Blaulicht

Der Schuss. Ein Knall. Ohrenbetäubend. Ich gehe zu Boden, halte schützend die Hände über meinen Kopf, in dem die Bilder in schneller Abfolge vorbeiziehen – wie im Daumenkino: Brownie. Der jämmerliche Anblick der Hunde in dem Verschlag. Eddie und ich. Verschleppt im Lieferwagen. Doreen und Tore. Die Erkenntnis, dass wir nicht irgendwo in Polen, sondern mitten in Berlin gelandet sind. Dazwischen taucht das Bild meiner Eltern auf, als Viola und ich aufgebrochen sind. Mein Vater. Traurig. Mit den Gedanken woanders. Vielleicht im Krankenhaus. Hadernd mit der Diagnose. Oder im Gespräch mit den behandelten Ärzten, Alternativen bedenkend, Heilungsprognosen und Statistiken wälzend. Meine Mutter. Ihrem Schicksal nicht ergeben. Ihr Blick. Wach und kämpferisch. Tu, was du tun musst.

Nun ist es vorbei. Das war es. Wirklich. Dies ist das Ende. Tut mir leid, Mama. Blut tropft auf die unversiegelten Dielen. Mein Blut? Ich betaste meinen Körper. Schmerz spüre ich nicht, aber ich wurde auch noch nie angeschossen. Ist es nicht so, dass Adrenalin den Schmerz dämpft? Dann sehe ich Milan, der ebenfalls in die Knie gegangen ist und sich stöhnend den Arm hält. Es ist sein Blut. Bewaffnete Männer in kugelsicheren Westen stürmen das Haus. Ihre schweren Stiefel bringen das Parkett zum Beben. Die Waffen, die sie am Anschlag halten, sind keine Attrappen. Aus einer stammt die Kugel, die Milan in den Arm getroffen hat. Stimmen. Befehle. Ein großes Durcheinander. Der Hausherr, der nach und nach die Schockstarre, in die er gefallen ist, abstreift und nun mit seinem Anwalt droht. Aber es nützt ihm nichts. Er und die herzlose Blondine werden abgeführt. In der Ferne tönt das Martinshorn. Milan benötigt einen Notarzt.

Wie in Zeitlupe richte ich mich auf und komme benommen auf die Beine. Schwindelig ist mir. Mein Blutzuckerspiegel befindet sich im Sinkflug. Ich suche Halt an einem der teuren Möbel und lehne mich gegen einen Kirschholzsekretär.

„Lila!“ Viola rennt auf mich zu. Wir fallen uns um den Hals, wiegen uns in den Armen, ich möchte sie gar nicht wieder loslassen. Ich spüre ihre Tränen auf meiner Schulter und an meinem Hals. „Ich hatte solche Angst um dich!“, wiederholt sie immer wieder. Viola ist nicht allein. „Wo ist Eddie?“ Ich sehe mich um. Und da steht er – der, mit dem ich am allerwenigsten gerechnet hätte.

„Na, Frau Grün!“ Herr Weizel grinst. „Das ist ja noch einmal gut gegangen.“

Viola lässt mich los und ich sehe verwundert von ihr zu dem Menschen, der mich noch vor wenigen Tagen für eine Terroristin gehalten hat. „Sie?“

Er nickt. Sein Grinsen wird breiter. „Ich freue mich schon auf unser nächstes Gespräch. Haben Sie mir immer noch nichts zu sagen?“

Ich habe keine Ahnung, was er meint. „Das hier hat nichts mit den Anschlägen zu tun. Das ist eine völlig andere Geschichte.“

„Sicher?“

„Sicher.“

Das Rettungsteam stürmt herein. Milan kommt wieder auf die Beine und lässt es sich nicht nehmen, zu Fuß zum Krankenwagen zu laufen. Ein Polizist begleitet ihn. Das Sondereinsatzkommando hat sich zurückgezogen. Herr Weizels Team übernimmt.

„Wo ist Eddie“, frage ich noch einmal. „Draußen“, antwortet Viola. „Er hat die Polizei verständigt.“

„Das war wirklich knapp“, ich streiche mir meine widerspenstigen Locken aus dem Gesicht.

„Stimmt“, erwidert Herr Weizel, „aber zum Glück hatten wir ja ein Auge auf sie.“

Ich verstehe nicht.

„Die haben dich observiert.“

„Was? Das gibt’s doch gar nicht! Dürfen Sie das?“

„Sie sind unsere einzige Spur zu diesen militanten Tieraktivisten. Ein Tag. 24 Stunden. Mehr war es nicht. Länger wollten wir uns gar nicht an Sie dranhängen. Und da mischen Sie mal eben diese Hunde-Schieber-Mafia auf. Nicht schlecht.“

„Wir sind dir von der Grenze aus gefolgt.“

„Die ganze Zeit?! Weißt du, wie ich mich in diesem beschissenen Lieferwagen gefühlt habe? Und ihr habt uns nicht befreit?“

Viola sieht verlegen zu Herrn Weizel. Der zieht nur eine Augenbraue nach oben. Soll das etwa eine Entschuldigung sein?

„Woher wussten Sie von dem hier? Sie hätten es mir sagen müssen.“

„Das denken Sie wirklich? Ich fasse es nicht!“ Ich schüttle den Kopf. Kommissar Weizel glaubt wirklich, dass ich Informationen zurückhalte und so bescheuert bin, im Alleingang diese Bande auffliegen lasse?

„Ich hatte ja keine Ahnung.“

„Mit diesen Typen ist nicht zu spaßen. Das war gefährlich. Und dann spazieren Sie mit einer Wasserpistole hier herein und wundern sich, dass ihr Plan nicht aufgeht?“

„Werde ich jetzt wegen Größenwahns und Selbstüberschätzung verhaftet?“

„Das behalte ich mir vor“, wieder dieses Grinsen, „aber in erwarte, dass Sie mir endlich sagen, was Sie wissen. Außerdem müssen Sie uns helfen, diese Typen vor Gericht zu bringen.“

„Ich wollte eigentlich nur Brownie wiederfinden …“

Brownie! Er wimmert und jault leise hinter der Tür. Als ich ihn befreie, wedelt er mit dem Schwanz, springt an mir hoch und schleckt mir übers Gesicht. Er kann kaum aus den Augen gucken, so dicht ist sein Fell und so lang. Bald ist ein Friseurtermin fällig. Wenn das hier hinter uns liegt. In unserem neuen Leben. Wir beide. In diesem zukünftigen Leben wäre übrigens auch noch etwas mehr Platz. Ich gehe in die Knie und vergrabe mein Gesicht in Brownies Haaren. Er duftet nach frisch gemähter Sommerwiese. Als ich mich wieder aufrichte, fällt mein Blick nach draußen. Dort im blauen Licht der Polizeiwagen steht Eddie. Mein Herz macht einen Satz. Alles wird gut.

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