Geisha

Mit der einen Hand kraule ich Brownies Kopf. Mit der anderen halte ich einen Stift, an dessen Ende meine Zähne Spuren hinterlassen haben. Seit einigen Minuten schon kaue ich gedankenverloren darauf herum. Auf meinen Knien liegt der Skizzenblock. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich ihn zur Hand genommen habe. Ich betrachte die Zeichnung, die ich – ohne lange über das Motive nachzudenken – zu Papier gebracht habe. Bei WebAd saß ich den ganzen Tag über dem Rechner. Mein wichtigstes Werkzeug? Eine elektronische Maus! Wenn ich daran denke, mag ich mir das gar nicht mehr vorstellen. Ich greife einen mohnroten Marker und beginne mit schnellen Strichen die Frauengestalt auf dem Zeichenpapier zu schraffieren. Meine Mutter sieht mir dabei zu. Sie schweigt. Hin und wieder nippt sie an ihrer getöpferten Tontasse und nimmt einen Schluck Jasmintee. Viola tritt von der Küche auf die Terrasse. Das Radio läuft. Justin Timberlake singt „I got that sunshine in my pocket“. Ich brauche eine neue Playlist, denke ich. Viola stellt zwei dampfende Becher Kaffee auf den Tisch. Ich sehe kurz auf und lächle sie dankbar an. Ich werde mein altes Leben nicht komplett entsorgen, die Lust auf Kaffee darf mich weiterhin begleiten. Allerdings werde ich die Monster-Super-Duper-Profimaschine verschenken, verschrotten, aussetzen – keine Ahnung. Denn auch wenn ich noch keine allzu genaue Vorstellung von meiner Zukunft habe, ich werde meinen Alltag einfacher gestalten: Ein Wasserkocher, ein Kaffeefilter, eine Tasse. Das reicht. Wortlos setzt sich Viola zu uns. Es ist das erste Mal, seit Viola in Berlin gelandet ist, dass wir alle einfach nur so beisammensitzen und uns die Sonne ins Gesicht scheinen lassen.

Iris hat einen großen Sonnenhut aufgesetzt. Ihr Gesicht wirkt immer noch blass, durchscheinend wie Papier. Dafür trägt sie einen bunt bedruckten Morgenmantel – und Skisocken! Ihr ist oft kalt, seitdem sie die Behandlung begonnen hat. Zum Glück hat sie ihre Bedenken hintenangestellt und endlich eingewilligt, die nötigen Schritte zu gehen. Was hilft es zu hadern und sich gegen das Unabwendbare zu sträuben? Zeit ist ein wichtiger Faktor im Kampf gegen den Krebs. Und Iris möchte nicht länger wertvolle Zeit verstreichen lassen. Recht hat sie. Auch wenn ich immer noch nicht verstehe, warum sie mich erst so spät eingeweiht hat, ich lasse es gut sein. Ich muss mich nicht wie ein kleines Kind aufführen, das trotzig rebelliert, weil ihre Eltern ein eigenes Leben haben und sie nicht in alle Entscheidungen mit einbeziehen.

Niemand sagt ein Wort. Es ist kein lautes, vorwurfsvolles Schweigen. Einvernehmlich sitzen wir hier, froh, einander zu haben. Ich greife einen schwarzen Marker und zeichne die kantigen Schuhe meiner improvisierten Geisha. Die japanischen Holzsandalen bieten nicht viel Komfort beim Gehen. Sie bestehen aus Holz. Schnelles, sicheres Laufen ist damit unmöglich. Männer wie Frauen tragen oder trugen, so genau weiß ich das nicht, dieses traditionelle Schuhwerk. Ein Kampf ist nicht beendet, bevor man nicht wieder die Geta anzieht, sagen Japaner. Man kämpft barfuß und steigt erst dann wieder in die Holzpantine, wenn alles entschieden ist. Wenn das zutrifft, dann dauert es für mich noch etwas, bis ich in die Geta steigen kann. Den ein oder anderen Kampf werde ich wohl noch ausfechten müssen.

„Du solltest das beruflich machen“, sagt meine Mutter in die Stille hinein. Es klingt nicht so, als mache sie sich über mich lustig. Aber meint sie das ernst, was sie da sagt?

„Ich habe letzte Woche Anna-Grit getroffen.“

„Anna-Grit Hausschild?“

Sie nickt.

Anna-Grit Hausschild, Dr. habil, unterrichtet an der Universität der Künste in Berlin. Ich habe bei ihr keinen Kurs absolviert, weil sie und Iris seit Urzeiten befreundet sind. An der Uni habe ich Anna immer gemieden. Mir reichte es, wenn sie mich bei Geburtstagen und Besuchen über das Studium ausgequetscht hat wie eine reife Zitrone.

„Ein Bekannter von ihr hat eine Agentur gegründet. Die illustrieren ausschließlich Graphic Novels und suchen gerade jemanden, der gut zeichnet. Vielleicht wäre das was für dich?“

„Comics?“ Ich lasse den Stift sinken und schaue sie an. Das kommt ziemlich unvermittelt. Was habe ich mit Comics am Hut? Das können andere sicher besser als ich. Aber ich unterdrücke den Impuls, meiner Mutter zu widersprechen und nicke stattdessen. Überlegen kann ich es mir ja mal.

„Warum eine Geisha?“ Viola deutet auf das Skizzenblatt.

„Keine Ahnung!“ Ich werfe den Block auf den Tisch und greife mir den Kaffeebecher. Das halbfertige Puppengesicht sieht mich an. Die roten Lippen stechen darauf besonders hervor. Wie ein kleines Herz sehen sie aus. Tja, warum eine Geisha? So genau weiß ich das wirklich nicht. Ich finde sie geheimnisvoll, diese verkleideten Japanerinnen. Eine Geisha trägt immer eine perfekte Erscheinung zur Schau. Der Kimono, die ausladende Hochsteckfrisur, glänzend schwarze Haare und ein weiß geschminktes Porzellangesicht. Ein Kunstwerk ist sie, kein Mensch mit Fehlern und Krisen. Sie ist nicht wie ich. Kaizen, denke ich. Diese japanische Methode der Qualitätssicherung von Produktionsabläufen hat Eingang gefunden auf dem Coaching-Markt und Eingang in mein Hirn. Warum sich mir gerade dieser Begriff so tief eingebrannt hat, als ich auf Empfehlung von Ben, diesen Kurs besuchte? Es ging darum, wie man konstruktiv und freundlich mit Kunden kommuniziert, wie man sein Produkt stetig verbessert, Fehler ausmerzt, den Arbeitsplatz so gestaltet, dass keine Energie ungenutzt verpufft. Nichts davon habe ich mir behalten. Nur diese eine japanische Vokabel. Kaizen. Die Idee dahinter fand ich immer einleuchtend: Veränderungen brauchen Zeit. Vor einem großen Berg an Aufgaben schreckt man zurück und weiß nicht, wo man anfangen soll. Darum ist man oft schon entmutig, bevor man sich auf den Weg gemacht hat. Wenn man immer nur den nächsten kleinen Schritt versucht, erreicht man auch sein Ziel. Es dauert vielleicht länger, aber am Ende ist man der große Gewinner – oder der Bezwinger des inneren Schweinehundes. Wenn ich mir vornehme, ab sofort jeden Tag zu joggen, werde ich mich vermutlich überfordern. Ich werde es ein paar Mal schaffen, aber irgendwann merke ich: Es ist schwer. Zu schwer. Mir fehlt die Lust, die Zeit und überhaupt: Warum joggen? Also gebe ich auf. Wenn ich mir hingegen vornehme, einmal in der Woche zu joggen und dann nach und nach erhöhe, stehen die Chancen besser. Kaizen. Kleine Schritte sind leichter als die ganz großen. Ich habe mit kleinen Schritten begonnen, habe mich an mein neues Leben herangetastet und habe am Ende doch einen Hechtsprung hingelegt. Lichtjahre trennen mich vom Potsdamer Platz. Und doch: das ein oder andere ist noch offen auf der Rechnung. Die nächsten Schritte muss ich nun auch noch gehen. Oder soll ich joggen? Kommt nicht in Frage. Immer schön langsam, Lila!

Mein Vater tritt auf die Terrasse. Brownie hebt den Kopf. „Hier sind meine Mädchen!“, lacht er. „Hast du kein Handy, Lila?“ Er wedelt mit dem Telefon. „Paul hat versucht, dich zu erreichen. Er klingt ziemlich verärgert. Was hast du dieses Mal angestellt?“

Iris und Viola sehen mich fragend an. „Was?“ Ich zucke mit den Achseln. Dabei weiß ich doch zu gut.

Ich rufe Paul Fenner zurück und wappne mich innerlich vor der Standpauke, die er mir halten wird.

„Bis du von allen guten Geistern verlassen?“ Mir war gar nicht bewusst, dass wir uns duzen.

„Wir hatten die andere Seite so weit. Sie hätten eine ordentliche Abfindung zahlen müssen, Donnerwetter noch mal!“

Ich schlucke. Was kann ich zu meiner Verteidigung vorbringen? Ich konnte nicht klar denken? Es war eine Notsituation? Geld ist nicht alles im Leben? Ich habe nur daran gedacht, Brownie aus dem Haus zu befreien? Ach, was weiß ich denn.

„Warum zur Hölle hast du den läppischen Vertrag unterschrieben?!“

„Es erschien mir in dem Moment völlig unwichtig …“ Meine Stimme gerät zu einem Kleinmädchenpiepsen.

„Du machst jetzt gar nichts mehr. Ich versuche zu retten, was zu retten ist. Verstanden?“

„Verstanden.“

Ich seufze und bin froh, dass er aufgelegt hat. Ich sollte Eddie anrufen und hören, wie es ihm geht und ob er die Ereignisse der Nacht gut überstanden hat. Vielleicht will er lieber nichts mehr mit mir zu tun haben. Wer könnte es ihm verdenken? Dann lasse ich aber doch das Telefon sinken, als ich sehe, wer da von der Straße durch den Garten auf unseren Sitzplatz zukommt.

„Ich habe geklingelt …“, ruft Herr Weizel von Weitem.

„Ein Taubenschlag!“, sagt mein Vater, „genau das wollte ich vermeiden, als …“ Iris legt ihm die Hand auf die Schulter und sieht ihn beschwichtigend an.

Der Kriminalkommissar trägt Jeans und ein langärmeliges Hemd, das er auch bei dieser Hitze hochgeschlossen trägt. Er blinzelt gegen die Sonne. „Ich habe noch ein paar Fragen, Frau Grün“, beginnt er und ich ahne, dass dieses Gespräch mir mehr abverlangen wird als das mit meinem Anwalt.

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