Die Welt dreht sich weiter

„Menschen kamen zu Schaden.“

„Tiere auch.“

„Das, was Ihre Tierschutzaktivisten tun, ist kriminell.“

„Meine Tierschutzaktivisten?“ Ich verziehe das Gesicht. „Deswegen sind Sie hier?“

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Mein Vater, der sich wie die anderen in die Küche zurückgezogen hat, erscheint an der Terrassentür und schaut zu uns herüber. Ich kann an seinem Gesichtsausdruck lesen, dass er besorgt ist. Er weiß, dass ich mich manchmal um Kopf und Kragen rede.

„Das ist ja wohl die Höhe!“, poltert es aus mir heraus, „ich bin verschleppt worden und Sie wollen mit mir über die Schmierereien an einer Hauswand diskutieren?“

„Entschuldigung, aber ja, so ist es, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich arbeite immer noch daran, diese militanten Tierschutzaktivisten aufzuspüren.“

„Warum?“ Ich könnte leiser sprechen, aber ich will nicht. Ich bin sauer. Sauer auf Herrn Weizel. Auf die Polizei und das Gesetz, das Tieren nicht mehr Schutz einräumt. Ich bin sauer, weil dieser Milan und sein schmieriger Boss vermutlich damit durchkommen – oder Milan für das, was er mir angetan hat, eine Strafe erwartet, die er mit einer Pobacke absitzen wird, wenn überhaupt. Ich bin wütend, dass man mich bespitzelt hat, um an Pola und Age heranzukommen. Dabei habe ich keine Ahnung, wo die beiden stecken, was sie alles auf dem Kerbholz haben und wofür sie ihre Freiheit aufs Spiel setzen – vielleicht billige ich sogar, dass sie auf ihre Weise für die Rechte von Tieren kämpfen und versuchen, andere, mich eingeschlossen, mit ihren Taten wachzurütteln – und das Unrecht in Augenschein zu nehmen … Doch ich habe keine Ahnung, was der Staatsschutz von mir will.

„Warum?“, wiederhole ich leiser, aber nicht weniger bestimmt.

„Darauf wollen Sie ernsthaft eine Antwort?“

Mein Blick lässt keinen Zweifel daran.

„Das ist mein Job.“ Herr Weizel lehnt sich nach hinten und verschränkt die Hände vor der Brust. Da muss schon etwas mehr kommen. Ich warte.

„Sie können froh sein, dass wir an Ihnen dran waren. Wir hätten jederzeit eingreifen können … Ihnen wäre nichts passiert.“

„Das ist ja wohl die Höhe!“ Ich beuge mich über den Tisch in seine Richtung. Ich bin nicht nur sauer. Ich bin stinksauer. „Und da lassen Sie uns in diesem beschissenen Wagen das Schlimmste erwarten und halten es nicht für nötig, uns da rauszuholen?“

„Auf welcher Seite stehen Sie, Frau Grün?“

„Auf welcher Seite stehe ich denn?“, frage ich zurück und liefere die Antwort selbst. „Ich stehe auf meiner Seite. Mir ist ein Hund zugelaufen. Ich fühle mich für ihn verantwortlich. Man hat erst ihn und dann Eddie und mich entführt. Das ist die ganze Geschichte.“

„Unbenommen ist das Ihre Geschichte“, lenkt Herr Weizel ein, „aber sehen Sie, Sie sind – Sie waren – unser Strohhalm, an den wir uns geklammert haben. Wissen Sie, wie lange wir nun schon hinter Peter Riksman und Lisa Schöne her sind?“

„Nie gehört …“

„Ich bin mir sicher, dass Sie sie kennen. Lisa Schöne saß neben Ihnen, als Sie in der Nacht des Anschlags geblitzt wurden.“

Das ist eine Erkenntnis, die er bisher nicht mit mir geteilt hat. Er weiß von Pola, die eigentlich eine Lisa ist.

„Anschlag …“, murmle ich, „das war ein Farbbeutel und ich hatte keine Ahnung.“ Bis hierhin war es die Wahrheit.

„Dann machen Sie doch endlich den Mund auf und reden Sie! Sagen Sie mir, was in der Nacht passiert ist und Sie sind mich los!“

Ein verlockender Deal.

„Ich habe nachts eine Frau aufgegabelt“, begann ich mein Lügenmärchen, „in diesem verlassenen Ort im Brandenburgischen. Ich hatte mich verfahren. Gerade erst hatte ich meinen Job und meine Wohnung verloren. Ich war selbst völlig durch den Wind, da lief mir die Frau quasi fast vors Auto. Ich dachte, sie hätte sich mit einem Freund oder einer Freundin gestritten. Sie fragte, ob ich sie in die Stadt mitnehmen könne.“

„Und die Geschwindigkeitsübertretung?“

„Es war Nacht. Die Straße war menschenleer. Ich trat aufs Gas. Den Blitzer habe ich zu spät gesehen. Halten Sie sich nachts immer an die Geschwindigkeit?“

„Darauf wollen Sie nicht ernsthaft eine Antwort?“

Herr Weizel taxierte mich. „Und Sie fanden das nicht merkwürdig?“ Seine Augen nehmen mich ins Visier, als könne er meine Gedanken lesen, wenn er mich nur lang genug anstarrte. Er hat ihn drauf, diesen Verhörblick, das muss ich schon zugeben.

„Hatten Sie keine Angst, eine wildfremde Frau mitzunehmen?“

Aus Blau und Gelb wird Grün, wenn man sie mischt. Aus Wahrheit und Lüge entstehen nur neue Lügen. Das ist nicht angenehm, aber habe ich eine Wahl?

„Wie gesagt, ich war selbst ziemlich durcheinander und die junge Frau, etwa in meinem Alter, wirkte auf mich in keiner Weise gefährlich.“

„Wie hat sie sich Ihnen vorgestellt?“

„Als“, ich zögere eine Sekunde, „Pola“, antworte ich wahrheitsgetreu. Wenn Pola nur ein Deckname war, kann ich zumindest hier bei den Tatsachen bleiben.

„Pola. Und weiter?“

„Nichts weiter, ich habe mich als Lila vorgestellt. Wir haben keine Personalausweise getauscht…“

„Aber vielleicht Telefonnummern?“

Ich schüttle den Kopf.

„Sie sind sich danach nie wieder begegnet?“

Ich halte seinem Blick stand und verkneife mir sogar ein Blinzeln.

„Nein, nie.“

„Sie haben auch nicht mehr voneinander gehört?“

Ich schüttle den Kopf.

Herr Weizel lässt die Arme sinken. Er ist enttäuscht. Natürlich ist er das. Aber was hatte er erwartet?

„Eins noch“, sagt er und meine Alarmglocken schrillen.

„Warum haben Sie das nicht beim ersten Mal zu Protokoll gegeben?“

Wenn du jetzt zögerst, hast du verloren, Lila. „Das Fragen Sie? Mein Leben war – ist – derzeit schon kompliziert genug, da wollte ich nicht noch in etwas hineingezogen werden, mit dem ich nun wirklich nichts zu tun habe. Und, mal unter uns gesagt, jenseits des Protokolls: Die junge Frau war mir sympathisch. Ich kann mir, ehrlich gesagt, keinen guten Grund vorstellen, warum der Staatsschutz hinter ihr her sein sollte. Sie müssen sich irren. Einen Farbbeutel auf eine Hauswand zu werfen und jemanden, der für das Leid von Tieren verantwortlich ist, als Mörder zu bezeichnen, halte ich nicht für das Top-Verbrechen, mit dem Sie Ihre Zeit vergeuden sollten …“

„Dachte ich mir, dass Sie das denken.“ Herr Weizel sieht müde aus. Der nächtliche Einsatz hat seine Spuren hinterlassen – oder war es die Suche nach Pola und Age, die ihn mürbe machte?

„Ich bin ein Tierfreund, glauben Sie mir“, er seufzt, „aber Tiere aus Viehtransportern oder Mastbetrieben zu befreien, rechtfertigt nicht, Menschenleben aufs Spiel zu setzen – oder, und das ist leider traurige Realität, dass Menschen in der Vergangenheit zu Tode kamen.“

Ich weiß nicht, worauf er anspielt. Er schüttelt den Kopf und beugt sich jetzt ebenfalls nach vorn. Seine Unterarme liegen auf dem Tisch, die Fingerspitzen berühren sich und bilden ein Raute.

„Da war dieser Brand. Es ist noch nicht so lange her. Ein Mastbetrieb. Eine alte, in die Jahre gekommene Anlage, nicht eine dieser modernen Hallen, die irgendwo im nirgendwo entstehen auf brachliegendem Weideland. Daneben ein Scheunenkomplex, ein alter Hof, viel Holz. Die Tiere, wie vor zwei Wochen waren es Rinder, wurden befreit. Danach wurde Feuer gelegt. Es kam, wie es kommen musste, wenn man keinen Gedanken an die Folgen seiner Taten verschwendet. Loderndes Feuer. Die trockene Witterung der letzten Wochen. Eine leichte Brise und die Funken griffen auf die Haupthäuser über. Henk und Trine Klassen. Henk besaß, nach Angaben der Tochter Claudia, einen gesegneten Schlaf. Nach 14 Stunden auf den Beinen kein Wunder. Trine hatte ein Schlafmittel genommen, das ihr der Hausarzt gegen ihre Unruhezustände verschrieben hatte. Die beiden kamen im Feuer ums Leben.“

Ich denke an die hitzigen Wortwechsel mit Pola – oder zwischen Pola und Eddie. Beide, Pola und Age waren überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie gehörten zu den Guten. Oder etwa nicht?

„Und das war Pola?“ Ich mag das nicht glauben. Herr Weizel kann mir hier viel erzählen.

Er nickt.

„Sicher?“

Er nickt wieder.

Ich habe keine Ahnung, kenne die Umstände nicht, aber ich kann, ich möchte es nicht glauben, dass Pola wissentlich in Kauf genommen hat, dass Menschen verletzt werden – oder sogar den Tod finden. Es war ein Unfall, nehme ich sie in Schutz. Sie hätte sich stellen müssen, alles erzählen … hat sie aber nicht. Punkt.

„Ein gutes Ziel rechtfertigt nicht die Wahl der Mittel“, erklärt Herr Weizel. „Darum mache ich diesen Job. Recht muss Recht bleiben.“

Ich massiere mir die Schläfen. „Und was ist mit diesem Milan? Wer kümmert sich hier um Recht und Gesetz? Er hat uns entführt. Keine Ahnung, was mit uns geschehen wäre, wenn Sie nicht eingegriffen hätten.“

„Milan Kieslowski wird sich verantworten müssen.“

„Und sein Boss?“

Herr Weizel zuckt mit den Schultern. „Bezahlt einen guten Anwalt.“

„Er kommt damit durch?“ Ich raufe mir die roten Haare. „Vielen Dank für die Belehrung über Recht und Gesetz. Und ja: Diese Tierschutzaktivisten haben zu den falschen Mitteln gegriffen. Sie müssen sich für ihre Taten verantworten. Aber wie Sie gesagt haben: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Dieser Milan ist gefährlich. Und keiner von uns wollte erfahren, ob er bereit war, bis zum Äußersten zu gehen und abzudrücken. Dann wäre es kaltblütiger Mord. Zufällig wäre ich das Opfer gewesen. Das hätte mir ganz und gar nicht gefallen.“

„Wie gesagt: Wir hatten die Situation unter Kontrolle.“

„Pah!“ Ich lasse mich in den Teakholzstuhl zurückfallen und strecke die Beine weit von mir. Erledigt, geschafft, am Ende. Die Erde dreht sich weiter. Und diese Unterhaltung führt zu nichts. Die Welt schert sich nicht um Recht und Gesetz. Soviel ist sicher.

(Foto: Piro4D by pixabay)

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