite. Vor meinem inneren Auge sehe ich Iris, wie sie nach einem gefüllten Luftballon greift, ausholt und wirft. Eine Farbexplosion. Und ich sehe Rot. „Hat sich denn die ganze Welt gegen mich verschworen?“, brülle ich und spüre, wie meine Halsschlagader pocht. „Mir reicht es. Ich lasse mich von Euch nicht einschüchtern! Ihr meint, Ihr macht mir Angst? Scheiß, nein. Das Maß ist voll. Mehr geht nicht. Was soll da auch noch kommen? Ich habe meinen Job verloren. Ich koste zuviel, wissen Sie. Lieber soll ich als freie Mitarbeiterin den Aufträgen hinterlaufen. Meine Kollegin Doreen ist eine falsche Schlange, die sich vom Boss flachlegen lässt.“

„Doreen?“ Der Hausherr zieht eine Grimasse.

„Schnauze!“, schreie ich ihn an, „jetzt rede ich! Ja, Doreen. Und ich dachte, so etwas hätten Frauen meiner Generation nicht mehr nötig, um Karriere zu machen. Mein Freund ist ein Arschloch, also mein Exfreund. Er hat mich vor die Tür gesetzt. Meine Mutter ist krank. Vielleicht wird sie sterben. Ich sollte bei ihr sein. Mein Leben sollte sich um das drehen, was wirklich wichtig ist. Und Brownie ist ein Hund. Ein Lebewesen, das niemandem etwas getan hat. Ihr könnt ihn nicht einfach stehlen und damit durchkommen. Ich habe es so satt!“ Ich hole tief Luft. „Ihr quält Tiere und scheffelt Geld. Niemand juckt das. Aber Pola, die gegen Euch Versager ohne Hirn und Herz kämpft, wird vom Staatsschutz gejagt?!“ Ich funkle Milan böse an. „Du glaubst, du beeindruckst mich mit deiner Waffe? Mir reicht es für heute! Ich bin gekidnappt worden und in einem beschissenen Lieferwagen über Land gekarrt, mit lauter verängstigten, traumatisierten Hunden um mich herum. Damit kommt Ihr nicht durch. Schluss jetzt!“ Meine letzten Worte sind zu laut, zu schrill und zu schief an. Bin ich das wirklich?

„Worauf wartest du noch?“ Eine Frau. Die Frau, die ich im Tierheim getroffen habe. Sie ist durch den Flur hereingekommen, ohne dass ich sie bemerkt habe. Wie aus dem Nichts. „Oder zögerst du, weil sie eine Frau ist, Milan? Tu einfach deinen Job oder gib mir die Waffe!“

Ein Schuss löst sich. Ich gehe in die Knie. Mir wird Schwarz vor Augen. Von Ferne höre ich Brownie. Er ruft nach mir.

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